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Aktienmärkte Wieso Europas Märkte auch ein No-Deal-Brexit kaum noch schockt

Experten bei deutschen Fondshäusern und Vermögensverwaltern sind überzeugt: Auch ein harter Brexit wird die Börsen zwar belasten, aber das nur kurz.
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Finanzexperten machen sich kaum Sorgen um einen No-Deal-Brexit. Quelle: Bloomberg
Blick in den Saal der Frankfurter Börse

Finanzexperten machen sich kaum Sorgen um einen No-Deal-Brexit.

(Foto: Bloomberg)

FrankfurtVielleicht wird es ein historisches Dokument, oder nur eine kleine Fußnote im ewigen Ringen um den Brexit: „Wenn wir uns bei dem von Dir für den 10. April einberufenen Europäischen Rat nicht auf eine weitere Verlängerung einigen, wird das Vereinigte Königreich die Europäische Union am 12. April 2019 um 23:00 Uhr britischer Sommerzeit ohne ein Abkommen verlassen.“ Das schrieb die britische Premierministerin Theresa May an EU-Ratspräsident Donald Tusk, um eine weitere Fristverlängerung auszuhandeln.

Obwohl ein ungeregelter Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union (EU) nach wie vor nicht vom Tisch ist, zeigen sich die Aktienprofis erstaunlich gelassen. Eine Umfrage des Handelsblatts unter Fondsmanagern und Vermögensverwaltern zeigt: Die Schwarzmaler haben trotz der politischen Chaostage in London nicht die Oberhand gewinnen können.

Positive Perspektiven

„Der Markt geht mit dem Thema Brexit wenig emotional um. Es gibt für die Aktienmärkte wesentlich wichtigere Treiber als die andauernden Brexit-Diskussionen“, sagt Joachim Schallmayer, Leiter Kapitalmärkte und Strategie bei der Dekabank. Ein zentraler Faktor für die gute Wertentwicklung an den Aktienmärkten im Jahr 2019 sei die deutliche Kehrtwende der Notenbanken. „Sie haben klar signalisiert, dass sie die geldpolitischen Normalisierungsversuche aus dem letzten Jahr so nicht fortführen werden.

Damit ist ein ganz zentraler Belastungsfaktor vom Markt genommen“, erläutert der Experte aus dem Sparkassenlager. Die rekordniedrigen Zinsen bleiben den Investoren also erhalten – sie waren der wesentliche Treibstoff für die Kursrally seit der Finanzkrise 2008. Ein zweiter Grund sei, dass sich das gesamtwirtschaftliche Umfeld nicht weiter verschlechtert. Das eröffne die Perspektive einer stabilen konjunkturellen Entwicklung und moderat ansteigenden Unternehmensgewinnen, ergänzt der Dekabank-Experte.

Die Analysten der Fondsgesellschaft Union Investment haben untersucht, welche Branchen besonders hart von einem Brexit betroffen wären. Schwer werde es in jedem Fall für britische Airlines werden, weil die Flugrechte neu verhandelt werden müssten.

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Aktienexperten gehen davon aus, dass in Großbritannien beispielsweise die Airlines Easyjet und Ryanair tendenziell leiden würden, ebenso der Bauwert Persimmon und der Bankkonzern Lloyds. Der britische Finanzsektor verliere den Zugang zum EU-Markt und werde ebenfalls betroffen sein. Von anderen Analysten werden in diesem Kontext neben der Finanzbrache vor allem Einzelhandels- und Immobilientitel angeführt.

„Auch Automobilhersteller aus ganz Europa werden die Last spüren, denn die Konzerne sind von einem reibungslosen Warenverkehr in Europa abhängig“, sagt Benjardin Gärtner, Leiter Portfoliomanagement Aktien bei Union Investment. Hinzu komme, dass für deutsche Fahrzeuge nach dem Austritt Einfuhrzölle erhoben würden, die sie für britische Käufer teurer machten. Schätzungen zufolge sei von einem Absatzrückgang von bis zu 30 Prozent auszugehen. In Deutschland sehen Analysten vornehmlich die Autobauer BMW und Daimler betroffen.

