Jens Ehrhardt

Der Chef der Vermögensberatung DJE warnt vor der Politik der Notenbanken.

(Foto: Thomas Dashuber für Handelsblatt)

Vermögensverwaltung „Kurskorrektur bis 10 Prozent“ – Geldmanager Ehrhardt warnt vor unruhigen Zeiten

Der Chef der Vermögensberatung DJE spricht über unruhige Zeiten, Gefahren für Anleger und darüber, was jetzt mit der eigenen Geldanlage zu tun ist.
Update: 22.08.2018 - 17:00 Uhr 1 Kommentar

MünchenFester Blick aus graublauen Augen, die Stirn zwischen den Brauen zusammengezogen: Jens Ehrhardt zeigt sich meist kritisch, nicht euphorisch. „Das kann noch glattgehen – aber ich bin vorsichtig, auch wenn es ein paar Punkte Performance kostet“, lautet daher seine Einschätzung an einem Sommerabend in Frankfurt vor Kollegen aus der Fondsbranche und Journalisten.

Der 76-jährige promovierte Ökonom und Fondsmanager führt gemeinsam mit seinem Sohn Jan die Vermögensverwaltung DJE Kapital in München. Jens Ehrhardt hat aus über 3000 Indikatoren ein Researchmodell entwickelt, Jan hat es verfeinert und digitalisiert. Beide managen die Fonds des Hauses. Der Senior beschäftigt sich seit fast 50 Jahren leidenschaftlich mit der Börse – keine Spur von Müdigkeit, kein Wort über den Zeitpunkt einer kompletten Übergabe an den Junior.

Herr Ehrhardt, den Aktienmärkten geht offenbar die Luft aus, die Sparzinsen bleiben nahe null, aber die Inflation zieht an. Wo sollen da noch Erträge herkommen?
2018 ist bisher mehr oder weniger ein Jahr, das Anlegern außer Kursschwankungen nichts bringt. Auch unter den Vermögensverwaltern hat keiner bisher richtig gut verdient – außer denen, die massiv auf Aktien der großen Technologie-Konzerne setzen.

Was kann noch passieren in diesem Jahr?
Es ist Zeit, sich vorsichtig aufzustellen. Denn es gibt diverse Risiken, die in den kommenden Wochen und Monaten die Kurse von Aktien und Anleihen unter Druck bringen können. Da kann sich etwas zusammenbrauen. Eine Kurskorrektur bis zehn Prozent wäre nicht ungewöhnlich. Am Jahresende sehe ich den deutschen Leitindex Dax zum Beispiel aber wieder ungefähr auf dem Niveau vom Jahresanfang.

Wo nehmen Sie den Optimismus her, dass sich der Dax so schnell wieder fängt?
Die Aktien aus dem Dax sind im historischen Vergleich niedrig bewertet. Und es fehlt an Anlagealternativen.

Wo sehen Sie die größten Gefahren?
Bei den Notenbanken: Der Rückenwind ihrer jahrelangen Niedrigzinspolitik ist abgeflaut. Die US-Notenbank Fed tritt auf die Bremse: Bis Ende 2019 wollen die Währungshüter unter ihrem Chef Jerome Powell fünfmal den Leitzins erhöht haben. Außerdem entziehen sie der Wirtschaft und dem Finanzsystem rund 900 Milliarden Dollar Liquidität.

Zusammengenommen entspricht dies insgesamt einem Zinsanstieg von fünf Prozentpunkten. Deutlich höhere Zinsen bedeuten Gegenwind für Aktien: Dadurch müssen sich Unternehmen teurer finanzieren, da die US-Banken den höheren Zins weitergeben. Solche Gewinnbelastungen verunsichern auch die Aktienanleger.

Wird die Zinserhöhung wirklich wie geplant kommen? Donald Trump moniert schließlich bereits zu hohe Zinsen.
Ja, vor seiner Wahl hat er die damalige Fed-Chefin Janet Yellen noch bezichtigt, eine zu lasche Politik zu niedriger Zinsen zu steuern. Da lag die Inflation auch schon bei rund zwei Prozent. Nun fordert er bei einem Preisanstieg von 2,9 Prozent das Gegenteil. Trump will damit vermutlich die Weichen für die Parlamentswahlen im November stellen.

