Marktbeobachter in New York

Vor allem institutionelle Investoren münzen auch sinkende Aktienkurse in Rendite um.

(Foto: dpa)

Tool der Woche – Leerverkäufe Wie Spekulanten mit sinkenden Kursen Kasse machen

Die Deutsche Bank und vier weitere Konzerne sind in den Fokus von Leerverkäufern gerückt. Wie Anleger davon profitieren können.
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FrankfurtEs ist ein spektakulärer Kursrutsch bei den Anteilsscheinen der Deutschen Bank, der zum Wochenschluss die Talfahrt des gesamten Aktienmarktes in Europa beschleunigt: Der Aktienkurs brach in der Spitze um mehr als sieben Prozent ein auf den tiefsten Stand seit vier Monaten, nachdem das Geldhaus am Freitagmorgen unerwartet schlechte Geschäftszahlen vorgelegt hatte.

Doch während die Hiobsnachricht die Anteilseigner der Deutschen Bank über 1,8 Milliarden an Börsenwert kostet, dürfte der weltweit größte Hedgefonds Bridgewater kräftig vom Mini-Crash profitieren: Die New Yorker Portfoliomanager hatten seit Montag massiv auf sinkende Notierungen bei der Deutschen Bank gewettet und vor zwei Tagen ihre sogenannten Leerverkäufe sogar ausgebaut. Das geht aus einem Leerverkaufs-Tool hervor, das Handelsblatt-Lesern zur Verfügung steht.

Die Online-Anwendung zeigt alle Leerverkäufe von Investoren („Positionsinhaber“), die mehr als 0,5 Prozent der ausstehenden  Aktien eines Unternehmens („Aktiengesellschaft“) ausmachen und im „Bundesanzeiger“ veröffentlicht werden. Dieser dient den deutschen Behörden neben dem Bundesgesetzblatt als Veröffentlichungsorgan für wichtige Bekanntmachungen.

Hintergrund des Leerverkaufs-Tools: Die Namen der Spekulanten sind bekannt. Denn in der EU müssen Investoren den Aufsichtsbehörden melden, wenn sie mehr als 0,2 Prozent des Aktienvolumens eines Unternehmens für Leerverkäufe halten. Überschreitet die Order 0,5 Prozent des Volumens, wird dies publik gemacht – in Deutschland im „Bundesanzeiger“.

Die Leerverkäufe des mehr als 160 Milliarden Dollar schweren Hedgefonds Bridgewater gegen die Deutsche Bank belaufen sich laut Handelsblatt-Tool auf 0,63 Prozent der ausgegebenen Aktien. Zunächst hatten die Profis demnach bei einem Aktienkurs von 15,49 Euro auf sinkende Notierungen gesetzt und ihren Wetteinsatz erhöht, nachdem die Deutsche-Bank-Aktie am Mittwoch auf 14,79 Euro gesunken war.

Die Strategen hatten den richtigen Riecher, denn inzwischen werfen Aktionäre ihre Dividendenpapiere für deutlich weniger als 14 Euro aus ihren Depots. Bridgewater dürfte binnen weniger Tage einen zweistelligen Millionengewinn erzielt haben.

In der Regel sind es große professionelle Anleger, die Börsenwetten auf fallende Notierungen eingehen – selbst wenn dies moralisch umstritten ist. Es handelt sich meist um Hedgefonds wie Bridgewater und andere institutionelle Akteure, die mit sogenannten Leerverkäufen versuchen, Kursverluste in Depotgewinne umzumünzen. Hinweise auf solche Spekulationen sind auch für Privatanleger interessant. Sei es als frühes Warnsignal für eigene Depotpositionen – oder um sich den Abwärtswetten der Profis anzuschließen und ebenfalls davon zu profitieren.

Nicht nur bei der Deutschen Bank wittern Kurspessimisten derzeit Chancen auf hohe Gewinne: Am hiesigen Aktienmarkt stehen momentan drei bekannte Industrieunternehmen aus der zweiten und dritten Börsenreihe im Fokus von Leerverkäufern.

