Vermögensforscher im Interview (Teil I) „Die Geissens sind Karikaturen von Reichtum“

Die Superreichen der Welt ticken anders als die Geissens, davon ist Thomas Druyen überzeugt. Überhaupt wird Reichtum oft falsch definiert. Der Vermögensforscher über Geld, Millionen-Boni und reiche Griechen.
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Thomas Druyen ist Reichtums- und Vermögensforscher an der Sigmund Freud Privatuniversität in Wien. Quelle: Rudolf Wichert für Handelsblatt
Thomas Druyen

Thomas Druyen ist Reichtums- und Vermögensforscher an der Sigmund Freud Privatuniversität in Wien.

(Foto: Rudolf Wichert für Handelsblatt)

Mit Geld kennt Thomas Druyen sich aus, ebenso mit Neid und Missgunst. Als Vermögensforscher hat er Dutzende Superreiche interviewt. Er warnt davor, die sogenannten Boni-Banker pauschal zu verurteilen und die superreichen Griechen vorzuverurteilen. Gefahr sieht er von den Kapitalmarktblasen ausgehen, die sich derzeit überall aufblähen. Ein noch viel größeres Problem sieht er aber in der Demographie.

Sind Sie reich?
Leider nein. Das interessiert mich gar nicht, auch wenn es arrogant klingen mag. Ich bin Hochschullehrer, deshalb gehöre ich wahrscheinlich vermögenstechnisch zur Mittelschicht. Auf materielle Werte war ich nie fokussiert.

Wie sind Sie dann zur Vermögensforschung gekommen?
Mich haben sehr früh die gesellschaftlichen Zusammenhänge interessiert.  Eigentlich sollte ich die Firma meiner Eltern, die Generalvertretung einer Brauerei, übernehmen. Doch die philosophische und wissenschaftliche Analyse hat mich immer schon fasziniert.

Wie stark haben Ihre Unternehmer-Eltern Sie geprägt?
Meine Mutter war die Tochter des Unternehmens, mein Vater war Schauspieler. Er war Schüler von Gustav Gründgens und hat Gedichte geschrieben. Insofern schlugen immer schon zwei Herzen in meiner Brust. Die Nähe zu der Philosophie meines Vaters war immer signifikant. Auch deshalb hat mich der schnöde Mammon nie wirklich gereizt – und es gab durchaus Gelegenheiten in Vorständen Platz zu nehmen und keine Hochschulkarriere zu machen. Aber man muss sich entscheiden. Mein Weg ist ein Privileg und ein Geschenk, dafür tut man gerne eine Menge.

Wie definieren Sie Reichtum?
Es ist nicht meine Aufgabe, Reichtum zu definieren. Eigentlich müsste es eine institutionelle, weltweit geltende Definition geben. Doch die gibt es nicht.  Nach dem Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung beispielsweise ist eine Einzelperson reich, die über ein monatliches Einkommen von 3500 Euro verfügt. Bei einer Familie sind es 7000 Euro.

Dann sind aber sehr viele Menschen reich.
Diese Rechnung kann natürlich nicht funktionieren. Dramatisch ist vor diesem Hintergrund, dass die Reichenforschung sich seit Jahrzehnten an diesen staatlich definierten Größenordnungen orientiert hat. Das heißt für mich, dass Reichenforschung immer eher Mittelschichtsforschung war.

„Die Geissens zeichnen ein extrem irreführendes Bild“
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16 Kommentare zu "Vermögensforscher im Interview (Teil I): „Die Geissens sind Karikaturen von Reichtum“"

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  • „Zum Glück habe ich ein normales Leben mit echten Menschen…“

    Ähem.

    Sie glauben also, ich hätte keine echten Menschen um mich rum?
    Oft sogar mehr, als mir lieb ist.

    So kann man sich irren.

    Apropos „echt“: Was ist das eigentlich für Sie? Würd‘ mich jetzt wirklich mal SEHR interessieren.

  • Zum Glück habe ich ein normales Leben mit echten Menschen und muss daher hier keine Romane schreiben....
    allen anderen eine schöne virtuelle Woche.....und Grüße an die Facebookfreunde

  • "...reichen... nach Alternativen zu suchen...."

