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Südamerika Warum in Brasilien ein Rechtspopulist für Kurssprünge an der Börse sorgt

Brasiliens rechter Präsidentschaftskandidat Jair Bolsonaro profiliert sich mit einer Reformagenda – und punktet bei Anlegern. Doch das Programm wirkt realitätsfern.
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Der Rechtspopulist ist für undemokratische Ausfälle bekannt. Nun will er mit einer Reformagenda die Wahl gewinnen. Quelle: dpa
Jair Bolsonaro

Der Rechtspopulist ist für undemokratische Ausfälle bekannt. Nun will er mit einer Reformagenda die Wahl gewinnen.

(Foto: dpa)

SalvadorKurz nach Schließung der Wahllokale am Sonntag begann der brasilianische Real gegenüber dem US-Dollar zu klettern. Als sich kurze Zeit später die Favoritenrolle des Rechtspopulisten Jair Bolsonaro bei den Stichwahlen für das Präsidentenamt in zweieinhalb Wochen bestätigte, wurden die Online-Broker im Land mit Kauforders überschwemmt.

Am ersten Börsentag nach der Wahl reagierte der Leitindex der Börse São Paulo, der Bovespa, auf den umfassenden Rechtsruck Brasiliens mit einem fulminanten Kurssprung um 4,6 Prozent. Die Börse erzielte den höchsten Umsatz ihrer Geschichte. Die Kurse von Aktien wie Petrobras, der Fluggesellschaft Gol, der Stromproduzenten Eletrobras und Cemig sowie der Staatsbank Banco do Brasil schossen allesamt zweistellig in die Höhe.

Der US-Dollar sackte 1,5 Prozent gegenüber dem Real ab, bis die brasilianische Zentralbank intervenierte und Dollar aufkaufte.

Investoren hoffen auf marktfreundliche Reformen eines womöglich rechtspopulistischen Präsidenten. Und während die großen Ratingagenturen skeptisch bleiben, sehen auch einige US-Banken in einem möglichen Politikschwenk Chancen für die Aktien des Landes.

Seit Mitte September bereits, als Bolsonaro in den Umfragen zuzulegen begann, hat der Dollar zehn Prozent verloren gegenüber dem Real. Der Bovespa ist im gleichen Zeitraum 15 Prozent geklettert. „Investoren schätzen die steigende Popularität Bolsonaros“, sagt Solange Srour vom Vermögensverwalter ARX Investimentos: „Doch mit solch einem Erdrutschsieg hat keiner gerechnet.“

Beinahe hätte der Ex-Militär und Rechtspopulist Bolsonaro sogar schon im ersten Wahldurchgang die Mehrheit bekommen. Mit 46 Prozent der Stimmen ist er nun der haushohe Favorit für die Stichwahlen gegen den linken Gegenkandidaten Fernando Haddad, dem Ex-Bürgermeister von São Paulo, der 29 Prozent der Stimmen einsammeln konnte. Auch bei den gleichzeitigen Kongress- und Gouverneurswahlen konnten sich rechte Kandidaten überraschend durchsetzen.

Bolsonaros bisher unbedeutende Partei PSL ist nun die zweitstärkste politische Kraft im Kongress. „Das erhöht die Chancen, dass Bolsonaro eine liberale Reformagenda einleiten kann“, sagt Marcelo Giufrida vom Vermögensverwalter Garde Asset Management.

Bolsorano will einen Wirtschaftsberater zum Minister machen

Eigentlich war Bolsonaro bisher die größte Sorge der Investoren: Doch der Ex-Militär, der in seinen 30 Jahren als Hinterbänkler vor allem mit rassistischen, frauenfeindlichen und gewaltverherrlichenden Sprüchen aufgefallen war, hatte sich im Wahlkampf plötzlich als neoliberaler Reformer geoutet.

Dafür holte er sich als seinen Wirtschaftsberater den Investmentbanker Paulo Guedes, einen Multi-Millionär, an die Seite. Der 69-jährige Guedes soll unter Bolsonaro Superminister für Wirtschaft, Planung, Finanzen und Privatisierungen werden. Doch dieser hat noch nie ein Ministerium geführt oder mit einem Kongress verhandelt.

Dennoch plant Guedes umfassende Reformen: So will er alle Staatsunternehmen verkaufen und damit die Schulden des Staates tilgen. Die derzeitige Rentenversicherung nach dem Umlagesystem soll umgestellt werden auf ein Kapitaldeckungsverfahren. Die Chancen allerdings, dass diese Vorschläge umgesetzt werden, gehen etwa für den Investmentbanker mit langjähriger Erfahrung als Minister, Pérsio Arida, „gegen null“.

