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Wertpapierhandel mit Apps Die versteckten Kosten der Neobroker

Die jungen Handelsplattformen werben mit niedrigen Ordergebühren. Doch verdient wird das Geld auf einem anderen Weg – was den Neobrokern Kritik von EU-Aufsehern einbringt.
14.07.2021 - 15:44 Uhr 2 Kommentare
Immer mehr Menschen begeistern sich für die Aktienmärkte. Quelle: Moment/Getty Images
Börsenkurse auf dem Smartphone

Immer mehr Menschen begeistern sich für die Aktienmärkte.

(Foto: Moment/Getty Images)

Frankfurt Mit einfach gehaltenen Smartphone-Apps erleichtern Neobroker vielen Anlegern den Einstieg an der Börse. Unternehmen wie Trade Republic, Scalable Capital, Justtrade und Co. tragen dazu bei, dass sich immer mehr Menschen erstmals mit den Aktienmärkten beschäftigen und so im Niedrigzinsumfeld Alternativen zum Sparkonto mit größeren Renditechancen kennen lernen.

Dass die Neobroker dabei auch mit provisionsfreiem Handel werben, kommt aber nicht überall gut an. „Im Wirtschaftsleben werden Produkte oder Dienstleistungen äußerst selten wirklich kostenlos bereitgestellt“, sagt Peter Gomber, Professor an der Universität Frankfurt. Manchmal müsse man eben zweimal hinschauen, bevor man sieht, wie man doch zahlt.

Der günstige Wertpapierhandel wird auch deshalb möglich, weil die Broker Vergütungen von ihren Handelspartnern für das Weiterleiten der Kundenaufträge erhalten. Kritiker sehen hier Interessenkonflikte. Auch die EU-Kommission und die europäische Finanzmarktaufsicht Esma hat das auf den Plan gerufen: Sie wollen das Geschäftsmodell genauer prüfen.

„Die Rückvergütungen lassen ernsthafte Sorgen um den Anlegerschutz aufkommen“, erklärte die Esma am Dienstag. In vielen Fällen sei es unwahrscheinlich, dass diese Praxis mit den Wertpapiergesetzen in der Europäischen Union vereinbar ist. Die Aufseher in den Mitgliedstaaten sollten dieses Thema 2021 oder Anfang 2022 vorrangig im Blick haben.

Für Anleger ist es nun wichtig, die Zusammenhänge dahinter zu verstehen. Im Folgenden daher Antworten auf die wichtigsten Fragen.

1. Neobroker werben für den Wertpapierhandel ohne Ordergebühren. Warum ist ihr Angebot dennoch nicht kostenlos für Anleger?

Die Neobroker verlangen zwar keine oder nur geringe Ordergebühren von ihren Kunden. Stattdessen erhalten sie für das Weitergeben von Kundenorders an bestimmte Handelsplätze oder Börsen Zahlungen von den sogenannten Market Makern. Deren vorrangige Aufgabe ist, den Handel von Wertpapieren an einem bestimmten Handelsplatz sicherzustellen.

Für die Ausführung der Kundenaufträge stellt der Market Maker Geld- und Briefkurse, also unterschiedliche Kauf- und Verkaufspreise. Aus der Spanne zwischen Geld- und Brief-Kurs, dem Spread, ergibt sich sein Gewinn, den er mit dem Broker über die Rückvergütung teilt.

Während der Börsen-Handelszeiten müssen sich die Kurse der Market Maker am Referenzmarkt orientieren. Bei deutschen Aktien und ETFs ist dies Xetra, das elektronische Handelssystem der Deutschen Börse. Oft können Anleger aber auch außerhalb der Börsenöffnungszeiten handeln – und dann wird das Geschäft für die Market Maker lukrativ.

Alexander Braun, Digitalexperte bei der Beratungsfirma Capco, sagt: „Dass der Handel auch zu Randzeiten möglich ist, bietet für Anleger mehr Flexibilität und damit auch einen Mehrwert. Die Neobroker sollten allerdings klar kommunizieren müssen, dass die Gefahr besteht, dass die Kunden zu diesen Zeiten schlechtere Kurse bekommen können.“

Erik Podzuweit, Mitgründer von Scalable Capital, räumte das im Handelsblatt-Gespräch kürzlich ein: „Wer frühmorgens oder spätabends handeln will, muss größere Spreads akzeptieren.“ Das sei bei anderen Produkten auch so: Wer eine Milch tagsüber beim Discounter kauft, zahle weniger als nachts beim Späti. Untersuchungen zeigten aber immer wieder, dass sich die Preise auf verschiedenen Handelsplätzen während der Xetra-Öffnungszeiten nicht unterschieden, sagte Podzuweit.

