Ant Financial

Der Finanzdienstleister ist für die Alibaba-Gruppe ein wichtiger Renditetreiber. Bald dürfte der Gang an die Börse erfolgen.

(Foto: picture alliance/Da qing - Imaginechina)

Ant Financial Plötzlich in der ersten Liga – was das teuerste Fintech der Welt auszeichnet

Die Alibaba-Tochter Ant Financial könnte bald zu einer der wertvollsten Firmen weltweit werden. Ein Eckpfeiler des Erfolgs: die Bezahlplattform Alipay.
Update: 10.06.2018 - 16:48 Uhr Kommentieren

PekingDer Mann trägt Lumpen. Mit leiser Stimme spricht er Fahrgäste in der U-Bahn an und hält ihnen eine Karte mit einem Barcode hin. Kaum jemand reagiert darauf. Die einen schreiben Kurznachrichten mit ihrem Handy, andere lesen oder schauen Videos. Nur ein junger Mann öffnet auf seinem Mobiltelefon die App Alipay, scannt den Barcode – und überweist dem Bettler eine kleine Summe.

Die Almosenschale ist in Chinas Städten längst passé. Wer heute in Schanghai oder Peking unterwegs ist, benutzt kaum noch Bargeld, sondern zahlt per Handy. Alipay sowie der Betreiber Ant Financial, der zum Internetriesen Alibaba gehört, gehören zu den größten Profiteuren der Entwicklung.

Nach Zahlen chinesischer Behörden entfielen rund neun Billionen Dollar von einem Transaktionsvolumen von insgesamt 16,7 Billionen Dollar, das über mobile Bezahldienste abgewickelt wurde, auf Alipay.

Das schlägt sich auch in der Bewertung von Ant Financial nieder. Das Unternehmen gilt als teuerstes Fintech der Welt – nach der jüngsten Finanzierungsrunde von Ende vergangener Woche. Dabei hat Ant Financial 14 Milliarden Dollar (11,9 Milliarden Euro) eingesammelt – ein Rekord für ein privates Unternehmen. Damit will das Fintech seine Technologie weiter entwickeln und die internationale Expansion beschleunigen. In den kommenden Jahren will Ant Financial zwei Milliarden Nutzer erreichen. Derzeit sind es 870 Millionen.

Zuletzt haben der Staatsfonds Temasek aus Singapur, der US-Finanzinvestor Warburg Pincus sowie ein kanadischer Pensionsfonds in Ant Financial investiert. Bei der Finanzierungsrunde im Frühjahr 2016 hatten sich unter anderem der chinesische Staatsfonds CIC sowie die staatliche China Development Bank beteiligt. Damals schätzten Insider den Wert des Unternehmens auf 60 Milliarden Dollar – Analysten gehen heute von 160 Milliarden Dollar aus.

Alipay ist ein zentraler Erfolgsfaktor von Ant Financial. Der Anteil im chinesischen Online-Bezahldienstmarkt liegt laut den Marktforschern von Analysys bei etwa 53 Prozent. Ein wesentlicher Grund für die hohe Verbreitung: Alipay ist direkt mit der E-Commerce Plattform Taobao verbunden, die auch zu Alibaba gehört. Wer über Taobao Atemmasken, USB-Sticks oder Gemüse bestellt, kann via Alipay bezahlen und bekommt noch einen Rabatt, den es bei Kreditkartenzahlungen nicht gibt. 

Bevor Gründer Jack Ma Alibaba 2014 an die New Yorker Börse brachte, gliederte er Ant Financial 2011 aus. Seitdem muss das Unternehmen 37,5 Prozent des Vorsteuergewinns an Alibaba abführen – als „Tantiemen und Technologiegebühren“. Im abgelaufenen Geschäftsjahr waren das 541 Millionen Dollar. Ant Financial hatte seinen Gewinn im Vergleich zum Vorjahr um 65 Prozent erhöht.

Vor einigen Monaten kündigte Alibaba an, die Beziehungen zu Ant Financial auf eine neue Grundlage zu stellen: Das Fintech muss künftig nicht mehr gut ein Drittel seines Gewinns an Alibaba überweisen. Stattdessen will der Konzern eine direkte Beteiligung an Ant Financial von 33 Prozent erwerben.

2014 wurde die Zhejiang Ant Small and Micro Financial Service Group, wie das Unternehmen hieß, offiziell in Ant Financial umbenannt. Die wörtliche Übersetzung, „Ameisen-Finanzen“, beschreibt das Geschäftsmodell, das darauf abzielt, die Stärke eines Kollektivs zu betonen. Schließlich machen Menschen oder kleinere Firmen mit eingeschränktem Zugang zu Finanzdienstleistungen einen großen Teil der Ant-Financial-Nutzer aus.

