Andreas Brandstetter im Interview Uniqa-CEO sieht in Osteuropa den Wachstumsjoker

Der Chef des Versicherungskonzerns Uniqa warnt vor der Erwartung an das schnelle Geld in den Wachstumsmärkten – und hält nach Zukäufen Ausschau.
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Der CEO des Versicherungskonzerns Uniqa fürchtet den Wettbewerb mit Fintechs und Tech-Giganten nicht. Quelle: Reuters
Andreas Brandstetter

Der CEO des Versicherungskonzerns Uniqa fürchtet den Wettbewerb mit Fintechs und Tech-Giganten nicht.

(Foto: Reuters)

WienVon der Vorstandsetage in dem gläsernen Palast des Versicherungskonzerns Uniqa öffnet sich ein weiter Blick über Wien bis in die Slowakei. Andreas Brandstetter, seit sieben Jahren CEO der auf Osteuropa spezialisierten Versicherungsgruppe, schätzt das große Panorama. Schließlich muss der 49-jährige Vorstandschef den Überblick über seinen Heimatmarkt Österreich und 15 osteuropäische Ländern behalten.

Herr Brandstetter, Sie sind als CEO der Uniqa in der privilegierten Lage, dass Ihr früherer Manager Hartwig Löger heute Finanzminister von Österreich ist. Haben Sie ihm beim Wechsel in die Politik eine Wunschliste der Versicherungswirtschaft mitgegeben?
Das habe ich nicht. Es steht der Versicherungswirtschaft gut an, keine Arroganz zu zeigen und ein konstruktiver Partner der Politik zu sein, gerade in einer Zeit, in der Österreich die EU‐Ratspräsidentschaft innehat.

Was bewegt Sie als Versicherungskonzern und die Branche?
Wir wollen, dass die europäische Versicherungswirtschaft in ihrer nachhaltigen Verantwortung wieder stärker zur Kapitalmarktunion von EU‐Kommissionspräsident Jean‐Claude Juncker beiträgt. Das ist derzeit weitgehend entkoppelt. Nach seinem Plan sollen der Wirtschaft und den kleinen und mittleren Unternehmen mehr Mittel zur Verfügung gestellt werden.

Angesichts der EU‐Richtlinie Solvency II haben wir derzeit rund 200 Milliarden Euro an Assets in unseren Bilanzen eingefroren. Das ist das Notpolster, wenn der unwahrscheinliche Fall eines Bankrotts eines großen europäischen Versicherers eintritt. Diese Risiko‐Marge beträgt sechs Prozent und das ist zu hoch. Wir wollen diese Marge auf drei Prozent halbiert haben, um die Mittel für europäisches Wirtschaftswachstum freizusetzen.

Damit ist Ihre Wunschliste zu Ende?
Wir sind bei der Frage, wie viel Kapital bei Equities zu hinterlegen ist, mit EU-Ratspräsidentschaft und der EU‐Kommission in intensivem Kontakt. Die Prozentsätze für gelistete wie auch ungelistete Equities sind sehr hoch. Sie betragen 39 Prozent für gelistete Equities und 49 Prozent für ungelistete Equities. Wir fordern eine Absenkung auf 22 Prozent.

Warum?
Solvency II behandelt uns wie kurzfristige Trader. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall. Das gilt nicht nur für uns, sondern auch für Branchengrößen wie die Allianz, Münchner Rück oder Talanx, aber auch für Mittelständler.

Wir schnell werden Ihre Wünsche erfüllt werden können?
Das sind langfristige Projekte. Die europäische Versicherungswirtschaft zeichnet seit Jahrzehnten Beharrlichkeit aus. Wenn es nicht unter der österreichischen EU-Ratspräsidentschaft klappt, vielleicht unter der anschließend rumänischen Ratspräsidentschaft? Als überzeugter Europäer bin ich optimistisch.

