Altersvorsorge Es geht um die Zukunft der Lebensversicherer – und ihrer Kunden

Die Lebensversicherung war lange Zeit der Deutschen liebste Geldanlage. Doch der Reiz der Policen geht in der Ära chronischer Niedrigzinsen völlig verloren. Erste Konzerne trennen sich von ihren Beständen – und verunsichern damit die Verbraucher erst recht. Ist das Produkt noch zu retten?
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Lebensversicherungen: Was eine Police jetzt noch bringt Quelle: FOREAL

BerlinGiovanni Liverani ist mit sich im Reinen. Kein einziger Anruf eines besorgten Kunden habe ihn bisher erreicht, sagt der Chef der Generali Deutschland in die Gegensprechanlage seines Autos. „Kein einziger.“ Und wenn sich keiner beschwert, kann es so falsch ja auch nicht sein. Folglich gebe es auch keinen Imageschaden für sein Unternehmen. Folglich hat er also alles richtig gemacht. Alles ist gut.

Liverani ist auf der Autobahn unterwegs, als er mit dem Handelsblatt spricht. Von Triest nach München. Im Norden Italiens, in der altehrwürdigen Generali-Zentrale, hat er zuvor die Generali Leben an Viridium verkauft, eine Abwicklungsplattform, die mehrheitlich dem Finanzinvestor Cinven gehört. Monatelang hatten beide Parteien über die rund vier Millionen Lebensversicherungskunden verhandelt. Es ist das bisher größte Geschäft dieser Art.

Ist damit wirklich alles gut? Mitnichten. Nicht für viele andere Lebensversicherungen. Nicht für Millionen von Versicherten in Deutschland. Für Generationen von Deutschen war die kapitalbildende Lebensversicherung liebstes Versicherungsprodukt und wichtiger Baustein der privaten Altersvorsorge. Eine Erfolgsgeschichte. Doch diese Ära ist vorbei. Heute produziert die Kapitallebensversicherung vor allem Verlierer.

Die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) beraubt die Lebensversicherer ihres Geschäftsmodells. Ohne Zinsen können die Versicherer den Kunden keine lukrativen Konditionen bieten. Und wer keine lukrativen Konditionen erhält, verliert das Interesse am Produkt.

Früher haben die Lebensversicherungen Geld in zehnjährige Bundesanleihen gesteckt, haben dafür vier Prozent Zinsen bekommen – und das ganz ohne Risiko. Da war es ein Leichtes, den Versicherten dafür zwei Prozent als Garantie weiterzugeben. Heute beträgt der Garantiezins gerade einmal 0,9 Prozent. Das lohnt sich für viele Kunden nicht mehr.

Das noch größere Problem sind jedoch die Altverträge. Denn hier stehen diese vier Prozent ja immer noch als Garantie. Doch welcher Lebensversicherer kann sich bei den niedrigen Zinsen noch leisten, dieses Versprechen einzulösen? Und vor allem wie?

Zäsur in der deutschen Versicherungsbranche

Eine zehnjährige Bundesanleihe mit ihrem Zins von 0,3 Prozent reicht dafür nicht aus. Und da das Neugeschäft bei vielen Versicherern stottert und die Gewinne sinken, geht es den Lebensversicherern an die Substanz. Kein Wunder, dass Liverani den Altbestand an Lebens-Policen lieber gestern als heute loswerden wollte.

Der Deal zwischen der Generali und Viridium ist nicht nur die bisher größte Transaktion dieser Art in Deutschland. Sie markiert eine Zäsur in der Geschichte der deutschen Versicherungsbranche.

Bisher hatten professionelle Abwickler wie Viridium, Athene und Frankfurter Leben in Deutschland nur eine Handvoll kleinerer Leben-Bestände übernommen. Der Versicherer Ergo hatte den Verkauf zweier Portfolios mit sechs Millionen Lebensversicherungen im vergangenen Herbst stoppen müssen. Zu heftig war die Kritik – von Kunden, aber auch aus der Politik. Ergo zog zurück.

