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Zertifikatemarkt Anlegerschützer fordern Gesetze

Der deutsche Zertifikatemarkt wird seine weltweit führende Rolle nur behalten, wenn die Anbieter die Transparenz ihrer Produkte verbessern. Während die Branche auf eine Selbstregulierung des Marktes vertraut, fordern Anlegerschützer aufgrund der Finanzkrise und wiederholter Handelsausfälle bei einigen Emittenten verbindliche gesetzliche Regelungen.
Der deutsche Zertifikatemarkt ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen, doch die Anbieter müssen die Transparenz ihrer Produkte verbessern. Foto: Archiv Quelle: dpa

Der deutsche Zertifikatemarkt ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen, doch die Anbieter müssen die Transparenz ihrer Produkte verbessern. Foto: Archiv

(Foto: dpa)

Davon zeigten sich Experten in einer Diskussionsrunde im Rahmen der Frankfurter Gespräche des Handelsblattes überzeugt.

"Es gibt im Zertifikatemarkt viele Bereiche, in denen der Emittent am längeren Hebel sitzt", sagt Jürgen Kurz, Sprecher der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Wenn etwa ein Emittent für ein Zertifikat keine Preise stelle, könnten geschädigte private Investoren dagegen nicht gerichtlich vorgehen. "Und selbst wenn Preise gestellt werden, kann man nicht sicher sein, dass diese den so genannten fairen Wert des Papiers darstellen", beklagt Kurz. "Hier fehlen gesetzliche Regelungen, damit die Anleger endlich auf Augenhöhe mit den Emittenten agieren können."

Der deutsche Zertifikatemarkt ist in den vergangenen Jahren rasant gewachsen. Das investierte Volumen ist auf rund 130 Mrd. Euro angestiegen. Das ist rund ein Fünftel des Vermögens, das deutsche Anleger in Wertpapierfonds für Private investiert haben. Im Vergleich zu Aktien- und Mischfonds, mit denen Zertifikate, die sich zu 85 Prozent auf Aktien beziehen, im direkten Wettbewerb stehen, kommen die modernen Finanzprodukte aber bereits auf die Hälfte des Anlagekapitals. Die Schattenseiten des schnellen Wachstums haben Anleger jedoch in den vergangenen Monaten wiederholt erleben müssen. An hektischen Börsentagen mit starken Kursbewegungen konnten einige Emittenten zum Teil über Stunden keine Preise für ihre Zertifikate stellen, weil die technischen Systeme hakten. Kritiker führen das vor allem auf die drastisch gestiegene Zahl von Produkten zurück. An deutschen Börsen sind mittlerweile rund 300 000 Zertifikate und Optionsscheine notiert.

Aus Sicht von Klaus Oppermann, der bei der Commerzbank den öffentlichen Vertrieb strukturierter Derivate in Deutschland und Europa leitet, geht die Kritik an der hohen Zahl an Produkten jedoch ins Leere: "Wir haben immer noch Anfragen von Kunden, die sich beklagen, dass es viele Dinge noch nicht gibt. Deswegen ist das eine Frage der Angebotsqualität." Natürlich müsse die Infrastruktur bei den Emittenten stimmen. "Insgesamt ist aber die Handelsqualität in den vergangenen Jahren erheblich besser geworden und jetzt so gut wie nie", ist Oppermann überzeugt.

Gerhard Schick, finanzpolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen gibt sich damit nicht zufrieden: "Wenn Emittenten über einen längeren Zeitraum keinen Handel gewährleisten, muss es finanzielle Sanktionen geben", fordert Schick. Notwendig seien zudem Mindestanforderungen an die Bonität eines Emittenten sowie Regelungen, die die Produkt- und Kostentransparenz von Zertifikaten verbesserten. "Der Gesetzgeber hat sich den Zertifikatemarkt zehn Jahre lang nicht angeschaut. Für eine Selbstregulierung hatte die Branche also genug Zeit. Jetzt ist es Zeit für gesetzliche Regelungen", sagt Schick.

