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„Zukunftstag“ Kurz vor dem Abi und null Ahnung von Geld, Miete, Steuern – Schüler helfen sich selbst

Finanzbildung fehlt oft im Unterricht. In Kassel helfen sich Schüler nun selbst und laden die Deutsche Bank ins Klassenzimmer ein – trotz der Ängste vieler Lehrer.
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Viele Schülerinnen und Schüler fühlen sich unzureichend aufs Leben vorbereitet. Quelle: Imago/Westend61
Abschluss, und dann?

Viele Schülerinnen und Schüler fühlen sich unzureichend aufs Leben vorbereitet.

(Foto: Imago/Westend61)

Kassel„Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann 'ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen.“ Mit diesem Tweet trat eine Kölner Schülerin 2015 eine Debatte los, die bis heute anhält. Welchen Raum soll die Finanzbildung in der Schule einnehmen – und wie sieht eine gute Vorbereitung aufs künftige Leben aus?

Während anderswo noch diskutiert wird, wird in Kassel bereits gelernt. Vergangene Woche fand dort der erste „Zukunftstag“ zur Finanzbildung statt, der Oberstufen-Schülern die Themen Geldanlage, Steuern, Miete und Versicherungen nahebringen sollte. Organisiert wurde er nicht von der Stadt, sondern von engagierten Schülern in ihrer Freizeit. Das Projekt könnte Schule machen – wäre da nicht der Widerstand vieler Studienräte.

„Entstanden ist die Idee 2017“, erinnert sich Organisator Juri Galkin. Der Kasseler Student stand damals kurz vor dem Abschluss, und wie viele seiner Altersgenossen vor der Frage: Was nun? „Auf einer Party habe ich mich mit einem Freund darüber aufgeregt, wie wenig wir über das reale Leben wissen, über Banken, Vermieter, das Finanzamt“, erinnert er sich. „Also haben wir uns überlegt, laden wir doch selbst Experten ein, die uns Schülern die Grundlagen beibringen.“

Zusammen mit Schulfreund Lorenzo Wienecke entwickelte Galkin die Idee des Projekttags. Ein Team von Helfern fragte Dutzende Finanzprofis als Referenten an. „Am schwierigsten war es, die Schulleiter zu überzeugen“, erinnert sich der Student. Viele reagierten ablehnend. Erst bei Markus Crede, Direktor der traditionsreichen Albert-Schweitzer-Schule, stießen die Schüler auf offene Ohren.

Crede eröffnet denn auch den Zukunftstag, pünktlich um acht Uhr. In der Altbau-Aula sind alle 11. und 12. Klassen versammelt. Es ist erstaunlich ruhig. Crede kennt die Ängste vieler Kollegen, Banker und Makler in die Klassenräume zu holen. Klar sei: „Die Schule ist nicht dafür da, Unterricht im Ausfüllen einer Steuererklärung zu bieten“, sagt der Oberstudendirektor. Stattdessen gehe es um den Erwerb von Lese- und Sachkompetenz.

Die Organisatoren Juri Galkin (l.) und Lorenzo Wienecke eröffnen den ersten „Zukunftstag“ in Kassel. (Foto: Stephan Weifenbach)
Aula der Albert-Schweitzer-Schule

Die Organisatoren Juri Galkin (l.) und Lorenzo Wienecke eröffnen den ersten „Zukunftstag“ in Kassel. (Foto: Stephan Weifenbach)

Mitunter gerate aber die Welt nach der Schule aus dem Blick, so Crede, vor allem bei der Wirtschaftsbildung habe man Nachholbedarf. „Umso mehr freut es mich, dass die Initiative für den Zukunftstag nicht aus dem Kultusministerium kommt, sondern von Schülern.“

Sechs Referenten hat das Team um Juri Galkin einbestellt, die an diesem eiskalten Januarmorgen in der Aula sitzen: zwei Geldanlageberater der örtlichen Niederlassung der Deutschen Bank, ein Steuerberater, ein Immobilienmakler und zwei Experten der Techniker-Krankenkasse. Nach der Einführung werden die Schüler in vier Gruppen eingeteilt und erhalten jeweils 50 Minuten Finanz-Nachhilfe.

Sorge vor Werbung erweist sich als unbegründet

Bis um drei Uhr am Nachmittag dauert der Parforce-Ritt. Müssen Nebenjobs versteuert werden? Wie entgeht man Miethaien? Welche Versicherungen brauchen Azubis und Studenten? Und was tun mit den Spargroschen? Themen, die in der Schule nicht behandelt werden, bekommen nun Raum. Die Sorge, dass die Referenten den „Zukunftstag“ als Werbeplattform für ihre Firma nutzen könnten, erweist sich schnell als unbegründet.

Kurzweilig stellen etwa die zwei Bankberater die unterschiedlichen Anlageformen vor. Sie klären über die Geschichte und die Funktion von Aktien, Anleihen und Gold auf und verdeutlichen die Bedeutung privater Vorsorge für die Rente. Das Schlagwort vom demographischen Wandel wird da schon mal zum „Dönerspieß“ – als drastisches Sinnbild für die umgedrehte Alterspyramide. Die Analogie sorgt für Lacher, das Bild bleibt hängen.

Dass hier die Deutsche Bank im Klassenraum steht, wird lediglich am kleinen blauen Logo des Instituts deutlich. Und eventuell an der Tatsache, dass die günstigen, für Banken aber wenig lukrativen Indexfonds (ETFs) nur kurz behandelt werden, wie spitzfindige Beobachter einwenden könnten. Diese Scharte könnte der nächste Zukunftstag auswetzen.

