Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke
Wegen dringender Wartungsarbeiten ist derzeit auf Handelsblatt Online leider kein Login bei „Mein Handelsblatt“ möglich. Als Folge stehen u.a. der Depotzugang, die Kommentarfunktion und das Digitalpass-Angebot vorübergehend nicht zur Verfügung. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Allianz, Zurich, Axa Versicherer entdecken ihr politisches Gewissen – auf Kosten der Kohleindustrie

Der Versicherer Allianz steigt aus der Kohle aus – und liegt damit im Trend. Konzerne setzen die Politik unter Druck, mehr auf die Umwelt zu achten.
Kommentieren
Die Allianz gibt Kohlekraftwerken einen Korb. Quelle: picture alliance / Martin Schroe
Dicke Luft

Die Allianz gibt Kohlekraftwerken einen Korb.

(Foto: picture alliance / Martin Schroe)

Frankfurt/MünchenEs gibt Manager, die den großen Auftritt lieben. Es gibt andere, die schon einmal gerne mit lauten Tönen auffallen. Aber wenn es um das heikle Feld der Politik geht, übten sich Topmanager jeglichen Charakters lange vor allem in einem: in Zurückhaltung.

Als der Sportartikelhersteller Adidas im Jahr 2008 als Hauptsponsor der Olympischen Spiele in China angesichts der Tibet-Politik Pekings in die Kritik geriet, verteidigte sich der damalige Adidas-Chef Herbert Hainer offensiv. Adidas sei „kein politisches Unternehmen, und ich bin kein Politiker“, nannte er damals als Grund, warum sich der Konzern nicht zu Menschenrechtsfragen äußern wollte. Doch zehn Jahre später steht diese in den Unternehmen seit Jahrzehnten eingeübte Haltung inzwischen infrage.

Immer mehr große Firmen vor allem in der Finanzbranche entdecken ihr politisches Gewissen. Nachdem erst jüngst die US-Banken gegen den Waffenwahn in den Vereinigten Staaten mobilmachten und ihre Beziehungen zu Herstellern und Verkäufern von Schusswaffen einschränkten, verkündet nun Europas größter Versicherer Allianz den kompletten Ausstieg aus der als klimaschädlich geltenden Kohle.

Ab sofort verzichtet der Münchener Dax-Konzern auf die Einzelversicherung von Kohlekraftwerken und Kohleabbau. Zudem will die Allianz bei ihren Kapitalanlagen ebenfalls ab sofort nicht mehr in Unternehmen investieren, die durch umfangreichen Zubau von Kohlekraftwerken das Ziel des Pariser Klimaabkommens gefährden, die Erderwärmung auf unter zwei Grad zu begrenzen, sagte Vorstandschef Oliver Bäte.

Das Unternehmen aus München setzt damit nicht nur ein Zeichen. Er setzt auch die Politik unter Druck. Denn die Bundesregierung hat sich bisher nicht auf einen konkreten Termin für einen Ausstieg aus der Kohleverstromung geeinigt. Trotz eines Booms der erneuerbaren Energien kommt die klimaschädliche Kohle noch immer auf einen Anteil von fast 40 Prozent am deutschen Strommix.

Die Bundesrepublik hatte sich zuletzt 2015 im Rahmen des Pariser Welt-Klimaabkommens dazu verpflichtet, ihren Treibhausgasausstoß massiv zu senken. Eine geplante Kommission zur Zukunft der Kohleverstromung soll nun einen Fahrplan für den Ausstieg aus der klimaschädlichen Technologie erarbeiten und Strategien für den Strukturwandel in den Kohlerevieren entwickeln.

Bäte will nicht mehr auf die Politik warten

Doch darauf will Bäte nicht mehr warten. Bereits seit 2015 legt die Allianz kein Geld mehr in Unternehmen an, die mehr als 30 Prozent ihres Umsatzes mit dem Abbau von Kohle oder der Produktion von Kohlestrom verdienen. Nun verschärft der Vorstandsboss diese Richtlinie.

„Wir haben uns entschieden, den nächsten Schritt zu gehen.“ Der Sofortausstieg aus der Versicherung einzelner Kohlekraftwerke und des Kohleabbaus wird das Unternehmen nach Bätes Angaben einen größeren zweistelligen Millionenbetrag kosten. Die konkrete Ausgestaltung in der Praxis wollen Bäte und der für Nachhaltigkeitsthemen zuständige Vorstand Günther Thallinger erst Mitte September auf der relevantesten Veranstaltung in diesem Jahr weltweit zum Thema Klimaschutz verkünden, dem Global Climate Action Summit in San Francisco.

Die konkreten Auswirkungen der Allianz-Entscheidung sind darum noch unklar. Ein Sprecher von RWE twitterte: „Die angekündigten Maßnahmen betreffen RWE nicht. Das hat uns die Allianz bestätigt.“ Dieser Widerspruch ist vielleicht keiner. Möglicherweise kann ein Kraftwerk bestimmte Versicherungen nicht mehr erhalten, RWE als gesamtes Unternehmen jedoch schon. Auch Vattenfall sei von dem Beschluss nicht betroffen, da es seine Kraftwerke nicht bei der Allianz versichert habe, sagte eine Konzernsprecherin.