Spätestens mit dem Generali-Deal jedoch ist das Tabu gebrochen. Als ob es noch eines Beweises bedurft hätte, dass kaum noch jemand etwas anzufangen weiß mit der kapitalbildenden Lebensversicherung – nicht einmal die meisten Lebensversicherer selbst. Die Generali wertet den Deal als Befreiungsschlag. Was aber passiert mit denen, die da verkauft werden – mit den Versicherten?

Rein statistisch besitzt jeder Deutsche mehr als eine solche Police, 84,1 Millionen Verträge gibt es. Tendenz sinkend: 2005 lagen noch 94 Millionen Verträge in deutschen Schubladen. Zehn Jahre Niedrigzinsen haben nicht nur die Renditen schmelzen, sondern auch die Liebe der Deutschen zu ihrer Lebensversicherung abkühlen lassen. Gut möglich, dass daraus irgendwann Wut wird.

Während Liverani mit dem Dienstwagen in Richtung Österreich fährt, greift Gabriele K. im rund 750 Kilometer entfernten Ludwigsburg zum Telefonhörer. Die 69-Jährige, die nicht mit vollem Namen genannt werden möchte, besitzt seit Jahrzehnten mehrere Lebensversicherungs-Policen und hat von dem Verkauf an Viridium im Radio gehört. Zwar hat sie keine Generali-Police, aber die Diskussionen der vergangenen Monate haben sie verunsichert.

Die Generali und ihre Altersvorsorgeprodukte galten ihr stets als solide und verlässlich; die Pensionärin erkundigt sich nun bei Verwandten, was das möglicherweise für ihre Policen bedeuten könnte – und was sie tun soll. „Ich halte das für einen Vertrauensbruch“, sagt sie. „Ich habe damals mit meiner Versicherung einen Vertrag abgeschlossen, nicht mit irgendeiner Firma, die ich nicht kenne. Wenn meine Versicherung meinen Vertrag nun einfach verkauft – das ist eine Schweinerei!“

Aber was sind die Versprechen, die Gabriele K. und Millionen andere Versicherte bei Abschluss ihrer Policen bekommen haben, überhaupt wert?

Heikles Thema Altersvorsorge

Erst Ende Juni hat der Bundesgerichtshof eine gesetzliche Neuregelung von 2014 für verfassungsgemäß erklärt, nach der Verbraucher, deren Lebensversicherung in der aktuellen Niedrigzinsphase endet, sich mit weniger Geld zufriedengeben müssen – damit für die übrigen Kunden genug bleibt. Die Lebensversicherer fühlen sich dadurch gestärkt.

Dabei wissen die Versicherer, dass die Altersvorsorge ein heikles Thema ist. Viele Verbraucher haben ihren Anbieter sorgsam ausgesucht. Für sie ist es eine Verbindung auf Lebenszeit, die sich nicht einfach aufkündigen lässt. Anders als die Amerikaner, die mit Aktien fürs Alter sparen, setzten die Deutschen auf maximale Sicherheit. Sie hatten die Garantie, dass zu Beginn des hart erarbeiteten Ruhestands eine große Überweisung des Lebensversicherers kommen wird.

Doch in den vergangenen Jahren mussten viele Versicherte lernen, dass die Zahlen, die irgendwann auf dem Kontoauszug erschienen sind, sehr viel kleiner waren als erhofft. Zum Garantiezins von 2004 werfen 30-jährige Verträge bei 100 Euro monatlicher Einzahlung knapp 100.000 Euro ab, im besten Fall sogar 116.000 Euro. Inzwischen sind es laut dem Branchendienst Map-Report weniger als 79.000 Euro im Marktschnitt.

Doch seltsam, nicht nur die Kunden, auch die Versicherer sehen sich bei dieser Entwicklung vor allem als Opfer. So wie Oliver Bäte. Die Sonne strahlt hell in den weiten Besprechungsraum. Im Herzen Berlins hat sich Bäte im Allianz Stiftungsforum niedergelassen, direkt neben dem Brandenburger Tor.

