Präsidentschafts- und Parlamentswahl In der Türkei spielen die Märkte vor der Wahl verrückt

Schwache Währung, ein volatiler Aktienmarkt, politische Unsicherheit: Vor den wichtigen Wahlen in der Türkei sehen Experten viele Risiken.
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Seit knapp zwei Jahren gilt in dem Land ein Ausnahmezustand. Quelle: dpa
Wahlen in der Türkei

Seit knapp zwei Jahren gilt in dem Land ein Ausnahmezustand.

(Foto: dpa)

IstanbulWer in der Türkei Geld investiert hat, der benötigt derzeit starke Nerven. Das einstige Boom-Schwellenland boomt wirtschaftlich zwar immer noch, doch für Investoren hält es einige Fallstricke bereit. Das Bruttoinlandsprodukt wächst zwar seit Anfang 2017 um durchschnittlich 7,4 Prozent pro Jahr. Doch die Währung hat seit Jahresbeginn 20 Prozent an Wert verloren, der wichtigste Aktienindex des Landes in etwa genauso viel. Hinzu kommen die politischen Risiken. Seit knapp zwei Jahren gilt in dem Land ein Ausnahmezustand.

Gerade kurz vor der wichtigen Präsidentschafts- und Parlamentswahl am kommenden Sonntag spielen die Märkte verrückt. Ökonomen und Experten für Schwellenländer sind besorgt – und fordern von der nächsten Regierung konkrete Maßnahmen.

Einer davon ist Ronald Schneider, Leiter der Abteilung „Anleihen, CEE & Global Emerging Markets“ bei Raiffeisen Capital Management in Wien. Für ihn bleibt die politische Unsicherheit weiterhin ein großes Thema. Aber auch die zuletzt lockere Budgetpolitik der türkischen Führung kritisiert er. „Dazu zählt auch das Kreditvergabeprogramm, das die außenwirtschaftlichen Ungleichgewichte verstärkt hat.“

Das hohe Wachstum der vergangenen fünf Quartale werde auf den Devisenmärkten kritisch gesehen, meint Schneider. „Das anhaltend hohe Leistungsbilanzdefizit, das sich zuletzt auch durch die steigenden Rohstoffpreise erhöht hat, muss zusätzlich zum kurzfristigen Auslandsschuldendienst finanziert werden“, erklärt er, „die demgegenüber relativ niedrigen Devisenreserven tragen ebenfalls nicht zum Vertrauen in die Währung bei“.

Im Mai stufte die Ratingagentur S&P die Türkei ein weiteres Mal herab. Als Grund gaben die Analysten das „Risiko einer harten Landung der türkischen Wirtschaft“ an. Im Juni legte die Agentur Moody’s nach: Das Länderrating könnte herabgestuft werden, wenn weiter unsicher sei, wohin das Land ökonomisch steuere.

Am 24. Juni wird in der Türkei der Präsident sowie das Parlament neu gewählt. Gewinnt Amtsinhaber Erdogan, wird eine Verfassungsreform aktiviert, die ihm äußerst ausgedehnte Befugnisse erteilt. Umfragen sehen Erdogan derzeit leicht vorne, im Parlament könnte seine Partei AKP hingegen die Mehrheit verpassen und wäre auf eine Koalition angewiesen.

Eigentlich sollte die Wahl erst Ende 2019 stattfinden. Ein Grund, weshalb Erdogan den Termin um 17 Monate vorzog: ein sich abzeichnender Dämpfer bei der Wirtschaft und an den Finanzmärkten. So wird nicht nur die Währung schwächer, sondern die Inflation liegt mit zwölf Prozent deutlich über dem Ziel der Zentralbank von fünf Prozent. Türkische Unternehmen häufen indes immer mehr Schulden in Auslandswährung an, insgesamt sind es derzeit rund 230 Milliarden US-Dollar. Je schwächer die Lira wird, desto teurer werden diese Schulden.

Ökonomen mahnen schon lange ein groß angelegtes Reformprogramm an, um die wirtschaftlichen Ungleichgewichte im Land in den Griff zu kriegen. Dazu zählt Gündüz Findikcioglu. Der Wirtschaftswissenschaftler und Ex-Investmentbanker fordert die Regierung auf, die Ausgaben zu straffen. „Entweder braucht es ein Hilfsprogramm vom Internationalen Währungsfonds (IWF) oder eine Reformpolitik, die so aussieht wie ein IWF-Hilfsprogramm“, sagte Findikcioglu dem Handelsblatt.

Vize-Regierungschef Mehmet Simsek deutete im Interview mit dem Handelsblatt bereits ein Reformprogramm an, um die inländische Nachfrage vor allem nach Import-Produkten zu drosseln und so die nationale Leistungsbilanz auszugleichen. Auch die Opposition verspricht großspurig, die Probleme in den Griff zu bekommen.

Fakt ist: Egal, welcher Kandidat die Präsidentschaftswahl am Sonntag gewinnt, er oder sie muss sich entscheiden. Zwischen einem anhaltenden Wirtschaftsboom, der über massive Schulden finanziert wird, und einigen bitteren Pillen, die das System zwar stabilisieren, aber vermutlich auch das Wachstum und den Wohlstandszuwachs reduzieren.

Vorerst rät Raiffeisen-Experte Schneider zur Vorsicht. Auch im Hinblick auf die geopolitischen Spannungen in der Region und einen drohenden globalen Handelskrieg sei das Umfeld seiner Meinung nach „für langfristige Investments derzeit nicht aufgelegt“.

So liegen die Zinsen für zehnjährige türkische Staatsanleihen derzeit zwar bei 17 Prozent. Investments in türkische Anleihen und Aktien „schauen auf den ersten Blick für Anleger sehr attraktiv aus.“ Doch das Land sei derzeit zu instabil. „Richtig attraktiv wird die Türkei für Investoren erst dann, wenn es Aussicht auf strukturelle Verbesserungen gibt.“ Für ihn ist klar: „Investoren müssen taktisch vorgehen.“

Investoren wollten Reformen sehen, sagt auch Piotr Matys von der Rabobank in London. Dazu zähle auch die Unabhängigkeit der Zentralbank, die Erdogan zuletzt öffentlich in Frage stellte. Sollte Erdogan wiedergewählt werden, würde er für mindestens fünf weitere Jahre regieren. „Vielleicht hätte er in der ersten Hälfte seiner neuen Amtszeit ein geringeres Interesse, die Wirtschaft, koste was wolle, zu stimulieren.“ Die türkischen Märkte könnten ausbalanciert werden, die Inflation zurückgehen. „Das wäre ein ermutigendes Signal für Investoren“, vermutet Matys.

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