Risikoforscher im Interview So vermeiden Anleger den Absturz

Wer an den Finanzmärkten agiert, muss mit vielen Gefahren umgehen. Doch die wenigsten Anleger verstehen es, diese richtig einzuschätzen. Risikoforscher Gerd Gigerenzer erklärt, welche Strategien Anlegern helfen.
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Der Psychologieprofessor und Risikoforscher Gerd Gigerenzer setzt sich für mehr Finanzkompetenz ein. Quelle: Dietmar Gust

Der Psychologieprofessor und Risikoforscher Gerd Gigerenzer setzt sich für mehr Finanzkompetenz ein.

(Foto: Dietmar Gust)

Viele Anleger lassen sich in Finanzprodukte mit horrenden Zinsversprechen locken, andere legen ihr Geld gegen Minizinsen aufs Bankkonto. Letztlich drohen beiden Gruppen Verluste. Sind die Deutschen zu dumm für Geldanlage?
Sie sind nicht dumm, aber es fehlt ihnen an Risikokompetenz. Sie durchschauen die Grundprinzipien der Finanzmärkte nicht, beachten nicht, dass höhere Gewinnversprechen immer auch mit größeren Risiken verbunden sind und wähnen sich in Sicherheit, sobald ihnen ein freundlicher Anlageberater ein Produkt empfiehlt.

Was macht einen risikokompetenten Anleger aus?
Zuerst braucht er ein solides Grundwissen: Was sind beispielsweise Zinsen, was sind Zinseszinsen? Außerdem muss er die Rollenverteilungen und Interessenkonflikte im Markt verstehen: Woran verdienen Unternehmen, Banker und Berater? Warum werden bestimmte Produkte empfohlen? Was bedeutet es, wenn man Schulden aufnimmt und was passiert mit Geld, das ich zur Bank bringe?

Wie kann man dieses Wissen vermitteln?
Um nachhaltig etwas zu erreichen, müssen wir schon in den Grundschulen ansetzen. Denn Bildung ist viel mehr als nur Lesen, Schreiben und Rechnen. Die Ansprüche an die Menschen haben sich verändert und dementsprechend müssen auch die Lehrpläne geändert werden.

Sie fordern also ein Schulfach, das Finanzkompetenz heißen könnte?
Es muss gar kein eigenes Fach sein. Ich stelle mir eher einzelne Module vor, die in die etablierten Schulfächer eingebunden werden. Es kommt darauf an, dass lebensnahe Problemstellungen besprochen werden. Das betrifft neben Finanzkompetenz auch Gesundheitskompetenz und den Umgang mit digitalen Technologien.

Wie genau könnten solche Module zur Finanzkompetenz aussehen?
Junge Leute muss man da abzuholen, wo sie sind. Die ganz Kleinen müssen erst einmal lernen, was Geld ist. Mit den Größeren kann man über Handyverträge sprechen oder mal ganz praktisch ausrechnen, ob die Altersvorsorge des Lehrers ausreicht. Ganz wichtig ist es, möglichst früh statistisches Denken zu schulen, das funktioniert ganz spielerisch.

„Anleger müssen Verantwortung übernehmen“
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9 Kommentare zu "Risikoforscher im Interview: So vermeiden Anleger den Absturz"

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  • Warum lese ich nichts über
    1. 0,5% Risiko pro Aktienposition, Hardstop und Pyramidisierung,
    2. über Trends, die in jedem Markt zu finden waren und es immer sein werden
    3. Liquidität in den Märkten um jederzeit eine Position schließen zu können
    4. sekündliche Kursfeststellung.
    Diversifikation wurde wenigstens genannt. Bravo !
    Das sind die Aspekte, die zu einer Wertanlage mit begrenztem Risiko zu erörtern sind. Denn so kann ich Abstürze meines Depots verhindern. Alles andere ist heiße Luft, da sie dem Leser keine Handlungsanweisung an die Hand geben.

