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Zahlungsdienstleister Wie Wirecard um Vertrauen kämpft

In wenigen Tagen hat der Dax-Neuling Milliarden Euro an Börsenwert verloren. Vorstandschef Braun geht in die Offensive, doch die Zweifel bleiben.
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Wirecard: Dementi sorgt für Kurserholung, doch Zweifel bleiben
Wirecard

Die Aktie des Unternehmens steht unter Druck.

München, Düsseldorf, FrankfurtDie Stellungnahmen von Vorstandschef Markus Braun und Finanzvorstand Alexander von Knoop dauerten exakt 45 Minuten. So lange beantwortete die Führungsspitze des Zahlungsdienstleisters Wirecard am Montagmittag in englischer Sprache die Fragen von Analysten, Investoren und Journalisten zu den in der vergangenen Woche aufgekommenen Vorwürfen angeblich krimineller Machenschaften bei Wirecard. „Wir erwarten keinen weiteren materiellen Schaden“, lautete die Kernaussage von Markus Braun.

Der Österreicher, der mit einem Aktienpaket von 7,05 Prozent größter Anteilseigner von Wirecard ist, erzeugte mit seinen Worten eine Erleichterungsrally: Im Anschluss an die Veranstaltung legte die davor bereits deutlich gestiegene Aktie weiter zu. Am späten Nachmittag notierte sie mit einem Plus von gut 20 Prozent bei 130 Euro. Auf diesem Niveau war sie ins laufende Jahr gestartet.

Es war der Wiederaufstieg nach dem Absturz. Am vergangenen Mittwoch und am Freitag hatten zwei Berichte in der britischen „Financial Times“ dazu geführt, dass Wirecard in nur drei Tagen einen in Deutschland beispiellosen Verlust des Börsenwerts von mehr als sieben Milliarden Euro hinnehmen musste. In der Spitze war die Aktie um mehr als 40 Prozent gefallen.

Die FT schrieb von einem internen Bericht der Singapurer Kanzlei Rajah & Tann, in dem unter anderem vom Verdacht des Betrugs und der Geldwäsche die Rede sei.

Dieser vorläufige Bericht liegt auch dem Handelsblatt vor. Schon das Inhaltsverzeichnis lässt Leser erschauern, zumindest solche, die zu den Aktionären des Finanzdienstleisters aus dem Münchener Vorort Aschheim zählen. „Mögliche Vergehen“ lautet das fünfte Kapitel, das Rajah & Tann am 4. Mai 2018 über die Vorfälle bei Wirecard verfasste.

Dann folgt der Satz: „Fälschung von Dokumenten oder Konten, Betrug, Untreue, Korruption und Geldwäsche“. All diese Themen, so hielt die auf Compliance spezialisierte Kanzlei aus Singapur fest, machten ein weiteres Handeln unabdingbar.

Der Wirecard-Mitarbeiter, der sie aufgeworfen habe, sei glaubwürdig. „Es gibt ernste Sorge über möglicherweise gravierende Konsequenzen“, steht in der Zusammenfassung des Anwaltsberichts. „Wir empfehlen ausdrücklich eine vollumfängliche Untersuchung, angesichts a) der Höhe der betroffenen Geldsummen, b) der Schwere der Natur der Vergehen.“

Acht Monate lang wusste niemand außer Wirecard und den Anwälten von diesem Bericht – und den Vorgängen, auf denen er basierte. Ehe die „Financial Times“ berichtete. Nach eher kurzen Statements in der vergangenen Woche, in denen die Vorwürfe stets als „falsch und irreführend“ bezeichnet wurden, hatte Wirecard am Montag bereits vor Handelsbeginn eine ausführliche Sicht der Dinge dargelegt.

Demnach habe im April 2018 ein Mitarbeiter in Singapur Bedenken bei der lokalen Rechts- und Compliance-Abteilung geäußert. Dabei soll es um Verstöße gegen Bilanzierungsregeln gegangen sein. Die FT hatte vom Verdacht unkorrekter Buchungen und der Fälschung von Dokumenten berichtet.

Nach den Aussagen von Wirecard bezogen sich die Vorwürfe auf den Bereich der Rechnungslegung im Zeitraum von 2015 bis 2018. Dabei soll es um Gesamtumsätze von 6,9 Millionen Euro, Gesamtkosten von 4,1 Millionen Euro und den internen Transfer von geistigem Eigentum an Software im Wert von 2,6 Millionen Euro gegangen sein.

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Das Compliance-Team des Dax-Neulings habe daraufhin standardmäßig eine interne Untersuchung eingeleitet. Die habe „zu Nachweisen geführt, dass die Vorwürfe unbegründet waren“, hieß es in der Stellungnahme.

Wie sich weiter herausgestellt habe, hätten sich Hinweise ergeben, dass die Vorwürfe auch mit persönlichen Feindseligkeiten zwischen den beteiligten Mitarbeitern zusammenhängen könnten. Deswegen habe man sich für eine externe Untersuchung durch die renommierte Kanzlei Rajah & Tann in Singapur entschieden.

