Adyen, Wirecard und Co. Die jungen Wilden attackieren die etablierten Zahlungsdienstleister

Der fulminante Börsengang des Fintechs Adyen zeigt die rasante Dynamik im Markt für Zahlungsverkehr. Wie neue Spieler das Geschäft aufmischen.
Kommentieren
Zahlungsdienstleister sorgen dafür, dass das Geld des Kunden bei der Bank des Händlers landet – egal, womit er zahlt. Quelle: Getty Images/iStockphoto
Kreditkarten

Zahlungsdienstleister sorgen dafür, dass das Geld des Kunden bei der Bank des Händlers landet – egal, womit er zahlt.

(Foto: Getty Images/iStockphoto)

FrankfurtMit einer großen Party können die Mitarbeiter von Adyen nicht rechnen. Das hat Firmenchef Pieter van der Does bereits klargemacht. Immerhin: Am Freitag soll es Champagner geben statt des sonst üblichen Feierabendbiers zum Start ins Wochenende. Dabei hätte Adyen allen Grund zum Feiern. Der niederländische Zahlungsdienstleister ist am Mittwoch furios an der Amsterdamer Börse gestartet. Gegenüber dem Ausgabepreis schnellte der Kurs am ersten Handelstag zeitweise um mehr als 100 Prozent nach oben.

Am Nachmittag notierte die Aktie bei 482 Euro, der Ausgabekurs lag bei 240 Euro. Damit wird Adyen, gegründet im Jahr 2006, insgesamt mit gut 14 Milliarden Euro bewertet. Es ist der größte Börsengang eines europäischen Finanz-Start-ups seit Langem. Zu den prominenten Investoren gehören Facebook-Chef Mark Zuckerberg, Twitter-Gründer Jack Dorsey und Singapurs Staatsfonds Temasek.

Nicht nur Adyen kommt an der Börse gut an. Auch der deutsche Zahlungsdienstleister Wirecard steht hoch in der Anlegergunst. Die Aktie des Unternehmens hat binnen zehn Wochen fast 60 Prozent gewonnen, an der Börse ist Wirecard mittlerweile mit 18,7 Milliarden Euro teurer als die Commerzbank und fast so viel wert wie die Deutsche Bank.

Beide Unternehmen profitieren davon, dass Kunden weltweit immer weniger mit Bargeld zahlen und immer mehr mit Bank- sowie Kreditkarten – und vor allem zusehends online einkaufen. Adyen und Wirecard bieten Dienstleistungen rund um den Zahlungsverkehr für Onlineshops, aber auch für den klassischen stationären Handel. So könnten Händler über die Adyen-Plattform viele verschiedene Zahlungsmethoden nutzen – etwa Kreditkarten, Lastschrift oder die Onlinebezahldienste Paypal und Sofort.

Branche wird international

Der Markt boomt. Doch das garantiert noch nicht den Erfolg der Unternehmen, denn das Geschäft ist margenarm. Zahlungsdienstleister erhalten meist nur einen minimalen Anteil der Umsätze bei Transaktionen im Handel. Und die Konkurrenz ist gewaltig, auch dank neuer Wettbewerber wie Adyen. Zugleich werden die Kunden, besonders die großen, global agierenden Händler, anspruchsvoller. Sie verzahnen ihr Geschäft online und im Laden – und das über Ländergrenzen hinweg.

„Die internationalen Händler wollen für ihren Zahlungsverkehr Lösungen möglichst aus einer Hand und, wenn möglich, auch pan-europäisch. Das können Dienstleister, die nur auf ihren Heimatmarkt fokussiert sind, nicht bieten“, sagt Gökhan Öztürk, Partner beim Berater Oliver Wyman.

Eine Folge: eine Serie von Übernahmen und Fusionen in Europa. Und eine weitere Konsolidierung dürfte folgen. Bewegung ist in die Branche auch gekommen, weil mehrere Firmen Finanzinvestoren gehören. So übernimmt das dänische Unternehmen Nets den Konkurrenten Concardis aus Deutschland. Beide gehören Beteiligungsgesellschaften. Bain und Advent hatten Concardis vor einem Jahr von deutschen Kreditinstituten gekauft.

Ende Mai war bekannt geworden, dass der französische Zahlungsdienstleister Ingenico sein Deutschlandgeschäft mit BS Payone, einer Firma der Sparkassen, zusammenlegt – wobei Ingenico die Mehrheit an dem Gemeinschaftsunternehmen halten wird. Zudem verkauft die Schweizer Six Group, die auch Börsenbetreiber ist, ihren Zahlungsdienstleister an den Konkurrenten Worldline aus Frankreich.

Besonders in Deutschland ist der Markt trotz einiger Zusammenschlüsse noch zersplittert, mehr als zehn Zahlungsdienstleister ringen um die Gunst der Händler. Grob gesagt sorgen die Firmen dafür, dass das Geld des Kunden, der einkauft, auch bei der Bank des Händlers landet – egal ob beim Onlineshopping oder an der Ladenkasse, egal ob der Kunde mit Giro- oder Kreditkarte, per Smartphone oder über Paypal zahlt. Gebühren berappen müssen dabei in erster Linie die Händler. Der Verbraucher bekommt davon in der Regel nichts mit.

Für viele Zahlungsdienstleister ist das Hauptgeschäft das sogenannte Acquiring. Sie prüfen und garantieren zum Beispiel Kartenzahlungen und wickeln diese ab. Einige Anbieter konzentrieren sich darauf, für Händler verschiedene Bezahlarten an der Ladenkasse oder im Onlineshop einzubinden, im Fachjargon auch Gateway genannt. Daneben gibt es Services wie die technische Verarbeitung der Transaktionen, die Buchung auf dem Händlerkonto sowie Zusatzleistungen wie zum Beispiel das Risikomanagement.