Doch die Allianz steht mit ihrem Vorhaben nicht allein. Der französische Versicherer Axa sowie die Schweizer Zurich wollen den Bau neuer Kohlekraftwerke ebenfalls nicht mehr versichern, wie sie bereits ankündigten. Allianz-Konkurrent Axa freut sich deshalb über die Entscheidung der Deutschen: „Das zeigt, dass wirklich etwas in Gang kommen kann“, sagte Sylvain Vanston, Chief Sustainability Officer, dem Handelsblatt.

Die Kunden hätten zwar bisher kein Problem, Ersatz zu finden oder ein eigenes Versicherungsmodell aufzubauen. Aber Axa und Allianz hätten zusammen schon Gewicht. Zumal auch die italienische Generali ihr Geld aus Investitionen in Kohle abzieht. Die Allianz geht allerdings einen Schritt weiter: Die Münchener wollen auch aus bestehenden Verträgen aussteigen und bis 2040 kein Geld mehr in Unternehmen anlegen, die ihre Treibhausgasemissionen nicht an das Zwei-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens anpassen.

Es ist ein Schwenk, der auch auf einem Umdenken vieler wichtiger Investoren beruht. Schon Mitte Juni vergangenen Jahres sagte Schwedens größter Pensionsfonds mit dem Namen AP7 Klimakillern den Kampf an. Konkret heißt das, dass der Großinvestor die Aktien von sechs Unternehmen aus dem Depot warf, die nach Ansicht der Fondsverwalter gegen die Vereinbarungen des Pariser Klimaabkommens verstoßen.

Lob von Investoren

Entsprechend wohlwollend blicken Großanleger auf den Vorstoß der Deutschen. „Bei der Allianz begrüßen wir den Schritt, warnen aber vor Aktionismus“, sagt Fondsmanager Ingo Speich von Union Investment. Der Großinvestor DWS, Deutschlands größte Fondsgesellschaft, gibt ebenfalls Rückendeckung – und erwartet Nachahmer.

Die DWS beobachte die Entwicklung seit langem sehr genau, betont Petra Pflaum, Chief Investment Officer für nachhaltige Anlagen der DWS. „Wir stellen fest, dass bereits verschiedene Versicherungsunternehmen eine Klimastrategie angekündigt haben, und wir erwarten, dass sich noch mehr diesem Beispiel anschließen könnten.“ Die Investmentgesellschaft Deka sieht das ähnlich. „Wir sind davon überzeugt, dass sich auch andere Unternehmen an diesem Vorbild orientieren werden“, meint Deka-Geschäftsführer Michael Schmidt.

Die Bewegung findet immer mehr Unterstützer. Eine globale Taskforce der G20-Staaten unter Führung des britischen Notenbankchefs Mark Carney hat sich zum Ziel gesetzt, die Entwicklung noch zu beschleunigen. Die Gruppe hat einen Katalog von Kriterien entwickelt, nach dem Unternehmen ihre Investoren systematisch über Klimarisiken informieren sollen. Die Maßnahmen sind freiwillig, aber 100 Vorstandschefs von Unternehmen mit einem Marktwert von insgesamt 3,3 Billionen Dollar sagten Carney und seiner Taskforce bereits ihre Unterstützung zu.

Susan Spinner, Vorsitzende der CFA Society Germany, des Berufsverbands für Finanzanalysten, ist davon überzeugt, dass Ethik- und Nachhaltigkeitskriterien in der Investmentbranche auf dem Vormarsch sind. „Insbesondere die jungen Investorengruppen, beispielsweise aus dem Lager der Millennials, treiben das Thema aktiv voran. Der Druck auf die anderen Versicherer steigt damit, dem Beispiel der Allianz zu folgen.

So war eines der wichtigsten Themen auf der Hauptversammlung des Rückversicherers Munich Re vor wenigen Tagen, die Zusammenarbeit von deren polnischer Tochter mit dortigen Kohlekraftwerken. „Für einen Rückversicherer mit eigener Klimaforschungsabteilung ist es schizophren, weiterhin massiv Kohlefirmen zu versichern“, klagte die Umweltorganisation Urgewald.

Doch auch mit der Allianz sind die Aktivisten nicht völlig zufrieden. Das Kohle-Divestment bleibe auf Eigenanlagen beschränkt, die nur einen kleinen Teil der Allianz-Geldanlage ausmachen, lautet die Kritik. Die Frist bis 2040 sei zudem zu lang gewählt, kritisiert Lucie Pinson von der Umweltorganisation Unfriend Coal.

Wenn Allianz-Chef Bäte und sein Chefkontrolleur Michael Diekmann am Mittwoch auf der Hauptversammlung vor vermutlich über 3 000 Aktionäre treten, ist damit ein Thema bereits gesetzt. Die Allianz verspricht, auch selbst bis 2040 klimaneutral zu wirtschaften – etwa was den CO2-Ausstoß bei Dienstreisen der Mitarbeiter oder die Gebäudeheizung betrifft.

Eine Zusage, die auch für Bäte eine Umstellung bedeutet. Sein Elektro-BMW i3, der gerne demonstrativ vor der Zentrale parkt, dürfte sich zwar in dieses Konzept problemlos einfügen – der Dienstflug mit dem Firmenjet Dassault Falcon 900 EX indes weniger.

Mitarbeit: Thomas Hanke

Startseite

Mehr zu: Allianz, Zurich, Axa - Versicherer entdecken ihr politisches Gewissen – auf Kosten der Kohleindustrie

0 Kommentare zu "Allianz, Zurich, Axa: Versicherer entdecken ihr politisches Gewissen – auf Kosten der Kohleindustrie"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%