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Zahlungsdienstleister Neue Probleme für Wirecard

Auch Zahlungsabwickler haben an betrügerischen Trading-Seiten mitverdient. Für den Dax-Konzern Wirecard könnte das nun Konsequenzen haben.
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Wirecard hat Zahlungen für betrügerische Tradingseiten abgewickelt Quelle: mauritius images / Chris Batson / Alamy
Wirecard-Messestand

Problematische Zahlungen für Trading-Seiten.

(Foto: mauritius images / Chris Batson / Alamy)

München Thomas Merian hat die Worte seines Beraters noch im Ohr. „Die Trades sind absolut todsicher! Und wenn etwas schiefgeht, nehm‘ ich das auf meine Kappe.“ Der angebliche Börsenprofi am Telefon arbeitete für die Onlinetrading-Seite „Option888“. Auf ihr sollte Merian gewinnbringend anlegen, 40.000 Euro, seine ganzen Ersparnisse. Dann ging etwas schief.

Seine Positionen verloren plötzlich an Wert, am Ende war alles Geld weg. Heute weiß der 46-jährige Schweizer, der in Wirklichkeit anders heißt, dass der Verlust kein Börsenpech war. Er hatte vielmehr System. Merian ist einer von mehr als 100.000 Europäern, die Opfer einer internationalen Betrügerbande wurden.

Diese verkaufte angeblich binäre Optionen und andere Finanzprodukte. Tatsächlich wurde auf ihren Trading-Seiten nie gehandelt, stattdessen war das Geld der Anleger mit der Einzahlung verloren. Mindestens 100 Millionen Euro erbeuteten die Cyberkriminellen pro Jahr, schätzt das österreichische Innenministerium.

Ende Februar wurde das Ausmaß des Netzwerks bekannt, nun machen die Fahnder Fortschritte. In Deutschland, Österreich, Bulgarien und Tschechien durchsuchten sie Objekte und sperrten Konten.

Doch nicht nur die Köpfe hinter dem Betrug in Wien und Sofia sind ins Visier der Ermittler geraten, sondern auch deren Zahlungsabwickler. Banken und Finanzdienstleister leiteten über Jahre hinweg die Gelder der Opfer weiter und kassierten dafür Gebühren.

Die Frage ist nun: Haben sie unkritisch hin- oder sogar aktiv weggeschaut? In jedem Fall hielten sie sie das Betrugssystem am Laufen. Vor allem ein bekannter Name fällt dabei immer wieder: der des Dax-30-Konzerns Wirecard.

Wie Handelsblatt-Recherchen zeigen, sehen derzeit mehrere Staatsanwaltschaften Wirecard als einen zentralen Zahlungsabwickler für das betrügerische Trading-Seiten-Netzwerk. Der Konzern aus Aschheim bei München betont, „dass wir ausschließlich Geschäftsbeziehungen führen, die alle regulatorischen Vorschriften erfüllen“. Nicht alle Betrugsopfer wollen das indes glauben – schon bald könnten zivilrechtliche Klagen folgen.

Klar ist schon jetzt: In den Ermittlungsakten taucht Wirecard gehäuft auf, mehrere Staatsanwälte bestätigen die Rolle des Zahlungsabwicklers für betrügerische Trading-Seiten. Die Erfolgsstory des rasant gewachsenen Technologiekonzerns erhält damit einen weiteren Kratzer. In seiner Frühphase wuchs Wirecard durch Geschäfte mit Glücksspiel- und Pornoanbietern.

Nun könnte die Firma zentraler Transaktionspartner von Cyberbetrügern gewesen sein. Haben verantwortliche Manager bei windigen Geschäften aktiv weg- oder zu spät hingeschaut? Für den Konzern, der eben erst einen Bilanzskandal in Singapur hinter sich gebracht hat und mit neuen Plänen durchstarten will, wäre das eine schlechte Nachricht. Den Aktionären, die sich nach dem Absturz auf unter 100 Euro im Februar über zuletzt wieder steigende Kurse freuen konnten, dürfte das nicht gefallen.

