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Analyse Zur Normalität hat Wirecard noch einen langen Weg vor sich

Chef Markus Braun versucht bei der Vorstellung der Jahresbilanz, alle Zweifel am Zahlungsanbieter zu zerstreuen. Gelungen ist ihm das nur zum Teil.
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Der Wirecard-Chef konnte die Analysten mit seiner Präsentation am Donnerstag überzeugen. Quelle: AP
Markus Braun

Der Wirecard-Chef konnte die Analysten mit seiner Präsentation am Donnerstag überzeugen.

(Foto: AP)

Frankfurt, MünchenZehn Minuten haben Markus Braun und sein Finanzchef Alexander von Knoop das Blitzlichtgewitter der Fotografen stoisch ertragen. Haben gelächelt, die Sitzposition gewechselt und dabei geschwiegen. Dann schreitet Wirecard-Chef Braun zum Pult, um gleich im ersten Satz kundzutun, dass er kein Freund von Stehpulten sei. Auch an die erhöhte mediale Aufmerksamkeit müsse er sich erst gewöhnen.

Weil der Andrang von Journalisten, Analysten und Beratern auf die um drei Wochen verschobene Bilanzpräsentation des Zahlungsdienstleisters so groß war, hatte dieser die Veranstaltung am Vortag noch in ein Hotel schräg gegenüber der Zentrale im Münchener Vorort Aschheim verlegt.

So, als wäre man tatsächlich überrascht, dass das öffentliche Interesse nach dem Dax-Aufstieg im vergangenen Jahr, dem zeitweise höheren Börsenwert als die Deutsche Bank und den schweren Vorwürfen um Betrug, Kontomanipulation und Geldwäsche in den vergangenen Monaten tatsächlich so groß ist.

Doch die gut hundert Zuhörer erwarten nicht viel mehr als eine Erklärung, wie Vorfälle wie vor rund einem Jahr in der Niederlassung in Singapur verhindert werden können. Und sie wollen wissen, wie die Zukunft von Wirecard aussehen soll, nachdem am Vortag der geplante Einstieg des japanischen Technologiegiganten Softbank verkündet worden ist.

Ein Spagat, der Braun gelingt. Die Analysten überzeugt Wirecards Präsentation. „Das Unternehmen hat gezeigt, dass es aus den Problemen der Vergangenheit gelernt hat und seine Prozesse entsprechend anpassen will“, erklärt Marius Fuhrberg von Warburg Research.

Zuerst blickt Braun aber noch einmal zurück. „Wir sind ein Wachstumsunternehmen und machen Fehler. Auch ich“, erläutert er selbstkritisch. Qualitätsmängel habe es in der Buchhaltung in Singapur gegeben, die habe die dortige Kanzlei Rajah & Tann, die mit der externen Prüfung der Ereignisse beauftragt war, aufgedeckt. „Wir müssen in diese Prozesse nun aber überproportional investieren“, so Braun.

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Dass die Aufarbeitung nicht günstig war, zeigt sich an der Differenz zwischen dem vorläufigen Gewinn, den Wirecard am 30. Januar verkündet hat, und den endgültigen Zahlen. Stand vor einem Vierteljahr noch ein Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) von 568,3 Millionen Euro, so liegt die Zahl nun in der Endabrechnung bei 560,5 Millionen Euro.

Die Differenz von mehr als acht Millionen Euro erklärt der Finanzvorstand mit Beraterhonoraren, die zur Aufarbeitung der Vorfälle in Fernost geflossen seien. Aber auch beim Umsatz wurde die ursprüngliche Zahl noch einmal nach unten angepasst. Statt 2,1 Milliarden Euro, wie noch im Januar genannt, waren es nach exaktem Nachrechnen noch 2,02 Milliarden Euro. Was immer noch einem Plus von 35,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr entspricht. Der Gewinn ist nach endgültigen Zahlen sogar um 36,6 Prozent angewachsen.

Im Vergleich zum Jahr 2013 hat sich der Umsatz damit sogar vervierfacht. Und für die kommenden Jahre avisiert Konzernchef Braun weitere enorme Steigerungsraten an. Auch wenn er – anders als im vergangenen Jahr – die Prognose diesmal nicht anhebt. Da hatte er die Gewinnerwartung übers Jahr verteilt dreimal nach oben geschraubt.