Für das Unternehmen sei die Anzahl der Kunden wichtiger als deren Vermögen, sagt der in Singapur ansässige BMI-Research-Analyst Kenny Liew. Denn das Fintech bietet mehr als nur Zahlungsdienste an. Wer einen chinesischen Pass besitzt, kann mit der Alibaba-App unter anderem Anlageprodukte kaufen und verwalten, die Stromrechnung zahlen, sein Mobilfunkguthaben aufladen, einen Mitfahrdienst bestellen oder Pakete verschicken.

Der Pionier brachte Alibaba im Herbst 2014 an die Börse. Quelle: Reuters
Alibaba-Gründer Jack Ma

Der Pionier brachte Alibaba im Herbst 2014 an die Börse.

(Foto: Reuters)

Ant Financial weiß jede Menge über das Konsum- und Finanzverhalten seiner Kunden. Die Alibaba-Tochter betreibt daher auch ein erfolgreiches kommerzielles Kreditbewertungssystem namens Sesame Credit.

Der Gang an die Börse ist nur eine Frage der Zeit. Firmenchef Eric Jing und Finanzchefin Maggie Wu haben Zeitpunkt und Ort bislang stets offengelassen. Insider jedoch spekulieren seit Monaten, dass es auf Hongkong hinausläuft.

Dort räumen Aufsichtsbehörden vielversprechenden Technologie-Unternehmen die Möglichkeit ein, Aktien mit Mehrfachstimmrecht einzuführen. Dann hat ein Aktionär mehr Stimmrechte als Anteile am Grundkapital. Alibaba soll sich bei seinem Börsengang für New York entschieden haben, weil Hongkong sich damals auf keine Sonderregelungen einlassen wollte.

Laut Rui Meng, Finanzprofessor an der China Europe International Business School in Schanghai, spricht derzeit noch ein anderes Argument für einen Börsengang in Hongkong: Man könne dort eine höhere Bewertung als auf dem chinesischen Festland erzielen.

Obwohl Ant Financial seinen Gewinn zuletzt ausbauen konnte, steht das Unternehmen unter hohem Wettbewerbsdruck. Der größte heimische Konkurrent, Tenpay vom Tech-Giganten Tencent, hat 40 Prozent Marktanteil. Tenpay ist zwar erst seit 2014 auf dem Markt, ist aber schnell gewachsen und hat den Abstand zu Alipay verkleinert.

Hinzu kommt die verstärkte Kontrolle der Regulierer: Chinesische Fintechs hätten „in vielen Bereichen die Finanzprodukte und das Bezahlsystem revolutioniert“, sagt der China-Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF), Alfred Schipke. Allerdings weist er auch auf die wachsende Herausforderung für Aufsichtsbehörden hin, die herausfinden müssen, wie sie mit Firmen wie Alipay umgingen.

Es sei ein neuer Sektor, daher beobachte der IWF die Entwicklungen in China genau, so Schipke, um von ihnen zu lernen. Die Regulierer müssten eine Balance finden, um Dynamik und Innovation zu fördern und gleichzeitig für Stabilität zu sorgen und den Aufbau von Risiken zu verhindern.

Derzeit versuche die chinesische Zentralbank, Kontrolle über Fintechs zu gewinnen, indem sie Unternehmen wie Ant Financial dazu bringe, sich „mehr wie traditionelle Banken zu verhalten“, meint BMI-Analyst Liew. So dürfen Kunden zum Beispiel nur noch täglich bis zu 10 000 Yuan abheben (1 560 Dollar). Künftig wird jede Transaktion von einer von der Zentralbank neu gegründeten Behörde beaufsichtigt und genehmigt. Die gestiegenen Kapitalanforderungen und die strengere Aufsicht, sagt Finanzprofessor Rui Meng, dürften das Wachstum von Ant Financial verlangsamen.

Der traditionelle Bankensektor ist längst in Alarmbereitschaft. „Tech-Unternehmen werden den Finanzdienstleistungsmarkt auf „sehr, sehr aggressive Weise angreifen“, sagte Blackrock-Präsident Robert Kapito im April. Seiner Meinung nach unterschätze der westliche Finanzsektor diese Bedrohung, die von Unternehmen wie Ant Financial ausgehe.

Rui Meng hält diese Befürchtungen für überzogen. Der Kundenstamm von Ant Financial sei ein ganz anderer als der von Blackrock. Wer sich wirklich Sorgen machen sollte, das gab Ant Financial neulich selbst in einem internen Memo bekannt: internationale Unternehmen wie Visa und Mastercard – und lokale Banken. Denen wolle man das Geschäft künftig streitig machen.

Startseite

Mehr zu: Ant Financial - Plötzlich in der ersten Liga – was das teuerste Fintech der Welt auszeichnet

0 Kommentare zu "Ant Financial: Plötzlich in der ersten Liga – was das teuerste Fintech der Welt auszeichnet"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%