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Aktienhandel Warum der Dax ein Spielball für Zocker ist

Heftige Kursschwankungen wie zuletzt bei Wirecard sind eher Trend als Ausnahme: Der Dax eignet sich besonders für spekulationsfreudige Anleger.
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Regelwerk für die Dax-Zusammensetzung mehrfach angepasst. Quelle: Bloomberg
Handelssaal in Frankfurt

Regelwerk für die Dax-Zusammensetzung mehrfach angepasst.

(Foto: Bloomberg)

Düsseldorf Kleine Nachricht, große Wirkung: Weil Wirecard den Vorwurf von Korruption und Bilanzfälschung bei seinen Geschäften in Singapur durch eine unabhängige Untersuchung zumindest in Teilen entkräftet sieht, ist der Kurs des Zahlungsabwicklers am Dienstag binnen weniger Minuten um 30 Prozent gestiegen.

Dass die Anwaltskanzlei Rajah & Tann den Bericht gar nicht veröffentlichte und sich offenbar einige Mitarbeiter Wirecards strafbar gemacht haben, störte die Anleger dabei nicht sonderlich. Der Dax-Neuling wurde um drei Milliarden Euro wertvoller und kostet nun mit 15,3 Milliarden Euro wieder 200 Millionen mehr als die „große“ Deutsche Bank.

Seit Gründung des Unternehmens 1999 in Aschheim und dem Börsengang nur ein Jahr später ist die Aktie mehr als hundertmal an nur einem Tag um zehn und mehr Prozent gefallen oder gestiegen – in der Spitze um mehr als 100 Prozent.

Auslöser waren neue Geschäftsbeziehungen, Firmenübernahmen, steigende Erträge – oder auf der Negativseite Spekulationen über Bilanzfälschungen, Geldwäsche und Korruption, wie sie seit vielen Jahren Wirecard begleiten. Konzernchef Markus Braun fuhr bislang gut damit, bei Kursschwächen Aktien zuzukaufen. Das machte ihn zum Milliardär.

Wirecard ist aber kein Einzelfall für heftige Kursausschläge. Diese sind vielmehr ein Markenzeichen des Dax. „Informationen in Echtzeit für jedermann beschleunigen die Kursausschläge“, urteilt Christian Kahler von der DZ Bank. Der erfahrene Analyst und Aktienexperte beobachtet seit Jahren zunehmende Kursschwankungen.

Dazu tragen einerseits der computergesteuerte Handel und der verstärkte Future-Handel mit Derivaten und Optionen bei – also die Spekulation darauf, wie sich Kurse künftig entwickeln könnten. Beim Dax kommt andererseits hinzu, dass er sich mit seinen nur 30 Einzelwerten besser als jeder andere Börsenindex für rasche Käufe und Verkäufe eignet, vor allem, weil die Erträge der vielen Industrieunternehmen wie beispielsweise BASF, Daimler, Infineon, Siemens und Thyssen-Krupp außerordentlich stark vom Lauf der Konjunktur abhängig sind.

Diese geballte Masse an konjunktursensiblen Firmen, wie sie kein anderer großer Index weltweit vereint, lockt professionelle Anleger an. Sie investieren ihr Geld schon bei kleineren Bewegungen konjunktureller Frühindikatoren in den Dax und in einzelne Aktien – und ziehen es ebenso rasch wieder ab.

Ein Spielfeld für milliardenschwere Investoren

Der Dax ist so ein ideales Spielfeld für milliardenschwere Investoren, die darüber hinaus ein erstklassig funktionierendes Handelssystem Xetra vorfinden. Es ist weniger störanfällig als die Systeme anderer großer Börsenplätze einschließlich der Wall Street.

Als Porsche am 26. Oktober 2008 (freiwillig) veröffentlichte, Zugriff auf knapp ein Drittel aller Volkswagen-Aktien zu haben, stieg die VW-Aktie rasant: am 27. Oktober um 147 Prozent, tags darauf um weitere 80 Prozent. Mit mehr als 1.000 Euro pro Stammaktie war der Wolfsburger Autokonzern mit knapp 300 Milliarden Euro kurzzeitig das wertvollste Unternehmen der Welt.

Grund für die Kursexplosion war eine Verknappung des Angebots: Weil das Land Niedersachsen 20 Prozent der Aktien hielt, gab es nach der Porsche-Ankündigung fast keine frei verfügbaren Aktien mehr am Markt. Der Dax wurde zu einem VW-Index, indem die Aktie zeitweise 30 Prozent des Börsengewichts im gesamten Leitindex ausmachte.

