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Wissenschaftler Henry Schäfer im Interview „Jeder versucht, sich rein zu waschen“

Der Finanzprofessor glaubt, dass die Politik die Finanzbranche beim Thema Nachhaltigkeit in Haftung nehmen will – dabei müssten die Bürger ihr Verhalten ändern.
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Henry Schäfer sagt, auch beim Thema Nachhaltigkeit verfolge jeder seine eigene Agenda und eigenen Interessen. Quelle: dpa
Windräder in NRW

Henry Schäfer sagt, auch beim Thema Nachhaltigkeit verfolge jeder seine eigene Agenda und eigenen Interessen.

(Foto: dpa)

Henry Schäfer forscht seit mehr als zwei Jahrzehnten zu Nachhaltigkeitsfragen. Der Professor für Betriebswirtschaft an der Universität Stuttgart wagt kontroverse Thesen: Politiker wollten mit Regulierungen, wie dem EU-Aktionsplan für eine nachhaltige Finanzwirtschaft, Verantwortung abwälzen. Am Ende müsse aber jeder Bürger sein Verhalten ändern. Doch solche Vorschriften könnten Politiker nicht wagen.

Herr Schäfer, das Thema Nachhaltigkeit wird immer wichtiger. Auch durch politischen Druck, oder?
Es ist vor allem der EU-Aktionsplan für ein nachhaltiges Finanzsystem. Die Vertreter der Finanzbranche versuchen eher zu verstehen, was da an neuen Regeln auf sie zukommt. Das erzeugt in der Branche aber keinen großen Hurrarufe, denn es bedeutet mehr Berichterstattung und mehr Mitarbeiterschulung.

Sind wir wirtschaftlich und ökologisch auf dem richtigen Weg?
Wir sprechen über sehr kontroverse Themen. Der Ausstieg aus der Kohle hat mit dem Wegfall von Arbeitsplätzen und mit eventuell geringerer Energiesicherheit auch soziale Folgen. Arbeitsplatzverluste sind auch ein Thema bei der Elektromobilität, denn diese Autos können mit viel weniger Beschäftigten gebaut werden.

Gehen die Politiker die Probleme richtig an?
So wie beschrieben, haben das Umweltministerium und das Wirtschaftsministerium entgegengesetzte Ziele. Wir sind hier im internationalen Vergleich in einem Nachteil. Ein Viertel unserer Wirtschaft ist produzierendes Gewerbe. In England oder Frankreich macht es nur ein Zehntel aus.

Ist Deutschland deswegen veränderungsresistenter als andere?
Ja. Aber auch die Gewerkschaften und die Unternehmen haben den nötigen Wandel zu lange boykottiert.

Schäfer sieht vor allem die Bürger in der Verantwortung, ihr Leben nachhaltiger zu gestalten. Quelle: Universität Stuttgart
Henry Schäfer

Schäfer sieht vor allem die Bürger in der Verantwortung, ihr Leben nachhaltiger zu gestalten.

(Foto: Universität Stuttgart)

Den treibenden Kräften pro Nachhaltigkeit geht es immer um eine bessere Welt, oder?
Oft ist das nur ein Deckmantel. Da verfolgt jeder seine eigene Agenda, seine eigenen Interessen. Das gilt natürlich für Nicht-Regierungsorganisationen wie die Deutsche Umwelthilfe. Es gilt auch für die Politiker. Und es gilt selbstverständlich für Teile der Finanzwirtschaft wie Wirtschaftsprüfer, die dringend höhere Margen brauchen und deshalb neue Anforderungen auf diesem Gebiet begrüßen.

Also fehlt Ihrer Meinung nach oft ein echtes Engagement für die Sache?
Es erinnert mich ein wenig an den Ablasshandel im Mittelalter. Jeder versucht, sich rein zu waschen, sich sauber zu kaufen.

Wo liegt denn das eigentliche Problem?
Wir brauchen Verhaltensänderungen. Wir als Bürger müssten anders leben. Doch wir konsumieren ungehemmt. Wir kaufen bei Primark oder Amazon, wir kaufen große Autos, reisen so viel wie noch nie. Ökologisch ist das eine Katastrophe. Aber Politiker können keine Veränderung einfordern, sonst würden sie abgewählt.

Dennoch ist der politische Druck spürbar.
Aber eben nicht auf die Bürger, angesichts der fragilen Mehrheiten in vielen Ländern. Unternehmen wählen nicht. Deshalb ist es weniger gefährlich, wenn man die belastet.

Und die Finanzbranche?
Die bietet aus politischer Sicht einen Zusatzvorteil: Sie ist seit der Finanzkrise sehr schwach. Es gibt hier weit weniger Lobbyisten und schwächere Gewerkschaften als im produzierenden Gewerbe wie in der Automobilindustrie oder im Maschinenbau.

Sie sagen also: Die Politiker spannen die Finanzbranche vor ihren Karren?
Genau, die soll es richten. Und es lenkt außerdem die Verantwortung von den Politikern weg. Diese können dann von den Wählern nicht mehr für Versäumnisse bei Umweltthemen angegriffen werden.

Der Schwarze Peter wäre bei Banken und Geldverwaltern?
Es ist ganz einfach: Die Banken sollen es regeln. Sie vergeben Kredite. Bei der Kreditprüfung wären dann Prüfpunkte auf grüne und nachhaltige Geschäftsprozesse mit entscheidend. Nur wer das grüne Häkchen hat, bekommt auch Kredit zu günstigen Konditionen, oder kann Anleihen zu entsprechend geringerem Zins ausgeben.

Sie würden das kritisch sehen?
Der Geldsektor soll zur Geldlenkung eingesetzt werden. Aber das ist aus politischer Sicht höchstens Aufgabe der halbstaatlichen KfW Bank. Das Motto ist jetzt also: Alles wird KfW.

Und das halten Sie für falsch?
Ja. Die deutsche Industrie hat schon über vier Jahrzehnte viel für die Umwelt getan, Produktion umgebaut, Emissionen gesenkt, angefangen mit einfachen Dingen wie dem Einbau von Filtern in Schornsteine – ohne staatliche Auflagen. Und das ging auch alles ohne den Finanzsektor. Ich frage mich: Warum ändern wir jetzt die Stoßrichtung?

Beim Stichwort Politikerdruck sollte man auch ein Wort über den großen öffentlichen Sektor verlieren.
Da gibt es eine Unwucht. Der sollte Vorbild beim Thema Nachhaltigkeit sein. Aber das Gegenteil ist der Fall: Der öffentliche Sektor hinkt hinterher.

Der politische Wille kommt stark von der europäischen Ebene.
Die EU lassen wir zu sehr gewähren. Sie will ja auch nachhaltige Geldanlagen für Privatleute durchsetzen. Aber wir wissen aus verschiedenen Quellen, dass die Bereitschaft dazu gering ist, von der fehlenden finanziellen Bildung einmal ganz abgesehen. Die Menschen haben ganz andere Probleme, etwa ohnehin wenig Geld und das brennende Thema Altersvorsorge.

Was vermissen Sie bei der Diskussion über das Thema Nachhaltigkeit?
Der nächste Schritt muss sein: Welche sind die wirtschaftlich sinnvollen Hebel, was können wir mit wie viel Einsatz erreichen? Ich war gerade im Urlaub in Laos und Kambodscha. Da können Sie die echten Umweltprobleme mit eigenen Augen sehen. Dort kann man mit wenig Geld sehr viel Nutzen stiften.

Mehr: In einem Vergleich der Nachhaltigkeitsstrategie von Banken schneiden Sparkassen besonders schlecht ab. Spannend ist die Entwicklung der LBBW.

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