Thomas Merian erinnert sich: Von den 40.000 Euro, die er „Option888“ überließ, wurden 6000 Euro per Kreditkarte abgebucht. „Ich habe mein monatliches Kartenlimit verdoppelt.“ Dann war Schluss, der Telefonberater empfahl einen anderen Weg. „Er sagte: ,Schick uns das Geld doch per Banküberweisung. Das ist sowieso besser, mit dem Girokonto kannst du schneller handeln.‘“

Cyber-Betrugsfall aus Österreich zieht weitere Kreise

Kaum war die Zahlungsart umgestellt, ging es fix. Am 3. Mai 2016 wies Merian 5000 Euro per SEPA-Überweisung an, am 18. Mai 3000 Euro, am 27. Mai 12.500 Euro und am 9. Juni 10.000 Euro. Die Empfängerin war immer dieselbe: die Altair Entertainment N.V. mit Sitz in 0000 Willemstad, Curaçao, Karibik. Auch die kontoführende Stelle geht aus den Überweisungsbelegen hervor: „Wirecard Bank, Einsteinring 35, DE-85609 Aschheim“.

Der Cyber-Betrugsfall aus Österreich zieht damit weitere Kreise. Im August 2017 waren Ermittler der Landespolizeidirektion Niederösterreich Zahlungen nachgegangen, die auf ein Konto der Firma „Option888“ mit Sitz auf der Südseeinsel Samoa eingezahlt worden waren. Schnell stießen sie laut ihrem Bericht an die Grenzen virtueller Strafverfolgung: „Aufgrund von Erfahrungswerten wird es vermutlich sehr schwer möglich sein, namentlich Verantwortliche der Fa. ‚Option888‘ ausforschen zu können, da kein offizieller Firmensitz im deutschsprachigen Raum bzw. in Europa vorhanden ist.“ Unstrittig war jedoch der Zahlungsabwickler: „Es ergeht daher das Ersuchen, einen geeigneten Auslandsschriftverkehr betreffend der Wirecard Bank AG einzuleiten.“ Diese solle verpflichtet werden, „Auskünfte über Bankkonten und Bankgeschäfte zu erteilen“.

Im österreichischen Feldkirch zählten die Ermittler im Februar 2018 mehr als 1,6 Millionen Euro, die innerhalb eines Jahres an die Betrüger geflossen waren. Beteiligt war wieder ein Wirecard-Konto. Die Absender, ausschließlich Privatleute, hatten zwischen 1500 und über 450.000 Euro verloren. „Bei den Inhabern jener Firmenkonten, auf die das Geld der Anleger transferiert wurde, handelt es sich (...) um Briefkastenfirmen, ohne fassbaren Zugang zu den Verantwortlichen“, schrieben die Fahnder. Viel Geld war etwa auf das Konto der Firma „Xtrabit“ in Prag geflossen. Doch diese fungierte „lediglich als Postkasten“, Schriftstücke gingen an eine Adresse in Vaucluse, New South Wales, Australien, hinter der sich „eine aktuell leer stehende Villa“ verbarg.

Der Versuch, noch Geld auf dem Wirecard-Konto einzufrieren, misslang. Gegenüber der Staatsanwaltschaft München I, die per Rechtshilfe aktiv geworden war, teilte Wirecard mit: „Das Konto wurde am 10.06.2014 eröffnet und am 02.12.2016 geschlossen.“ Gelder der Geschädigten waren offenbar nicht mehr vorhanden.

Große Zahl an Fällen und Konten

 „Es gibt ein Problem mit Zahlungsdienstleistern. Bei ihnen verquickt sich Legales mit Illegalem“, bilanziert ein österreichischer Staatsanwalt. Wirecard arbeite mit verschiedenen Subfirmen zusammen, die zum Teil rasch wieder geschlossen würden. „Die Verantwortlichen für die Geldströme dingfest zu machen ist da leichter gesagt als getan.“ Inzwischen führt die zentrale Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft in Wien die Ermittlungen „wegen gewerbsmäßig schweren Betrugs und Geldwäscherei“ gegen rund zehn Beschuldigte, Wirecard ist nicht darunter. Die vorläufige Schadenssumme in Österreich: über 35 Millionen Euro.