Das schöne Wetter passt irgendwie nicht zur Stimmung des Vorstandschefs von Europas größtem Versicherer. „Wenn Sie auf einmal die Grundlagen einer Industrie verändern, weil eine Zentralbank sagt, Volkswirtschaft interessiert mich nicht, jetzt mache ich einfach finanzielle Repression – dann ist darauf auch ein einigermaßen gut geführtes Unternehmen nicht immer vorbereitet“, sagt der 53-Jährige im Handelsblatt-Interview.

Auch andere Topmanager der Branche verweisen auf die Geldpolitik der EZB. „Wie die US-Notenbank ist sie im Weltrettermodus – bei jedem Anschein von Krise wird Geld gedruckt“, sagt Talanx-Deutschlandchef Jan Wicke. Damit würden die Kapitalmärkte manipuliert und entmündigt und ihre Kernfunktion, nämlich die Bemessung von Knappheit durch den Preis, außer Kraft gesetzt.

Das große Problem der Versicherungsbranche: Es ist nicht abzusehen, wie lange die Niedrigzinsphase noch anhält. Fest steht, dass der Niedrigzins für viele hochverschuldete Staaten in der Euro-Zone mittlerweile überlebensnotwendig ist. Würde die EZB ihren Leitzins deutlich anheben, könnte die eine oder andere Regierung ihre Schulden nicht mehr bezahlen, Italien beispielsweise – die Euro-Krise wäre mit Wucht zurück. Niemand möchte das riskieren, am allerwenigsten die Versicherer selbst, deren Portfolios voller Staatsanleihen stecken.

Der Spielraum der EZB für Zinsanhebungen dürfte also auch in Zukunft begrenzt bleiben. Bis mindestens Sommer 2019 hat EZB-Chef Mario Draghi eine solche ohnehin ausgeschlossen. Dadurch verlagern sich die Probleme aber in andere Bereiche. Die Versicherer, die noch nicht vor der EZB kapituliert haben wie die Generali, suchen nach Anlagealternativen.

Doch das ist teuer. Denn wer nicht in vermeintlich sichere Staatsanleihen und Pfandbriefe investiert, muss seine Anlagen mit deutlich mehr Kapital in der Bilanz hinterlegen. Das können sich aber nur kapitalstarke Versicherer wie die Allianz in großem Maße leisten. Sie investieren in Windräder und Solaranlagen, kaufen mehr Aktien und vergeben Kredite an Hausbauer und Firmen.

Warnendes Beispiel Japan

Dennoch könnte es für einige eng werden, sollten die Zinsen noch deutlich länger tief bleiben. So versah die Ratingagentur Moody’s jüngst die deutschen Lebensversicherer mit einem negativen Ausblick. Von fünf möglichen Stufen, wie gefährdet die Gewinne in dem Segment sein könnten, steht die deutsche Lebensversicherungsbranche bei den Ratingprofis inzwischen auf der untersten.

Ein Blick nach Japan, wo der Zins seit mittlerweile zwei Jahrzehnten verschwunden ist, zeigt, was droht: Dort sind 2001 gleich fünf Versicherer pleitegegangen.

Es geht also um nichts weniger als die Zukunft der klassischen Lebensversicherer. Umso mehr, als deren Geschäftsmodell nicht allein von der Niedrigzinspolitik der EZB bedroht ist, sondern auch vom demografischen Wandel. Die Bevölkerung altert, was dazu führt, dass der Bestand und das Neugeschäft der Lebensversicherer langsam, aber spürbar sinkt.

Die Zahl der Neuabschlüsse ist seit 2014 um gut zehn Prozent zurückgegangen, von damals 5,5 auf 4,9 Millionen neue Verträge im vergangenen Jahr. Und nach einer Studie der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsfirma KPMG werden die Prämieneinnahmen der Lebensversicherer in Deutschland angesichts dieser demografischen Entwicklung bis zum Jahr 2030 voraussichtlich um rund sechs Milliarden Euro einbrechen.

