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Aktien An den Märkten ist die Nervosität zurück

Anleger ziehen Gelder aus Aktienfonds ab, der Dax fällt, und die Bundesanleihe steht auf einem Rekordtief. Worauf sich Anleger jetzt einstellen müssen.
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Die Investoren stellen sich auf ein schwieriges Umfeld an den Weltmärkten ein und sichern Gewinne. Quelle: JEENAH MOON/The New York Times/R
Händler an der New Yorker Börse

Die Investoren stellen sich auf ein schwieriges Umfeld an den Weltmärkten ein und sichern Gewinne.

(Foto: JEENAH MOON/The New York Times/R)

FrankfurtDie Amerikaner nennen es „wall of worry“, frei übersetzt ein „Berg aus Sorgen“. So betitelt die Großbankenorganisation IIF in Washington eine Marktanalyse, die vor lauter Schatten kaum noch Licht erkennen lässt.

In den USA liegen die Renditen der zehnjährigen Anleihen auf einem 17-Monatstief. Sie ist jetzt niedriger als die der dreimonatigen Papiere: Das ist zuletzt vor der Finanzkrise 2008 passiert. Die Wahrscheinlichkeit einer Rezession liegt nach einem Modell der New York Fed bei 35 Prozent – ähnlich wie im Jahr 2007.

In Deutschland ist die Rendite der zehnjährigen Staatspapiere sogar auf unter minus 0,2 Prozent und damit auf ein Rekordtief gerutscht. Die Anleger im Euro-Raum zahlen lieber drauf, als sich irgendwelchen Risiken auszusetzen.

Der Optimismus an den Märkten ist verflogen. Aus Furcht vor den Folgen des Zollstreits der USA mit anderen Staaten ziehen sich Investoren aus den europäischen Märkten zurück. Sie gehen lieber auf Nummer sicher, nehmen Gewinne mit – und schicken damit die Kurse auf Talfahrt. An den Börsen ist die Nervosität zurück. Haben die Anleger den besten Teil des Börsenjahres 2019 bereits gesehen?

„Die große Frage ist jetzt, wie die Notenbanken, vor allem die in den USA, reagieren werden“, heißt es beim IIF. Rich Clarida, Vizechef der US-Notenbank (Fed), hat vorsichtig angedeutet, dass sie die Zinsen senken könnte, wenn die Daten schlechter werden.

„Der Markt preist mittlerweile sage und schreibe drei Zinssenkungen der Fed von insgesamt 75 Basispunkten bis Ende 2020 ein“, analysieren die Experten des Bankhauses Metzler: Das wäre eine Senkung in der Spanne zwischen 2,25 und 2,5 Prozent auf 1,5 bis 1,75 Prozent. Bis Ende 2019 sehen die Märkte schon zwei Abwärtsschritte voraus.

Das ist jetzt der entscheidende Punkt: Wird die Fed die Erwartungen der Märkte erfüllen? Die US-Bank JP Morgan schreibt, es werde schwieriger für die Fed, die Anleger „zufriedenzustellen“.

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Auslöser für das Anwachsen der Sorgen und die Marktbewegungen sind wieder einmal die Handelskonflikte. US-Präsident Donald Trump hat die Sanktionen für China verschärft – und droht seit dem Wochenende auch Mexiko mit Strafzöllen. China und die USA liefern sich einen immer heftigeren Schlagabtausch.

In einer wirtschaftlich verwobenen Welt könnten bald die Folgen eines gebremsten Welthandels spürbar werden: stotternde Konjunkturen, schwächere Gewinne der Unternehmen. Vermögensverwalter Jens Ehrhardt urteilt deshalb über die wichtigste Anlageform: „Bei Aktien könnte es bis zum Herbst abwärtsgehen.“ Die Anleger schichten um in Anleihen – das treibt deren Kurse hoch und die Renditen herunter.

Lange haben die Anleger mögliche Belastungen ignoriert. Die Aktienrally der ersten vier Monate des Jahres belegte den Optimismus der Akteure. Satte 16 Prozent gewann der Weltaktienindex in der kurzen Zeit. Etwa ab Anfang Mai drehte die Stimmung. Wie sehr die Stimmung gelitten hat, illustriert ein Blick auf die Volatilitätsindizes. Diese sogenannten Angstbarometer messen, wie hoch die von Investoren erwarteten Preisschwankungen sind. Sie sind für Aktien, Rohstoffe und Währungen in den letzten Wochen kräftig gestiegen.

Vor allem Aktien stehen derzeit auf den Verkaufslisten. Abwärts geht es auch bei den Industrierohstoffen. Öl als wichtigster Energierohstoff wurde 16 Prozent billiger. Ein zweiter Zufluchtsort neben Anleihen sind dagegen die Edelmetalle, die ihrem Ruf als klassische Krisenmetalle gerecht werden.