„Allerdings ist zu erwarten dass die Bank of England nach einem ungeregelten Austritt den Geldhahn aufdrehen und die Zinsen spürbar senken wird. Das dürfte dann die Aktien stützen, das Pfund Sterling würde aber abwerten“, glaubt Oliver Leipholz, Leiter der Vermögensverwaltung bei der Deutsche Oppenheim Family Office. Ein zur Schwäche neigendes Pfund Sterling könnte auf der anderen Seite die exportlastigen Aktien der britischen Pharmafirmen Astra Zeneca und Glaxo Smithkline steigen lassen.

Einen harten Brexit hätten die Märkte laut Leipholz nicht eingepreist. Allerdings notierten britische Aktien bereits jetzt mit einem Bewertungsabschlag von durchschnittlich 25 Prozent zum MSCI World. Im Verglich zu europäischen Titeln seien es mehr als zehn Prozent. „Somit besteht durchaus Erholungspotenzial, wenn es zu einer positiven Lösung kommt“, sagt Leipholz.

Nur kurzfristige Reaktion möglich

Bei der Abstimmung über die Scheidung von Europa im Juni 2016 hatten sich die Aktienmärkte nach einem überdeutlichen Schock relativ schnell erholt. Auch jetzt spricht einiges dafür, dass der große Crash bei europäischen Titeln ausbleibt. „Im Falle eines harten Brexits sollte man kurzfristig mit Schleifspuren am Aktienmarkt rechnen“, meint Britta Weitenbach, Leiterin europäische Aktien bei der DWS.

Allerdings seien viele europäische Unternehmen mittlerweile auch auf diese Situation eingerichtet. Sie hätten Lagervorräte in Großbritannien aufgebaut. „Die weitere Entwicklung der europäischen Aktienmärkte wird mittelfristig bestimmt stärker von der Entwicklung der Weltwirtschaft getrieben sein und damit etwa von der Entscheidung zu einem Handelsabkommen zwischen den USA und China“, gibt die Expertin zu bedenken.

Eine DWS-Analyse zeigt aber auch, dass die britischen Ausrüstungsinvestitionen inflationsbereinigt seit dem Referendum mit einer Jahresrate von 5,4 Prozent geschrumpft sind, während sie davor sieben Prozent pro Jahr zugelegt hatten. Im Gegensatz dazu haben sich die Wachstumsraten in anderen europäischen Ländern beschleunigt. Da die heutigen Investitionen dazu beitragen, die Arbeitsplätze, das Produktionspotenzial und das Arbeitseinkommen von morgen zu sichern, sei das für Großbritannien in den kommenden Jahren kein gutes Zeichen, heißt es bei der DWS.

Generell empfiehlt Expertin Weitenbach, einmal über den Tellerrand hinaus zu blicken. Wer auf einen harten Brexit setze, sei wahrscheinlich kurzfristig in US-Titeln besser positioniert. Unabhängig vom Brexit-Ausgang halte man Emerging Markets in Asien derzeit für die attraktivste Region.

Wie stark die Reaktionen an den Aktienbörsen bei einem No-Deal-Brexit sein könnten, bleibt also ein Blick in die Kristallkugel. Ein Anlage-Profi prognostiziert, dass die Rücksetzer an den europäischen Börsen im mittleren einstelligen Bereich liegen könnten und nicht lange anhalten.

Union-Stratege Gärtner bringt es auf den Punkt wenn er sagt: „Oft wird die Suppe eben nicht so heiß gegessen, wie sie gekocht wird.“ Wichtig sei der tatsächliche Einfluss auf die Gewinnentwicklung der Unternehmen – und hier könnten die Auswirkungen letztendlich kleiner sein als vereinzelt befürchtet.

Die Analysten der schweizerischen UBS sehen sogar großes Potenzial für deutsche Aktien, trotz der Rally seit Jahresbeginn. Sie verweisen dabei vor allem auf Rheinmetall, Lufthansa und Fraport. Ein Argument: Die negativen ökonomischen Überraschungen in der Euro-Zone könnten ein Ende finden. Und, wer weiß das schon, womöglich läuten die Europawahlen im Mai auch eine Wende in puncto Populismus ein.

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