Die Statistiken sprechen eine eindeutige Sprache: In der Altersgruppe der 25- bis 54-Jährigen ist bis zum Jahr 2060 ein Rückgang um 10,7 Millionen Menschen in Deutschland zu erwarten, wie KPMG unter Verweis auf Zahlen des Statistischen Bundesamts darlegt.

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Diese Alterskohorte ist für Lebensversicherer besonders wichtig, weil zwischen Mitte 20 und Mitte 50 die meisten Versicherungen abgeschlossen und die meisten Beiträge eingezahlt werden. „Verkürzt könnte man sagen: Das größte Problem für die Branche sind nicht die Niedrigzinsen, sondern die nicht geborenen Kinder in Deutschland‘“, sagt Wadim Doulger, Senior Manager bei KPMG.

Gleichzeitig steigt die Lebenserwartung von Generation zu Generation. Ein 1990 geborener Mann wird inzwischen im Durchschnitt neun Jahre älter als ein 1960 geborener. Frauen legten im selben Zeitraum um sieben Jahre zu.

Was für die einzelnen Menschen eine gute Nachricht ist, bedeutet für die Versicherer, dass sie immer mehr Geld zurücklegen müssen, um die Privatrenten zu bezahlen. Also jene Lebensversicherungspolicen, bei denen das angesparte Kapital nicht auf einen Schlag zur Auszahlung kommt, sondern in einer garantierten lebenslangen Rente.

Allianz-Chef Bäte sprach bereits vor zwei Jahren von einem „perfekten Sturm“ – auch, wenn der Branchenführer selbst sich darin bislang gut behauptet. „Aber“, so Bäte, wir dürfen deshalb nicht die Lebensversicherung totreden. „Es gibt auch in der Autoindustrie Firmen, die Geld verdienen – und andere, die aus dem Wettbewerb ausscheiden.“ Keine Frage, zu welcher Kategorie Bäte die Allianz zählt.

Versicherer „in der Manndeckung“

Wie ernst die Lage für manchen kleineren Konkurrenten in Deutschland jedoch ist, machte vor wenigen Tagen ein nüchternes, 25 Seiten dünnes Strategiepapier des Bundesfinanzministeriums klar. Die Ministeriumsmitarbeiter gaben dem Text den Titel „Evaluierung des Lebensversicherungsreformgesetzes“. In trockenen Sätzen beschäftigt sich das Ministerium darin mit dem Änderungsbedarf für das 2014 eingeführte Gesetz.

Insbesondere eine Passage auf Seite 15 lässt dabei aufhorchen. Danach unterliegen „derzeit 34 Lebensversicherer“ einer intensivierten Aufsicht der Finanzpolizei Bafin. Es sind „Unternehmen, bei denen sich aus der jährlichen Prognoserechnung ergibt, dass sie mittel- bis langfristig finanzielle Schwierigkeiten haben könnten“. Die Branche und das Ministerium sehen deswegen allerdings keinen Grund zur Panik.

Zumindest noch nicht.

Die Versichererlobby hat eine lange Übergangsfrist bis 2031 durchgesetzt, ehe die höheren Anforderungen an das Risikomanagement und neue Berichtspflichten greifen. In der Zeit können die Versicherer deutliche Erleichterungen und Übergangsmaßnahmen in Anspruch nehmen – und werden auf diesem Weg eng von der Bafin begleitet.

Auch wenn die Versicherungsaufseher nach Worten von Bafin-Chef Felix Hufeld einige Versicherer „in Manndeckung“ nehmen, hält die Aufsicht keines der Unternehmen für existenziell gefährdet. Trotz des dauernden Zinstiefs werde die Branche „kurz- und mittelfristig keine lebensbedrohlichen Probleme haben“, versicherte vor einigen Monaten auch Frank Grund, Chef der Versicherungs- und Pensionsaufsicht bei der Bafin.