Ermittlungen dauern an

Von den Anwälten präsentierte Wirecard eine eher dünne Erklärung zu den Vorfällen. In nur zwei Sätzen bestätigte die Kanzlei, dass sie am 18. Mai 2018 von Wirecard mit einer Untersuchung beauftragt worden war. Zudem würden die Ermittlungen noch andauern, und es seien bisher keine schlüssigen Hinweise auf ein strafbares Fehlverhalten von Führungskräften oder Mitarbeitern gefunden worden.

Ob das bis zum erwarteten Abschluss der Ermittlungen in wenigen Wochen dazu führt, dass alle Vorwürfe komplett entkräftet werden, ist fraglich. In dem rund 30-seitigen vorläufigen Bericht der Kanzlei, der im Vorfeld der seit fast neun Monaten laufenden tiefer gehenden Untersuchung verfasst wurde, ist von einem Whistleblower mit dem Codenamen „Bobby“ die Rede. Dort heißt es auch, es gebe Beweise, die Bobbys Angaben bestätigen.

In ihrer Untersuchung stützen sich die Anwälte auf die Auswertung dreier E-Mail-Konten von Mitarbeitern, die sie „Edo“, „Irene“ und „James“ nennen. Wirecard-Chef Markus Braun erklärte am Montag, dass es sich um nur einen Whistleblower handele und nur das Compliance-Team den echten Namen kenne.

Derweil droht neues Ungemach: In Singapur erklärte die Polizei am Montag, dass sie nach den Berichten eine Untersuchung gestartet habe. „Die Polizei prüft die Angelegenheit“, teilte eine Sprecherin dem Handelsblatt auf Anfrage mit. In welche Richtung ermittelt wird, wollte sie nicht sagen.

Auch in den USA will sich die auf Massenklagen spezialisierte New Yorker Kanzlei Kaplan Fox der Sache annehmen und den Vorgang selbst untersuchen. „Wenn Sie in Wirecard investiert haben und die Untersuchung mit uns besprechen wollen, kontaktieren Sie uns bitte unter (…)“, schreiben die Anwälte. Fast gleichlautende Aufrufe kamen am Freitag von mehreren weiteren US-Kanzleien.

Ein Wettlauf hat begonnen. US-Kanzleien buhlen um jeden Aktionär, der sich einer Sammelklage gegen Wirecard anschließen möchte. In den USA haben Gerichte und Unternehmen mit solchem Vorgehen leidvolle Erfahrungen gemacht.

Anzeige gegen unbekannt

Die Kanzleien versuchen, möglichst große Gruppen zusammenzutrommeln – und damit riesige Schadensersatzansprüche anzuhäufen. Bei sieben Milliarden Verlust an Marktkapitalisierung scheint dies bei Wirecard leicht möglich. Anwälte in den USA sind bei diesen Verfahren besonders motiviert – sie erhalten einen großen Teil der erstrittenen Zahlungen selbst.

Grundsätzlich sind im Moment die Behörden in Hongkong und Singapur für den Fall zuständig. Aber auch die Staatsanwaltschaft München sieht sich den Fall inzwischen an. Einschreiten darf sie jedoch erst, wenn es einen deutschen Tatort oder eine verdächtige Person hier gäbe. „Das ist im Moment nicht der Fall“, sagte Hildegard Bäumler-Hösl dem Handelsblatt. Seit Freitag gebe es aber eine Strafanzeige von Wirecard gegen unbekannt.

Deswegen sei aus dem vor einigen Tagen gestarteten Vorermittlungsverfahren wegen Marktmanipulation nun ein Ermittlungsverfahren geworden.

Dabei spielt eine wesentliche Rolle, dass die Spekulationen gegen Wirecard zuletzt deutlich zugenommen haben. Laut dem Finanzdatenanbieter Markit ist der Wert der Leerverkäufe – also der Wetten auf einen Kursverfall – seit Mitte 2018 von einem Tief bei 70 auf heute 566 Millionen Euro gestiegen.

Der prozentuale Anteil ist im selben Zeitraum von 0,32 auf heute 3,39 Prozent bei den frei handelbaren Aktien geklettert. Auch lag bis Ende Dezember der Verlauf der ungedeckten Leerverkäufe im unverdächtigen Bereich, ehe sie ab der letzten Januarwoche kräftig anzogen.

Es ist nicht der erste spekulative Angriff. So ließ vor drei Jahren Zatarra, ein zuvor unbekannter Researchdienst, mit einer Studie und dem „Kursziel null Euro“ die Wirecard-Aktie abstürzen. „In diesem Fall gab es Ermittlungen gegen 39 Personen, wovon gegen 37 das Verfahren eingestellt wurde“, sagte die Staatsanwältin.

Gegen eine Person wurde das Verfahren gegen Zahlung von 35.000 Euro eingestellt. Gegen den Herausgeber der Studie wurde ein Strafbefehl beantragt, der wohl in diesem Jahr in München mündlich verhandelt wird.

Wirecard-Chef Braun ist zuversichtlich, dass sich auch der jüngste Fall in Luft auflösen wird. „Die ganze Geschichte ist eine Non-Story“, sagte er dem Handelsblatt schon am Sonntagabend. Ihm sei vor allem wichtig, dass bisher kein Kunde negativ reagiert habe. „There is no input at all“, sagte er am Montag. Alle im Haus wollten jetzt nur wieder ihrer richtigen Arbeit nachgehen.

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