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Robert Shiller im Interview „Es gibt immer noch zu viel Vertrauen in die Märkte“

Robert Shiller lehrt Wirschafts- und Finanztheorie in Yale. In Interview spricht der 57-Jährige über Spekulation, Exzesse und die Weisheit der Finanzmärkte.
Robert Shiller, Wirtschaftswissenschaftler Yale-Universität.

Robert Shiller, Wirtschaftswissenschaftler Yale-Universität.

Handelsblatt:Professor Shiller, wie können Sie nach den Erfahrungen mit der Internetblase noch an die Weisheit der freien Marktwirtschaft glauben?

Shiller: Es ist ein bisschen wie mit der Demokratie. Schlechte Dinge passieren. Aber es gibt eben keine wirkliche Alternative. Und so ist das auch mit der Marktwirtschaft.

Welche Lehren ziehen Sie daraus?

Shiller: Wir sollten beachten, dass Marktschwankungen nicht grundsätzlich etwas Schlechtes sind, sondern zu Finanzmärkten dazugehören. Erst Exzesse sind das Problem. Um uns davor zu schützen, sollten wir die Finanzmärkte nicht einschränken, sondern ausbauen.

Sie wollen den Teufel mit dem Beelzebub austreiben?

Shiller: Finanzinstrumente wie Derivative und Optionen können uns helfen, besser mit den Risiken und Exzessen umzugehen. Gewerkschaften und Unternehmen sollten dafür sorgen, dass ihre Mitglieder und Mitarbeiter mehr sparen, und sie sollten Einkommenspakete schnüren, die ausreichend diversifiziert sind.

Aber hat die Blase nicht gezeigt, dass Finanzmärkte ineffizient und irrational sein können?

Shiller: Die Hypothese der Markteffizienz, die früher sakrosankt war, wird heute in der Wissenschaft weitgehend in Frage gestellt. Die Verhaltenstheorie ist heute die aufregendste Entwicklung bei der Erforschung der Finanzmärkte. Sie lehrt uns, dass die menschliche Psychologie entscheidend ist für die Erklärung des Verhaltens an den Börsen.

Was ist die treibende Kraft in der menschlichen Natur, die zu solchen Blasen führt?

Shiller: Menschen haben eine starke Intuition und neigen dazu, zu selbstsicher zu sein. Sie lassen sich ihr Urteil durch Gespräche mit wenigen Leuten bestätigen und entwickeln eine überzogene Selbstsicherheit.

Welche Motive spielten bei den Beteiligten an der Wall Street die entscheidende Rolle? War es jene ansteckende Gier, von der US-Notenbankchef Alan Greenspan gesprochen hat?

Ich weiß nicht, ob Gier das richtige Wort dafür ist. Es ist mehr ein Wunschdenken, das dazu führt, zu hohe Risiken einzugehen. Das Ego spielt dabei eine große Rolle. Für viele reicht es nicht aus, nur gut zu leben. Sie müssen gewinnen und andere schlagen.

Haben wir schon alle Folgen der letzten Spekulationsblase verarbeitet?

Shiller: Nicht alle, wir sind dabei. Meine Untersuchungen zeigen, dass viele Anleger immer noch davon überzeugt sind, dass der Aktienmarkt langfristig die beste Geldanlage bietet.

Wie kann das ein Zeichen für eine Blasen-Mentalität sein? Viele Ihrer Kollegen würden dem ebenfalls zustimmen.

Shiller: Das stimmt. Viele sehr intelligente Leute haben sich von der Blase einnehmen lassen. Die historischen Daten stützen sogar die These, dass Aktien langfristig die besten Renditen versprechen. Entscheidend ist jedoch, dass der Glaube an diese Theorie seine Eigendynamik entwickelt.

Sind die Märkte heute immer noch von der Blase verzerrt?

Shiller: Es gibt immer noch zu viel Vertrauen in die Märkte. Viele Anleger glauben immer noch oder schon wieder, dass Aktienmärkte eine Rendite zwischen sieben und zehn Prozent abwerfen. Das beeinflusst selbst die aktuelle Debatte über eine Reform der staatlichen Rentenversicherung in den USA und den Plan, die Beiträge an der Börse anzulegen.

Können wir überhaupt jemanden für die Blase verantwortlich machen oder etwas tun, um neue Exzesse zu verhindern?

Shiller: Ich mache niemanden direkt dafür verantwortlich. Es ist mehr wie eine Grippeepidemie. Durch die euphorische Berichterstattung in den Medien und durch andere Dinge hat sich Ende der 90er diese Blasenmentalität wie eine ansteckende Krankheit verbreitet.