„Ich mache mir keine Illusionen. Die allermeisten Schüler, die hier vor mir sitzen, werden nie in meiner Kanzlei auftauchen“, erklärt Steuerberater Timo Weltz. Der ehemalige PWC-Manager berät vor allem Unternehmen. Aber die Akquise von Neukunden sei auch nicht die Motivation der ehrenamtlichen Referenten. „Viele haben Kinder am Albert-Schweitzer-Gymnasium oder anderen Schulen in Kassel. Da ist so ein eintägiger Crashkurs doch eine tolle Sache.“ Die größte Herausforderung sei, alle Zuhörer mitzunehmen, trotz des sehr unterschiedlichen Wissensstands. „Aber mir macht das Spaß“, sagt Weltz.

Und die Schüler? Bei ihnen kommt der Tag an, und das nicht nur, weil er eine Pause von der Abiturvorbereitung bringt. „Ich hatte null Ahnung von Wirtschaft. Aber jetzt weiß ich ungefähr, was nach dem Abi auf mich zukommt“, sagt Elftklässlerin Nadine. Ihr Mitschüler Julian lobt die ehrenamtlichen Organisatoren: „Der Tag ist vollgepackt, aber gut geplant und sehr spannend.“ Einziges Manko: „Manchmal war es schwierig, den vielen Powerpoint-Folien zu folgen.“

Besonders gut kommt bei den Schülern die Runde zum Thema Miete an, schließlich suchen viele schon kurz nach dem Abitur WG-Zimmer oder Apartments. „Ich finde es erschreckend, wie schnell man von Betrügern über den Tisch gezogen werden kann. Gut zu wissen, worauf man bei der Wohnungssuche achten muss“, sagt Zwölftklässlerin Anna.

Das junge Organisatorenteam habe ganze Arbeit geleistet, ist denn auch Kulturstadträtin Renate Fricke (FDP) überzeugt, die den Tag eröffnet hat: „Das Projekt hat Vorbildcharakter.“ Die Stadt wolle dabei unterstützen, weitere Schulleiter für den Tag zu begeistern.

Juri Galkin plant bereits neue Finanzseminare für Schüler – in Kassel und darüber hinaus. „Mein Traum ist, dass irgendwann jeder deutsche Schüler einmal einen Zukunftstag mitmacht“, sagt der 20-Jährige.

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7 Kommentare zu "„Zukunftstag“: Kurz vor dem Abi und null Ahnung von Geld, Miete, Steuern – Schüler helfen sich selbst"

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  • Finanzielle Bildung für Jugendliche an den Schulen ist sinnvoll. Ich frage mich, ob ein Zukunftstag als einmalige Aktion ausreicht? Seit über 8 Jahren gibt es ausgebildete und qualifizierte Geldlehrer, die ehrenamtlich an die Schulen gehen. Dort unterrichten sie die Schülerinnen und Schüler für ein halbes bis ein komplettes Schuljahr. Inhaltlich geht es um Sparen, Miete, Autokauf, Gesetzliche Versicherungen, Baufinanzierung, Inflation, Rente, Börse, Vermögensaufbau usw. Auf der Webseite www.geldlehrer.org sind die Schulen und die ehrenamtlichen Geldlehrer zu finden. An der Carl-Bantzer-Schule in Schwalmstadt gibt es seit 7 Jahren Geldunterricht. Schülerinnen, Schüler, Eltern und Lehrer freuen sehr sich über dieses zusätzliche Angebot.

  • Schulen erfüllen halt ihre Hauptaufgabe: "Kinder mit Inhalten zumüllen, sodass diese nicht mehr im Stande sind selbständig zu denken."

  • Ich finde, dass es Sache des Elternhauses ist, seinen Kindern Finanzwissen beizubringen bzw. vorzuleben. Das ist m.E. nicht Auftrag der Schule. Eigeninitiative ist eher erforderlich, so wie später im Beruf. Da wird man auch nicht zur Beförderung getragen.

  • SCHÖN!!! GUTE SACHE!!!
    Solche Projekttage sollten Schule machen.
    Wirtschaftswissen gehört als Unterrichtsfach dauerhaft in den Schulalltag integriert.
    Was hilft es, wenn wir vor Beratern oder Vermietern stehen und nicht einschätzen können, was wir angeboten bekommen. Manche ruinieren sich mit schlechten Verträgen!

  • So kann es passieren, wenn man bis zum 18. Lebensjahr oder noch länger keine Finanzängste kennt, weil Vater, Mutter, Oma, Opa, Urgroßeltern, und Onkel und Tanten die Kinder und Enkel versorgt haben.
    Ein Handy zu 200 bis 400 EURO, kein Problem.
    Schulausflüge zu 300 bis 500 EURO kein Problem.
    Insgesamt pro Schüler ca. 1000 EURO zur Abiturfeier und anschließender Fete usw.,usw.
    kein Problem.
    Die Lehrer und Pädagogen leben es doch vor.
    Umso wichtiger und richtiger, daß Schüler eine Art Selbsthilfegruppe betreiben.

  • Diese Wissenslücken umfassend zu schließen war und ist auch nicht wirklich gewünscht. Schüler greifen in ihrer Verzweiflung zur Selbsthilfe. Das spricht Bände. Mit entsprechender Informationsasymmetrie kann man halt viel leichter seinen Finanzproduktschrott an die "Dummen" verkaufen.

  • Das kleine Finanzamt Einmaleins im Bierdeckel-Format zu beherrschen, wäre für einen Abiturienten sehr wünschenswert. Und dann noch zu wissen für was eine Bank gut ist......aber das würde auch das Wissen von so manchem ausgelernten Altabiturienten übersteigen.
    Das behauptet einer, der mit Latein und Altgriechisch jahrelang traktiert wurde und das nicht in Bierdeckelformat.

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