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Susanne Chishti im Interview „Fintech ist kein kurzfristiger Trend, der vorübergeht“

Die Expertin für neue Technologien in der Finanzbranche spricht über aktuelle Trends und den Wandel der Geschäftsmodelle von Finanztechnologie-Start-ups.
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Die Geschäftsführerin des Business-Angel-Netzwerks Fintech Circle erwartet, dass Fintechs noch tiefer in die Wertschöpfungskette der Banken vordringen. Quelle: FINTECH Circle
Susanne Chishti

Die Geschäftsführerin des Business-Angel-Netzwerks Fintech Circle erwartet, dass Fintechs noch tiefer in die Wertschöpfungskette der Banken vordringen.

(Foto: FINTECH Circle)

Susanne Chishti lebt in London und ist Geschäftsführerin des Business-Angel-Netzwerks Fintech Circle und beobachtet die europäische Fintech-Szene schon lange. Sie ist Mitherausgeberin des Fintech Books und berät Führungskräfte in Banken zu Digitalisierungsstrategien.

Frau Chishti, die Zahl der Fintechs in Deutschland steigt weiter an. Warum sind Gründer in diesem Bereich so aktiv?
Fintech ist kein kurzfristiger Trend, der vorübergeht, sondern der Beginn eines langfristigen strukturellen Wandels. Für Finanztechnologie-Firmen gibt es noch viele Bereiche, in denen sie für Innovationen und Effizienzsteigerungen sorgen können. Auch die bisherigen Erfolge einiger Anbieter motivieren neue Gründer.

Für die Endkunden bleiben viele Anbieter allerdings unsichtbar.
Das ist tatsächlich ein Trend. Viele Fintechs sind zunächst mit B2C-Geschäftsmodellen gestartet, haben mit ihren Angeboten also Endkunden adressiert. Oftmals haben sich die Gründer auf Bereiche konzentriert, die sie aus ihrer eigenen Erfahrung als Privatkunden kannten. Inzwischen verkaufen etliche Start-ups ihre Technologie an Banken, Versicherer und andere Finanzdienstleister.

Manche fahren auch zweigleisig.
Ja, früher haben sich Unternehmen klar auf einen Bereich fokussiert, heute laufen verschiedene Geschäftsmodelle parallel. Vielen Fintechs bleibt keine andere Wahl, denn die Kundenakquise ist für ein junges, unbekanntes Unternehmen extrem teuer. Nur wenige haben genug Investorengelder, um sich so lange über Wasser zu halten, bis sie mit ihren Kunden Gewinne erzielen. Wenn sie ihre Technologien lizenzieren, verbuchen sie viel schneller regelmäßige Einnahmen. Das sehen wir zum Beispiel bei digitalen Vermögensverwaltern.

Schauen wir auf diejenigen, die sofort als Technologielieferant starten. Gibt es da Gemeinsamkeiten?
Die Gründer sind immer öfter erfahrene Mitarbeiter aus Finanzinstituten. Sie kennen sich gut mit den internen Prozessen in Banken aus und drängen mit ihren Start-ups tiefer in die Wertschöpfungskette der Banken vor.

Wie meinen Sie das?
Das zeigt sich zum Beispiel im Bereich Finanzierung. Zunächst haben sich Fintechs auf einfache Kredite für Privatleute fokussiert, inzwischen bieten sie auch Technologien zum Vorfinanzieren von Rechnungen oder zur Lieferantenfinanzierung an. Das ist schon recht komplex und ein Bereich, aus dem sich manche Banken zurückgezogen haben, weil es für sie seit der Finanzkrise nicht mehr lukrativ war.

Wie bewerten Sie diese Entwicklung aus Perspektive der Banken?
Banken können mithilfe von Fintechs wieder profitabler werden. Beim Verhältnis zwischen Erträgen und Kunden gibt es in Banken häufig eine 80-20-Aufteilung: 20 Prozent der Kunden bringen 80 Prozent der Erträge und mit etwa 40 Prozent der Kunden verdienen sie gar kein Geld. Das liegt meist daran, dass die Kosten für die Betreuung der Kunden zu hoch sind. Hier können Fintechs helfen. Sie ermöglichen Automatisierungen und bieten ihre Technologien oft sogar günstiger an als herkömmliche Dienstleister.

Steigt damit die Abhängigkeit der Banken von Fintechs?
Es wäre sicherlich falsch, sich bei Innovationen allein auf Fintechs zu verlassen. Am besten bauen Banken ein Innovationsportfolio auf, bei dem sie manche Projekte auslagern und andere in hauseigenen Inkubatoren entwickeln. Dabei ist es allerdings wichtig, dass für die Mitarbeiter tatsächlich ein Umfeld wie in einem Start-up geschaffen wird und sie weitgehend freie Hand haben. Ansonsten bremst ein großer Konzern die Projekte zu stark ein.

Sie beraten auch Führungskräfte in Banken. Wie viel Überzeugungsarbeit ist nötig, um ihnen Geschäftsmodelle von Fintechs näherzubringen?
Inzwischen hat eigentlich jeder erkannt, dass es keine gute Strategie ist, den Kopf in den Sand zu stecken und abzuwarten, bis der Fintech-Hype vorbei ist. Wenn wir Aufsichtsräte, Vorstände und Abteilungsleiter von Banken beraten, geht es meist darum, wie sie Fintechs konkret für sich nutzen können und wie die Geschäftsmodelle funktionieren. Das Studium der Führungskräfte liegt ja meist schon mehr als 20 Jahre zurück und damals gab es Plattformmodelle und ähnliches noch nicht. Sie müssen erst ein Gefühl für solche Geschäftsmodelle entwickeln.

Frau Chishti, vielen Dank für das Interview.

Mehr: Die Revolution der Finanzbranche bekommt neuen Schwung. Eine neue Studie zeigt, in welchen Segmenten die meisten neuen Fintechs gegründet werden.

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