Auch im Bundesfinanzministerium, das den Bericht erstellt hat, hält man die Assekuranzen zumindest aktuell nicht für bedroht. „Die Überwachung durch die Bafin ist genau dafür da, dass sich die Bürger in unserem Land auf die Sicherheit ihrer Lebensversicherung verlassen können“, sagt Finanzstaatssekretär Wolfgang Schmidt. „Natürlich sind Niedrigzinsen generell ein Problem für die Branche.“

Auch die Branche selbst beschwichtigt. „Aus Sicht des GDV besteht keinerlei Anlass, an der Stabilität der Branche zu zweifeln“, erklärt Wolfgang Weiler, Präsident des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), und malt mit dem Zeigefinger ein Ausrufezeichen in die Luft.

Der drahtige Cheflobbyist spricht ruhig und in leisem Tonfall, doch seine Botschaft ist klar. „Die niedrigen Zinsen sind und bleiben eine große Herausforderung für die Versicherer.“ Aber alle Lebensversicherer könnten die gesetzlichen Vorgaben des neuen Regelwerks Solvency II erfüllen.

Solvency II, das sind die neuen Vorschriften für die Kapitalausstattung der Branche, die seit Januar 2016 gelten. Das Regelwerk soll dafür sorgen, dass die Versicherer ausreichend Kapital für eingegangene Risiken vorhalten und im Krisenfall nicht vom Staat gerettet werden müssen.

Ehemalige Versicherungsmanager wie Sven Enger sehen das deutlich weniger entspannt. Schlagzeilenträchtig warnte der Buchautor jüngst, dass der Lebensversicherung ein Crash drohe. Was Enger aber gern verschweigt: Sollte eine einzelne Gesellschaft pleitegehen, springt ein gesetzlicher Sicherungsfonds ein. Protektor heißt dieser Fonds – einmal kam er schon zum Einsatz.

Das war 2003 bei den 344.000 Verträgen der notleidenden Mannheimer Leben. 900 Millionen Euro haben die Lebensversicherer in den Sicherungsfonds eingezahlt, weitere 900 Millionen Euro müssten sie im Bedarfsfall nachschießen. Und falls die ganze Branche in die Krise gerät, gehen die meisten Experten davon aus, dass doch der Staat einschreitet – so wie schon bei den Banken in der Finanzkrise.

Auch, wenn die Branche versucht, die Probleme kleinzureden, macht der Schritt der Generali deutlich, wie sehr die Versicherer zu kämpfen haben. Generali gibt als eines der wenigen Unternehmen zu, zu den 34 von der Bafin beobachteten Lebensversicherern zu gehören. Außer der Generali bringt unter den deutschen Versicherern nur noch die Debeka diesen Mut zur Ehrlichkeit auf.

Die Vorstände der Aktiengesellschaften würden durch Solvency II „zum Handeln im Bereich ihrer klassischen Bestände ja schon fast gezwungen“, klagt Debeka-Vorstand Roland Weber. Denn die alten Policen erfordern erhebliche Eigenmittel, die zur Absicherung des Risikos hinterlegt werden müssen. Und irgendwie müssen diese Eigenmittel ja finanziert werden.

Eine Sichtweise, die Kritiker allerdings schnell aufregt. Denn „irgendwie finanziert“, das heißt eben oft: zulasten der Versicherten. „Wir befürchten, dass die Versicherten zukünftig deutlich schlechter gestellt sind“, schimpft Axel Kleinlein. „Alle Generali-Kunden müssen damit rechnen, zukünftig noch spärlicher mit Überschüssen bedient zu werden.“ Also jenem Teil der Rendite, der in der Vergangenheit oft über die garantierte Mindestverzinsung hinausging.

Der Mann mit dem sorgfältig gestutzten Kinnbart ist einer der hartnäckigsten Kritiker der Branche. Kleinlein hat Mathematik studiert und ein Jahr lang für die Allianz gearbeitet, bevor er die Seiten wechselte und zuletzt Chef des Bundes der Versicherten wurde.