2. Warum können die Rückvergütungen ein Problem für Anleger darstellen?

Auch etablierte Broker verdienen mit Rückvergütungen Geld; bei den Neobrokern bilden sie aber oft die wichtigste Einnahmequelle. Sichtbar wird dies im kürzlich veröffentlichten Börsenprospekt des US-Anbieters Robinhood, der auch deutschen Neobrokern als Vorbild dient. Im Jahr 2020 machten Rückvergütungen dort 75 Prozent der Erlöse aus, im ersten Quartal 2021 sogar rund 81 Prozent. Auch in den USA ist das Geschäftsmodell daher umstritten.

Das liegt vor allem an den möglichen Interessenkonflikten. Kritiker bemängeln, dass diese Zahlungen zu Nachteilen für Anleger führen könnten. Grundsätzlich sind die Broker zwar verpflichtet, die Aufträge so auszuführen, dass für die Kunden das bestmögliche Ergebnis erzielt wird. „Bei der Frage, an welchen Handelsplatz beziehungsweise Market Maker sie Aufträge weiterleiten, sollten sie sich nicht von der Höhe der Rückvergütung leiten lassen“, heißt es in der Juni-Ausgabe des „Bafin-Journals“.

Für Gomber von der Universität Frankfurt ist diese Vorgabe der ,Best Execution‘ allerdings „ein zahnloser Tiger, solange Kunden, Aufsichtsbehörden, Wirtschaftsprüfer und Akademiker nicht nachprüfen können, ob wirklich das bestmögliche Ergebnis erzielt wird“. Sinnvoll wäre aus seiner Sicht, wenn „auf der Wertpapierabrechnung des Kunden sowohl der Ausführungspreis als auch der mögliche Preis auf dem Referenzmarkt zum Ordereingangszeitpunkt ersichtlich wären und dies auch von neutraler Stelle nachvollzogen werden kann“.

Bisher müssen die Broker den Referenzkurs nicht angeben. „Soweit ein Kunde Zweifel daran hat, dass sein konkreter Auftrag nach der Best-Execution-Policy ausgeführt worden ist, ist der Broker verpflichtet, dem Kunden dies auf Anfrage darzulegen“, betont jedoch eine Sprecherin der Finanzaufsicht Bafin.

Braun von Capco hält es zudem für problematisch, dass Anleger bei den Neobrokern recht einfach hochriskante Finanzprodukte wie Optionsscheine handeln können. „Hier dürften auch die Rückvergütungen besonders hoch ausfallen“, meint er. Sie seien folglich ein Incentive für die Broker, diese Geschäfte voranzutreiben. Aus seiner Sicht sollte die EU die Höhe der Rückvergütungen hier begrenzen. Neobroker wie Trade Republic betonen jedoch, dass der Großteil ihrer Kunden nicht auf riskantere Produkt setzt, sondern vor allem in ETF-Sparpläne investiert.

3. Warum können Market Maker generell zu schlechteren Kursen für Anleger beitragen?

Hochschullehrer Gomber bewertet es kritisch, dass ein immer größerer Teil der Privatkundenaufträge über Market Maker abgewickelt wird. Denn dadurch vergrößern sich tendenziell die Geld-Brief-Spannen. Das liege daran, dass sich die Kursrisiken erhöhten, wenn relativ weniger Privatkunden und relativ mehr informierte Akteure auf dem Referenzmarkt handelten, sagt er.

Ein Beispiel: Als informierter Anleger gilt ein Verkäufer, der große Aktienpakete in Teilschritten loswerden will. Ein potenzieller Käufer, der weiß, dass hauptsächlich informierte Verkäufer auf dem Referenzmarkt aktiv sind, wird geringere Preise bieten, da er fürchten muss, dass der Kurs bei weiteren Verkäufen fällt.

Ein Problem sieht Gomber auch bei Limit-Orders. Anleger legen hier den Mindestpreis, zu dem sie verkaufen beziehungsweise den Höchstpreis, zu dem sie kaufen wollen, fest. Es könnte nun passieren, dass Limit-Orders auf dem Referenzmarkt nicht ausgeführt werden, weil Market Maker Orders auf den Alternativmärkten zu diesem Limit vorher ausführen: „Dadurch wird der Handel auf dem Referenzmarkt weniger attraktiv, die Preisqualität wird schlechter – und das Geschäft der Market Maker wird profitabler“, sagt Gomber.

Wie groß die Auswirkungen auf die Preisqualität jetzt schon sind, lasse sich schwer sagen, meint er. Klar sei aber, dass die Market Maker-Börsen wie Tradegate, Gettex und Quotrix während der Corona-Pandemie deutliche Marktanteile gewonnen haben.

