Whitney Tilsons Dieser Hedgefonds-Manager will, dass andere aus seinem Scheitern lernen

Fehlgriffe bei Google, Netflix, Tesla: Investor Tilson konnte den Markt nicht mehr schlagen und schloss seinen Hedgefonds. Nun wird er Lehrmeister.
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Zur besten Zeit verwaltete er 200 Millionen Dollar. Quelle: Bloomberg
Whitney Tilson

Zur besten Zeit verwaltete er 200 Millionen Dollar.

(Foto: Bloomberg)

New YorkWhitney Tilson geht hart mit sich ins Gericht. Zum einen waren da die strategischen Fehler: „Ich war eine Ein-Mann-Show, habe nie einen Marketingmanager eingestellt, der um neue Kunden wirbt. Ich habe alles selber gemacht und war am Ende zu dünn aufgestellt“, erinnert er sich. Schließlich hätte er seine ganze Aufmerksamkeit dem Investieren widmen sollen. „Wer die Märkte nur eine Minute aus den Augen lässt, der wird bestraft.“

Und dann waren da die Fehlentscheidungen im Investment: Beim Streamingdienst Netflix hat er 2010 zunächst auf fallende und später auf steigende Kurse gesetzt – doch zu früh verkauft. Die Tesla-Aktie shortete er 2014 genau zur falschen Zeit – das Papier des Autobauers schoss kurz darauf 40 Prozent in die Höhe.

Den Börsengang von Google 2004 stempelte er als „gehyped“ ab und prophezeite Investoren, „die dumm genug sind mitzumachen“, große Enttäuschungen. Längst ist klar: „Es war meine größte Fehlentscheidung aller Zeiten.“

Es sind Worte, die man nicht oft von einem Hedgefondsmanager hört. Schließlich kennt man sie eher als abgebrühte Zocker, die Hunderte Millionen oder gar Milliarden darauf setzen, dass Aktien steigen oder fallen und so satte Gewinne einfahren.

Tilson spricht die Worte aus, weil er nicht mehr zu den Zockern gehört. Im Herbst hat er seinen Hedgefonds, Kase Capital, wegen Erfolglosigkeit liquidiert. Und er ist nicht allein. Seit 2015 schließen jedes Jahr mehr Hedgefonds, als neue eröffnet werden.

Der große, schlaksige Mann mit dem bubenhaften Lächeln war zwar ein kleinerer Spieler – zur besten Zeit verwaltete Tilson 200 Millionen Dollar. Und doch geben seine Erlebnisse einen wichtigen Einblick in die Probleme, mit denen auch die Stars der Szene wie Bill Ackman und David Einhorn kämpfen.

Immobilien-Crash vorhergesagt

Tilson empfängt in seinem Wohnzimmer an Manhattans Upper East Side, nicht weit vom Central Park. In einem Korbsessel philosophiert er über die Vergangenheit. Als „Value Investor“ ist er erfolgreich geworden. Ähnlich wie sein Vorbild Warren Buffett hat er in Unternehmen investiert, deren Aktienkurse vorübergehend unter Druck waren, und am Ende Kasse gemacht, als die Probleme beseitigt wurden.

Aus einer Million Startkapital hat er so 200 Millionen Dollar gemacht. Er hat Bücher geschrieben über „Die Kunst des Value Investing“, „Sechs Wege, um von der Hypothekenkrise zu profitieren“ und „Poor Charlie’s Almanack“, eine Sammlung über die besten Weisheiten von Buffetts Geschäftspartner Charlie Munger.

Tilson hat das Platzen der IT-Blase vorhergesagt ebenso wie den Crash auf dem Häusermarkt 2007. „Ich habe immer so angelegt, dass ich den schlimmsten Sturm überstehe“, erinnert er sich. Doch es war ausgerechnet ein neun Jahre anhaltender Bullenmarkt, der seine Karriere als Stock-Picker beendete.

Jahrelang lieferte er schlechtere Renditen als der breit gefasste Aktienindex S&P 500. Im vergangenen Herbst, als er seinen Fonds liquidierte, lag er acht Prozent im Minus. Der S&P dagegen hatte 14 Prozent zugelegt. „Investoren haben geglaubt, ich sei ein Loser, und haben ihr Geld abgezogen. Da habe ich mich auch wie ein Loser gefühlt“, gesteht Tilson.