Heute sitzt er in seinem Büro im Hamburger Umland und sagt: „Ich weine der klassischen Lebensversicherung keine einzige Träne nach.“ Kleinlein ist überzeugt, dass viele Policen sich im heutigen Umfeld für die Kunden einfach nicht mehr richtig rechnen. Die Allianz etwa hat die klassischen Policen deshalb zwar noch im Angebot, will sie aber nicht mehr bewerben.

Undurchsichtiges System

Das System wird zunehmend undurchsichtig. Viele Kunden können die Berechnung der Policen längst nicht mehr nachvollziehen. Denn insgesamt ergibt sich die Rendite der klassischen Lebensversicherung aus verschiedenen Komponenten.

Da ist zum einen der Garantiezins. Dessen Höhe wird bei Abschluss der Versicherung für die gesamte Laufzeit festgelegt. Zwischen 1994 bis zum Jahr 2000 lag er noch bei vier Prozent, mittlerweile beträgt er nur noch 0,9 Prozent. Doch der Garantiezins wird nur auf den Sparanteil gezahlt. Das ist der Betrag, der übrig bleibt, nachdem der Versicherer Kosten für Provisionen und Verwaltung abgezogen hat. Zwischen 4000 und 8000 Euro verdient ein Vermittler an einer Police über 100.000 Euro, rechnet Enger vor.

Außer dem Garantiezins bekommt der Kunde dann – wenn er nicht seine Lebensversicherung kündigt – die laufende Verzinsung, Anteile an den Bewertungsreserven und Schlussgewinne. Je nachdem, wie gut der Versicherer das Geld seiner Kunden angelegt hat, fallen diese Posten höher oder niedriger aus.

Auch der laufende Überschuss sinkt seit geraumer Zeit, allerdings immer langsamer. Im Durchschnitt stellen die deutschen Lebensversicherer auf klassische Rentenversicherungen mit langfristigen Zinsgarantien nach einer Studie der Ratingagentur Assekurata für 2018 noch eine laufende Verzinsung von 2,47 Prozent in Aussicht – nach 2,61 Prozent im vergangenen Jahr.

Längst setzt die Branche darum auf innovative Produkte, die sogenannte „Neue Klassik“. Ihr Vorteil – vor allem für die Unternehmen: Die neuen Angebote kommen ohne Garantiezins aus. Die Versicherer versprechen den Kunden nicht mehr eine bestimmte sichere Verzinsung, sondern meist nur die Rückzahlung des eingesetzten Kapitals, werben dafür aber mit höheren Renditechancen. Denn der Versicherer hat so mehr Spielraum in der Geldanlage, kann mehr in Aktien, Fonds oder auch Immobilien investieren.

Um dem Kunden diese Variante schmackhaft zu machen, bieten die Versicherer bei der Neuen Klassik eine etwas höhere laufende Verzinsung. Bei der Allianz bedeutet das dann etwa eine Gesamtverzinsung von 3,7 Prozent für 2018 – gegenüber 2,8 Prozent bei der klassischen Variante.

Ein Argument, das offensichtlich zieht. So machen die neuen Versicherungen ohne feste Zinsgarantie beim Neugeschäft deutschlandweit bereits gut 50 Prozent aus. Beim Marktführer Allianz, der in Deutschland gegen den Trend deutlich wächst, werden in der Sparte Leben mittlerweile 92 Prozent der privaten Neuverträge ohne Garantien abgeschlossen, im Firmengeschäft sind es 90 Prozent.

„Die Produktlandschaft in der Lebensversicherung verändert sich grundlegend“, sagt denn auch der Chef der Ratingagentur Assekurata, Reiner Will. „Wenn der Trend anhält, wird es um die Altbestände von klassischen Policen in den Portfolios der Versicherungen auf Dauer immer einsamer werden.“

Gerade am Hoffnungsträger der Branche, der Neuen Klassik, zeigt sich, wie unterschiedlich leistungsstark die Anbieter sind. Die besten Marktteilnehmer kommen auf Beitragsrenditen von mehr als drei Prozent, die schlechtesten liegen knapp über einem Prozent. Zudem empfehlen Verbraucherschützer die neuen Produkte mit abgesenkten Garantien nicht als ideales Mittel für eine planbare Altersvorsorge.