Eine alte Börsenweisheit scheint nicht mehr zu gelten: Politische Börsen haben kurze Beine. Denn dieses Mal steht im Kern eine globale geopolitische Konfrontation zwischen den USA und China, die auch bei einem Deal beider Länder im aktuellen Konflikt nicht dauerhaft aus der Welt geschafft werden wird. Sollte Trump, wie bereits angedroht, alle chinesischen Importe im Wert von rund 550 Milliarden Dollar mit einem Zoll von 25 Prozent belegen, würde das chinesische Wirtschaftswachstum Schätzungen zufolge einen Prozentpunkt fallen.

Aktien geht die Luft aus

Die Folgen für die USA wären ebenfalls dramatisch. Morgan-Stanley-Chefökonom Chetan Ahaya glaubt: Falls Trump auch noch weitere US-Importe von 200 Milliarden Dollar mit 25 Prozent Strafzöllen belegt und China entsprechende Gegenmaßnahmen ergreift, könnten die USA bereits in neun Monaten in eine Rezession rutschen. Die Analysten von Goldman Sachs haben ihre Wachstumsprognose für das zweite Halbjahr bereits um einen halben Prozentpunkt auf zwei Prozent gesenkt.

Vermögensverwalter Bert Flossbach befürchtet: „Der Konflikt zwischen den USA und China wird die Märkte noch lange beschäftigen. Schlussendlich geht es um die Antwort auf die Frage, wer in den kommenden Jahrzehnten die Weltmacht sein wird.“

Alarmstimmung herrscht an den Aktienmärkten. Gemessen am Weltindex sind die Kurse seit dem Hoch vor einem Monat zwar bereits um sechs Prozent gefallen. Sie stehen aber noch weit über dem Tiefpunkt zur Jahreswende. Nach unten erscheint den Skeptikern viel Raum zu sein.

So änderte beispielsweise Martin Stürner seine Anlagepolitik radikal. Noch im April hatte der Chef des Vermögensverwalters PEH Wertpapier in seinem Mischfonds „PEH Empire“ fast alles Geld in Aktien investiert. Jetzt senkte er die Quote massiv: auf null. „Die Marktsignale zeigen an, dass zeitnah drastische Kurseinbrüche von 20 bis 25 Prozent an den US-Börsen möglich sind“, glaubt der pessimistische Stratege.

So drastisch wagt kaum ein anderer Marktstratege zu reagieren. Beim französischen Asset-Manager Axa Investment Managers registriert der Mischfonds-Chef Serge Pizem allerdings wachsende Gefahren. „Die Risiken sind gestiegen, sodass wir unsere Portfolios jetzt konservativer positionieren.“

Aber das wollen die Axa-Experten behutsam machen. Die Aktienkurse der Industrieländerbörsen hätten zwar nachgegeben, lägen aber immer noch recht nahe an ihren Höchstkursen. „In den Kursen von Industrieländeraktien ist ein schwächerer Welthandel mit negativen Folgen für das Weltwirtschaftswachstum noch längst nicht so stark berücksichtigt wie in den Staatsanleihekursen“, meint Pizem.

Anleihen werden spekulativ

Vor allem Anleihen profitieren von dem Druck, der den Berg von Sorgen auslöst. Die Kehrseite der gestiegenen Kurse sind Renditen unter null, die es für private oder für alle langfristig orientierten Anleger völlig unrentabel macht, diese Papiere zu kaufen.

Nicht zufällig haben schon im vergangenen Jahr viele Hedgefonds dort zugegriffen: Sie spekulieren darauf, dass kurzfristig die Kurse noch weiter steigen. In den USA, heißt es bei JP Morgan, sind vor allem die Kurse der langfristigen Staatspapiere schon ausgereizt. Fazit also: Mit Anleihen auf Nummer sicher zu gehen funktioniert kaum noch.

Wer längerfristig in Zinspapiere investiert und noch etwas Rendite haben will, muss mehr Risiken eingehen. Ein Beispiel sind italienische Staatspapiere: Wegen der Politik der Regierung in Rom sind sie vergleichsweise billig zu haben. Wer die Befürchtung eines Ausscheidens Italiens aus der Währungsunion oder eines Schuldenschnitts dort ausblendet, ist mit diesen Papieren gut bedient. Letztlich ist das eine politische Wette.

