Andrea Orcel Santander macht einen Dealmaker zum Chef – und befeuert Spekulationen um Fusionen

Der neue Chef der spanischen Großbank Santander ist ein anerkannter Dealmaker. Doch Andrea Orcel wird nicht zwingend neue Firmen kaufen.
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Spanische Großbank: Chefwechsel bei Santander Quelle: Bloomberg/Getty Images
Führungswechsel

Investmentbanker Andrea Orcel wurde als neuer CEO für die Banco Santander verpflichtet.

(Foto: Bloomberg/Getty Images)

MadridEuropäische Bankenaufseher fordern seit Langem Fusionen in der Branche, am besten paneuropäische. Vor wenigen Wochen hat die nach Marktkapitalisierung größte Bank der Euro-Zone, die spanische Banco Santander, den bekannten Investmentbanker Andrea Orcel als neuen CEO verpflichtet. Das befeuert Spekulationen.

„Wenn sie den größten Dealmaker in Europa holen, haben sie was vor“, heißt es in Finanzkreisen, „Übernahmen liegen in der DNA von Santander.“ Es war der Vater der aktuellen Verwaltungsratschefin Ana Botín, der die Bank durch zahlreiche Übernahmen von einer Regionalbank in ein globales Institut verwandelte. Beraten hat ihn dabei stets ein Italiener: Andrea Orcel. Als Emilio Botín 2014 starb, übernahm seine Tochter Ana die Führung.

Sie betont zwar stets, dass die Bank nun organisch wachsen wolle. Als die in Schieflage geratene Banco Popular im vergangenen Jahr aber für einen symbolischen Euro angeboten wurde, griff sie über Nacht zu. 
Zum Jahreswechsel endet Ana Botíns dreijährige Strategie, Anfang 2019 wird sie einen neuen Plan präsentieren – mit Orcel an der Seite.

Er ist hinter Botín die Nummer zwei, da in Spanien der Verwaltungsratschef auch eine exekutive Funktion hat. Santander ist solide aufgestellt, war im vergangenen Jahr erneut die effizienteste Bank der Euro-Zone und hat bislang alle Zukäufe erfolgreich integriert.

Das liegt unter anderem an einem hochmodernen IT-System: Santander tauschte nach Zukäufen stets die IT der übernommenen Institute aus, sodass weltweit alle Töchter mit demselben System arbeiten. Die Bank hat mit einer Kernkapitalquote von 10,8 Prozent zwar vergleichsweise dürftige Rücklagen. Übernahmen hat Santander in der Vergangenheit aber mit eigenen Aktien oder über Kapitalerhöhungen finanziert.

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Geografisch ist das Institut ausbalanciert: 49 Prozent des Gewinns erzielte die Bank im ersten Halbjahr in Europa, 51 Prozent in Amerika. Trotzdem belasten Währungsschwankungen die Bilanz. Santanders mit Abstand größter Markt ist Brasilien, wo die Bank trotz der wirtschaftlichen und politischen Probleme des Landes hochprofitabel ist und 26 Prozent des Konzerngewinns erwirtschaftet.

Nordamerika gilt als potenzieller Markt für Übernahmen

Bei der Suche nach möglichen Übernahmezielen fällt der Blick schnell auf Nordamerika. „Santander fehlt in den USA die kritische Masse“, sagt Mauro Guillen, der an der Wharton School der Uni Pennsylvania Management und internationale Beziehungen unterrichtet und ein Buch über die Bank geschrieben hat. „Der amerikanische Bankenmarkt ist stark fragmentiert – und Orcel kennt ihn aus seiner Zeit bei Merrill Lynch bestens.

Da bietet sich ein Zukauf an“, so Guillen über den neuen Chef. Die US-Tochter war lange das Sorgenkind Santanders. Im vergangenen Jahr hat sie zum ersten Mal den Stresstest der Aufsicht bestanden, nachdem sie zweimal durchgefallen war. Die US-Sparte der Spanier steuert sieben Prozent des Konzerngewinns bei. Den Löwenanteil der Erträge liefert ein Joint Venture zur Autofinanzierung, das Santander mit Fiat Chrysler gebildet hat.

Das Problem: Der Autobauer will das Geschäft mit Pkw-Krediten künftig allein betreiben und Santanders Anteile abkaufen. Kommt es zu einer Einigung, schrumpft das US-Geschäft der Spanier merklich. In Finanzkreisen hat Verwaltungsratschefin Botín immer wieder betont, die Bank wolle in den USA wachsen.

Dennoch erklärte sie in einem Interview mit dem TV-Sender Bloomberg vor Kurzem, ein Zukauf sei hier „im Moment“ nicht geplant. Hintergrund des Schwenks könnte sein, dass sich die US-Banken schneller als die europäischen von der Finanzkrise erholt haben – und daher weitaus höher bewertet sind. Ein Zukauf mache unter diesen Umständen keinen Sinn, sagt ein Branchenexperte.

„Santander wird mehr auf Europa gucken und da sehr opportunistisch vorgehen – genau wie bei Banco Popular. Ich glaube nicht, dass sie ein spezielles Ziel im Auge haben.“ Die Analysten der Citibank gehen sogar davon aus, dass der neue CEO Orcel gar nicht explizit für Übernahmen an Bord geholt wurde.

Orcel sorgte schon bei UBS für fließende Gewinne

Bei seinem aktuellen Arbeitgeber, der Schweizer UBS, habe er das Investmentbanking verkleinert und für stetiger fließende Gewinne gesorgt, etwa durch das Schrumpfen des kapitalintensiven Handelsgeschäfts. „Wir erwarten, dass Herr Orcel die schlecht laufenden Aktivitäten bei Santander neu strukturiert oder sogar verkauft, wie die US-Retailbank“, schreiben die Analysten.

Allerdings drückt auch hier Verwaltungsratschefin Botín auf die Bremse. Santander hat sich in den vergangenen Jahren auf zehn Kernmärkte konzentriert. „Derzeit ist kein Ausstieg aus diesen Märkten geplant“, erklärte sie.
Offiziell stoßen also alle Planspiele, die Beobachter mit dem neuen CEO verbinden, auf Widerspruch seiner Chefin.

Trotz der Dementis werden sich Botín und Orcel freilich überlegen müssen, wie sie den Aktienkurs wieder auf Trab bringen. Santander-Papiere haben in den vergangenen zwölf Monaten 23 Prozent eingebüßt und sich damit deutlich schlechter entwickelt als der europäische Branchenindex.

Neben der bevorstehenden Brasilien-Wahl und einer möglichen neuen Banksteuer in Spanien belastet auch der Brexit die Aussichten: Santander erzielt 14 Prozent des Gewinns in Großbritannien. Santander-Kenner Mauro Guillen rät zu einer stärkeren Diversifizierung der Bank und empfiehlt dem neuen Chef, sich um reiche Kunden zu bemühen.

„Die Vermögensverwaltung ist eine Goldgrube angesichts des akkumulierten Reichtums, den es weltweit gibt“, sagt er. Die Margen im klassischen Bankgeschäft seien sehr klein, während sie in der Vermögensverwaltung deutlich höher lägen. „Die Aktie wird sich erst wieder erholen, wenn die Bank zeigt, dass sie auch Geld verdienen kann“, sagt er.

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