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Wandbild an einer Bremer Hausfassade

Gut abgesichert ins Alter – heute keine Selbstverständlichkeit mehr.

(Foto: imago/Eckhard Stengel)

Rentenpolitik Die Deutschen haben mehr Angst vor Altersarmut – wollen aber wenig dagegen tun

Immer mehr Menschen fürchten, im Ruhestand zu verarmen. Statt mehr zu sparen, rufen sie nach dem Staat. Versicherer reagieren mit besseren Produkten.
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Berlin/FrankfurtAngst kann lähmen, wissen die Psychologen. Sie raten ihren Patienten dann meist, sich mit der furchteinflößenden Situation aktiv auseinanderzusetzen. Genau das scheinen viele Deutsche aber nicht zu beherzigen, wenn sie an die Zeit nach ihrem Arbeitsleben denken.

Zunehmend fürchten die Bundesbürger, im Alter finanziell nicht zurechtzukommen. Das zeigt eine repräsentative Umfrage der Marktforscher von YouGov im Auftrag des Versicherers Axa unter mehr als 3300 Berufstätigen und Ruheständlern, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt. Das Erstaunliche: Für wenig sinnvoll halten es die Befragten, selbst mehr fürs Alter zu sparen. Vielmehr fordern sie die Politiker dazu auf, die Renten zu erhöhen. Und das, obwohl die meisten das Vertrauen in die Politik in Sachen Altersvorsorge verloren haben.

„Die Rente ist das wichtigste Thema für die Deutschen“, kommentiert Patrick Dahmen, Vorstand beim Versicherer Axa, die Ergebnisse der Umfrage. So fordern 70 Prozent der Befragten quer durch alle Altersklassen und nahezu alle Einkommensgruppen vom Staat als wichtigstes Ziel, sich um höhere Renten zu kümmern.

Erst danach folgen andere Aufgaben wie eine bessere Gesundheitsversorgung, bessere Schulen oder mehr Wohnungen. Knapp zwei Dritteln der Erwerbstätigen macht das Thema Altersvorsorge mehr Angst als früher. Vier von zehn der 1670 befragten Berufstätigen sehen dem Ruhestand mit Sorgen entgegen; vor zwei Jahren war es erst knapp ein Drittel.

„Die breit diskutierte Angst vor Altersarmut schreckt die Menschen auf“, sagt Dahmen. Dazu passe die Erkenntnis, dass das aktuelle Rentenniveau längerfristig nicht zu halten sei. Außerdem halten viele Bürger ihr Geld auf Konten, die kaum noch Zinsen bringen. Auch das Image der Lebensversicherung als Instrument für die Altersvorsorge sei gesunken, räumt der Versicherungsvorstand ein. Die Branche müsse in Sachen Transparenz und Kosten besser werden.

Niels Nauhauser, Leiter Altersvorsorge bei der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg, kritisiert die Politik. „Der Staat hat einen zentralen Fehler gemacht“, sagt er. „Als Anfang des Jahrtausends klar war, dass die gesetzliche Rente angesichts des demografischen Wandels in dem bestehenden System künftig nicht mehr ausreichen dürfte, hat die Bundesregierung die Finanzvermittlerlobby aufgerufen, das zu tun, was der Staat nicht schaffen kann“, regt sich der Verbraucherschützer auf.

Damit „haben die Politiker den Wählerwillen aus den Augen verloren“. Die Bürger wollten versorgt werden. Davon könne man aber nicht sprechen, „wenn es der Finanzbranche nur darum geht, ihre Provisionseinnahmen zu maximieren“.

Die Große Koalition hat bereits reagiert. Bis 2025, so steht es im Koalitionsvertrag, soll das seit 2001 von 53 auf 48 Prozent geschrumpfte Nettorentenniveau vor Steuern nicht weiter sinken und der Rentenbeitrag nicht über 20 Prozent steigen. Laufen Konjunktur und Beschäftigung weiter so gut wie bisher, dürften die Vorgaben bis 2024 ohne zusätzliche Steuerzuschüsse einzuhalten sein.

Außerdem will die Bundesregierung die Altersvorsorge über den Arbeitgeber mit dem neuen „Betriebsrentenstärkungsgesetz“ verbessern. Danach sind erstmals Betriebsrenten ohne Kapitalgarantien und Haftung des einzelnen Arbeitgebers erlaubt. Stattdessen soll Kapital im Kollektiv der in einem Tarifvertrag zusammengeschlossenen Arbeitgeber und Arbeitnehmer angespart werden.

Die Idee ist, Renditechancen am Kapitalmarkt besser zu nutzen. Außerdem will die Bundesregierung „im Dialog mit der Versicherungswirtschaft ein preiswertes und leistungsfähiges Standardprodukt für eine Riester-Rente entwickeln“.

Doppelt so viel sparen?