Grafik

Die Konsequenz war, dass die Deutsche Börse ihr Regelwerk änderte und das maximale Gewicht eines einzelnen Dax-Titels auf zehn Prozent begrenzte. Kurios: Diese Regel, die eingeführt wurde, nachdem die schwergewichtige VW-Aktie den gesamten Dax nach oben gezogen hatte, verzerrt seitdem das Kursbarometer.

Die Kappung des VW-Gewichts auf zehn Prozent hatte nämlich zur Folge, dass der Aktienkurs bei seinem späteren Absturz nicht mehr das Gewicht hatte wie noch beim vorangegangenen Kursanstieg. Der Dax notiert seitdem rund 80 Punkte zu hoch.

Spekulationen über Kursmanipulationen und Razzien der Staatsanwaltschaft Mannheim ließen 2002 den Aktienkurs des Finanzdienstleisters MLP abstürzen. Bereits zwei Jahre vorher gab es Kurseinbrüche von über 40 Prozent, weil sich die Geschäftsaussichten eintrübten und der Arbeitskreis „Indizes“ der Deutschen Börse überraschend entschieden hatte, MLP trotz seines hohen Börsengewichts erst einmal nicht in den Dax aufzunehmen – was ein Jahr später dann aber doch geschah.

Auswahlkriterien geändert

Die Folge war auch hier, dass die Deutsche Börse später ihr Regelwerk änderte und es transparenter machte. Nicht mehr „weiche“ Kriterien wie Branchenzugehörigkeit und Ausgewogenheit eines Börsenindexes bestimmten über den Auf- und Abstieg, sondern ausschließlich harte Fakten wie Börsengewicht und -umsatz.

Bayer, als Pharmatitel eigentlich einer Branche zugehörig, deren Aktien wenig schwanken und deshalb bei Langfristanlegern beliebt sind, ist schon länger ein Spielball der Investoren. Nicht erst seit dem 50 Milliarden Euro teuren Kauf des Saatgutspezialisten Monsanto.

Auch nicht erst, seitdem Patienten das Unkrautvernichtungsmittel Roundup von Monsanto für ihre Krebserkrankung verantwortlich machen und US-Gerichte sich dieser Sichtweise offenbar anschließen. Eine endgültige Entscheidung steht noch aus. 2003 erlebten Bayer-Aktionäre den umgekehrten Fall: Als die Leverkusener ihren Prozess um den Cholesterinsenker Lipobay in Texas gewannen, schoss der Aktienkurs um fast 40 Prozent nach oben.

Als die ausgegliederte Siemens-Tochter Infineon am 14. März 2000 ihr Börsendebüt hatte, verdoppelte sich der Kurs am ersten Handelstag. Nach dem Rekordhoch von 90 Euro pro Aktie nur wenige Wochen später folgte der Sturz bis auf 39 Cent im Frühjahr 2003. Wer dann den Mut hatte, an die Zukunft von Infineon zu glauben, erfreute sich an einem Kursplus von vielen Tausend Prozent.

Zum wohl größten Spielball von Spekulanten im Dax wurde die Aktie von Hypo Real Estate. In der Finanzkrise 2008 musste der Staat bei dem Immobilienfinanzierer rettend eingreifen, weil sich das Management mit komplizierten Kreditgeschäften verzockt hatte. Inmitten des Kursabsturzes gab es immer wieder Tage, an denen die Aktie bis zu 50 Prozent gewann, etwa weil Spekulanten auf Übernahmeangebote des Bundes spekulierten, der die Kontrolle über Hypo Real Estate brauchte, um die Bankenwelt vor dem Kollaps zu bewahren.

Anleger profitieren von Optionsscheinen

Viele Anleger profitieren von den Kursschwankungen mit Optionsscheinen, die ihrerseits die Schwankungen weiter erhöhen. Setzen Anleger beispielsweise (erfolgreich) auf fallende Kurse einer Aktie, so steigt der Wert von Put-Optionsscheinen angesichts der Einbußen des Basiswertes. Zusätzlich profitiert der Optionsschein von den mit den fallenden Kursen einhergehenden steigenden Kursschwankungen.

Weil der Dax in seiner Historie stärker schwankte als andere Indizes wie etwa der S&P 500 in den USA oder der MSCI World, lockt Deutschlands Börsenbarometer immer mehr spekulationsfreudige Anleger an. Dieser Effekt vergrößert die Schwankungen weiter: ein perfektes Perpetuum mobile.

Mehr: Warum Wirecard nun nicht einfach zum Tagesgeschäft übergehen darf, lesen Sie hier.

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