Dabei versuchen die Firmen verstärkt, nicht nur ein oder zwei, sondern viele Dienstleistungen in der Zahlungskette anzubieten. Bisher sind sie meist auf einen bestimmten Teil spezialisiert und deshalb sowohl Wettbewerber als auch Partner. Der Markt ist also komplex und schwer zu durchschauen. Genau das schätzen große Einzelhändler und andere global agierende Unternehmen allerdings nicht unbedingt – kein Wunder, dass Adyen, das viele Leistungen aus einer Hand anbietet, Uber, Facebook, Netflix, Spotify und L’Oréal als Kunden gewonnen hat – und künftig auch Ebay bedient.

Bei dem Onlinemarktplatz ersetzt Adyen ab 2020 sogar den bisherigen Zahlungsabwickler Paypal. Der US-Bezahldienst wird nur noch eine von vielen Bezahlmethoden bei Ebay sein. Paypal selbst dringt gerade in das stationäre Geschäft vor, dabei soll die Übernahme des schwedischen Start-ups iZettle helfen, das ein Bezahlsystem mit mobilen Kartenlesegeräten für Einzelhändler anbietet.

Das Geschäft sei sehr international geworden. „Wenn Zahlungsdienstleister überleben wollen, müssen sie deshalb selbst länderübergreifend aufgestellt sein“, sagt Markus Weber, Deutschlandchef von Ingenico. Die Firma sieht sich nach der Fusion mit BS Payone als Marktführer in Deutschland – und gehört zu den wenigen in der Branche, die selbst Kassenterminals vertreiben und deshalb auch Verbrauchern ein Begriff sind.

Expansion in Asien

Weitere Zusammenschlüsse werden folgen, meinen Weber und Öztürk. Oliver Lohmüller-Gillot, Deutschlandchef von Telecash, konstatiert: „Der Markt ist im Umbruch. Die Anforderungen zum Beispiel beim Datenschutz und bei der Datensicherheit wachsen. Um das umzusetzen, muss ein Anbieter investieren und letztlich Skaleneffekte nutzen können.“

Auch Nets will die „fortschreitende europäische Konsolidierung“ mitgestalten und weiter expandieren, wie Konzernchef Bo Nilsson kürzlich sagte. Das Unternehmen ist vor allem in Skandinavien aktiv. Aber auch in Deutschland sieht Nilsson „großes Wachstumspotenzial“.

Hintergrund ist, dass die Deutschen noch drei Viertel ihrer Einkäufe mit Bargeld bezahlen, gemessen am Umsatz ist es knapp die Hälfte. In anderen Ländern nutzen Verbraucher viel öfter Bank- und Kreditkarten. Das Bezahlen per Smartphone steht in Deutschland noch ganz am Anfang, Ende des Monats wird der Bezahldienst Google Pay starten – in Nachbarländern ist er längst verfügbar. Telecash-Manager Lohmüller-Gillot dämpft daher die Erwartungen: „In Deutschland sinkt der Anteil der Barzahlungen zwar, aber nur langsam. Auch das ist ein Grund für den starken Wettbewerb“, erklärt er.

Ein Grund für den Erfolg von Wirecard sehen Experten in der Tatsache, dass das Unternehmen aus der Nähe von München einen Großteil seines Umsatzes im Ausland erzielt und nicht auf dem umkämpften Heimatmarkt. Wirecard ist in Asien, aber auch in anderen europäischen Ländern aktiv. Besonders in Schwellenländern ist der bargeldlose Zahlungsverkehr sehr viel verbreiteter als in Deutschland. Bestes Beispiel dafür ist der Bezahldienst Alipay in China – und just mit Alipay und dessen Konkurrent WeChatpay kooperiert Wirecard. Im April baute Wirecard zudem die Partnerschaft mit der französischen Großbank Crédit Agricole noch einmal aus. Mit der japanischen Mizuho Bank, einem führenden Geldhaus im asiatisch-pazifischen Raum, ist man seit März im Geschäft.

Für den Versicherer Allianz hat Wirecard gemeinsam mit dem Kreditkartenanbieter Visa eine Geldkarte namens Allianz Prime entwickelt, die gerade in Italien getestet wird, und der französische Telekomkonzern Orange wickelt die Bezahlangebote für seine Kunden ebenfalls über die Plattform von Wirecard ab.

Die Aktie könnte, wenn der Höhenflug anhält, ein Kandidat für den wichtigsten deutschen Aktienindex, den Dax, sein – schon bei der nächsten Überprüfung im September. Bereits jetzt übertrifft Wirecard mit seinem Börsenwert nicht nur die Commerzbank, sondern auch Covestro, Heidelberg Cement, Lufthansa, Merck, RWE und Thyssen-Krupp.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Startseite

Mehr zu: Adyen, Wirecard und Co. - Die jungen Wilden attackieren die etablierten Zahlungsdienstleister

0 Kommentare zu "Adyen, Wirecard und Co.: Die jungen Wilden attackieren die etablierten Zahlungsdienstleister"

Bitte bleiben Sie fair und halten Sie sich an unsere Community Richtlinien sowie unsere Netiquette. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar. Wir behalten uns vor, Leserkommentare, die auf Handelsblatt Online und auf unser Facebook-Fanpage eingehen, gekürzt und multimedial zu verbreiten.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%