Dass Bolsonaro in seiner langen Abgeordnetenzeit vor allem für die Interessen der Staatskonzerne, Beamten, Militärs gestimmt hat, lässt denn auch ausländische Investoren an seiner Reformfähigkeit zweifeln. Kritisch sind auch die großen Ratingagenturen: Standard & Poor‘s (S&P) stuft Bolsonaro als Präsidenten als ein höheres Risiko für die Wirtschaft ein als seinen Kontrahenten Haddad.

Bolsonaro sei ein politischer Outsider und werde mehr Probleme haben, sein Wirtschaftsprogramm umzusetzen. Und Moody‘s fürchtet, dass die wachsende Polarisierung im Kongress es dem nächsten Präsidenten erschweren wird, Reformen umzusetzen und damit die Basis für nachhaltiges Wachstum zu schaffen. S&P hat gerade die Wachstumsaussichten für dieses Jahr von 1,8 auf 1,4 Prozent reduziert.

Investoren wollen eine linke Politik vermeiden

Doch die Investoren bauen vor allem auf einen Politikwechsel und damit sinkende Chancen einer Machtübernahme des Linkskandidaten Haddad und seiner Arbeiterpartei. Denn der will nach den alten Rezepten für die Wirtschaft vorgehen, mit denen Brasilien zuvor in die Rezession und den Korruptionssumpf gesunken ist: Haddad will so weitermachen wie der wegen Korruption inhaftierte Ex-Präsidenten Luíz Inácio Lula da Silva.

Haddad leugnet die schwere Korruptionsaffäre, bei der Lulas Arbeiterpartei im Zentrum steht, sowie die katastrophale Wirtschaftspolitik seiner Nachfolgerin Dilma Rousseff. Haddad will sogar die wenigen wirtschaftlichen Reformen der letzten beiden Jahre zurückdrehen. Dies alles steigert die Sympathien der Investoren für den Rechtskandidaten. „Bolsonaro ist trotz seiner populistischen und antidemokratischen Ansichten der klar marktfreundliche Kandidat mit Siegeschancen“, erklärt Marcos Casarin vom Analysehaus Oxford Economics die Hoffnungen, die mit Bolsonaro verbunden werden.

Die Frage ist, ob er bereit ist, die politischen Kosten einer Haushaltssanierung zu übernehmen, sagt Arthur Carvalho von der US-Bank Morgan Stanley. Alternativen sieht er allerdings kaum: „Entweder die nächste Regierung macht die Haushaltssanierung freiwillig, oder ein Crash Brasiliens zwingt sie dazu.“ Denn dem Land droht eine Finanzkrise.

Brasilien hat ein Haushaltsdefizit von 7,6 Prozent seiner Wirtschaftsleistung. „Es ist das größte Budgetdefizit weltweit“, warnen die Experten der US-Bank JP Morgan. Die Staatsschulden betragen 80 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Deshalb ist der Real zum Dollar seit März um ein Drittel abgesackt – trotz der Korrektur der letzten Tage. Bolsonaro müsse schnell überzeugende Reformen vorweisen, wie er das Staatsdefizit senken will, so JP Morgan.

Und dann könnte er auch schnell die Früchte ernten. Dann im Vergleich etwa zu Argentinien steht Brasilien recht solide da: Die Landwirtschaft und der Bergbau gleichen mit ihren Dollareinnahmen die Leistungsbilanz weitgehend aus und sorgen für volle Devisenkassen.

Brasilien ist nur gering im Ausland verschuldet. Deswegen kann die Zentralbank die Zinsen und Inflation niedrig halten. Brasiliens derzeit schwache Konjunktur könnte rasch wieder anspringen, wenn die allgemeine Stimmung in der Wirtschaft sich positiv dreht.

So raten auch US-Banken inzwischen zu Brasilien: Die Bank of America Merrill Lynch empfiehlt Aktien des Landes, weil die Risiken gesunken sind und die Titel noch billig seien.

JP Morgan etwa hält die Aktien der Bank Itaú, der Fleischproduzenten Minerva und JBS sowie der Branchen Metall und Bergbau für attraktiv. „Brasiliens Börse hat eine Reihe exzellenter Unternehmen mit geringen Schulden, niedrigen Kosten und hoher Effizienz.“ 

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