Zertifikate Ausgebremst im Express

Liegt der Dax in einem Jahr über seinem heutigen Stand, dann gibt es vier bis zehn Prozent Zinsen auf das eingesetzte Kapital – so funktionieren Zertifikate, die sich im vergangenen Jahr zum Verkaufsschlager entwickelt haben. Die so genannten Expresspapiere machen nach der Statistik des Derivate Forums inzwischen acht Prozent des Marktes aus. Dabei lohnen sich die Scheine nicht unbedingt für jeden Anleger. Denn damit der Anleger in den Genuss der Rendite kommt, müssen die Kurse mehr oder weniger auf der Stelle treten.
  • Daniel Zwick
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HB DÜSSELDORF. Die Funktionsweise klingt einfach: An vorher festgelegten Tagen während der Laufzeit überprüft die Bank, ob der Basiswert – meist ein Index wie der Euro Stoxx 50 – auf seinem Ausgangsniveau steht. Wenn ja, erhält der Anleger sein Geld mit Zinsen zurück, andernfalls verlängert sich die Laufzeit automatisch. Mit unangenehmen Folgen: „Fällt der Index, dann wird der Kurs der Zertifikate deutlich unter Wasser sein. Deswegen sollte man strukturierte Produkte immer bis zum Ende der Laufzeit halten können“, sagt Sven Ulbrich, Vorstandsmitglied der Frankfurter KMS AG, die Derivate bei Banken und institutionellen Anlegern vertreibt.

Bei einem Expresszertifikat der Deutschen Bank (DB), das im August zum Preis von 100 Euro auf den Markt kam, liegen die jährlichen Beobachtungstermine an einem jeweils genau bestimmten Stichtag Anfang September bis zum Jahre 2010. Notiert der Euro Stoxx 50 an einem dieser Tage über 3 331,29 Punkten, dann wird das Zertifikat inklusive der vereinbarten Verzinsung – in diesem Fall sieben Prozent – vorzeitig zurückgezahlt. Anderenfalls bekommt der Anleger am Ende der Laufzeit garantiert seinen Einsatz zu 100 Prozent zurück.

Dieses Auszahlungsprofil der Produkte lockt viele Anleger an. Dass sie sich die Zinsen aber mit dem Risiko des Aktienmarktes erkaufen, scheint nur wenigen klar zu sein. Klappt es mit der vorzeitigen Auszahlung nicht, sitzen sie nämlich auf einer Verlustposition. Das DB-Papier etwa notiert derzeit unter dem Zeichnungspreis von 101,50 Euro, obwohl der Euro Stoxx 50 gestiegen ist. Auch ein Expresszertifikat der Commerzbank („Side Step“), das im Oktober beim Euro-Stoxx-Stand von 3 320 Punkten emittiert wurde, notiert unter Ausgabepreis. Dass der Index seitdem über 300 Punkte gestiegen ist, spielt für das Papier eine untergeordnete Rolle. Wesentlich ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Index im Oktober 2006 über der Schwelle liegt.

Der Grund dafür liegt in der Konstruktion der Zertifikate. Hinter den vermeintlich einfachen Papieren stecken hochkomplexe Derivate. Die Kombinationen aus mehreren exotischen Optionen, die Banken zur Absicherung nutzen, können selbst Fachleute kaum nachvollziehen. So kann der Kurs des Zertifikats sinken, auch wenn der Basiswert steigt.

Vermögensverwalter Martin Stötzel von Rhein Asset Management hält daher die Papiere bis zur Auszahlung im Depot. „Bei stark schwankenden Basiswerten helfen Expresszertifikate, das Risiko des Depots zu mindern.“ Er wählt nur Papiere mit Puffern, die auch bei leicht fallenden Indizes positive Renditen versprechen und gewichtet sie mit höchstens zehn Prozent.

Wer sich während der Laufzeit von einem Expresszertifikat trennen will, kann sich auf den Sicherheitspuffer nicht verlassen

Wer sich während der Laufzeit von einem Expresszertifikat trennen will, kann sich auf den Sicherheitspuffer nicht verlassen, denn der greift nur bei Fälligkeit. Vorher beeinflusst nicht nur der Kurs des Basiswerts das Papier, sondern vor allem dessen Schwankungen (Volatilität). Da die Volatilität der Aktienmärkte 2005 sehr niedrig war, könnten Expresspapiere jetzt deutlich an Wert verlieren, wenn die Schwankungen zunehmen. Daneben belasten die Zertifikate auch steigende Zinsen und Dividenden.

Die Emittenten preisen ihre Produkte jedoch wie warme Semmeln an. „70 Prozent der Papiere gehen bereits im ersten Jahr auf“, sagt Önder Ciftci, der den Derivatevertrieb bei ABN Amro leitet. Ein Ergebnis, das sich aber nur fortsetzen wird, wenn die Kurse zukünftig steigen.

Da viele Konstruktionen Garantien oder Absicherungen gegen Kursverluste bieten, verkaufen die Banken die Papiere auch an risikoscheue Anleger. Dabei ist das Risiko deutlich höher als das festverzinslicher Wertpapiere. Wenn die Strategie nicht aufgeht, haben sie Zinsen verschenkt; geht sie vorzeitig auf, kommen trotzdem Schwierigkeiten auf sie zu: „Für Laien ist das Wiederanlage-Risiko das größte Problem, denn sie können nicht einschätzen, wie die Konditionen im folgenden Jahr sein werden“, sagt Ulbrich. Die Enttäuschung dürfte bei manchem Anleger spät einsetzen. Denn wie Vermögensverwalter Stötzel lassen viele die Papiere bis zur Fälligkeit im Depot liegen – wie ein Festgeld mit eingebautem Aktienrisiko.

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