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Thilo Schumacher „Das Thema Aktien muss eine Rolle in der öffentlichen Diskussion spielen“

Thilo Schumacher, Vorstand von Axa Deutschland, sieht Aufholbedarf beim Finanzwissen in Deutschland. Vor allem die heute 30- bis 40-Jährigen sollten sich anders verhalten.
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Den Handel mit Aktien haben viele Deutsche negativ abgespeichert. Quelle: dpa
Deutsche Börse Frankfurt

Den Handel mit Aktien haben viele Deutsche negativ abgespeichert.

(Foto: dpa)

Thilo Schumacher ist im Axa-Vorstand für die Sparte Personenversicherung zuständig. Im Interview mit dem Handelsblatt spricht er über schlechte Erfahrungen der Deutschen mit Aktien, ihr fehlendes Wissen über die Anlageklasse mit langfristig attraktiven Renditechancen und was dagegen zu tun ist.

Herr Schumacher, was ist los mit den Deutschen? Sie sind und bleiben offenbar Aktienmuffel.
Ja, und besonders beunruhigend ist, dass ausgerechnet die Altersgruppe der 50- bis 64-Jährigen, die das meiste Geld hat und in absehbarer Zeit in Rente geht, dann also entspart, die größte Skepsis gegenüber Aktien zeigt.

Welche Gründe sehen Sie dafür?
Das hat mehrere Ursachen: Diese Gruppe der „Baby Boomer“ hat schon zwei Börsenkrisen mitgemacht: 2001 nach dem Platzen der Internetblase und in der Finanzkrise 2008. Darüber hinaus hat die Generation den Niedergang des Kurses der T-Aktie hautnah erlebt, nachdem diese zur Volksaktie ausgerufen wurde. Viele haben Verluste verbucht, weshalb sie möglicherweise das ganze Thema Aktien nun negativ abspeichern.

Außerdem kannten diese Babyboomer den Großteil ihres Lebens eine Welt mit Zinsen, die häufig sogar auskömmlich waren und mit denen sich das Vermögen merklich steigern ließ. Da fällt das Umdenken schwer. Hinzu kommt bei vielen ein Aufholbedarf beim Finanzwissen.

Woran machen Sie das fest?
Im Durchschnitt halten die Deutschen es für optimal, Aktien über zwei Jahre und vier Monate zu halten. Jeder, der die typischen kurzfristigen Börsenschwankungen kennt, weiß, dass Dividendentitel eine langfristige Anlage sind – wer weniger als rund zehn Jahre Zeit hat, sollte wissen, dass er mit Aktien eben auch Geld verlieren kann. Die Deutschen interessieren sich offenbar nicht wirklich für das Thema Börse und beschäftigen sich nicht genug damit. Diese Wissenslücken und Unsicherheit bei vielen Menschen führen zu der festgestellten Skepsis. Und das löst folgenschweres Fehlverhalten aus, selbst wenn jemand anfangs zunächst sogar einen längeren Anlagehorizont hat und Aktien kauft.

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Wenn der Anleger nach zwei Jahren im Depot sieht, dass er Verluste erlitten hat, geht er heutzutage typischerweise raus aus Aktien und packt sein Geld aufs Sparkonto. Viele Ältere haben noch die Phasen höherer Zinsen im Kopf, besitzen noch Lebensversicherungen mit höherem Garantiezins und erben. Diese Generation wird, wenn sie nicht umdenkt, verloren sein, was Börsenchancen angeht. Noch schwieriger könnte die Lage allerdings sogar für die Generation danach werden, die eher nichts mehr erbt und deren gesetzliche Renten ebenfalls meist nicht mehr so auskömmlich sein werden. Vor allem die heute 30- bis 40-Jährigen müssen unbedingt verstehen, dass sie sich anders verhalten müssen.

Wo fehlt es den Deutschen noch an Finanzwissen?
Gefährlich ist ebenfalls, dass die meisten Deutschen die Inflationsrate nicht kennen oder unterschätzen. Sie haben also gar kein Gefühl dafür, wie sich ihr Geld entwertet: Etwa bei zwei Prozent Inflation halbiert sich ein Vermögen in seiner Kaufkraft innerhalb von 30 Jahren fast. Auch dieses Wissensdefizit lässt die Menschen eher Nominalwerte kaufen und den Wert von Aktien nicht richtig einschätzen. Den Deutschen ist nicht bewusst, dass sie mit Sparbüchern Geld verlieren können – also mit einer vermeintlich sicheren Anlage auch ein Risiko eingehen.

