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Zwei frühere Händler der Hypo-Vereinsbank sollen auf die Anklagebank des Landgerichts Bonn.

(Foto: Moment Select/Getty Images)

Anklage gegen zwei Briten Deutschlands erstes Strafverfahren im Cum-Ex-Skandal steht bevor

Zwei frühere Händler der Hypo-Vereinsbank werden im Kontext von Cum-Ex angeklagt. Ein spektakulärer Prozess steht bevor, der mehrere Banken betrifft.
Update: 03.04.2019 - 16:52 Uhr Kommentieren

Düsseldorf Er hat sich verrechnet. Dabei ist Martin S., so schwelgten seine Kollegen, mehr als ein kluger Kopf. Mathematisch hochbegabt, schon als Schüler wurde er in Großbritannien mehrfach ausgezeichnet. An der Eliteuniversität Oxford ausgebildet in Ingenieurwesen, Ökonomie und Management, wandte sich S. dem Investmentbanking zu und wurde reich. Nun kommen er und sein Ex-Kollege Nickolas D. voraussichtlich wegen schwerer Steuerhinterziehung vor Gericht.

Es geht um nichts Geringeres als einen der größten Steuerskandale in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Das mutmaßliche Großverbrechen hört auf den Namen „Cum-Ex“ und wird deutsche Gerichte wohl noch für Jahre beschäftigen. Gemeint ist eine Methode des Aktienhandels, bei der sich die Beteiligten eine nur einmal abgeführte Kapitalertragsteuer mehrfach erstatten ließen. Banken und ihre besten Kunden sollen sich damit an der Allgemeinheit um zwölf Milliarden Euro bereichert haben.

Seit Jahren ermitteln Staatsanwaltschaften quer durch die Republik in der gewaltigen Steueraffäre. S. dürfte nun der Erste werden, der dafür verurteilt werden könnte. Die Staatsanwaltschaft Köln hat Anklage gegen ihn sowie seinen Ex-Kollegen D. erhoben. Ein Sprecher des zuständigen Landgerichts Bonn bestätigte dem Handelsblatt den Eingang der Klage. Rund 600 Seiten stark ist die Schrift aus der Feder der Kölner Oberstaatsanwältin Anne Brorhilker.

Auch die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt hat in einem Fall bereits Anklage gegen sechs Personen erhoben, darunter S. Doch ein Termin am Landgericht Wiesbaden ist nicht absehbar. In Bonn sind die Vorzeichen anders. Eine ganze Strafkammer wurde für Cum-Ex-Fälle eingerichtet. Schon bald, so berichten Eingeweihte, wird das Gericht sie zulassen und das erste Cum-Ex-Verfahren Deutschlands kann beginnen.

Martin S. steht bereit. „Mein Mandant hat einen erheblichen Aufklärungsbeitrag geleistet. Nun vertraut er auf ein faires Verfahren“, sagte seine Anwältin Hellen Schilling. S. ist einer der wenigen Cum-Ex-Akteure, die mit den Ermittlern kooperieren. In rund 30 Vernehmungen erklärte S., wie die Deals organisiert waren. Teils in Sekundenschnelle wurden die Papiere von Hand zu Hand gereicht. Kombiniert waren die Deals mit aufwendigen Derivatgeschäften.

Belastende Aussagen

Ehemalige Geschäftspartner von S. waren weniger mitteilsam. Einer verfolgt die Ermittlungen aus einem Schweizer Bergdorf, ein anderer hat sich bis nach Neuseeland zurückgezogen. Von S. wird in Bonn zweierlei erwartet: Er soll das, was er in seinen Vernehmungen schon zugegeben hat, nicht widerrufen. Und er soll Aussagen treffen, die mehr als hundert andere Beteiligte belasten.

Das Verfahren in Bonn dürfte damit europaweit Aufmerksamkeit erfahren. Erstmals wird ein Gericht über strafrechtliche Konsequenzen für die Männer entscheiden, die sich auf Kosten der Steuerzahler die Taschen füllten. S. galt dabei als besonders heller Kopf. 2001 heuerte er bei der US-Bank Merrill Lynch an, 2004 warb ihn die Hypo-Vereinsbank (HVB) ab. S. musste nicht nach Bayern – er agierte am Londoner Desk. Der interne Spitzname seines Teams mutete amerikanisch an: Cowboys.

