Industrieversicherer

Die Branche der Industrieversicherer muss gewaltige Datenmengen analysieren.

(Foto: picture alliance / Westend61)

Axa kauft XL Group - Allianz will intern wachsen Industrieversicherer stehen unter Druck – und denken radikal um

Industrieversicherer müssen harten Wettbewerb aushalten. Trotzdem herrscht in der Branche vereinzelt Goldgräberstimmung. Grund ist der starke Wandel der Kunden.
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MünchenDie Nachricht löste vergangene Woche teils ungläubige Blicke aus. Mehr als zwölf Milliarden Euro ließ sich Axa-Chef Thomas Buberl die Übernahme den Industrie- und Rückversicherer XL Group von den Bermudas kosten.

Damit werden die Franzosen zwar zum größten Industrieversicherer der Welt, zahlen dafür aber den horrenden Preis von einem Drittel über dem vorherigen Aktienkurs. Und das für ein Unternehmen, das im vergangenen Jahr wegen hoher Unwetterschäden einen Verlust von über einer halben Milliarde Dollar erwirtschaftet hat.

Nirgendwo in der Branche herrscht im Moment eine solche Goldgräberstimmung wie in der Industrieversicherung. Es liegt an Schlagworten wie dem Internet der Dinge oder Industrie 4.0, aber auch an technischen Meilensteinen wie dem Autonomen Fahren, Smart Home, E-Health, Augmented Reality oder Robotics. So radikal wie selten in der Geschichte verändert sich das Leben und Arbeiten der Menschen, dass auch diejenigen, die all diese Bereiche versichern, extreme Chancen erhoffen.

Die Realität derzeit sieht indes sehr viel trauriger aus, stehen doch die Preise seit Jahren unter Druck. „Die in Deutschland tätigen Industriesachversicherer schreiben in der Mehrzahl tiefrote Zahlen“, bringt es Thomas Olaynig vom Versicherungsmakler Marsh auf den Punkt. Weil der Wettbewerb weiterhin intensiv ist, gab es auch in diesem Jahr keine Prämienerhöhungen.

In der Branche versuchen sie sich deshalb an einem Spagat zwischen der rauen Realität und den Herausforderungen der Zukunft. „Viele reden in der Industrieversicherung von einem Soft Market, ich spreche von einem new normal“, wertet Hartmut Mai zuallererst den Status Quo. Als Vorstand bei AGCS, dem Industrieversicherer der Allianz, steht er vor der gewaltigen Aufgabe, die Sparte mit neuen Konzepten in die Zukunft zu führen.

Und das vor dem Hintergrund, dass auch sein Haus den Druck des Marktes zuletzt gewaltig gespürt hat. Um fast 60 Prozent ist der operative Gewinn bei AGCS im vergangenen Jahr auf 156 Millionen Euro zurückgegangen. Das wurde bei der Vorlage der Konzernbilanz im Februar bekannt. Im Vergleich zur Branche ragen sie damit indes noch positiv heraus.

Konsens ist es mittlerweile dort, dass eine exakte und umfangreiche Datenanalyse in den kommenden Jahren entscheidend sein wird, um so neue wie alte Risiken richtig preisen zu können. Die Branche spricht hier vom so genannten „Underwriting“. Dabei dürfte sich entscheiden, ob ein Industrieversicherer künftig gutes Geld verdient oder auf hohen Schäden sitzenbleibt, weil er womöglich das Geschäft seiner Kunden gar nicht mehr versteht.

Voraussetzung dabei ist eine leistungsfähige IT. Die modernen Systeme der XL Group waren einer der Gründe, warum Axa teures Geld dafür bezahlt hat.

Bei der Allianz hatten sie ebenfalls die Übernahme des Spezialversicherers geprüft, waren dann aber vor dem stetig steigenden Preis zurückgeschreckt. „Wir sind diszipliniert und bleiben das auch“, sagte Konzernchef Oliver Bäte bei der Veröffentlichung der Zahlen vor einem Monat, ohne dabei Namen zu nennen. Mittlerweile lässt sich erahnen, welchen konkreten Fall er gemeint haben könnte.

Versicherer wollen Industriekunden helfen, Risiken zu minimieren

Stattdessen wollen sie bei der Allianz intern am Ausbau des Geschäfts arbeiten. Bei der Tochter AGCS haben sie dazu das Ziel ausgegeben, in Zukunft auch aus der Aufarbeitung von Daten ein Geschäft zu machen. Ein spezieller Service soll den Industriekunden – quasi prophylaktisch – sagen, wo bei ihnen Risiken lauern, damit Schäden gar nicht erst entstehen oder zumindest minimiert werden. „In Zukunft wollen wir mehr über den Kunden wissen, als er vielleicht über sich selbst weiß“, gibt Hartmut Mai die klare Richtung vor.

Ansätze könnten beispielsweise Tools zur Visualisierung von Zuliefererketten oder die Auswertung von GPS-Daten der weltweiten Schiffsflotten sein. Vieles ist heute so komplex, dass selbst den Unternehmen der genaue Überblick fehlt. Käme es zu einem Ausfall, dann ließe sich der Schaden relativ genau prognostizieren, so die Vorstellung des Versicherers.

Diese Services können Teil einer Versicherung sein, wie es heute schon bei Cyberdeckungen der Fall ist. Sie können aber auch eigenständig angeboten werden.

Schnelligkeit entscheidet: Allzu viel Zeit dürfen sich die Versicherer mit ihren neuen Ideen indes nicht lassen. „In 75 Prozent aller Unternehmen werden sich schon bis zum Jahr 2022 die Produktions- und Lieferprozesse deutlich verändern – durch die Digitalisierung“, heißt es dazu beim Makler Aon Benfield, ebenfalls einer Größe im Bereich Industrieversicherung.

Die Herausforderungen für die Versicherer sind so immens. Geht es doch um nicht weniger, als auch künftig zu verstehen, was die Kunden in ihrem Kerngeschäft überhaupt machen.

Schlüssel dazu sind die zuletzt gewaltig angewachsenen Datenmengen. „In den vergangenen drei Jahren wurden weltweit mehr Daten generiert als in allen Zeiten davor. Und das wird weitergehen“, ist sich Robin Johnson, Chief Information Officer beim Rückversicherer Munich Re, sicher.

Überall investieren sie deshalb im Moment große Summen, um den Datenschatz nutzbar zu machen. Die Munich Re hat jüngst die Zusammenarbeit mit dem Software-Riesen Microsoft ausgebaut, um mit deutlich gestiegener Rechenleistung die riesigen Datenmengen schneller auswerten zu können. Anders als früher sollen jetzt auch die verschiedenen wissenschaftlichen Fachrichtungen zusammenarbeiten und gemeinsam neue Modelle entwickeln.

Die Realität in der Branche sieht indes heute oftmals noch anders aus. Noch immer versenden Versicherer da mit hohem Aufwand Fragenbögen, um vom Kunden Informationen abzufragen.

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