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Aktienemissionen Die Investmentbanken in Deutschland schütteln die Krise ab

In der Coronakrise machte sich Verunsicherung bei den Investmentbankern breit. Davon ist nichts mehr zu spüren. Das Geschäft läuft rund, besonders bei Kapitalerhöhungen.
18.09.2020 - 04:00 Uhr Kommentieren
Die Investmentbanker haben derzeit viel zu tun. Auch das Fusionsgeschäft springt wieder an. Quelle: dpa
Frankfurter Bankenskyline

Die Investmentbanker haben derzeit viel zu tun. Auch das Fusionsgeschäft springt wieder an.

(Foto: dpa)

Frankfurt Es dauerte nur wenige Stunden, dann waren 75 Millionen Aktien des Medizintechnikherstellers Siemens Healthineers bei Großanlegern platziert. Satte 2,73 Milliarden Euro holte sich der Erlanger Konzern Anfang September vom Kapitalmarkt. Mit dem Geld werden Brückenkredite abgelöst, die für die Übernahme des auf Krebstherapie spezialisierten US-Konzerns Varian nötig waren. Immerhin muss die Siemens-Tochter 16,4 Milliarden Dollar für die Amerikaner bezahlen.

Von Bedenken der Großanleger wegen Covid-19 war nichts zu spüren. Auch die Kursschwankungen an den Märkten hielten sich zu Monatsbeginn in Grenzen. Kurz vor 18 Uhr unterbreiteten die platzierenden Banken die Offerte für Aktien von Siemens Healthineers. Bereits eine halbe Stunde später erfolgte die Meldung, dass das Angebot durch Nachfrage gedeckt sei. Eine gute Stunde später mailten die Banken, dass bei der Schnellplatzierung Gebote zu Kursen von unter 36,40 Euro nicht zum Zug kommen und die Bücher um 20 Uhr schließen würden.

Am nächsten Morgen war es klar: Die Aktien wurden zu 36,40 Euro zugeteilt, was einem satten Abschlag von fünf Prozent auf den Kurs bedeutete, der am Vortag auf dem elektronischen Handelssystem Xetra festgestellt worden war. Einen höheren Rabatt erlaubt der Gesetzgeber nicht. Immerhin wurden 7,5 Prozent des Aktienkapitals platziert. Ein Schnäppchen für die Käufer. Sie hatten eine Kapitalerhöhung erwartet und bereits im Vorfeld den Aktienkurs um rund 20 Prozent gedrückt.

„Kapitalerhöhungen sind das Mittel der Stunde“, sagt Bastian Schiedat, der das Syndikatsgeschäft bei Berenberg für Europa leitet. Zu Beginn der Coronakrise hätten sich viele Unternehmen noch zurückgehalten. Jetzt versuchten immer mehr, von den wiedererstarkten Bewertungen zu profitieren und ihre Bilanz zu stärken.

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    Zu den Unternehmen, die den Kapitalmarkt in Milliardenhöhe angezapft haben, zählen neben Siemens Healthineers der Immobilienkonzern Vonovia und der Energieversorger RWE. Auch der Reisekonzern Tui will mit einer Kapitalerhöhung bis zu eine Milliarde Euro bei Anlegern einsammeln.

    Nach einem von Covid-19 geprägten ersten Halbjahr im Investmentbanking war große Unsicherheit bei den Bankern zu spüren. Doch mit Börsen in der Nähe ihrer Höchststände lief auch das Geschäft im dritten Quartal entgegen den Befürchtungen ausgezeichnet.

    Banken kassieren kräftig Gebühren

    Bei Aktienemissionen, zu denen neben Kapitalerhöhungen auch Börsengänge und Wandelanleihen gehören, ist das Volumen im Vergleich zum gleichen Zeitpunkt im Vorjahr nach den Berechnungen des Analysehauses Preqin um 147 Prozent auf 24,5 Milliarden Dollar gestiegen. Hier schlagen sich auch angekündigte Börsengänge wie die des Wohnmobilherstellers Knaus Tabbert und des Rüstungselektronikkonzerns Hensoldt nieder. 