2006 gelang der HVB ein besonderer Fang: Rafael Roth. „Ultra High Net Worth“, so heißt die Güteklasse für Kunden wie ihn. Die HVB handelte in dem Jahr für den Berliner Immobilieninvestor Aktien im Wert von 3,6 Milliarden Euro – in den Folgejahren noch weit mehr. S. schrieb einem Kollegen: „Wenn wir unsere Köpfe unten halten und alles nach Plan läuft, stehen uns die besten Wochen bevor, die wir je hatten.“

Es lief nicht nach Plan, jedenfalls nicht für den Kunden. 2009 gab es bei Roth eine Betriebsprüfung, 2011 forderte das Finanzamt 113 Millionen Euro an falsch erstatteten Steuern zurück, plus zehn Millionen für Zinsen. Auch die HVB wurde belangt.
S. war da längst weitergezogen.

Mit ehemaligen Arbeitskollegen gründete er im April 2008 die Finanzfirma Ballance, eingetragen auf den Kaimaninseln. Zu den besten Kunden von S. gehörten Profianleger aus der Finanzbranche. Anders als vermögende Investoren konnten sie besonders gute Konditionen aushandeln.

Einer dieser Kunden war die Hamburger Privatbank M.M. Warburg. Schon bei der HVB wickelten S. und sein Team Deals ab, an denen Warburg beteiligt war. 2006 trat die Bank als Verkäuferin auf. Als S. sich von der HVB verabschiedete, umwarb er Warburg. Die Hamburger folgten ihm zu seiner neuen Firma Ballance. Warburg deckte sich im Eigenhandel mit riesigen Aktenpaketen ein, legte eigene Cum-Ex-Fonds auf.

In seinen Vernehmungen zeichnete S. akribisch nach, wie die Geschäfte liefen. Chatprotokolle und Aufzeichnungen sollen dokumentieren, wie tief M.M. Warburg verstrickt war. Warburg bestreitet jede Schuld.

Andrang im Gerichtssaal

Warburg ist nicht das einzige Institut, das in der Anklage belastet wird. Auch die Fondsgesellschaft Hansainvest machte Geschäfte mit Ballance, ebenso Société Générale mit einem Fonds namens Baca.

Wie tief sind diese Institute in die Affäre verstrickt? Société Générale erklärte, mit den Behörden zu kooperieren. Ein Hansainvest-Sprecher betonte, man sei nur Dienstleister gewesen, habe aber keine Investmententscheidung getroffen und auch nicht als Investor profitiert. „Wir arbeiten mit den Ermittlungsbehörden zusammen und bemühen uns um größtmögliche Transparenz.“

Es ist eine wiederkehrende Formulierung. Wie genau kamen die sagenhaften Profite damals eigentlich zustande? Das sei schwer zu sagen, äußern heute viele Beteiligte. M.M. Warburg verklagte jüngst die Deutsche Bank – ihren Geschäftspartner bei Cum-Ex. „Nach der Durchsuchung durch die Staatsanwaltschaft haben wir im Rahmen der internen Aufarbeitung feststellen müssen, dass wir mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit missbraucht worden sind“, sagt ein Warburg-Sprecher.

„Die Verflechtungen zwischen Ballance und der mit vielen weiteren Dienstleistungen tätigen Depotbank waren uns nicht bekannt.“

Bekannt schien den Beteiligten nur, dass man mit Cum-Ex viel Geld verdienen konnte. Martin S. wurde im Laufe der Zeit gemeinsam mit seiner Frau Immobilienbesitzer in England und Irland. Allein die Villa auf Londons teuerster Straße, Egerton Crescent, kostete 11,3 Millionen Euro. Ein wenig Ärger gab es nur, als S. an dem Gebäude unerlaubte Sicherheitsleuchten und Kameras anbrachte, wie die Lokalzeitung berichtete.

Auf Sicherheitskameras wird S. in den kommenden Wochen öfter zu sehen sein. Allerdings stehen sie in Bonn – im Eingangsbereich des Landgerichts. Dort erwartet man viel Betrieb. Prozessbeobachter aus ganz Europa planen die Anreise, wollen hören, was S. sagt. Welche Ex-Kollegen wird er belasten? Und welche Banken? S. könnte mit seiner Aussage juristische Geschichte schreiben. Das hilft ihm womöglich, eine Haftstrafe zu vermeiden. Dann wäre die Rechnung doch aufgegangen.

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