Ihre Wetten auf sinkende Kurse ausgebaut haben Investoren laut dem Handelsblatt-Tool in dieser Handelswoche etwa bei den Aktien des Stahlkonzerns Salzgitter, die im MDax enthalten sind – dem hiesigen Börsenindex der mittelgroßen Unternehmen. Bei Salzgitter bestehen momentan veröffentlichte Netto-Leerverkaufspositionen in Höhe von 7,2 Prozent der ausgegebenen Aktien. Mehr als 200 Millionen Euro setzen die Abwärtsspekulanten damit darauf, dass der Kurs der Salzgitter-Aktie fällt.

Der Nettowert ergibt sich durch die eröffnete Leerverkaufsposition eines Investors abzüglich eventuell vorhandener Wertpapierbestände, die von steigenden Kurse der zugrundeliegenden Aktie profitieren.

Ihre Abwärtswetten erhöht haben Kurspessimisten auch beim ebenfalls im MDax enthaltenen Salz- und Düngemittelherstellers K+S. Dort summieren sich die  Netto-Leerverkaufspositionen mittlerweile auf knapp 13 Prozent der ausgegebenen Aktien.

Während die Anteilseigner eines börsengelisteten Unternehmens bei fallenden Aktienkursen Verluste verkraften müssen, erzielen Leerverkäufer aus solchen Aktionen hohe Gewinne.

Ihre Vorgehensweise: Sie leihen sich bei anderen Marktteilnehmern – vor allem bei Fonds – Dividendenpapiere des jeweiligen Unternehmens, um diese sofort wieder zu verkaufen. Sinkt der Aktienkurs wie geplant, können die im Fachjargon auch als „Shortseller“ bezeichneten Investoren die Titel später zu einem verbilligten Kurs zurückkaufen und dem Verleiher zurückgeben. Die Differenz zwischen dem Verkaufs- und dem gesunkenen Rückkaufskurs streichen die Leerverkäufer als Profit ein. Der Verleiher erhält eine Leihgebühr.

In die Berechnungen für die Netto-Leerverkaufspositionen fließen alle Wertpapiere ein, die von der Preisentwicklung der betrachteten Aktie abhängen. Also etwa auch Optionen oder sogenannte CFDs, mit denen ebenfalls auf Kursbewegungen in beide Richtungen spekuliert werden kann.

Sowohl bei Salzgitter als auch bei K+S erwarten derzeit offensichtlich nicht nur Leerverkäufer, dass den beiden Aktien demnächst die Luft ausgeht: Von allen Analysten, die momentan die beiden Industrietitel unter Beobachtung haben, spricht jeweils nur eine Minderheit eine Kaufempfehlung aus. Das geht aus Daten des Informationsdienstleisters Bloomberg hervor.

Nicht einmal jeder Sechste der Experten empfiehlt Anlegern, derzeit in die Dividendenpiere von Salzgitter zu investieren. Auf Sicht von zwölf Monaten rechnen die Fachleute im Mittel mit einem Kursverlust von knapp fünf Prozent.

Bei K+S sprechen sich mehr als zwei Drittel der Analysten dafür aus, die Aktie zu verkaufen oder bestenfalls vorhandene Bestände zu halten. Binnen Jahresfrist prognostizieren sie im Schnitt einen vierprozentigen Wertverlust der Anteilsscheine.

Zuletzt haben unter anderem die zwei Schweizer Großbanken UBS und Credit Suisse ihre Verkaufsempfehlung für die Aktien des Salz und Düngemittelspezialisten bekräftigt. Denn der Druck auf die Kalipreise werde bis weit ins Jahr 2018 hinein anhalten. K+S scheine zudem auf dem wichtigen brasilianischen Markt an Boden verloren zu haben. Bezogen auf die aktuelle Notierung rechnen beide Finanzhäuser mit Abwärtspotenzial von mehr als 15 Prozent. Auch bei der Deutschen Bank senkt man den Daumen über K+S: „Angesichts einer schwächelnden Agrarbranche und eines Kali-Überangebots ist die Aktie des Düngemittelkonzerns derzeit zu teuer“, warnen die Analysten des größten hiesigen Geldhauses.

Auch Bilfinger und Evotec stehen im Visier der Spekulanten
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