„Je mehr Geschäft künftig über außerbörsliche Handelsplätze laufen wird, desto weniger aussagekräftig sind die Kurse auf dem Referenzmarkt“, ergänzt Braun von Capco. Der Regulator müsse daher überlegen, wie dann ein geeigneter Referenzpreis aussehen könnte. Auf längere Sicht geht der Berater allerdings davon aus, dass „die Kundenaufträge aller elektronischen Handelsplätze in Deutschland ohnehin in einem System zusammenfließen werden“.

4. Anleger profitieren bei den Neobrokern vom Wegfall der Ordergebühren. Macht das eine breitere Geld-Brief-Spanne nicht mehr als wett?

Das kommt auf den Einzelfall an. „Bei top-liquiden Werten ist die Geld-Brief-Spanne sehr eng. Für Kunden, die in diesen Werten nur kleine Beträge während der Öffnungszeiten der Referenzmärkte handeln, ist der Wegfall der Provision vorteilhaft“, sagt Gomber.

Bei weniger liquiden Werten, höheren Ordervolumina und Handel außerhalb der Hauptzeiten habe die Geld-Brief-Spanne hingegen eine große Bedeutung. „Hier sollten sich Kunden genau überlegen, ob eine provisionslose Ausführung für sie auch wirklich zum besten Ergebnis führt“, betont der Finanzexperte. Und sie sollten auf jeden Fall Limit-Orders nutzen.

5. Was könnte sich bei der Überprüfung der Geschäftsmodelle auf EU-Ebene ergeben?

Konkret untersuchen die EU-Kommission und die europäische Finanzmarktaufsicht Esma, ob die Rückvergütungen den Interessen der Kunden entgegenstehen und ob das Geschäftsmodell der Neobroker durch die EU-Finanzmarktrichtlinie Mifid II gedeckt ist. Am Dienstag erinnerte die Esma die Neobroker daran, dass sie ihren Kunden faire, klare und nicht-irreführende Informationen über alle Kosten und Gebühren geben müssten.

Gomber zufolge sei derzeit schwer zu sagen, was bei der Prüfung am Ende herauskommen wird: „Ein europaweites Verbot, Rückvergütungen für Orderweiterleitungen anzunehmen, halte ich nicht für komplett ausgeschlossen.“

Christian Hecker, Mitgründer von Trade Republic, hält das für keine gute Idee, wie er kürzlich im Handelsblatt-Podcast sagte: „Wenn man die Rückvergütungen abschafft, wird es für den Endkunden bei vielen Brokern teurer werden.“ Trade Republic könne den günstigen Wertpapierhandel aber nicht nur wegen der Rückvergütungen anbieten, sondern vor allem weil die IT-Infrastruktur so innovativ und effizient sei.

Auch Gomber meint, dass der Gesetzgeber nicht so weit gehen und Rückvergütungen verbieten müsse. Wichtig seien aber noch mehr Transparenz für den Kunden und einheitliche Regeln in Europa. In den Niederlanden ist die Annahme von Rückvergütungen für Broker beispielsweise nicht erlaubt.

Mehr: Trade Republic, Wefox, Scalable, Mambu: Deutsche Fintechs sammeln dieses Jahr so viel Geld ein wie noch nie

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2 Kommentare zu "Wertpapierhandel mit Apps: Die versteckten Kosten der Neobroker"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Ich kann die Diskussion überhaupt nicht verstehen. Unter https://a16z.com/2021/02/17/payment-for-order-flow/ ist das Thema PFOF sehr schön erläutert und zusammengefasst.

    In der heutigen Welt bekommt doch jede Bank, jeder Broker in Deutschland, selbst der zentrale Abwickler der Sparkassen und Raiffeisenbanken dwpbank Rückvergütungen von den Handelsplätzen ausbezahlt. In Summe sorgen diese Einnahmen dafür, dass der Wertpapierhandel in Gänze für den Kunden günstiger und besser wird.

    Jeder Kunde kann doch frei entscheiden, an welchem Handelsplatz und zu welcher Uhrzeit er seine Order erteilt. Zudem hat Mifid2 doch dafür gesorgt, dass alle Kosten transparent vor Ordererteilung angezeigt werden.

  • Gute Kritik an Neobrokern!
    Wichtig zu beachten ist grundsätzlich bei Market Makern - Sie bestimmen die Kurse quasi unabhängig von den Börsen.
    Gerade, wie gut beschrieben, in Randzeiten werden auch Kurse zum massiven Nachteil der Kunden festgelegt. Da kann es z.B. bei einer Stopp Loss Order der Kurs mal für ein paar Sekunden unter das Limit geht, nur damit die Stopp Loss Order ausgeführt wird. Danach erholt sich der Kurs durchaus wieder sehr schön.

    Mein Tipp - IMMER ÜBER GROSSE BÖRSEN WIE XETRA HANDELN - oder zumindest dagegen prüfen, bevor man einen Kurs akzeptiert!

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