    Anette,
    Du hast doch schon eine gefunden.....die Kommentarfunktion auf HBO.....sehr schönes Hobby.....:)..LOL

  • Um etwaige Missverständnisse auszuschließen, und weil ich mich ungern dem Verdacht aussetze, irgendwie genussfeindlich eingestellt zu sein - oder gar anderen keine Freude am Leben zu gönnen (das genaue Gegenteil ist der Fall!), möchte ich, weil es hier vom Thema her ganz gut hinpasst, an dieser Stelle noch meine Antwort an den Autor des Gastkommentars der HB-Printausgabe vom 26.8.2015 einfügen:

    „Sehr geehrter Herr Richter,

    "Liegt das Versagen Amerikas vielleicht darin begründet, dass sich zu viele Bürger nur noch Konsum und Genusssucht hingeben?"

    Klingt wirklich aktueller denn je. Das aber nicht nur auf Amerika bezogen!

    Nichts gegen Konsum und Genuss (aber ohne "sucht" hintendran; das Wort ist ja ohnehin ein Widerspruch in sich). Auch nicht gegen Luxus. Der (bzw. das Streben nach Wohlbefinden) kurbelt schließlich die Wirtschaft an.

    ABER BITTE NICHT AUF KOSTEN ANDERER!!!

    Und jede Art von Konsum bzw. Genuss, der auf Ausbeutung bzw. Vernichtung unser aller natürlicher Ressourcen beruht, GEHT auf Kosten anderer.

    Dabei ist es gar nicht mal nötig, sich in Askese zu üben und Verzicht zu üben.

    Es würde schon reichen, sich endlich mal ins Zeug zu legen, um nach den Alternativen zu suchen (wer sucht, der findet), die nachhaltigen Konsum ermöglichen.

    Wünsche Ihnen und uns alles Gute und viel Erfolg bei Ihrer Arbeit!“

  • Alfalfa?^^ Oder vielleicht Falafel?

  • Geld, Geld, Geld. Immer nur Geld. Scheiße.

    Wofür genau steht das heute eigentlich noch?

    Um unser aller Überleben zu sichern? Um das „Wachstum“ zu messen?

    Was für ein „Wachstum“?

    Man muss ja nicht gleich ganz so weit gehen wie kürzlich in einem HBO-Artikel zu lesen http://www.handelsblatt.com/finanzen/anlagestrategie/trends/dirk-mueller-zum-boersencrash-ob-wir-in-einen-baerenmarkt-laufen-ist-laengst-nicht-entschieden/12243200.html beschrieben (Auszug: „Geisterstädte im Nirgendwo bauen, Autobahnen ins Nichts bauen, sich 60 oder 70 Prozent Leerstandsquoten leisten. Das spielt alles keine Rolle, wenn die Preise immer weiter steigen.“).
    (Der Autor meinte da übrigens China.)

    Wozu (oder besser: für wen?) sollen solche Ressourcen- und Umweltvernichtungsaktionen gut sein?

    WENN, wie gestern und heute gleich aus mehreren Medien zu erfahren, 1 EURO, der DIREKT vor Ort in den Krisengebieten bzw. in den Flüchtlingslagern der Nachbarstaaten (die nach wie vor die wichtigste Zuflucht vor dem Krieg sind) angelegt wird, um das Leben für die Menschen dort in den Flüchtlingslagern etwas erträglicher zu machen (und so den Fluchtdruck zu minimieren) AUSGEGEBEN WIRD SOVIEL BRINGT WIE 10-20 EURO; DIE HIER AUSGEGEBEN WERDEN:

    Warum, um Himmels Willen, kommt man dann nicht endlich aus dem Quark und stellt zügigst noch weit mehr Projekte direkt vor Ort auf die Beine als die, die bisher schon erfolgreich waren??

    Ist das Geld Menschen heute noch für die Menschen da (weil es als Grundlage für Handel und Wirtschaft dient), oder eher umgekehrt?

    Wer braucht einen Großteil des ganzen Zeugs (das meiste?), das heute für „Wachstum“ sorgt, eigentlich wirklich, um glücklich zu sein?

    Ganz ehrlich, ich träume von einer Welt, in der Geld in seiner heutigen Form und Funktion keine Rolle mehr spielt.

    Unser Bundeskanzler a.D. Helmut Schmidt hat ja mal gesagt, wer Visionen habe, solle zum Arzt gehen. So sehr ich „Schmidt-Schnauze“ auch schätze, ich finde, in dem Punkt hat er nicht recht.

  • Interessantes und sachliches Gespräch, hatten wir lange nicht mehr. Sehr schön!