Diesmal belässt er es beim bisher schon bekannten Ebitda von 740 bis 800 Millionen Euro. Es wäre vom 2018er-Niveau aus betrachtet ein Plus zwischen 32 und 43 Prozent. Bis 2020 soll der Umsatz dann auf drei Milliarden Euro, bis 2025 sogar auf zehn Milliarden Euro klettern. „Die Verknüpfung von Zahlungsdiensten mit strategischen digitalen Finanzprodukten halten wir für den größten Wachstumstreiber der nächsten zehn Jahre“, verspricht der Chef.

Die Wirtschaftsprüfer der Kanzlei EY, die Wirecard seit dem Jahr 2009 prüfen, gewährten dem Zahlungsdienstleister in dem am Donnerstag veröffentlichten Geschäftsbericht trotz der Vorwürfe ein uneingeschränktes Testat für das Jahr 2018. Die Ergebnisse der Untersuchungen erforderten keine Korrekturen an den Geschäftszahlen, schrieben die Prüfer. Es sei aber nicht ausgeschlossen, dass sich das infolge der laufenden Ermittlungen der Behörden in Singapur noch ändern könnte.

Dreimal hatte die auf Wirtschaftsvergehen spezialisierte Staatsanwaltschaft in Singapur die Räumlichkeiten von Wirecard im Februar und März durchsucht, hatte mehr als 200 Kisten an Material mitgenommen und sichtet es seither. Die Aufarbeitung und damit die Unsicherheit um weitere Ermittlungen in Fernost werden sich noch einige Zeit hinziehen, heißt es von dort.

Wirtschaftsprüfer werden nicht von Verschwiegenheitspflicht befreit

Werden die Wirtschaftsprüfer von EY von der Verschwiegenheitspflicht befreit, wie Experten gefordert haben? Der Vorstandschef sieht dafür „keine Notwendigkeit“. Wird der finale Bericht der Anwaltskanzlei Rajah & Tann aus Singapur offengelegt, der Wirecard entlasten soll, dessen Zusammenfassung ein Insider aber als verwässert bezeichnet hat? „Das ist unmöglich, ohne Rechte Dritter zu verletzen“, erklärt Braun.

Damit sich Fehlbuchungen oder Vereinbarungen, zu denen es möglicherweise gar keinen geschäftlichen Hintergrund gab, nicht noch einmal ereignen, hat der Konzern nun eine Taskforce eingerichtet. „Wir haben unsere Lehren gezogen und können mit einiger Sicherheit sagen, dass sich das nicht mehr wiederholen wird“, sagt Finanzvorstand von Knoop.

Der 46-Jährige ist bei Wirecard direkt für das Thema Compliance zuständig. In der internen Abteilung, die rund 150 Mitarbeiter umfasst, soll kräftig aufgestockt werden. Zudem soll in den Prüfprozess künftig das Wissen der internen Fachabteilungen besser integriert werden, um es dort auch abzubilden.

Teile davon seien schon umgesetzt. Die Maßnahmen reichen von der Verbesserung von Prozessen bei internen Geschäftsabläufen über eine Vereinheitlichung des internationalen Reportings an die Zentrale in Deutschland bis hin zu Schulungen zum Thema Compliance für Mitarbeiter weltweit. Dafür sorgen soll eine neue Managementebene, sogenannte Hubs, die die lokalen Einheiten, insbesondere in Asien, stärker steuert.

Hohe Transaktionssummen sollen von der Zentrale freigegeben werden. Außerdem sollen die internen Audit-Aktivitäten verstärkt und Mitarbeiter für die Einhaltung interner sowie gesetzlicher Vorschriften sensibilisiert werden. Auch die problematischen personellen Verflechtungen zwischen externen Partnerfirmen und internen Wirecard-Gesellschaften will Braun aufklären. „All diese Dinge werden untersucht. Wir sind einer der größten Spieler in diesem Markt seit 18 Jahren. Es gibt viele Ex-Mitarbeiter, die in neuen Rollen erfolgreich sind. Alle diese Beziehungen werden jetzt untersucht, jeder Partner wird geprüft.“ Finanzvorstand von Knoop ergänzt: „Compliance ist eine Firmenkultur, die innerhalb der Firma erzählt und gelebt werden muss.“