Die Uniqa ist neben Österreich vor allem in Osteuropa engagiert. Wie läuft dort das Geschäft angesichts der wachsenden Volkswirtschaften von Tschechien bis Albanien?
Mittel‐ und Osteuropa brauchen Zeit. Die Versicherungswirtschaft ist stark davon abhängig, wie sich Zivilgesellschaft und Demokratie entwickeln. Bestimmte Teile Osteuropas waren Jahrzehnte lang unter kommunistischer Herrschaft, andere Teile zusätzlich über Jahrhunderte bis zum Ersten Weltkrieg unter osmanischer Herrschaft. Dort ist die Zivilgesellschaft nicht nur beschädigt, in vielen Teilen wie in Albanien oder Kosovo ist sie gar nicht vorhanden. Alle, die glauben, angesichts der guten Wirtschaftsentwicklung das schnelle Geld machen zu können, werden in Osteuropa scheitern.

… und Ihre Geduld ist dort groß?
Wir sind nach Osteuropa gegangen, um zu bleiben.

Das ist ein mühsames Geschäft oder?
In Österreich gibt ein Bürger jährlich rund 2000 Euro für Versicherungen durchschnittlich aus. Das ist leicht unter dem EU‐Durchschnitt. In Osteuropa erzielt Tschechien den Spitzenwert mit rund 500 Euro pro Jahr. In Ländern wie Albanien und der Ukraine, wo wir tätig sind, sind es rund 35 Euro pro Jahr. Das zeigt das Potenzial.

Wenn man sehr viel Geduld hat, oder?
Der Aufholprozess wird Jahrzehnte dauern. Er wird zudem nicht linear sein. Das heißt, es wird Auf‐ und Abschwünge geben.

Heißt das, Aktionäre brauchen ebenfalls sehr viel Geduld? Schließlich hat sich Ihr Aktienkurs in den vergangenen zehn Jahren mehr als halbiert. Ist eine Trendwende in Sicht?
Vor Oktober 2013 hatten wir keine echte Börsennotiz. Wir haben nämlich 2011 das Unternehmen völlig neu ausgerichtet. Wir haben zwei Kernmärkte definiert: Österreich, wo wir seit mehr als 200 Jahren aktiv sind, und Osteuropa. In einem reifen Markt wie Österreich mit beschränktem Wachstum auf Grund seiner Größe wollen wir die Profitabilität verbessern. Osteuropa ist für uns der Wachstumsjoker. Wir sind als Uniqa ein europäischer Mittelständler und damit zu klein, um in Wachstumsmärkte wie Asien oder Südamerika zu expandieren. Das war auch unsere Story beim Re‐IPO im Jahr 2013 mit einem Emissionskurs von acht Euro.

Wollen Sie in Osteuropa nur aus eigenen Kräften wachsen?
Wir wollen auch anorganisch wachsen und halten daher nach Zukäufen Ausschau.

Was ist aber mit dem Aktienkurs? Werden ihre Eigentümer bald bessere Zeiten sehen?
Wir sind ein sehr berechenbarer Blue Chip. Uniqa ist ein Dividendentitel. Unsere Dividendenrendite bewegt sich schließlich zwischen 5,5 und 6,2 Prozent.

Sie bezeichnen Osteuropa als Wachstumsjoker, den Sie und Ihr österreichischer Mitbewerber Vienna Insurance Group intensiv bearbeiten. Wie sehr fürchten Sie die Konkurrenz durch Branchengiganten wie die Allianz in der Region?
Die großen Marktteilnehmer wie Allianz und Generali sind traditionell in Osteuropa aktiv. Doch es kamen auch neue Player wie Axa oder Talanx, selbst amerikanische Versicherer sowie neue Tech‐Plattformen, die uns zwingen, auch digitaler zu denken. Es besteht kein Zweifel: der Wettbewerb in Osteuropa ist längst ein globaler.

Der größte Markt in Osteuropa ist Polen. Dort ist Ihr Vertriebspartner, die Raiffeisenbank International, ausgestiegen. Was heißt das für Ihr Versicherungsgeschäft?
Das ist schmerzhaft, aber es ist keine große Bedrohung, da wir dort vor allem Lebensversicherungsprodukte verkauft haben, die wir heute aus wirtschaftlichen Gründen nicht mehr vertreiben. Raiffeisen ist und bleibt in allen zwölf Ländern in Osteuropa unser bevorzugter Vertriebspartner.