Die Erfolglosigkeit drückte immer stärker aufs Gemüt. Am Ende habe er das Gefühl gehabt, „mein Hedgefonds nimmt mir alle Lebensfreude“. Wäre es nur eigenes Geld gewesen, hätte er damit besser leben können, sagt Tilson. Doch das Geld seiner Investoren zu verlieren tat weh. Sie hätten ihr Geld besser in einen günstigen ETF gesteckt, der den S&P 500 abbildet, und locker zweistellige Renditen eingefahren.

Tilson ist in bester Gesellschaft. Greenlight Capital, der sieben Milliarden Dollar schwere Hedgefonds des einstigen Wunderkinds David Einhorn ist in diesem Jahr 15 Prozent im Minus und hat in den vergangenen zwei Jahren Abflüsse in Höhe von rund drei Milliarden Dollar verschmerzen müssen.

Bill Ackmans Pershing Square ist knapp sechs Prozent im Minus, er ist gerade dabei, seinen acht Milliarden Dollar schweren Fonds deutlich zu verkleinern. „Ich war noch nie in einer Leichenhalle, aber so ähnlich würde ich die Stimmung in der Branche beschreiben“, sagt Tilson.

Vom Zocker zum Dozenten

Der 51-Jährige baut nun seine zweite Karriere auf. Er hat ein Weiterbildungsinstitut gegründet, das die Hedgefondsmanager von morgen ausbilden soll. Kase Capital hat er kurzerhand in Kase Learning umgewandelt. In Seminaren erklären Tilson und Gastdozenten die Hedgefonds-Welt.

„Wie man einen Investmentfonds startet und aufbaut“, heißt ein eintägiges Seminar, Kosten: 2000 Dollar. Und für diejenigen, die es ganz genau wissen wollen, hat Whitney ein dreitägiges Bootcamp zusammengestellt mit dem vielversprechenden Titel: „Lehren von der Front – über Value Investing, Unternehmertum und das Leben“.

Tilson erklärt: „Investieren ist heute immer noch, wie in die Lehre zu gehen.“ Doch was sei mit all denen, die keinen Job bei einer etablierten Firma bekämen? „Wie sollen sie das lernen, was sie brauchen, um überhaupt eine Chance zu haben, erfolgreich zu sein?“ Er unterrichte nun genau das. Und kenne auch niemand anderen, der so was tut.

Nicht alle seiner Ex-Kollegen halten das für eine gute Idee. „Was soll der den jungen Leuten schon beibringen? Wie es nicht geht?“, lästert ein Hedgefondsmanager, der anders als Tilson noch zweistellige Renditen erwirtschaftet. „Warum müssen sich ausgerechnet diejenigen ins Rampenlicht stellen, die es nicht geschafft haben?“

Doch Tilson lässt sich nicht beirren. Er genießt die Aufmerksamkeit, sucht sie jetzt noch mehr als früher. Eine Konferenz Anfang Mai über die Kunst des Shortsellings war ausverkauft. Zu Buffetts Hauptversammlung organisierte er eine Abendveranstaltung für ehemalige Schüler.

Sein Buch über seine Erfahrung als Hedgefondsmanager ist in Arbeit, und im Juni startet sein neuester Kurs: Er will Schülerinnen die Grundlagen der Finanzwelt und des Investierens beibringen. Auch eine seiner drei Töchter will teilnehmen. Tilson hat zwar versucht, seine Mädels fürs Investieren zu begeistern, „aber daran bin ich gescheitert“. Die Trading-Konten, die er für sie mit Startkapital ausgestattet hat, haben sie nie angerührt.

Dabei sei es besonders wichtig, mehr Frauen in die Finanzwelt zu bekommen. „So viele Studien haben gezeigt, dass Frauen die besseren Investoren sind, gerade wenn es um langfristiges Anlegen geht“, meint er. Und sieht hier schon wieder die nächste Geschäftsidee.

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