Als Lehman pleiteging Plötzlich haben so viele Banker Beistand gesucht, dass die Kirche die Zahl ihrer Seelsorger aufstockte

Am 14. September 2008 beobachtete unsere Korrespondentin Astrid Dörner vor der Zentrale von Lehman Brothers, wie die Pleite begann. Ein Appell gegen das Vergessen.
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Als Lehman Brothers pleite ging: 10 Jahre nach der Lehman-Pleite Quelle: dpa
Beginn der Finanzkrise in den USA

Der Mitarbeiter eines Börsenhändlers schlägt an der New Yorker Börse angesichts der Lehman-Insolvenz im September 2008 die Hände vor den Mund.

(Foto: dpa)

New YorkEs ist Sonntag, der 14. September 2008, und ich stehe am Times Square, vor der Zentrale von Lehman Brothers. Es ist ungewöhnlich hektisch. Gerüchte haben sich verdichtet, dass die viertgrößte Investmentbank der USA nicht gerettet wird, sondern am Montag Insolvenz anmelden wird.

Dutzende Mitarbeiter strömen durch die gläsernen Türen in den Wolkenkratzer. Einige von ihnen in Anzug und Krawatte, andere in kurzen Hosen und Flipflops. Es ist ein warmer Herbsttag. Direkt neben dem Eingang haben sich Straßenmusiker postiert. Sie spielen mit Panflöten Celine Dions „My Heart will go on“ in einer Endlosschleife, was die ohnehin angespannte Atmosphäre mit einer schweren Melancholie überzieht.

Eine Pleite von Lehman Brothers, das weiß man an diesem Tag schon, wäre die größte Pleite in der Geschichte Amerikas. Einige Mitarbeiter kommen wenig später wieder aus dem Gebäude, sie tragen Umzugskartons, in die sie ihre persönlichen Sachen gepackt haben – in den USA ein unmissverständliches Zeichen dafür, dass sie ihren Job verloren haben.

Weiter südlich in Manhattan finden unterdessen Krisensitzungen in der Notenbank statt. Finanzminister Henry Paulson ist da, Notenbank-Chef Ben Bernanke und der Chef der New Yorker Notenbank, Tim Geithner. Bis zuletzt versuchen sie, die britische Bank Barclays zu überzeugen, Lehman zu übernehmen. Doch das scheitert schließlich auch am Widerstand der britischen Regulierer.

Dass es schlimm werden würde, wenn die Märkte am Montag öffnen, das war allen klar. Doch wie schlimm es werden wird, haben die Entscheider von damals unterschätzt. Der Leitindex Dow Jones fällt um 4,4 Prozent, der deutsche Dax schließt 2,7 Prozent im Minus. Und das ist erst der Anfang. Am gleichen Tag wird Lehmans nächstgrößerer Konkurrent Merrill Lynch von der Bank of America übernommen. Merrill wäre sonst wahrscheinlich als nächstes pleitegegangen. Am 16. September fließt Staatshilfe für den Versicherungsriesen AIG, insgesamt 182 Milliarden Dollar, um eine noch größere Katastrophe zu verhindern.

Es sind 72 Stunden mit wenig Schlaf und viel Adrenalin. Vor gerade sechs Wochen bin ich nach New York gekommen und muss mich schnell auf eine neue Realität einstellen. Die kühnen, selbstbewussten und bisweilen arroganten Wall-Street-Banker sind auf einmal kleinlaut, ratlos, panisch. Zwischen 2007 und 2012 verlieren knapp 400.000 von ihnen den Job.

Wie desorientiert die Banker waren, zeigt ein Blick in die Trinity Church, eine kleine Kirche am Ende der Wall Street. In der Mittagspause ist sie plötzlich voll. Eine Mitarbeiterin der Kirche erzählt, dass auf einmal so viele Rat und Beistand suchen, dass die Kirche die Zahl der Seelsorger aufgestockt hat. Die einstigen „Masters of the Universe“ sind auf einmal ganz klein.