Rohstoffe werden billiger

Die Preise von Basisrohstoffen sind sehr stark an die Konjunktur gebunden. Läuft die Wirtschaft schlechter, werden auch weniger Öl und Kupfer verbraucht. So ist es nur folgerichtig, dass die allgemeinen Ängste auf den wichtigsten Energieträger und den wichtigsten Industrierohstoff massiv durchschlagen.

Öl wurde in wenigen Handelstagen ein Zehntel billiger. Und das trotz eines weiteren Rückgangs der Produktion bei den Ländern der Opec und drohender Streiks in der norwegischen Ölindustrie. Die Commerzbank-Rohstoffanalysten vermuten deshalb, dass sich die Sorgen wegen der Handelsfragen in den Vordergrund geschoben haben: „Bei einer schwächeren Nachfrage könnte der Ölmarkt am Jahresende im Überangebot sein.“

Öl hat unter den Rohstoffen auch wegen seiner Bedeutung im globalen geopolitischen Ringen eine Sonderrolle. Doch auch andere Basismetalle leiden. So wurde Kupfer im Mai fast sieben Prozent billiger, Zink sogar um knapp elf Prozent. Gerade der Kupferpreis gilt in Finanzkreisen als eine Art Konjunkturbarometer.

Gold als sicherer Hafen gefragt

Die Edelmetalle profitieren von der wachsenden Unsicherheit. Weil Aktienkurse und Bondrenditen gedrückt sind, fliehen Anleger in die Edelmetalle. Die Feinunze Gold sprang am vergangenen Freitag deutlich über die Marke von 1300 Dollar.

Zudem spielt auch ein wachsendes Misstrauen in die Währungsordnung eine Rolle. Da bietet sich Gold als alternative und seit Jahrtausenden gültige Alternative an. „Die amerikanische Notenbank wird noch vor den nächsten Präsidentschaftswahlen im November 2020 die geldpolitische Kehrtwende einleiten“, glaubt Ronald-Peter Stöferle.

Der Partner bei der liechtensteinischen Geldverwaltung Incrementum ist sicher: „Man kann getrost die Wette eingehen, dass die Notenbanken die Schleusen öffnen werden, sobald sich die Rezessionswolken verdichten.“ Das werde der Auslöser für weiter steigende Goldpreise sein. Erstes Ziel sei die Marke von 1360 bis 1380 Dollar. Danach könne das Edelmetall mittelfristig sogar auf über 1800 Dollar steigen. Von der Skepsis gegenüber den großen Währungen profitiert auch der Schweizer Franken.

Fazit: Die Anleger haben die Wahl, die Nerven zu behalten und auf eine Erholung, etwa bei Aktien, zu hoffen. Oder mit Anleihen auf Nummer sicher zu gehen und damit Verluste einzukalkulieren. Oder mit spekulativen Käufen, etwa von Gold, auf eine Gegenbewegung zum großen, negativen Trend zu setzen.

Mehr: Die Märkte befinden sich derzeit in den Händen von US-Präsident Trump. Das könnte sich aber positiv für Aktionäre entwickeln, meint Handelsblatt-Redakteur Ingo Narat.

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1 Kommentar zu "Aktien: An den Märkten ist die Nervosität zurück"

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  • Sehr geehrte Herren Redakteure,

    Sie kennen doch sicher die Story von dem Börsenberichterstatter. Gehen die Indices an einem bestimmten Tag mit einem Plus aus dem Handel, findet er unschwer einige plausibel klingende Gründe. Und falls die Kurse zufällig sinken, weiß er ebenfalls plausibel klingende Gründe. Schade, dass niemand die jeweils vogetragenen Gründe auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen kann. Deshalb kann man dem Börsenberichterstatter auch nie einen Irrtum vorwerfen.

    Für die Zukunftserwartungen unserer Prognostiker gilt sinngemäß das Gleiche. Die Herrschaften mögen erwarten was Sie wollen. Aber es gibt niemand, der die Zukunft kennt und die falschen Erwartungen tadeln könnte.

    Was uns bleibt, ist nur die Erinnerung. Die Erinnerung an die Erwartungen lieben "Experten". Sie erinnern sich doch sicher, dass die Meute ziemlich einhellig für das Börsenjahr 2018 ein DAX-Plus von 15 % erwartet hatte. Tatsächlich geworden sind es -18 %. Zwischen Soll und ist klafft somit eine Lücke von 33 %. Herzlichen Glückwunsch an unsere Prognostiker.

    Herzlichen Glückwunsch auch an die Herrschaften, die den amerikanisch/chinesischen Handelskonflikt als Kampf um die wirtschaftliche Vorherrschaft einstufen und eine jahrzehntelange Auseinandersetzung erwarten. Gehe ich richtig in der Annahme, dass deshalb auch die Aktienkurse jahrzehntelang auf Südkurs gehen?

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