Abhängigkeit von Banken Lebensversicherer bangen um ihr Geschäftsmodell

Mit hohen Zinsen lockten viele Versicherer ihre Kunden in die Lebensversicherung. Doch nur hohe Risiken bei der Anlage garantierten auch hohe Renditen - und ein gutes Geschäft für die Banken. Nach der Finanzkrise würden viele Versicherungen aber gern weniger Geld bei den Banken anlegen. Die Kreditinstitute sind alarmiert.
3 Kommentare
Die Schattenseite der hohen Rendite: Ohne Risiko kein Gewinn für die Versicherer. Quelle: Reuters

Die Schattenseite der hohen Rendite: Ohne Risiko kein Gewinn für die Versicherer.

(Foto: Reuters)

FRANKFURT. Der Präsident der Finanzaufsicht BaFin, Jochen Sanio, hat es den Versicherern schon Anfang des Jahres vorausgesagt: Künftig gebe es höhere Renditen nur noch für den, der ein erkennbar höheres Risiko in Kauf nehme: "Das setzt alle Investoren - vor allem aber die Lebensversicherer - unter großen Leidensdruck."

Es kam, wie es der Oberaufseher ahnte: "Die Versicherer haben dieses Jahr etwas riskanter angelegt als früher", sagt Tim Ockenga von der Ratingagentur Fitch. Mehr Unternehmensanleihen und stellenweise auch mehr Aktien fänden sich in den Portfolios. Seine Kollegin Karin Clemens von Standard & Poor's sieht ebenfalls "in der Tendenz eine leichte Erhöhung beim Kreditrisiko". Das Geschäftsmodell der deutschen Lebensversicherung stehe "auf dem Prüfstand".

Das Problem der Branche: Die Manager haben ihren Kunden auf Jahrzehnte relativ hohe Zinsen garantiert. Im Branchenschnitt sind es rund 3,4 Prozent - eine Rendite, die mit sicheren Bundesanleihen 2010 nicht zu erzielen war. Mit mehr Risiko gelang es, über dem notwendigen Minimum zu bleiben. Doch bleibt die Angst, dass die Renditen für sichere Anlagen lange so tief bleiben. Vorsichtshalber hat deshalb Branchenführer Allianz seine jährlichen Gutschriften in der Lebensversicherung, die Überschussbeteiligung, für 2011 gerade von 4,3 auf 4,1 Prozent gesenkt.

Der Anlagebedarf der Versicherer ist gewaltig. Allein die Lebensversicherer in Deutschland verwalten 726 Milliarden Euro. Rechnet man Pensionskassen, Krankenversicherer und Sachversicherer hinzu, kommen die Erstversicherer auf Kapitalanlagen von 1150 Milliarden Euro. Eine gewaltige Summe, von der ein Teil regelmäßig neu angelegt werden muss. Schließlich zahlen die Kunden Monat für Monat ihre Prämien. Für die Branche stellt sich so täglich die Milliarden-Euro-Frage: Wohin mit dem Geld der Versicherten?

Der Stress dabei ist richtig groß geworden, seitdem der Immobilienfinanzierer HRE pleitegegangen ist. "Wahrscheinlich haben die Versicherer nicht im Traum daran gedacht, dass sie irgendwann einmal bei einer spektakulären Bankenrettung haarscharf am Kapitalverlust vorbeischrammen würden", sagt Sanio. Nun müssen sie sich der Statistik stellen - und die sagt: 463 Milliarden Euro oder mehr als 40 Prozent ihrer Kapitalanlagen haben die Erstversicherer über Anleihen oder Direkteinlagen an die Banken verliehen.

Theoretisch ist der Fall seit dem Desaster der HRE eigentlich klar: "Wir gehen davon aus, dass die Versicherer mittelfristig ihr bislang hohes Engagement in Bankenanleihen eher verringern werden", sagt Wolfgang Weiler, der als Chef des Versicherers Huk-Coburg im Branchenverband GDV den Ausschuss für Kapitalanlagen leitet. Praktisch ist davon jedoch wenig zu spüren. Auch wenn die Quote der Anleihen von und Einlagen bei Banken zu den Gesamtanlagen seit Ende 2007 marginal auf 40 Prozent sank, stiegen die Investitionen bei den Instituten absolut betrachtet sogar um zehn Milliarden Euro.

Seite 12Alles auf einer Seite anzeigen

Mehr zu: Abhängigkeit von Banken - Lebensversicherer bangen um ihr Geschäftsmodell

3 Kommentare zu "Abhängigkeit von Banken: Lebensversicherer bangen um ihr Geschäftsmodell"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Es ist schon interessant, die von der Versicherungswirtschaft ausgelobten Renditen zusammenschmelzen zu sehen. Aber hat schon mal ein Versicherter hinterfragt wieviel Prozent seiner monatlich eingezahlten Gelder überhaupt in der Genuss der kargen Rendite kommen? Zuallererst wird der Risikoanteil abgezogen, auch der Versicherungsvertreter fordert seine Prämie, die Verwaltung ist auch nicht umsonst und die Versicherungsgesellschaft möchte Rendite erwirtschaften und nebenbei auch ihre eigenutzte immobilie refinanzieren. Da dürfte noch einges von der Gesamtperformance für die Kapitalanlage auf der Strecke bleiben, so daß die Rendite auf die Monatseinzahlungen noch kärglicher ausfällt. Ob die LV als Kapitalanlage die richtige Anlageform ist, muss jeder selbst entscheiden, sofern sie/er in der Lage ist sollte sie/er den Ertrag mal selber durchrechnen. Anderenfalls fragen Sie nicht ihren Artzt oder Apotheker, sondern ihren Versicherungsvertreter nach einer objektiven Einschätzung. Sie haben ihn ja schließlich mit hunderten bis tausenden Euros gesponsort und zahlen ihm auch jeden Monat seinen anteiligen Obulus.

  • ich bin vor 2 Jahren aus allen LV raus weil die Renditen zu niedrig für das steigende Risiko sind.
    Mein EM-Depot hat sich in dieser Zeit nahezu verdoppelt.
    Der zuständige Versicherungsvertreter hat Verständnis gezeigt und es eine richtige Entscheidung genannt! (Er geht bald in Rente)
    Es ist mir unverständlich wie die grosse Masse noch an Sicherheiten glaubt, wo doch ganze Volkswirtschaften vor dem Abgrund stehen. Das könnte noch ein böses Erwachen geben.

  • Es ist gut, dass den Kunden der Lebensversicherungen vor Augen geführt wird, welche Risiken sie eingehen. Die klassische deutsche Lebensversicherung ist immer noch eine „blackbox“, dem Kunden ist nicht klar wohin sein Geld geht. Aus der täglichen beratungspraxis weiß ich, dass Kunden die Lebensversicherung mit Sicherheit verbinden. Kaum ein Kunde wird jedoch Sicherheit mit bankanleihen gleichsetzten. Somit sollte jetzt auch dem Letzten klar werden, dass es einen risikolosen Zins nicht gibt. Die Lebensversicherung ist ein Auslaufmodel, welches nur durch Staatliche Privilegien am Leben gehalten wird.

    Jürgen Gerdes, bad Camberg

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%