Trotz der Sorge um ihre finanzielle Lage im Alter folgerten die Bürger nicht, dass sie mehr zurücklegen sollten, wundert sich Axa-Vorstand Dahmen. Schätzungen zufolge müssten sie angesichts der niedrigen Zinsen im Vergleich zu vor zehn Jahren mehr als doppelt so viel sparen oder auf besser rentierliche Anlagen umsteigen. Laut Umfrage legen sie im Durchschnitt 141 Euro im Monat zurück – nur minimal mehr als ein Jahr zuvor.

Die Hälfte der Berufstätigen bezweifelt angesichts der Niedrigzinsphase den Sinn privater Altersvorsorge. Die meisten schließen keine neuen Verträge mehr ab. Ein Fünftel gibt an, Verträge zu kündigen, die sich nicht mehr rechnen. Mehr als 40 Prozent der Erwerbstätigen wollen sich nicht einschränken, um später mehr Geld zur Verfügung zu haben.

Nauhauser hat Verständnis dafür. „Viele Menschen vertrauen dem Kapitalmarkt nicht mehr, denn sie sind dort auf die Nase gefallen“, sagt er. „Der Staat hat ihnen Alternativen zur gesetzlichen Rente versucht schmackhaft zu machen mit Subventionen für Produkte, die sich nicht lohnen.

Viele Riester-Verträge sind unter Wasser wegen hoher Kosten und starrer Bedingungen.“ Ähnlich sei es mit der Rürup-Rente, die für Selbstständige konzipiert wurde. „Anderen wurden Aktien- und Mischfonds verkauft, die nicht ihre Erwartungen erfüllt haben. Daher ist der Ruf nach mehr gesetzlicher Rente verständlich“, meint Nauhauser.

In der Pflicht sehen Experten nun Politiker, die Finanzbranche und die Bürger. Zunächst gelte es, die gesetzliche Rente zu stabilisieren, sagt Dahmen. Dabei sprechen sich der Umfrage zufolge mehr als drei Viertel für eine höhere Anrechnung von Erziehungszeiten, den Einbezug Selbstständiger und Beamter und dafür aus, dass mehr Steuern in die Rentenkasse fließen. Bis März 2020 soll eine neu gebildete Rentenkommission einen Reformvorschlag vorlegen.

Aber sie darf weder die abschlagsfreie Rente ab 63 noch die Koalitionsvereinbarungen zur Rente infrage stellen. Der Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen hält die Kommission daher für „ein Feigenblatt für die beschämenden rentenpolitischen Fehler der Vergangenheit und die Vorabbeschlüsse der neuen Koalition“. Er hofft trotzdem, dass sie das Renteneintrittsalter erhöht und den so genannten Nachhaltigkeitsfaktor beibehält, der den Rentenanstieg begrenzt, wenn die Zahl der Ruheständler schneller steigt als die der Beitragszahler. 

Darauf setzt auch der Rentenexperte Eckart Bomsdorf, der wie Raffelhüschen frühere Bundesregierungen beraten hat. Er hält aber eine Stabilisierung der Rentenniveaus auf heutigem Niveau bis etwa 2030 für vertretbar. Außerdem plädiert er für eine Rücknahme oder Abschwächung des sogenannten Riester-Faktors, durch den der Rentenanstieg über mehrere Jahre um vier Prozentpunkte gebremst wurde. Gewerkschaften und Linke fordern schon länger eine komplette Rückabwicklung dieses Faktors. Denn die Riester-Rente, die die somit entstehende Lücke schließen sollte, sei gescheitert.

Raffelhüschen warnt davor, künftige Generationen durch versteckte Staatsverschuldung noch mehr zu belasten. Sein Institut an der Universität Freiburg hat ausgerechnet, dass allein die Vorgaben von mindestens 48 Prozent Rente und höchstens 20 Prozent Beitrag, wenn sie über 2025 hinaus fortgesetzt werden, diese Verschuldung um 3,5 Billionen Euro erhöhen würde. Die geplante neue Grundrente für langjährig versicherte Niedrigverdiener und der Ausbau der Mütterrente würden 283 Milliarden Euro kosten.

Die Produktanbieter sollten die Impulse der Politik aufnehmen, findet Axa-Mann Dahmen. Für die betriebliche Vorsorgesäule gelte es, passende, transparente Produkte zu entwickeln. In der privaten Vorsorge sei es wichtig, einfache, kostengünstigere Produkte anzubieten. Er denkt dabei an modulare, digitale Angebote. Die Vergütung der Berater solle weiter über die Laufzeit gestreckt werden.

Für Verbraucherschützer Nauhauser führt dagegen „kein Weg“ daran vorbei, dass der Staat sich um eine effiziente Vorsorge kümmert. „Mit einem Produkt, das allein die Provisionen für die Finanzvermittler spart, ließen sich die Rentenzahlungen daraus langfristig verdoppeln“, rechnet er vor . Die Verbraucherzentralen wie auch Politiker der CDU und der Grünen aus Hessen haben längst ein solches Modell vorgeschlagen.

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