Sind die Notenbanken also Spielball der Politik?
Die Unabhängigkeit der Notenbanken nimmt weltweit klar ab. Bei Powell bin ich mir aber nicht sicher. Trump hat ihn zwar eingesetzt, aber von einem Powell-Put, also Rücksicht auf Wall Street, spürt man noch nichts. Deshalb ist die Fed auch der Hauptgrund, vorsichtig am Aktienmarkt zu sein.

Und die Europäische Zentralbank?
Mario Draghi und Kollegen agieren ebenfalls nach den Wünschen der Politiker: Der EZB-Chef spricht zwar davon, dass es Zeit sei zu handeln. Aber bisher bleibt seine ultralockere Geldpolitik ein Instrument, um die Konjunktur in der Euro-Zone anzukurbeln. Die Steuer- und Haushaltspolitik in der Währungsgemeinschaft setzt hier ja keine Impulse. Ein EZB-Chef Jens Weidmann wäre hier sicher strenger.

Welche Risiken sehen Sie noch?
Trumps angezettelte Handelskonflikte können sich leicht zu einem Handelskrieg ausweiten. Der IWF schätzt, dass allein US-Importzölle 0,5 bis ein Prozent des Weltwirtschaftswachstums kosten können. In diesem Fall sind die Ökonomen nicht zu pessimistisch. Im Zeitalter weltweit eng verflochtener Handelsströme leidet ein weit verzweigtes Exportfirmen- und Zulieferernetz besonders stark unter den Beschränkungen.

Das war in der Wirtschaftskrise der 30er-Jahre, als die Amerikaner Handelshemmnisse aufbauten, noch ganz anders. Trumps Drohungen gegen den Welthandel belasten auch psychologisch: Unternehmer halten Investitionen zurück, weil sie zunächst abwarten wollen, was wirklich passiert. Zuletzt scheint Trump in Richtung Europa kompromissbereiter, aber Richtung China wird er auch aus geopolitischen Gründen den Handel torpedieren.

Auf welche Art und Weise?
Bei Drohungen auf Zölle für alle China-Importe von über 500 Milliarden US-Dollar werden die Chinesen mit Abwertungen antworten. Wenn die chinesische Währung, der Yuan, wie 2016 weiter fällt, könnte das Ängste bei Anlegern auslösen. Risiken stecken auch in den hohen Firmenschulden, die zu Pleiten und damit Ausfällen von Firmenanleihen führen können. China steuert aber schon dagegen und lockert die Bedingungen für die Vergabe von Krediten mit hohen Liquiditätsinjektionen.

Und was ist mit Risiken vor der Haustür, in Europa?
Das gewichtigste Problem der Euro-Zone ist Italien: Die dortige Politik kann die Währungsgemeinschaft destabilisieren. 70 Prozent der Italiener wollen ihr Land nationalistischer aufstellen, die Hälfte will aus der Euro-Zone austreten. Die 25 Jahre vor der Euro-Einführung hat die Lira gegen DM um rund 80 Prozent abgewertet.

So hat Italien damals Probleme, wie Wettbewerbsfähigkeit und Arbeitslosigkeit, gelöst. Viele Italiener glauben, wirtschaftliche Probleme so wieder lösen zu können. Und eine geplante großzügige Ausgabenpolitik in Rom, die durch die Ausgabe neuer Staatsanleihen finanziert werden soll, könnte die Kurse der Papiere am Markt auch in der ganzen Euro-Zone unter Druck bringen. Das hieße Verluste für Anleger.

Wie groß ist die Gefahr einer Panik unter Anlegern, eines Crashs an den Aktien- oder Anleihemärkten?
Ganz ausschließen kann man das nie. Aber aktuell dürfte es eher unwahrscheinlich sein: Denn viele Anleger sind vorsichtig – sie erinnern sich an die letzten Baissen 2000 und 2007. Sie sind nicht mit ihrem gesamten Kapital am Markt investiert. Etwa aus den Schwellenländern haben Investoren schon massiv Kapital abgezogen, weil sie Turbulenzen fürchten.