„Höhere Überschüsse, als Ausgleich für weniger Garantien in Aussicht gestellt, sind ungewiss“, sagt Theodor Pischke von der Stiftung Warentest.Es ist ein Dilemma, das längst auch die Politik alarmiert hat. Bereits 2011 verordnete sie den Versicherern im Schatten der Finanzkrise auf deren Vorschlag hin den Aufbau einer Zinszusatzreserve (ZZR). Das Prinzip: Aus den Überschüssen, die die Branche mit dem Geld der Kunden erwirtschaftet, wird ein Teil abgeknapst und zur Seite gelegt.

Aus dieser Reserve zahlen die Versicherer dann bei weiter niedrigen Zinsen die Garantien. Wenn aber die schlechten Zeiten zu lange anhalten, ist irgendwann die beste Reserve aufgebraucht. Inzwischen haben die Zwangseinzahlungen in die ZZR Dimensionen angenommen, die die Branche zu überfordern drohen. Rund 60 Milliarden Euro sind bereits zusammengekommen, allein 20 Milliarden Euro davon mussten die Firmen 2017 stemmen.

Nun will die Politik der Branche entgegenkommen und die Belastungen aus dem Zinspuffer reduzieren. Die Garantien seien bereits zu einem erheblichen Teil abgesichert, heißt es im jüngsten Evaluierungsbericht des Finanzministeriums. Jetzt soll die Berechnungsformel geändert werden, sodass die ZZR in kleineren Schritten steigt.

„Kunden nicht als Leitragende“

Im Gegenzug will die Regierung die milliardenschweren Provisionen deckeln, die die Lebensversicherer jedes Jahr für die Gewinnung neuer Kunden ausgeben. Um „Fehlanreize zu vermeiden“, heißt es. Wie hoch die Begrenzung ausfallen soll, ist noch offen.

Die europäische Versicherungsaufsicht Eiopa, am Frankfurter Mainufer gelegen, blickt mit großer Aufmerksamkeit auf die Veränderung der Branche. Der Portugiese Gabriel Bernardino ist Vorsitzender der europäischen Versicherungsaufsicht Eiopa. „Ich kann nicht ausschließen, dass in Zukunft – je nachdem, wie sich die Leitzinsen entwickeln – einige Firmen in Schwierigkeiten geraten können“, sagt er. „Aber wir haben die Instrumente, um auf eine solche Situation zu reagieren und zu verhindern, dass Kunden die Leidtragenden sind.“

Regelmäßig prüft die Behörde mit Stresstests die Widerstandsfähigkeit der Branche gegen negative äußere Einflüsse und will Schwächen der Unternehmen aufdecken. Bis Mitte August müssen die Firmen die neuen Stresstest-Daten nun wieder an die nationalen Aufsichtsbehörden melden. Die Ergebnisse sollen dann im Januar 2019 vorliegen.

Als Indikator für die finanzielle Standhaftigkeit der Unternehmen im Krisenfall blicken die Aufseher auf die jeweilige Solvenzquote der Lebensversicherer, die die deutschen Firmen nach den neuen Konditionen des Regelwerks Solvency II seit vergangenem Jahr veröffentlichen müssen. Liegt eine Firma dauerhaft schlechter als 100 Prozent, würde sie als anfällig gelten und die Bafin auf den Plan rufen.

Doch GDV-Chef Weiler beruhigt: Die Unternehmen hätten ihre Bedeckungsquoten im Vergleich zum vergangenen Jahr sogar noch mal verbessert. Die durchschnittliche Quote in der Branche lag 2016 bei 207 Prozent und 2017 bei 267 Prozent. Also deutlich über den kritischen 100 Prozent.