Dass bei Wirecard bisher ein Missverhältnis in der Grundausrichtung und der damit verbundenen Personalausstattung geherrscht hat, ist offensichtlich. So ist die Mitarbeiterzahl 2018 zwar um fast 15 Prozent auf über 5300 gestiegen, davon arbeiten allerdings 45 Prozent im Bereich Forschung & Entwicklung von IT im Bereich Zahlungsverkehr. Weitere 24 Prozent sind im Kundenservice beschäftigt, 19 Prozent im Vertrieb.

Lediglich zwölf Prozent sind in der Verwaltung der internen Abläufe tätig. Aber auch von externer Seite wird der Einfluss auf Wirecard in Zukunft zunehmen. Zum einen ist mit dem Absturz des Aktienkurses bis auf unter 100 Euro in den vergangenen Monaten die frühere Zuversicht der Anleger Geschichte. Erstmals machen Großaktionäre öffentlich Druck und suchen das Gespräch mit dem Aufsichtsrat.

Und dieser Druck zeigt erste Wirkung: Wirecard ist laut Konzernkreisen bereit, sowohl den Aufsichtsrat als auch den Vorstand mit Fachleuten aufzustocken. Konkrete Nachrichten dazu soll es in den kommenden Monaten geben. Experten vermuten zur Hauptversammlung am 18. Juni mögliche Hinweise.

Zum anderen sorgt der 900-Millionen-Euro-Einstieg des Technologieinvestors Softbank, so er denn kommt, für eine veränderte Situation. Bereits am Mittwoch hatten der japanische Technologiegigant und Wirecard den Deal verkündet. Softbank gilt als ein externer Spieler, der sich von den ambitionierten Plänen der Aschheimer nicht blenden lassen, sondern auf die Fakten schauen dürfte.

Wie Braun bestätigt, haben die Japaner Wirecard bereits genau durchleuchtet, eine sogenannte Due-Diligence-Prüfung abgeschlossen. Und auch nach einem Einstieg dürften sich die Japaner nicht auf eine Beobachterrolle beschränken. Das zeigt sich bereits bei der Größenordnung, um die es dabei geht.

Softbank wollte größeres Paket

„Softbank wollte ein größeres Paket, mit dem der Anteil an Wirecard auf über fünf Prozent steigen könnte“, nennt Markus Braun unumwunden die Hintergründe der Offerte. Die Zusammenarbeit mit Softbank sieht der Wirecard-Chef als den Anfang einer großen strategischen Partnerschaft. Zum Portfolio der Japaner gehören immerhin so illustre Namen wie der Fahrdienst Uber, die deutsche Gebrauchtwagenbörse Auto1 oder der US-Telekomriese Sprint.

Davon verspricht sich Braun in Zukunft gewaltige Chancen. „Wir wollen der professionelle Partner für die Portfoliounternehmen der Softbank sein“, gibt er eindeutig die Richtung vor. Zudem habe die Zusammenarbeit den Vorteil, dass Wirecard damit Zugang zu dem bislang weitgehend unter lokalen Zahlungsdienstleistern aufgeteilten Markt in Japan und Südkorea hätte. Schon heute sind die Margen bei der Zahlungsabwicklung in Asien höher als beispielsweise in Europa.

Am Donnerstag betonte die Wirecard-Führung wiederholt, die Eigentümer des Unternehmens stärker einbinden zu wollen. So soll die Ausgabe der Wandelanleihen an Softbank, deren mögliche Umwandlung in Aktien den Anteil der Altinvestoren deutlich verwässern wird, der Hauptversammlung im Juni zur Genehmigung vorgelegt werden.

„Wir werden den Plan der Hauptversammlung detailliert vorstellen. Dann haben die Investoren das Wort“, sagt Braun. Das Aktionärstreffen dürfte voraussichtlich etwas länger dauern als die anderthalb Stunden, nach denen die Bilanzpressekonferenz beendet wird. Wirecard-Chef Markus Braun hat danach gleich einen Anschlusstermin.

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