Die Erfahrung vor dem Platzen der Blase bei den Internetaktien zur Jahrtausendwende zeigt ja, dass die Gefahr eines Absturzes an den Börsen besonders hoch ist, wenn zu viele Investoren euphorisch kaufen und keine Gefahr mehr wahrnehmen. Die Märkte sind aber jetzt nicht durch ungesunde Euphorie – außer bei US-Tech-Aktien – gekennzeichnet. Einen Crash halte ich daher für weiter unrealistisch, es sieht eher nach einer Herbstkorrektur aus.

Wie haben Sie zur Jahrtausendwende investiert?
In Aktien mit starker Substanz in der Bilanz und mit hoher Dividende – zum Beispiel in Rohstoffwerte oder den Dünger- und Salzkonzern K+S. Technologietitel hatten wir vor dem Platzen der Blase verkauft – die Bewertungen waren uns unheimlich. Heute klettern die Kurse von Technologieaktien auch immer weiter, sind allerdings nicht ganz so teuer wie 2000. Ein weiterer Unterschied ist, dass die großen führenden Konzerne Milliardengewinne schreiben. Mir sind fundamentale Einflussfaktoren auf die Aktienkurse wie die Bewertung und die Wachstumsaussichten immer wichtig.

Wo erkennen Sie heute Parallelen zu vergangenen Krisen?
Gefahr für die Aktienkurse besteht immer, wenn die Notenbanken schnell den Leitzins hochziehen. Angefangen von vor 1929, als die Fed den Zins um fünf Prozent anhob, war das bis heute immer so. Anfang der 70er-Jahre hob die Bundesbank den Leitzins an bis auf sieben Prozent, die Fed Anfang der 80er-Jahre sogar auf das doppelte Niveau.

Die 70er-Jahre waren eine verschenkte Dekade für Aktien, deren Kurse infolge von Ölkrise, Inflation und anziehenden Zinsen immer wieder abstürzten. Steigende Leitzinsen, wie heute in den USA, können sich auch zum Börsenproblem entwickeln. Auch wenn die Zinsstrukturkurve – das Verhältnis von kurzfristigen zu langfristigen Zinsen – invers wird, ist Vorsicht geboten. Anfang der 70er-Jahre habe ich meine Doktorarbeit über solche monetären Einflussfaktoren für die Aktienmärkte geschrieben – das waren damals noch völlig unbekannte Zusammenhänge.

Gerade gleichen sich ja kurz- und langfristige Zinsen an. Ein Alarmsignal?
Ja, aber die Kurve ist noch nicht invers – was ein Signal für eine Rezession und damit für einbrechende Kurse wäre. In den USA beträgt der Zinsabstand zwischen zwei- und zehnjährigen Staatsanleihen 0,3 Prozentpunkte, in Deutschland 0,9 Prozentpunkte.

Und was lehrt die Finanzkrise 2008?
Die damalige Angst der Anleger vor Pleiten bei Banken ist heute nicht zu erkennen. Damals war es klug, als Geldparkplatz statt Festgeld kurzfristige Staatsanleihen zu nutzen. Gold galt ebenfalls als Fluchtburg vor der Entwertung von Papiergeld. Das ist heute noch nicht akut – es sei denn, eine Krise in Italien löst einen Bank-Run aus und steckt die Euro-Zone an.

Wie legen Sie Ihr Kapital denn jetzt an?
Wir haben unseren Aktienanteil verringert und rund ein Fünftel des Kapitals in Liquidität geparkt. Anleihen in US-Dollar-Papieren, die schon wieder etwas Rendite bringen, machen nur rund ein Zehntel aus. Unsere Aktienquote besteht gewichtig aus unterbewerteten Titeln mit oft guter Dividendenrendite. Die teuren Technologietitel haben wir zu einem guten Teil abgebaut.

Herr Ehrhardt, vielen Dank für das Gespräch.

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1 Kommentar zu "Vermögensverwaltung: „Kurskorrektur bis 10 Prozent“ – Geldmanager Ehrhardt warnt vor unruhigen Zeiten"

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  • 10% Minus prophezeit der große alte Mann der Investmentsfonds, tolle Weisheit,das ist doch ganz normal und sollte niemanden zittern lassen ;-)

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