Doch diese Zahlen berücksichtigen Übergangs- und Hilfsmaßnahmen, die der Gesetzgeber erlaubt. Ohne solche Mittel sieht es schon schwieriger aus. Der Branchendienst Map-Report hat sich der Mammutaufgabe angenommen, die Zahlen der einzelnen Versicherer genau zu analysieren, um sie überhaupt vergleichbar zu machen. Denn viele Unternehmen verwenden bei der Berechnung der Solvenzquoten unterschiedliche Modelle und Maßnahmen.

Ein Vergleich ist daher kaum möglich. Der vereinheitlichte Blick zeigt: Alle 83 von den Map-Experten untersuchten Lebensversicherer konnten zum Jahresende 2017 zwar einen ausreichenden Finanzpuffer nachweisen. Doch ohne Hilfsmaßnahmen bei der Berechnung, die die Aufsicht den Unternehmen bis 2031 erlaubt, erreichten zum Jahresende 2017 elf Anbieter die wichtige Schwelle von 100 Prozent nicht – Ende 2016 waren es mit 23 noch deutlich mehr.

Die Hilfsmaßnahmen seien ja gerade dafür erarbeitet worden, um den Gesellschaften den Übergang vom alten ins neue Aufsichtsregime zu erleichtern, betonen die Experten allerdings auch. „Bedeckungsquoten von unter 100 Prozent sollten daher nicht überbewertet werden.“

Auch für Versicherungsexperte Dean Goff besteht kein Anlass für Panikmache. Der Schwabe ist Geschäftsführer des Policen-Analysehauses Partner in Life (PiL). Das Unternehmen kauft Policen am sogenannten Zweitmarkt direkt von Privatkunden und sieht sich als einer der größten professionellen Versicherungsnehmer in Deutschland.

„Wir besitzen nicht nur die Geschäftsberichtszahlen der vergangenen 15 Jahre, sondern auch die Entwicklung der Guthaben und Prognosen zu Tausenden Verträgen seit dieser Zeit“, betont Goff. Demnach gebe es nur „einige sehr wenige Versicherer“, die Hilfe benötigten, diese hinsichtlich der Bildung von Reserven und Rückstellungen aber auch bekämen.

Völlige Entwarnung gibt Goff für die Branche jedoch nicht. Allzu lange dürfe die Niedrigzinsphase nicht mehr dauern. Das könne „einige Lebensversicherer an oder gar über die Grenze der Belastbarkeit hinausführen“, warnt Goff.

Immer die Steuer mitdenken

Wie aber sollen Kunden nun mit dieser undurchsichtigen Gemengelage umgehen? Goff rät ihnen, selbst früh genug aktiv zu werden. Sie sollten ihren eigenen Versicherungsvertrag bereits im letzten Drittel der Laufzeit überprüfen. „So bleibt noch genügend Zeit, um gegebenenfalls Gegenmaßnahmen einzuleiten“, betont Goff.

Auch Verbraucherschützer Kleinlein warnt vor pauschalen Urteilen. „Es gibt hier keine Königsregel, mit der man sagen kann, das und das sollten Sie tun“, sagte er vor wenigen Tagen zum Fall Generali. „Die individuelle Prüfung, um die kommt man nicht drum herum.“

Bei dieser Prüfung müssen die Anleger unbedingt auch die Besteuerung in Betracht ziehen. Denn auch wenn sich die Kunden mit älteren Policen ihrer ursprünglich erhofften Summe nicht mehr ganz sicher sein können: Ältere Verträge haben einen entscheidenden Vorteil. Erträge aus Policen, die vor 2005 geschlossen wurden, sind noch komplett steuerfrei.

Es reicht ein Blick auf den mickrigen Tagesgeldzins, der obendrein versteuert werden muss, um den Wert einer solchen alten Lebensversicherung zu erkennen.

Mitarbeit: Christian Schnell, Felix Holtermann

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