In Deutschland werden die Ermittlungen an verschiedenen Orten geführt. „Wir haben es mit einer großen Zahl an Fällen und Konten zu tun, über die die Transaktionen abgewickelt worden sind“, sagt Staatsanwältin Victoria Hänel aus Saarbrücken, die die Ermittlungen koordiniert. „Wir haben mehrere Zahlungsdienstleister aufgefordert, Kontoverkehre offenzulegen, darunter auch die Wirecard Bank.“ So hätten die Fahnder eine hohe zweistellige Zahl an Anfragen zur Kontoöffnung gestellt. Ein anderer leitender Ermittler berichtet, Wirecards Bedeutung werde zunehmend deutlich.

Der Dax-Konzern betont jedoch, ordnungsgemäß gehandelt zu haben. „Die Wirecard Bank unterzieht jeden neuen Kunden einer fundierten Customer-Due-Diligence-Prüfung gemäß GwG, ab dem Zeitpunkt der Kundenannahme werden diese fortlaufend überwacht“, erklärte die Firma. GwG ist das Gesetz über das Aufspüren von Gewinnen aus schweren Straftaten (Geldwäschegesetz), „Due Diligence“ bezeichnet eine besonders sorgfältige Risikoüberprüfung. „Sollte ein Verstoß eines Kunden gegen gesetzliche, aufsichtsrechtliche oder interne Vorschriften bekannt werden, werden entsprechend sofortige Maßnahmen ergriffen.“ Zu einzelnen Geschäftsbeziehungen könne die Firma aufgrund des Bankgeheimnisses jedoch keine näheren Angaben machen. Generell habe der Markt für Onlinetrading und binäre Optionen „keine Relevanz in unserem Portfolio“.

Doch Experten fragen sich, ob der Dax-Konzern vielleicht zu schnell gewachsen ist. Der Umsatz stieg zwischen 2008 und 2018 um das Zehnfache: von knapp 200 Millionen Euro auf über zwei Milliarden Euro. Im Herbst 2018 warf Wirecard die Commerzbank aus dem Dax, war zeitweise mehr wert als die Deutsche Bank. Auf dem hart umkämpften Markt für Zahlungsdienstleistungen erwirtschaftet der Konzern hohe Margen.

Finanzprofessor Volker Brühl, Geschäftsführer des Center for Financial Studies an der Frankfurter Goethe-Universität, sagt: „Wirecard ist ungewöhnlich schnell gewachsen, offenbar auch durch Kundenbeziehungen, die andere Finanzdienstleister als unvereinbar mit ihren Unternehmenswerten ansehen.“

Brühl fordert: „Das Unternehmen sollte schon im Eigeninteresse wesentlich mehr Transparenz hinsichtlich Kunden und Geschäftstätigkeit sicherstellen, um Reputationsrisiken abzuwenden.“ Stark wachsende Firmen hätten oftmals Schwierigkeiten, „Organisationsstrukturen, Abläufe und Infrastruktur mit der gebotenen Geschwindigkeit anzupassen“, etwa im Bereich Rechtsabteilung, Revision, Compliance oder Regulierung. Deren Wichtigkeit hatte Wirecard zuletzt betont: CEO Markus Braun kündigte Ende April einen überproportionalen Ausbau der Compliance-Abteilung an.

Bafin warnte vor binären Optionen

Die Finanzaufsicht Bafin hat wiederholt vor Betrug mit Onlinetrading-Seiten und binären Optionen gewarnt. Die Anbieter seien „Teil eines Geschäftsmodells der organisierten Kriminalität. Die Gelder werden schwerpunktmäßig ins osteuropäische Ausland weitergeleitet und sind für die Einzahler meist vollständig verloren“, warnte die Finanzaufsicht. Die Bafin stellte klar: „Solchen Betreiberfirmen ist das Angebot dieser Geschäfte hierzulande nicht gestattet.“

Was heißt das für Wirecard? Auf Anfrage erklärt die Aufsicht, die Zahlungsabwickler müssten die allgemeinen Kundensorgfaltspflichten erfüllen sowie Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung bekämpfen. Hierzu zähle „die Durchführung einer Risikoanalyse, die Schaffung angemessener geschäfts- und kundenbezogener interner Sicherungsmaßnahmen, die Bestellung eines Geldwäschebeauftragten sowie die Geldwäscheverdachtsmeldepflicht, insbesondere Monitoring-Maßnahmen.“ Zur Rolle von Einzelfirmen wie Wirecard will sich die Bafin nicht äußern.