    Fusionen und Übernahmen (M&A) zogen ebenfalls im Vergleich zum Vorjahr um 15 Prozent auf 121,2 Milliarden Dollar an. Bei Anleiheemissionen erhöhte sich das Volumen um elf Prozent auf 350,4 Milliarden Dollar. Bemerkenswert ist zudem die Entwicklung bei den Gebühreneinnahmen. Hier schlagen sich aber auch viele Deals nieder, die bereits vergangenes Jahr angekündigt worden waren: Die Banken kassierten im Vergleich zum Vorjahr 55 Prozent mehr – insgesamt 2,9 Milliarden Dollar. Höchstverdiener war Goldman Sachs mit 348,2 Millionen Dollar, gefolgt von der Deutschen Bank mit 255,2 Millionen Dollar. 

    Gerade Umplatzierungen von Aktien, Kapitalerhöhungen und die Emission von Wandelanleihen sind seit Covid-19 stark gestiegen. „Im März hätten nicht viele eine derartige Prognose abgegeben“, sagt Christoph Stanger, Co-Leiter des Aktiengeschäfts für Europa bei Goldman Sachs. Das zeige die Stärke der Märkte.

    Nach Berechnungen des Analysehauses Refinitiv beträgt das Volumen bei Kapitalerhöhungen in Deutschland in diesem Jahr 15,4 Milliarden Euro. Es liegt mehr als doppelt so hoch wie im vergangenen Jahr. Insgesamt 35 Firmen zapften den Kapitalmarkt an. Und es sollen noch mehr werden: „Bis zum Ende des Jahres könnten problemlos noch weitere fünf bis zehn Milliarden Euro an Kapitalmaßnahmen von deutschen Unternehmen platziert werden“, betont Thorsten Pauli, Chef des Aktienemissionsbereichs im deutschsprachigen Raum bei der Bank of America.

    Grafik

    Kapitalerhöhungen seien möglich, auch wenn Unternehmen massiv unter Druck stünden, urteilt Goldman-Banker Stanger. Das habe das Beispiel Amadeus gezeigt, ein Softwareanbieter für Reiseveranstalter. Trotz eines Umsatzeinbruchs um 80 Prozent in der Krise konnte der Konzern 1,5 Milliarden Euro aus einer kombinierten Emission von Aktien und Wandelanleihen aufnehmen, um die schlechten Zeiten zu überbrücken. „Die Firma hatte einen konservativen, glaubhaften Plan, wie sie als gutes Unternehmen wieder neue Stärke gewinnen wollte“, erläutert er.

    Gleichzeitig wurden die Käufer bislang belohnt, wenn sie einstiegen. Die Kurse von Unternehmen, die zuletzt Kapitalerhöhungen durchgeführt haben, konnten sich in der Regel gut entwickeln. „Im Schnitt stiegen in Europa die Aktienkurse dieser Unternehmen seit der entsprechenden Maßnahme um rund 25 Prozent. Bei Technologiewerten fällt die Kursperformance sogar noch besser aus“, urteilt Pauli von der Bank of America.

    Pauli erklärt das große Interesse an Kapitalerhöhungen auch so: Institutionelle Investoren hätten ihre Aktienportfolios mit dem Beginn der Krise kritisch geprüft: „Sie wollten antizipieren, wie stark die Gewinne der Unternehmen durch Covid-19 beeinflusst werden und wer frisches Kapital benötigen könnte.“ Diese Großanleger hätten daher einen guten Überblick, für wen eine Kapitalerhöhung Sinn machen könnte. „Teilweise gehen sie daher sogar aktiv auf Unternehmen zu“, sagt der Experte. Ohnehin sind europäische Aktien nach seinen Worten bei amerikanischen Investoren sehr gefragt. Daher rechnet er mit noch mehr Zuflüssen in Aktienfonds, die einen Europa-Fokus haben.

    Höhepunkt Siemens Energy

    Ein gutes Geschäft für die Banken in den nächsten Wochen wird auch die Abspaltung von Siemens Energy vom Mutterkonzern Siemens sein. Die Anteilseigner von Siemens erhalten am 28. September für zwei Siemens-Aktien ein neues Siemens-Energy-Papier ins Depot gebucht. Mit dem ersten festgestellten Energy-Kurs erfolgt in der Regel zugleich ein Abschlag auf die Aktie der Siemens AG, da die Tochter dann auf eigenen Beinen steht. Die Abspaltung ist der bisher größte sogenannte „Carve-out“ in Deutschland. Gerade in den ersten Tagen wird es zu kräftigen Umschichtungen bei Investoren kommen. 

