Der Hauptsitz von Goldman Sachs in New York

Ein Banker von Goldman Sachs soll in einen milliardenschweren Wirtschaftskrimi verwickelt gewesen sein.

(Foto: AFP)

1MDB-Skandal und Goldman Sachs Was ein Banker aus Siegen mit dem Milliardenskandal um den malaysischen Staatsfonds zu tun hat

Der frühere Starbanker Tim Leissner nahm in einem der größten asiatischen Betrugsfälle eine zentrale Rolle ein. Jetzt hilft er womöglich bei der Aufklärung.
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BangkokEs war Frühjahr 2012. Tim Leissner stand kurz vor dem Höhepunkt seiner Karriere: In einem der besten chinesischen Restaurants Singapurs empfing der Finanzmanager aus Deutschland mehrere Banker aus der Schweiz. In Südostasiens Finanzzentrum war Leissner damals ein Star, Partner bei Goldman Sachs und bestens vernetzt unter den Reichen und Mächtigen.

Bei Leissners Geschäftsessen ging es regelmäßig um viel Geld. Doch das Gespräch mit den Schweizern über den Milliardendeal, den Leissner laut der Agentur Bloomberg beim Spanferkelessen vorstellte, interessiert Ermittlungsbehörden heute noch. Leissner und die Schweizer Banker gehören inzwischen zu den Hauptfiguren in einem milliardenschweren Wirtschaftskrimi, der sich als einer von Asiens größten Betrugsfälle aller Zeiten herausstellen könnte.

Es geht um den malaysischen Staatsfonds 1MDB, von dem aus Sicht von US-Ermittlern unter dem damaligen Regierungschef Najib Razak viereinhalb Milliarden Dollar abgezweigt wurden. Nach dem überraschenden Wahlsieg der Opposition ist in Malaysia seit Mai eine neue Regierung im Amt. Seither kommt Schwung in die Ermittlungen über den Finanzskandal – und Nachdruck hinter die Frage: Was wussten Tim Leissner und sein Arbeitgeber Goldman Sachs?

Leissner, der dank seiner lukrativen Geschäfte mit 1MDB im Jahr 2014 zu Goldmans Südostasien-Chef aufstieg, erwägt laut einem Medienbericht mittlerweile ein Schuldeingeständnis. Wie das „Wall Street Journal“ unter Berufung auf Insider berichtet, befindet sich der Ex-Manager, der bislang nicht angeklagt wurde, in Verhandlungen mit den amerikanischen Strafverfolgungsbehörden.

Leissner hat womöglich gegen ein Antikorruptionsgesetz verstoßen

Demnach könnte es zu einer Einigung kommen, im Rahmen derer Leissner sich schuldig bekennt und mit den Ermittlern zusammenarbeitet. Im Raum steht offenbar eine Anklage wegen Verstoßes gegen ein Antikorruptionsgesetz. Auf eine Handelsblatt-Anfrage zu dem Bericht reagierte sein Anwalt nicht.

Sollte Leissner, Jahrgang 1971 und Absolvent der Universität Siegen, mit den Ermittlern zusammenarbeiten, könnte das auch bei der Aufklärung der Rolle von Goldman Sachs in dem Skandal beitragen. Die Investmentbank unterstützte 1MDB unter der Führung von Leissner bei der Emission von Anleihen im Wert von sechseinhalb Milliarden Dollar.

Das Geld sollte offiziell dazu verwendet werden, um Investitionen des Staatsfonds zu finanzieren. Doch tatsächlich wurden Ermittlungsakten zufolge im Jahr 2012 – kurz nach den ersten beiden Emissionsrunden – fast 1,4 Milliarden Dollar von den Erlösen abgezweigt. Und zwar über ein Konto bei der Schweizer Bank BSI, mit deren Managern sich Leissner Berichten zufolge kurz zuvor in dem chinesischen Restaurant in Singapur getroffen hatte.

Vor dem 1MDB-Skandal galt Leissner als der Star der Bankenbranche. Nun ist er im Visier der Justiz. Quelle: Getty Images
Tim Leissner mit Ehefrau Kimora Lee Simmons

Vor dem 1MDB-Skandal galt Leissner als der Star der Bankenbranche. Nun ist er im Visier der Justiz.

(Foto: Getty Images)

Goldman Sachs verdiente an den dubiosen Geschäften mit 1MDB gut: Fast 600 Millionen nahm die Investmentbank ein. Kritiker hielten die Höhe der Gebühren, die Goldman durchsetzen konnte, schon lange für verdächtig. Das Unternehmen bestreitet jegliches Fehlverhalten und beteuert, dass die Einnahmen den Risiken entsprachen, die es bei der Abwicklung der Transaktionen einging.

Goldman Sachs kooperiert mit den Ermittlern

Laut „Wall Street Journal“ prüft die Staatsanwaltschaft in New York, ob Goldman gegen Gesetze verstoßen hat. In einer Mitteilung versprach die Bank volle Kooperation mit den Ermittlern und verwies auf Tim Leissner, der seit 2016 nicht mehr bei Goldman arbeitet: „Seit wir Herrn Leissner suspendiert haben, fanden wir heraus, dass er bestimmte Aktivitäten unternahm, die absichtlich verheimlicht wurden.“ Diese Informationen seien den Ermittlern zur Verfügung gestellt worden.

Die neue malaysische Regierung unter Premierminister Mahathir Mohamad hat sich eine schnelle Aufklärung des Skandals unter der Vorgängerregierung zum Ziel gesetzt. Sie will versuchen, veruntreute Gelder zurückzuholen und fordert auch von Goldman Sachs eine Rückzahlung von Gebühren. Gegen den früheren Regierungschef Najib Razak, der während seiner Amtszeit Ermittlungen zu dem Fall unterdrückte, wurde vergangene Woche im Zusammenhang mit dem Skandal Anklage erhoben.

Unterstützung bekommen die Ermittler in Malaysia von der Schweizer Bundesanwaltschaft. Bundesanwalt Michael Lauber kam am Dienstag zu einem Arbeitstreffen in den malaysischen Verwaltungssitz Putrajaya, um Kooperationen mit seinen Amtskollegen zu besprechen.

Er bestätigte, dass in der Schweiz gegen sechs Personen im Zusammenhang mit dem Fall ermittelt werde. Lauber betonte jedoch, dass Ex-Premier Najib nicht zu den Verdächtigen zählt. Zudem bestätigte er Untersuchungen über die Rolle der Schweizer Banken BSI und Falcon in dem Fall.

Beide Banken mussten bereits 2016 ihre Niederlassungen in Singapur auf Anordnung der Behörden schließen. Die Schweizer Finanzmarktaufsicht zog bei BSI, inzwischen Teil der Privatbankgruppe EFG International, wegen Verstößen gegen Geldwäschebestimmungen 95 Millionen Franken ein. Auch gegen die Bank Falcon, die Investoren aus Abu Dhabi gehört, wurden Ermittlungen gestartet. Beide Unternehmen wollten den Fall nach Medienanfragen am Dienstag nicht kommentieren.

Die Schweizer Bundesanwaltschaft hofft nun auf enge Zusammenarbeit mit den Malaysiern. Unter Ex-Premier Najib wurden die Ermittler noch abgeblockt. Mit der neuen Regierung dürfte die Kooperation nun leichter werden: „Nach den jüngsten Entwicklungen in Malaysia ist der Bundesanwalt sehr interessiert daran, den Dialog zu erneuern“, teilte die Behörde mit.

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