    Vom Widerspruch im ersten Satz der ersten Antwort mal abgesehen (was vermutlich auf die Nervosität und einer schlampigen Ausdrucksweise zurückzuführen ist und daher nicht überbewertet werden sollte), hätte ich nur zu der Aussage, nach der es politischer Selbstmord wäre, auf die Notwendigkeit einer Rente mit 70 hinzuweisen, folgendes zu sagen: es hinge davon ab, an wem man sich wendet. Ein Selbstständiger, der mit keiner Betriebsrente rechnen kann, verstünde das viel besser als ein Beamter oder Angestellter, besonders, wenn diese ihre Arbeit ungerne verrichten. Schon heute ist ein überproportionaler Teil des Vermögens in Deutschland von Selbstständigen erarbeitet worden (wird im Interview auch erwähnt), ich glaube, die These ist nicht zu gewagt, wenn man annimmt, das diese Menschen auch in der Tendenz politisch engegierter sind und deren Wahlbeteiligung höher liegt, als beim Durchschnitt. Eine sog. Volkspartei oder gar eine populistische Linke/Alfalfa/AfD wird sowas nicht im Parteiprogramm sehen wollen, aber eine Partei, die sich früher als kleiner Koalitionspartner engagierte könnte das heute noch, wenn sie sich nicht selber demontiert hätte. Vielleicht nimmt jemand diese Fackel wieder auf und reicht sie an die nächste Generation weiter. Da es eine sachlich notwendige Politik ist und es mehr Geld in die Kassen des Staates spülen würde, würde der größere Koalitionspartner sicher dies gerne umsetzen, wenn er nur nach Außen den Eindruck vermitteln könnte, es sei die "Schuld" des anderen. Mir erscheint eine Rente mit 70 jedenfalls nicht politisch undurchsetzbar und sogar viel wahrscheinlicher als ein bedingungsloses Grundeinkommen (was im Interview leider nicht erwähnt wurde und auch sehr spannend wäre)

  • Reichtum ist, wie man an den Geissens bestens sehen kann, gesellschaftlich eben nur als "Wieviel besitze ich" oder "wieviel kann ich heute für einen Salat in Cannes" ausgeben.

    Das die beiden Figuren wie Assis reden und sich unterdurchschnittlich zivilisert verhalten spricht für sich.....

    Der Otto-NV sollte sein eigenens optimales individuelles Zieleinkomen definieren und sich die Frage beantworten, was Ihn "glücklich oder reicher macht". Manch einer fühlt sich schon allein dadurch bereichert, dass er täglich nur sechs Stunden arbeiten muss und den weiteren Teil des Tages mit seiner Familie verbringen oder eigenen Interessen nachgehen kann....und Ihm sein Gehalt für ein schönes Leben + Rücklagen ausreicht.

    Die Geissens "haben" natürlich mehr Geld. Sie geben aber auch viel mehr aus.... Wer braucht schon mehrere Fahrzeuge, die er nicht gleichzeitig fahren kann? Für einen Salat (Vorspeise) 10-15EUR zu bezahlen......klar kann man machen, ob es sein muss ist eine andere Sache. Mehrere Immobilien, in denen man dann zeitweise wohnt?

    Das kann zum Glück jeder für sich entscheiden. Und Hirn, kann man sich auch nicht einfach kaufen, nein, man muss seine Synapsen schon selbst trainieren.

    Was ich immer recht beeindruckend und auffällig finde ist, dass sich diejenigen "Reichen", die relative wenig Hirn besitzen, irgendwelchen Zeitvertreib suchen müssen. Irgendwelche Handlungen, die sie von "Langer Weile" und dem bewussten (Genuss im) Leben ablenken.

    Eine Feier hier, dann schnell Jetski da, fix hier was essen gehen, dann da ein Boot besichtigen. Zuahuse schnell ne Party machen, viele Leute einladen, zeigen was man hat, dann schnell nach Dubai Hochhaus gucken, dann wieder mit dem Heli zurück, um irgendeine neue Investition furs Geld zu suchen........und ehe die sich dann umdrehen und sich mal fragen, wie sinnvoll sie die lezten Jahre verlebt und genutzt haben, liegen se auch schon im Grabe :-) Was übrigbleibt sind die Silikonbeutel....die vergammeln nicht so schnell :D

  • Ab sofort wieder die Vermögenssteuer erheben.
    Dann zahlen auch Großimmobilien und Großvermögen.
    Es gibt einfache Wege, man muss nur wollen. Genau daran wird es scheitern.

  • Seit Wochen oder gar Monaten das erste gute Interview im hb.

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