In Sachen Digitalisierung ist Österreich hinten dran. Wie sehr fürchten Sie neue Konkurrenten wie Fin‐Techs oder Amazon, Google. & Co?
Sie sind ein Geschenk des Himmels. Denn die neuen Wettbewerber zwingen uns, unsere Produkte neu vom Kunden her zu denken. Wir fürchten den Wettbewerb nicht, solange die Politik in Europa für faire Wettbewerbsbedingungen unter allen sorgt.

Werden Sie Ihren Kunden künftig mehr digitale Produkte anbieten?
Die Diktatur durch Unternehmen war gestern, heute schreitet die Demokratisierung des Kunden voran. Unsere Kunden wollen auch bei Versicherungen die gleiche Servicequalität und Geschwindigkeit. Wir müssen die Prozesse ausschließlich aus Kundensicht denken. Das ist für eine traditionsbewusste Branche durchaus neu.

Heißt das, Sie brauchen künftig weniger Mitarbeiter?
Unter dem Strich nein, aber in bestimmten Funktionen, beispielsweise im Backoffice, wird es weniger Mitarbeiter geben. Die repetitive Arbeit wird durch künstliche Intelligenz ersetzt werden. Auf der anderen Seite ist noch nicht klar, wie sich die Kundenberatung entwickelt. Nicht alle Produkte werden sich ausschließlich online verkaufen lassen. Es kann durchaus sein, dass jemand eine persönliche Beratung braucht und dann digital den Vertrag abschließt.

Wie attraktiv ist in einer Niedrigzinsphase das Produkt Lebensversicherung noch?
Ein paneuropäisches Pensionsprodukt, das derzeit diskutiert wird, ist sehr wichtig und attraktiv. Eine länderübergreifende, private Altersversorgung für mobile Arbeitnehmer in Europa ist schlichtweg grandios.

Wann wird das paneuropäische Pensionsprodukt kommen?
Ich hoffe, nicht zu schnell.

Warum?
Qualität geht vor Geschwindigkeit. Der jetzige Gesetzestext besitzt etliche Unschärfen. Es ist zu wenig, wenn es ein einfaches Ansparprodukt ohne Garantien ist. In Osteuropa sind bei Lebensversicherungen in den Neunziger und Nuller Jahren Verwüstungen angerichtet worden. Wir brauchen sehr klare Regeln für eine europäische Pension. Selbstkritisch müssen wir sagen: Lasst uns aus den Fehlern der Vergangenheit lernen und nachhaltig agieren.

Wann geht die Niedrigzinsphase in Europa zu Ende?
Wir rechnen damit, dass die Zinsen im dritten oder vierten Quartal 2019 steigen werden. Wir halten die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank für gefährlich. Es werden einer kommenden Generation Lasten aufgebürdet. Wir zweifeln zudem, ob viele EU‐Staaten die Zeit nutzen, ihre Staatshaushalte in Ordnung zu bringen.

Der Sommer ist zu Ende, war die Hitze und Trockenheit für Sie ein Grund zur Freude oder zur Depression?
Wir hatten bislang einen außerordentlich positiven Sommer. Es gab kaum negative Einflüsse durch Naturkatastrophen in Mittel‐und Osteuropa. Die gute Situation im Sommer erlaubt uns, die Reserven für mögliche Unwetter im Herbst und Winter zu
stärken.

Wenn wir uns in fünf Jahren wiedertreffen, wo steht dann die Uniqa?
Die Uniqa wird sich bis 2023 weg von einem reinen Risikotarifanbieter zu einem integrierten Servicedienstleister vor allem im Bereich der privaten Gesundheitsversicherung in Österreich und Osteuropa entwickeln. Im Bereich von zwei anderen Ökosystemen, Mobilität und Smart Home, werden wir ein relevanter Marktteilnehmer bleiben.

Herr Brandstetter, wir danken für das Gespräch.

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