Die typische Denke, „Aktien will ich nicht, bei Anleihen gibt es nichts mehr, also mache ich gar nichts“, löst das Problem nicht. Positiv aufgefallen ist jedoch, dass die Mehrheit der Deutschen nach der Umfrage die Zinsentwicklung eher realistisch einschätzt und nicht mit einem kurzfristigen Anstieg rechnet. Und immerhin wollen die meisten auch nicht aufhören zu sparen. Aber leider sparen sie falsch.

Und was kann dagegen getan werden?
Das Thema Aktien und dass eine solche Beteiligung an Firmen einen Wert auch für die Altersvorsorge schafft, muss eine Rolle in der öffentlichen Diskussion spielen. Dafür braucht es mehr Engagement in der Politik. Renditechancen müssen intensiver diskutiert und breiter gefördert werden.

Was kann denn die Finanzbranche tun?
Banken, Versicherungen, Vermögensverwalter müssen sicherstellen, dass Finanzberater regelmäßig geschult werden. Außerdem braucht es Qualitätskontrollen, damit schwarze Schafe keine Chance bekommen. Denn eine einzige negative Erfahrung macht viele positive kaputt. Und unsere Produkte müssen einfacher werden: Sparer müssen verstehen, was sie kaufen und wie sie mit langfristigen Anlagen umgehen sollen. Nach dem Motto: Spare regelmäßig und lasse Dich von Schwankungen im Depot nicht aus der Ruhe bringen.

Außerdem muss ein Anleger unterstützt werden. Man kann ihm nicht ein Produkt verkaufen und dann damit allein lassen. Dies beinhaltet auch dynamische Modelle, die das Risiko in Produkten in den letzten Jahren vor dem Ruhestand sukzessive in weniger im Wert schwankende Anlagen umschichten. Das darf aber nicht dazu führen, dass dadurch übermäßige Kosten entstehen, welche die Rendite nachhaltig reduzieren. Das ist nicht fair.

Und was kann jeder Einzelne machen?
Jeder sollte mehr Bereitschaft zeigen, sich mit dem Thema langfristiges Sparen zu befassen. Und dazu gehört auch die Aktie. Auch fehlt es noch an Akzeptanz, dass dies ein wichtiges Thema ist. Anleihen oder Sparbücher werfen auf absehbare Zeit keine ausreichenden Renditen ab, die dazu beitragen, dass im Alter genug Kapital vorhanden ist.

Herr Schumacher, vielen Dank für das Gespräch.

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1 Kommentar zu "Thilo Schumacher : „Das Thema Aktien muss eine Rolle in der öffentlichen Diskussion spielen“"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Natürlich müssen Aktien eine Rolle in der öffentlichen Diskussion spielen. Aber werden sie unweigerlich zu einer Erfolgsgeschichte, wie Herr Thilo Schuhmacher unausgesprochen glaubt?

    Losgelöst von Raum und Zeit kann man nicht diskutieren. Zur konkreten Gegenwartssituation gehört, dass die westlichen Volkswirtschaften auf 10 Jahre eines Wirtschaftsaufschwungs zurückblicken. Einer der längsten Konjunkturaufschwünge der Wirtschaftsgeschichte. Deshalb muß wohl die Frage gestattet sein, ob 200 Jahre Erfahrungen mit den Konjunkturzyklen plötzlich nicht mehr gelten und es fortan keine wirtschaftlichen Einbrüche mehr geben wird.



    Zur konkreten Gegenwartssituation gehört weiter, dass die Zentralbanken die Zinsen abgeschafft und die Welt mit Liqudität (Anleihenkäufe) geflutet haben. In diesem Anlagenotstand trieben die Anleger die Preise aller Anlageklassen in lichte Höhen. Also Preisblasen wohin das Auge auch blickt. Sie haben die üble Gewohnheit, dass sie auch platzen und den Anleger arm machen können.

    Kommt es aber an den Finanzmärkten zu einem crash, helfen auch Geldanlagen bei Banken und Versicherungen nur wenig. Staatlich garantiert sind nur Geldanlagen bis zu 100 000 EURO.

    Mein Fazit: Einen geradlinigen Weg zum Vermögenserhalt und zur Vermögensmehrung gibt es leider nicht. Es gibt nur sehr holperige Wege, die vielleicht sogar in den Abgrund führen. Das Zauberwort heißt deshalb auch nicht "Aktie", sondern "Streuung auf alle Anlageklassen". Dazu zählt insbesondere auch cash.

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