Doch erste Anwälte bringen sich bereits in Stellung. So kommt es möglicherweise bald wegen der Zahlungsabwicklung für betrügerische Trading-Seiten zu Verfahren. Der Berliner Anwalt Istvan Cocron von der Kanzlei CLLB vertritt rund 30 Geschädigte des Komplexes, deren Zahlungen zum Teil über Wirecard abgewickelt wurden. „Wir prüfen derzeit Klagen gegen das Unternehmen“, sagt Cocron. „Gerade erstellen wir ein Gutachten zu den rechtlichen Voraussetzungen für die Geltendmachung von Schadensersatzansprüchen.“

In Wien setzt sich die „European Funds Recovery Initiative“ (EFRI) mit Anwälten aus verschiedenen Ländern für die Opfer von Cyberbetrug ein. Laut EFRI-Chefin und Wirtschaftsprüferin Elfriede Sixt haben sich bereits über 700 Geschädigte von Trading-Seiten gemeldet.

Betroffenen sollten sich an EFRI wenden

Eine besonders problematische Rolle spielten legale und illegale Zahlungsdiensteanbieter, gegen die man derzeit Geldwäsche-Strafanzeigen stelle: „Diese nahmen Geldtransfers über Jahre hinweg entgegen, verarbeiteten sie, leiteten sie weiter an die kriminellen Organisationen und kassierten dabei hohe Gebühren. Eigentlich müssten Banken Neukunden streng überprüfen und Geldwäsche unterbinden. Im Fall des Onlinetrading-Betrugs ist das nicht geschehen. So haben diese Zahlungsdiensteanbieter den massenhaften Betrug erst möglich gemacht.“

Betroffenen empfiehlt Sixt, sich an die EFRI zu wenden, Strafanzeige zu stellen und darüber auch die eigene Bank zu informieren. Manche Geschädigte haben sich bereits auch direkt an Wirecard gewendet.

Eine Kundin, die die Konzernbeschwerdestelle über die Seite „Anyoption“ informierte und ihre verlorenen Überweisungen zurückforderte, erhielt im Juni 2018 nach zwei Wochen Prüfung jedoch eine für sie wenig ermutigende Antwort: „Laut unseren Erkenntnissen beinhaltet die Zahlungsleistung, auf die Sie sich beziehen, immer das Risiko eines finanziellen Verlusts.“ Das Produkt stamme von „Anyoption“, nicht von Wirecard. „Aus diesem Grund müssen wir Ihnen leider mitteilen, dass Sie keinerlei Ansprüche gegenüber der Wirecard Bank AG geltend machen können.“

Mehr: Nach schweren Kurseinbrüchen legt Wirecard beinahe ununterbrochen zu. Anleger aber gehen auf Distanz. Lesen hier, warum der Aufwärtstrend bald enden könnte.

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4 Kommentare zu "Zahlungsdienstleister: Neue Probleme für Wirecard"

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  • Ich habe eine Frage zu dem Artikel:
    Gegen welche Zahlungsanbieter wird denn nun ermittelt?
    Gegen Wirecard zumindest nicht, so steht es ja auch in diesem Artikel mit sehr dünnem Informationsgehalt.
    Für mich riecht es nach hier nach Dumping (das Beeinflussen von Aktienkursen durch Falschinformationen ist strafbar).

  • "Nicht alle Betrugsopfer wollen das indes glauben – schon bald könnten zivilrechtliche Klagen folgen."

    Welche Beweise gibt es dafür? Was deutet darauf hin? Wer hat das gesagt? Auf welcher juristischen Anspruchsgrundlage (Gesetzesparagraphen) kann eine Klage erfolgen?

  • gegen rund zehn Beschuldigte, Wirecard ist nicht darunter.
    Und warum schreiben Sie dann über Wirecard, stimmt der Aktien-Kurs nicht ?

  • Ich untersuche Wirtschaftsdelikte.

    Nicht in einem einzigen Fall sind keine Banken involviert.
    Wirtschaftsdelikte ohne Zahlungsabwickler sind nicht denkbar.

    Mit solchen Geschichten Aktienkurse zu beeinflussen, ist albern.
    Dass es trotzdem funktioniert, beschämt die Börsenteilnehmer.

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