  • Ein sehr guter analytisch differenzierter Kommentar von "KWB", der sich erfreulicherweise von dem ewigen Kommentar-Einerlei und den Plattitüden abhebt. Selten genug, dass es sich mal wieder gelohnt hat in die Kommentare zu schauen.

  • Ich glaube kaum, daß es gut ist in der Schule, oder gar Grundschule etwas über Finanzen zu vermitteln, jedenfalls nicht so, wie es bisher geschah. Man sieht doch was für Blödlinge dann als BWL-er herauskommen. Bildung kann eben auch blöd machen. Schließlich war es ein ungebildetes Kind, welches in "Des Kaisers neue Kleider" ausrief, daß der Kaiser nackt ist.

  • "Oft hört man die Klage, Banken würden wie im Kasino agieren.

    Schön wär’s. Dann würden ihre Theorien ja stimmen und die Risiken ließen sich tatsächlich berechnen."

    In dem Punkt stimme ich Herrn Gigerenzer zu: Die Wahrscheinlichkeiten im Kasino lassen sich exakt berechnen. Aber genauso wie im Kasino gewinnt an den Finanzmärkten am Ende (fast) immer die Bank und umso häufiger und länger die Spieler (Anleger) spielen (handeln), umso mehr Geld verlieren Sie insgesamt.

    "Was können private Anleger tun, wenn selbst Profis mit ihren Voraussagen scheitern? Man kann die Entwicklung der Finanzmärkte nicht vorhersagen und jeder, der es doch verspricht, ist ein Scharlatan."

    Das hatte schon Isaac Newton erkannt: "Ich kann die Bewegungen der Sterne berechnen, nicht aber den Wahnsinn der Menschen."

    Nichtsdestotrotz orientieren sich die Finanzmärkte langfristig an fundamentalen Faktoren. Wie heißt es so schön nach Benjamin Graham: "In the short run, the market is a voting machine but in the long run it is a weighing machine."

    Dabei lassen sich Wahrscheinlichkeiten ableiten, z.B. dass ein Unternehmen mit x Verbindlichkeiten eine geringere Wahrscheinlichkeit zahlungsunfähig zu werden als mit 5 x Verbindlichkeiten, wenn sonst alles gleich ist. Dagegen ist es unmöglich die Aktienkurse auf kurze Sicht vorherzusagen.

    Entscheidend ist daher das was man wissen kann, von dem was man nicht wissen kann, zu unterscheiden und dabei seine eigenen Grenzen zu kennen.

    Bin ich nun ein Scharlatan?

  • Aktien sind eine Risiko behaftete
    Kapitalanlage und es gibt nicht
    "d e n" Bankberater ; genau so wenig
    wie es "d e n" Fischverkäufer ,
    Damenfrisör , Zahnarzt oder Metzger gibt !
    ...ist halt AUCH ne Vertrauenssache .
    Das besagt unter anderem, wenn jemand
    an einen besonders miesen Fischhändler
    gerät , kann`s tödlich enden ...leider....
    Gruss aus dem gemütlichen & wunderschönen Bonn/Rhein -
    F.-J. Hay


  • Blogpost mit einer Antwort an Professor Gigerenzer:
    http://einanderer.blogspot.de/2013/05/schuster-bleib-bei-deinen-leisten.html

  • Gigerenzer widerspricht sich. »Je komplexer das System ist, desto wichtiger sind einfache Strategien. Eine lautet: Verteile dein Geld gleichmäßig. Anleger sollten also alle Anlagen gleich gewichten. Auch die Anlageklassen sollten gleich gewichtet sein, zum Beispiel je ein Drittel Aktien, Anleihen und Immobilien.«
    Je mehr ich aber verteile, desto komplexer wird die Anlage, desto unübersichtlicher, desto nötiger auch der Finanzberater. »Einfach« ist solch eine Strategie ganz und gar nicht.
    Ich sage Ihnen, Herr Gigerenzer, was wirklich »einfach« ist: Man packe sein Geld, ziehe es komplett heraus aus dem Finanzsystem, sorge für Schuldenfreiheit und etwas Liquidität: und lege den Rest dann so zur Seite, dass es von keinerlei Finanz-Auf-und-Ab mehr angegriffen werden kann, bei Bedarf aber leicht und immer liqudiert werden kann, seinen Wert seit Jahrtausenden unter Beweis gestellt hat:

    - weil es hinreichend knapp ist,
    - industriell so gut wie nicht benötigt wird,
    - nicht verdirbt,
    - leicht zu lagern ist und zudem auch noch
    - schön ist;

    sprich: weil alle Welt es offen (Osten) oder insgeheim (Westen) liebt). Seit jeher.
    Ich kenne bisher nur ein einziges »Ding«, das diese Bedingungen erfült – und, positiver Nebeneffekt, jede Bank und jeden Finanzberater vollkommen überflüssig macht:

    Physisches Gold.

    Ja, der Preis sinkt derzeit. Aber es ist nicht sein Preis. Es ist der Preis papierener Kontrakte auf Gold (GLD), die mittlerweile das Physische an Volumen um das 100fache übersteigt.

    Diese Blase kann nicht überleben. Und wird eher früher als später den wirklichen Wert von Gold freilegen.

    Für preiswertes Zukaufen wird es allerdings dann zu spät sein.

    … sagt ein kleiner Anleger, der *nicht* tätig ist im Finanzgeschäft und auch *nicht* mit Edelmetallen handelt. Sondern einfach nur: S P A R T .

  • Gigerenzer trifft genau den Punkt: die Finanzwirtschaft behandelt Phänomene als Risiken, hinter denen aber tatsächlich Ungewissheit steckt. Sein verhaltenswissenschaftlicher Ansatz berücksichtigt aber zu wenig die soziale Dimension von Entscheidungen, bzw. darf ich vermuten, dass sein Verständnis vom Sozialen sich auf menschliches Gruppenverhalten bezieht. So lautete der Untertitel seines letzten Buches "Wie Sie richtige Entscheidungen treffen". Entscheidungen sind aber zunächst mal risikant und ob sie richtig oder falsch waren weiß man erst hinterher. Das lernt man in Luhmanns systemtheoretischer Organisationssoziologie. Es ist sicher kein Zufall, dass im Literaturverzeichnis Luhmann's "Soziologie des Risikos" nicht auftaucht. Was man mit Gigerenzer lernen kann ist, wie man den Entscheidungsprozess mithilfe der Unterscheidung von Risiko und Ungewissheit strukturiert. Die soziologische Systemtheorie verweist auf die Differenz von Information und Erwartung, die in jeder Information steckt und prinzipiell nur klein gearbeitet aber nicht beseitigt werden kann.

    Insofern ist es ärgerlich wenn Gigerenzer diesen oft gelesenen und unbrauchbaren Rat wiederholt, dass man nicht kaufen soll, was man nicht versteht. Wieviel muss man lesen, um zu der Feststellung zu gelangen, man hätte etwas verstanden? Welche thematischen Erfahrungsbereiche sind für Verstehen bedeutsam? Wer dafür keine Stopp- und Orientierungsregeln geben kann überlässt den Investor dem Risiko mangelhaften Verständnisses. Aber das ist ohnehin nur für den Preis weiterer Risiken zu reduzieren: von welcher Qualität sind die Informationen und wie hängen diese von der Verständnisfähigkeit des Investors ab? Die Währung mit der Risikoreduktion bezahlt wird heisst: Risiko.

  • A quote from the Hitchhiker's guide to galaxy:

    “For instance, on the planet Earth, man had always assumed that he was more intelligent than dolphins because he had achieved so much—the wheel, New York, wars and so on—whilst all the dolphins had ever done was muck about in the water having a good time. But conversely, the dolphins had always believed that they were far more intelligent than man—for precisely the same reasons.”

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