"Wir werden nur dann weitere Anlegerkreise gewinnen, und der Zertifikatemarkt wird nur dann weiter stark wachsen, wenn sich der Anleger gut beraten und fair behandelt fühlt und wir die Transparenz und Verständlichkeit unserer Produkte noch verbessern", meint auch Hartmut Knüppel, geschäftsführender Vorstand des Deutschen Derivate Verbandes (DDV). Handlungsbedarf für den Gesetzgeber sieht er nicht. Vielmehr könnten der Wettbewerb, der auch über Service und Handelsqualität geführt werde, sowie die vom Verband angestoßenen Projekte in ein bis zwei Jahren "alles so weit regeln, dass die kritisierten Punkte im Wege der Selbstregulierung ausgeräumt sind". Eines der Kernprojekte des DDV ist ein Zertifikate-Rating, das im zweiten Halbjahr starten und alle in Deutschland notierten Produkte bewerten soll. Zudem will der Verband über ein Schulungsprogramm die Kundeninformation und die Ausbildung von Beratern verbessern.

Zentraler Baustein der Selbstregulierung ist zudem der Derivate-Kodex, an dem sich die Mitglieder des Verbandes orientieren müssen (siehe "Kampf um Kontrolle..."). "Der Kodex hat vor allem den Vorteil, dass er deutlich macht, was von Emittentenseite alles getan wird, um die Servicequalität im Zertifikategeschäft zu verbessern", erklärt Oppermann, der auch Vorstandsmitglied im DDV ist. Politik und Anlegerschützern geht der Kodex aber nicht weit genug, weil er zum einen ohne Beteiligung der Öffentlichkeit entstanden ist und obendrein für den Fall eines Verstoßes nur sehr weiche Sanktionsmöglichkeiten gegen die Emittenten vorsieht. "Mit dem, was die Branche in Deutschland bisher vorbereitet hat, kann sie in Europa keinen Stich machen", kritisiert Grünen-Politiker Schick.

Dass die Europäische Union den Zertifikatemarkt auf dem Radar hat, zeigt der so genannte Call for Evidence, den die EU-Kommission vor einigen Monaten an die Finanzindustrie verschickt hat. Auf dieser ersten Stufe einer Untersuchung, die im Extremfall in einer EU-Richtlinie gipfeln kann, will sich die Kommission einen Überblick über die Regelungen in einzelnen Anlagesegmenten verschaffen und ausloten, wo Handlungsbedarf besteht.

Knüppel sieht bei diesem Vorstoß auch die nationalen Interessen anderer Länder im Spiel, die verhindern wollten, dass die erfolgreichen deutschen Zertifikate auch im Ausland zusätzliche Marktanteile gewönnen. Schließlich sei der Zertifikatemarkt "der einzige Bereich im Finanzsektor, in dem Deutschland die Nase vorn hat und nicht London oder Luxemburg hinterherläuft". Gerade aus diesem Grund sieht Kurz die Branche aber in der Pflicht: "Wenn die deutsche Zertifikatebranche Champion auf dem Weltmarkt ist, dann muss sie auch ein Interesse daran haben, bei der Rechtsetzung vorne zu sein." Sollte die Branche nicht selbst agieren, werde eine stärkere Regulierung aus Brüssel kommen, ist Kurz überzeugt. "Und die Gefahr, dass eine EU-Vorschrift nicht gerade zum Vorteil der heimischen Emittenten sein wird, ist groß."

Kampf um Kontrolle

Fragen

Der Markt für Zertifikate mit derzeit rund 300 000 verschiedenen Produkten profitiert in Deutschland von einer im Vergleich zu Fonds liberalen Regulierungspraxis. Im vergangenen Jahr hat die EU-Kommissionen einen Fragenkatalog an Banken und Verbände verschickt, um sich einen Überblick über den Markt zu verschaffen. Dieser sogenannte Call for Evidence ist die erste Stufe einer Untersuchung, die letzten Endes in eine eigene EU-Richtlinie münden kann.

Forderungen

Kritiker der aktuell laxen Regulierung des Derivatemarkts fordern, die rechtlichen Rahmenbedingungen für die Ausgabe und den Handel von Anlagezertifikaten gesetzlich stärker zu regulieren. Das Argument der Anlegerschützer und Vertretern von Bündnis 90/Die Grünen: Nur mit einer Gesetzesinitiative komme man supranationalen Initiativen zuvor.

Selbstregulierung

Banken und der Branchenverband DDV lehnen die Forderung nach einer stärkeren Regulierung des Derivatemarkts strikt ab und setzen auf Selbstverpflichtungen. Dazu zählt eine freiwillige Selbstverpflichtung der im Verband organisierten 18 Emittenten zu Leitlinien in der Strukturierung, dem Vertrieb und dem Handel von Zertifikaten. Darüber hinaus plant der Verband noch im laufenden Jahr die Einführung eines Ratings für Zertifikate, das einen Transparenzschub für Anleger liefern soll.

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