Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Russland-Investitionen In der Affäre um Baring Vostok deutet sich eine Kehrtwende an

Der in Moskau verhaftete US-Fondsmanager Michael Calvey darf in Hausarrest. Die Behörden spüren die fatalen Folgen für das Investitionsklima.
Kommentieren
Der Fondsmanager steht in Russland unter Hausarrest. Quelle: imago images / ITAR-TASS
Michael Calvey

Der Fondsmanager steht in Russland unter Hausarrest.

(Foto: imago images / ITAR-TASS)

MoskauIn Begleitung mehrerer Polizisten, sichtlich ermüdet, aber ohne Handschellen hat US-Großinvestor Michael Calvey am Freitag das Moskauer Bezirksgericht Basmanny verlassen. Richterin Natalja Dudar bestätigte die am Vortag beschlossene Umwandlung der Untersuchungshaft in Hausarrest.

Bis zum 14. Juli darf der Gründer und Chef des Investmentfonds Baring Vostok seine Wohnung nur zu Verhören oder Gerichtsverhandlungen verlassen. Der Zugang zum Internet und zum Telefon ist gesperrt. Zu groß sei die Gefahr, dass Calvey Dokumente verschwinden lasse oder Zeugen beeinflusse, warnten die Staatsanwälte.

Sie werfen Calvey vor, zusammen mit fünf weiteren Managern die zu Baring gehörende Bank Wostotschny um gut 33 Millionen Euro betrogen zu haben. Nach Calveys Verhaftung im Februar hatte sich das Investitionsklima in Russland deutlich verschlechtert, internationale Fonds zogen massiv Anlagevermögen ab.

Als schuldig bekannt hat sich bislang einzig der inzwischen ebenfalls in Hausarrest entlassene Wostotschny-Chef Alexej Korditschew, alle anderen beschuldigten Manager weisen die Vorwürfe zurück. Anders als Calvey bleiben dessen französischer Finanzdirektor Philippe Delpal sowie drei seiner russischen Kollegen in Haft.

Baring Vostok sieht sich selbst als Opfer einer versuchten Enteignung. Konkret streitet sich Calvey mit dem in russischen Geheimdienstkreisen gut vernetzten Oligarchen Artjom Awetisjan um die Kontrolle der Bank Wostotschny, nachdem diese mit Awetisjans auf Corporate Banking spezialisiertem Geldhaus Uniastrum fusionierte.

Grafik

Der US-Investor wirft Awetisjan vor, über dubiose Kredite Geld aus der Bank entwendet zu haben und reichte vor dem Internationalen Schiedsgericht in London, wo Streitigkeiten laut Aktionärsvereinbarung eigentlich verhandelt werden sollen, bereits 2018 Klage ein.

Weil Awetisjan das Geld fehlte, um sich an einer nötigen Kapitalerhöhung zu beteiligen, holte er mithilfe des Geheimdienstes FSB in Russland zum Gegenschlag aus. Aus dem zivilrechtlichen Fall wurde plötzlich ein strafrechtlicher.

Und während Calvey hinter Gittern seine Unschuld beweisen sollte, konfiszierte ein völlig unbekanntes Gericht in Russlands Fernostregion Amur zehn Prozent seiner Aktien an Wostotschny. Awetisjan rief derweil den dezimierten Aufsichtsrat zusammen, um seine Leute in Schlüsselpositionen zu bringen – ein oft erprobtes Szenario bei feindlichen Übernahmen. So wurde etwa auch Oligarch Wladimir Jewtuschenkow zum Verkauf des Ölkonzerns Baschneft an Rosneft gedrängt.

Überraschende Kehrtwende

Doch im Fall Baring Vostok wurde augenscheinlich ein Bremssignal gegeben: Dafür spricht nicht nur die Entlassung Calveys in den Hausarrest, sondern auch, dass der Kaperversuch im Aufsichtsrat scheiterte. Der einzig unabhängige Direktor im Board erklärte überraschend seinen Rücktritt, sodass das Gremium nicht mehr beschlussfähig ist. Nun muss die Aktionärsversammlung im Sommer über die Neubesetzung entscheiden – ein wichtiger Zeitgewinn für Baring Vostok.

Der Kreml dementiert, mit dieser möglichen Kehrtwende zu tun zu haben. Wladimir Putins Sprecher Dmitri Peskow betonte, „der Präsident konnte und kann sich nicht in die Ermittlungen oder Gerichtsverhandlungen einmischen, er hat auch keine derartigen Absichten“.

Beobachter des Falls gehen trotzdem von einem politischen Signal für den Kurswechsel der Behörden aus. Der Präsident des Kreml-nahen Fonds „Petersburger Politik“, Michail Winogradow, spricht etwa von einem hinter den Kulissen ausgehandelten Deal oder Problemen bei der Organisation des Internationalen Petersburger Wirtschaftsforums.

Einiges spricht für die zweite Variante: Putin hat das Wirtschaftsforum selbst ins Leben gerufen. Machten sich Politiker aus dem Westen nach der Ukrainekrise rar, so blieben im Russlandgeschäft involvierte Unternehmer trotz der wechselseitigen Sanktionen zwischen Russland und dem Westen dem Forum treu. Doch wegen der Baring-Vostok-Affäre wollen dem Vernehmen nach nun viele Investoren das Wirtschaftstreffen ignorieren, die US-Handelskammer drohte offen einen Boykott an.

Schlechtes Investitionsklima

Leere Säle bei der Heimveranstaltung Putins will der Kreml tunlichst vermeiden, zumal die Affäre schon so das Investitionsklima in Russland weiter massiv geschädigt hat. Die Zentralbank vermeldete für das erste Quartal einen Kapitalabfluss von 25,2 Milliarden Dollar, das ist ein Anstieg von mehr als 50 Prozent gegenüber dem vergleichbaren Vorjahreszeitraum und genauso viel wie im Gesamtjahr 2017.

Die Lage ist ohnehin trübe: Die Sanktionen drückten die direkten Auslandsinvestitionen 2018 auf einen Minusrekord: Investoren legten nur 15,9 Milliarden Dollar in Russland an und zogen zugleich 22,4 Milliarden an Einlagen ab.

Der Saldo von minus 6,5 Milliarden Dollar ist das schlechteste Ergebnis seit über 20 Jahren. Mit der Baring-Vostok-Affäre drohte Russland nun die letzten treuen Investoren zu verprellen. Auch deshalb dürften die Behörden nach der anfänglichen Härte ein bisschen auf die Bremse getreten sein.

Der Hausarrest bedeutet indes noch lange nicht, dass Calvey mit einem Freispruch rechnen kann. Der Fall wird ausländische Investoren auch weiterhin verunsichern.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Startseite

Mehr zu: Russland-Investitionen - In der Affäre um Baring Vostok deutet sich eine Kehrtwende an

0 Kommentare zu "Russland-Investitionen: In der Affäre um Baring Vostok deutet sich eine Kehrtwende an"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.