Abseits der Wall Street sind die Folgen noch viel schlimmer. Millionen von Amerikanern verlieren ihre Jobs und damit häufig auch ihre Krankenversicherung. Sie können ihre Hypotheken nicht mehr bezahlen. Und mit dem Verfall der Häuserpreise ist ihr Haus plötzlich weniger wert als der Kredit, den sie dafür aufgenommen haben, was die Sache zusätzlich verschlimmert. Oft bedeutet das den finanziellen Ruin.

Ohne Krankenversicherung können sich viele nicht mehr leisten, zum Arzt zu gehen. Berichte machen die Runde über einen rasant wachsenden Schwarzmarkt für verschreibungspflichtige Medikamente. Amerika ist ein grausames Land für alle die, die sozial absteigen. Nie wird das so deutlich wie in diesen Monaten.

Gleichzeitig kämpfen die Banker der Wall Street um ihre Boni. Damit beginnt der Konflikt zwischen Wall Street und Main Street, zwischen Finanzelite und gewöhnlichen Bürgern, der das Land die nächsten Jahre prägen wird.

An Jubiläen wie diesen blickt man gern nach vorn. Was kann die nächste Krise verursachen? Wo sind die größten Risiken, und wie sehen die Banken der Zukunft aus? Doch es ist genauso wichtig, zurückzublicken und sich die Fehler, die Hybris und die Skrupellosigkeit der Finanzwelt noch einmal vor Augen zu führen.

Institute vergeben Hypotheken, ohne zu prüfen, ob sich der Kreditnehmer ein Haus überhaupt leisten kann. Die Hypotheken werden weiterverkauft an Investmentbanken, die sie bündeln, von Ratingagenturen mit guten Noten versehen lassen und wiederum scheibchenweise an Investoren verkaufen. Das Risiko wird damit immer weitergereicht.

Viele, die Teil dieses Systems waren, haben früh erkannt, dass das nicht gut gehen kann. E-Mails, die nach und nach in den Monaten nach der Lehman-Pleite an die Öffentlichkeit kamen, belegen das eindeutig. Doch die überwältigende Mehrheit hat einfach weitergemacht, allen moralischen und ethischen Standards zum Trotz.

Die wenigen Whistleblower, die es gab, wurden mundtot gemacht, wie das mit Whistleblowern so häufig passiert. Alle anderen haben schlicht gehofft, dass das Kartenhaus möglichst lange hält. „Lass uns hoffen, dass wir alle wohlhabend sind und in Rente, wenn dieses Kartenhaus zusammenbricht“, schreibt ein Mitarbeiter der Ratingagentur Standard and Poor’s - und beschreibt damit den Zeitgeist.

Heute, zehn Jahre später, boomt die Wirtschaft wieder, und die Aktienmärkte haben neue Höchststände erreicht. Eine neue Generation Banker strömt in die Finanzinstitute. Viele Abteilungsleiter, Bankchefs, Aufseher und Politiker sind längst weitergezogen. Da fällt es leicht, die dunkle Zeit der Wall Street zu vergessen und sorglos den Aufschwung zu genießen. Der Kulturwandel der Wall Street, er ist nicht vollzogen, und der Drang, weiter daran zu arbeiten, hat längst abgenommen.

James Gorman, der Chef der Investmentbank Morgan Stanley, ist einer der wenigen, der in diesen Tagen das Problem offen anspricht. „Es hilft, wenn man ein bisschen paranoid und ängstlich ist“, sagte er im Juni auf einer Konferenz zum Thema Kulturwandel. Doch an der Wall Street gibt es immer weniger Banker, die die Krise miterlebt haben, und in ein paar Jahren wird sich kaum noch jemand daran erinnern, wie schmerzhaft die Folgen von Lehman waren. Das ist vielleicht das größte Risiko einer neuen Krise.

10 Jahre Lehman-Pleite - Wie sich die Wall Street verändert hat

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