    „Dass bei Abspaltungen im Schnitt 20 bis 30 Prozent der Aktien oder mehr umplatziert werden, ist nicht untypisch“, sagt Pauli von der Bank of America. Zu den größten Investoren von Siemens gehören der Vermögensverwalter Blackrock, aber auch der Asset-Manager Vanguard und der norwegische Staatsfonds Norges.

    Insbesondere Indexfonds wie Blackrock, die mit ihren Portfolios Indizes wie den Dax passiv nachbilden, dürften mit der Abspaltung zum Verkauf gezwungen sein, denn Siemens Energy wird im deutschen Leitindex erst einmal nicht zu finden sein. Andere Fonds dürfen keine Energiewerte in ihrem Portfolio haben, wenn sie sich auf Industrieunternehmen konzentrieren oder Ansprüche an die Nachhaltigkeit ihrer Investments haben, die Siemens Energy nicht erfüllen kann.

    Im Rahmen von Präsentationen in diesen Tagen versuchen Management und Banken herauszufinden, um welche Verkaufskandidaten es sich handelt – und wer alternativ Interesse an den neuen Aktien von Siemens Energy besitzt.

    Bei einem von Finanzkreisen erwarteten Wert von 15 bis 18 Milliarden Euro für die neue Gesellschaft rechnen Banker in einem ersten Schritt mit einer Umplatzierung von mindestens ein bis zwei Milliarden Euro bei Siemens Energy. Dieser Aktionärsumbau wird auch das Handelsvolumen prägen. Während normalerweise mit ge- und verkauften Aktien im Wert von 50 bis 70 Millionen Euro täglich gerechnet wird, können es nach Einschätzung von Experten gerade am ersten Tag schnell mehrere 100 Millionen Euro sein. Danach pendeln die Transaktionen sich erfahrungsgemäß schrittweise wieder auf das klassische Handelsvolumen ein. 

    Damit die Anpassung möglichst reibungslos vonstattengeht, hat Siemens insgesamt zehn Banken als sogenannte „Financial Advisors“ berufen. Diese erhielten nach Informationen aus Finanzkreisen unterschiedliche Gebührenverträge. Nach Einschätzung von Experten dürften die Kosten für Siemens deutlich unter einem Prozent liegen, was aber immerhin einem zwei- bis dreistelligen Millionenbetrag entspräche.

    Strategische Deals werden wiederbelebt

    Die ersten Monate nach dem Start der Corona-Pandemie befürchteten Investmentbanker auch einen Einbruch bei Fusionen und Übernahmen (M&A). Das hat sich inzwischen gewandelt. „Wir sind schneller aus der Krise gekommen, weil wir keine systemische Krise, sondern einen exogenen Schock erlitten hatten und die Kapitalmärkte intakt geblieben sind“, sagt Tibor Kossa, Co-Chef M&A für den deutschsprachigen Raum bei Goldman Sachs. 2020 werde bei Fusionen und Übernahmen kein Krisenjahr, sondern auf einem durchschnittlichen Niveau enden, etwa auf der Höhe von 2017. Damals betrug das Volumen rund 123 Milliarden Dollar, berechnete Refinitiv.

    Die Coronakrise erweist sich für Ken Oliver Fritz, Deutschlandchef der Investmentbank Lazard, als Beschleuniger zum Beispiel bei strukturellen Veränderungen: „Unternehmen, die diese Krise nicht aus eigener Kraft stemmen können, stehen zum Verkauf, oder Sparten werden abgestoßen, um finanzielle Mittel für Strukturveränderungen zu erlösen.“ Die Bereitschaft für Veränderungen sei extrem hoch. Kombinationen, die schon in der Vergangenheit strategisch sinnvoll gewesen wären, würden jetzt unter Druck und mit Unterstützung aller Parteien umgesetzt. 

    Besonders betroffen sind seiner Meinung nach Branchen wie Automobile und Automobilzulieferer, Maschinenbau und der Einzelhandel. Sie würden viele Veränderungen erleben und stünden vor einer Konsolidierungswelle. „Die Haltung ‚geht nicht‘ gibt es nicht mehr“, betont Fritz.

    Mehr: Der Markt für Börsengänge läuft heiß

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