Trägt nicht die damalige Geld- und Wirtschaftspolitik eine Mitschuld?

Shiller: Richtig, es gibt die Debatte in der Geldpolitik. Notenbanker wurden lange Zeit als weise Männer und Frauen angesehen. Wenn sie sagten, die Märkte seien überbewertet, glaubten das viele Anleger. Aber Greenspan beharrt darauf, dass Notenbanker nicht klüger als die Märkte sein können. Bei steigenden Börsenkursen trägt eine derartige Einstellung natürlich zur Blasenbildung bei.

Stimmen Sie Greenspans Einschätzung zu, dass die Geldpolitik Spekulationsblasen nicht verhindern, sondern nur ihre Schäden begrenzen kann?

Shiller: Der Fed-Chef hat während der Finanzkrisen 1997/98 den Märkten versichert, dass er eine finanzielle Katastrophe verhindern werde. Als die Blase dann 2001 platzte und die Rezession begann, reagierte er mit scharfen Zinssenkungen. Dadurch hat er die Blase verlängert und den Glauben gefördert, dass man an den Märkten nicht verlieren kann.

Wie bewerten Sie die Reaktion der Regulierungsbehörden auf die Marktexzesse?

Shiller: Ich habe das Sarbanes-Oxley-Gesetz begrüßt wie auch die Bestimmungen der Börsenaufsicht SEC zu den Veröffentlichungspflichten an den Finanzmärkten. Die SEC war anfangs zu mild. Wenn man sich die Geschichte der Finanzmärkte anschaut, sieht man, dass solche Exzesse und die Reaktion der Behörden immer wieder stattgefunden haben.

Sind die Regulierungsbehörden zu weit gegangen?

Shiller: Das kann sein. Wenn es zu teuer ist, den Regeln zu folgen, sollte man auf die Beschwerden hören. So halten sich europäische Firmen heute mit einer Notierung in den USA zurück, weil die Belastungen zu hoch sind. Wir müssen also die richtige Balance finden. Es war jedoch wichtig, den Anlegern nach den zahlreichen Skandalen zu zeigen, dass wir nicht einfach so weitermachen können.

Wo sehen Sie heute neue Spekulationsblasen entstehen?

Shiller: In Amerika gibt es eine Blase bei den Manager-Vergütungen. Außerdem gibt es in verschiedenen Regionen der Welt einen Immobilienboom. Das betrifft vor allem große Metropolen.

Gibt es in den USA eine Immobilienblase?

Shiller: Wir haben im vergangenen Jahr Hauskäufer nach ihren Markterwartungen befragt. In Los Angeles lag die durchschnittliche Erwartung für die jährliche Wertsteigerung bei über 20 Prozent für die nächsten zehn Jahre. Und das bei bereits hohen Hauspreisen. Diese Erwartungshaltung ist ein wenig verrückt.

Was ist mit Hedge-Fonds - gibt es auch dort Übertreibungen?

Shiller: Auf dem Weltwirtschaftsforum haben wir darüber diskutiert, und viele Teilnehmer glauben, dass sich bei Hedge-Fonds eine Blase bildet. Anleger haben zu wenig Skepsis gegenüber Hedge-Fonds.

Waren Sie persönlich immun gegenüber den Versuchungen der Blase?

Ich hatte seit Anfang der 80er mein Geld fast ausschließlich in Aktien angelegt. Ende der 90er habe ich mich dann schrittweise aus Aktien zurückgezogen - vermutlich zu früh. Heute habe ich nicht viel Geld in Aktien angelegt. Mein Vermögen ist verteilt auf Immobilien und Bonds.

Das Gespräch führten Torsten Riecke und Tobias Moerschen.

Robert Shiller

Sein Interesse: Schon als Student interessierte er sich für Massenphänomene: Beim Besuch von Football-Stadien interessierte er sich mehr für das Verhalten der Zuschauer als für das Spiel. Berühmt wurde der heute 57-Jährige mit dem Buch "Irrational Exuberance", in dem er vor dem drohenden Börsencrash warnte. Kurz nach dem Erscheinen im Jahr 2000 begann ein weltweiter Börsensturz.

Seine Karriere: Shiller studierte in Michigan und am Massachusetts Institute of Technology. Heute lehrt er Wirtschafts- und Finanztheorie in Yale. Zudem entwickelt er mit seiner Firma Finanzmarktinstrumente, die eine Absicherung gegen praktisch jedes Risiko ermöglichen sollen.

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