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Bankbilanzen Mit den faulen Krediten kehren die Krisenprofiteure zurück

Durch die Coronakrise wächst die Zahl der notleidenden Kredite. Den Höhepunkt erwarten Experten im Winter. Spezielle Fonds, die diese Darlehen aufkaufen, profitieren davon.
20.08.2020 - 13:07 Uhr Kommentieren
In der zweiten Jahreshälfte dürfte die Zahl der ausfallgefährdeten Kredite weiter steigen. Quelle: dpa
Regenwolken über Frankfurt

In der zweiten Jahreshälfte dürfte die Zahl der ausfallgefährdeten Kredite weiter steigen.

(Foto: dpa)

Frankfurt Vor rund zwölf Jahren löste der Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers die Finanzkrise aus. Weltweit betroffen waren vor allem Banken, die sich mit riskanten Immobilienfinanzierungen und komplizierten Wertpapieren verzockt hatten.

In der Folgezeit erlebte der Handel mit notleidenden Krediten einen Boom, in den vergangenen Jahren ebbte das Geschäft aber wieder ab. Die rundlaufende Konjunktur sorgte dafür, dass die meisten Kredite bedient und zurückgezahlt wurden. Doch mit der Coronakrise rechnen viele Experten nun mit einer neuen Welle an faulen Darlehen – und einem Comeback der Kreditkäufer. 

„Der Markt für notleidende Kredite ist bislang noch relativ ruhig“, sagt Kolja von Bismarck, Partner bei der Kanzlei Sidley Austin. Das liegt seiner Meinung nach auch daran, dass Verkäufer und Käufer beim Preis noch nicht zueinanderfinden. Es sei im aktuellen Umfeld schwer, den mindestens und den maximal realisierbaren Wert der angebotenen Forderung abzuschätzen.

„Zurzeit kann man sich das ungefähr so vorstellen, dass die Banken Forderungen mit einem Abschlag von beispielsweise 20 Prozent anbieten, die Kaufinteressenten aber einen Abschlag von wenigstens 70 Prozent erwarten. Das wird sich aber ändern. Spätestens ab Januar und Februar kommenden Jahres wird das Angebot deutlich zunehmen“, glaubt von Bismarck. Es sei davon auszugehen, dass viele Problemkredite jetzt im Herbst für den Verkauf vorbereitet würden.

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    Die Strategieberatung Oliver Wyman glaubt, dass sich die europäischen Banken in den nächsten drei Jahren mit Kreditverlusten von über 400 Milliarden Euro konfrontiert sehen. Im Fall eines zweiten Lockdowns könnte sich der Schaden sogar verdoppeln. „Die zu erwartenden Verluste von 400 Milliarden Euro wären zweieinhalbmal so hoch wie die gesamten Kreditverluste in der Branche in den vergangenen drei Jahren“, erklärt Jochen Peppel, Risiko-Experte bei Oliver Wyman. Das entspreche aber weniger als 40 Prozent der Verluste, die in der globalen Finanzkrise 2008 bis 2010 verzeichnet worden seien. 

    Bessere Kapitalisierung

    Die gute Nachricht sei, dass die Banken im Jahr 2020 deutlich besser kapitalisiert seien als in der letzten Krise, sagt Thomas Schnarr, Partner und Leiter der Financial Services Practice bei Oliver Wyman in Deutschland. Grundsätzlich können sie Abschreibungen also besser verkraften. „In der Finanzkrise 2008/2009 waren die Banken im Stress, sie mussten Kredite verkaufen. Heute können sie geduldiger sein und Restrukturierungen länger vorbereiten“, sagt Robert von Finckenstein, Managing Partner und Head of Debt Advisory & Restructuring bei Alantra Deutschland.

    Deutlich verändert hat sich der Markt auch, weil neue Spieler hinzugekommen sind. Professionelle private Kreditfonds hätten in den vergangenen acht Jahren Portfolios im Umfang von über 960 Milliarden Euro aufgekauft, schätzt man bei der Arrow Global Group, einem Unternehmen, das auf notleidende Assets spezialisiert ist. Vor allem im Süden Europas habe dies bei der konjunkturellen Erholung geholfen.

    „Auf der Käuferseite finden sich die milliardenschweren Fonds von Macquarie, Apollo, Goldman Sachs oder Hayfin. Im dritten und vierten Quartal ist zwar keine Welle an Kreditverkäufen durch europäische Banken zu erwarten, es wird aber vermehrt Transaktionen geben“, sagt von Finckenstein. Im nächsten Jahr könnten dann – als Folge der aktuellen Rezession in der Wirtschaft – viele Kreditportfolios auf den Markt kommen.

    Für die Investoren in notleidende Kredite („non-performing loans“, NPL) hat sich laut Arrow eine attraktive Verzinsung des eingesetzten Kapitals ergeben. Seit der Finanzkrise habe Arrow jedes Jahr eine Bruttorendite von 18 Prozent erreicht. Der Ertrag ergibt durch den massiven Abschlag auf den Nennwert des Darlehens beim Ankauf und den bei der Vergabe des Kredits festgelegten Zins.

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    Vor dem Hintergrund der rekordniedrigen Zinsen und der geringen Zinserträge aus Staatsanleihen seien NPL-Bestände eine lohnende Alternative, meint Zach Lewy, Gründer und Chefanlagestratege bei Arrow. In Europa werde es angesichts zunehmender Ausfallraten bei den Darlehen und der Notwendigkeit der Bilanzentlastung bei den Banken zu einem wachsenden Angebot an NPL-Portfolios kommen, ist sich der Kreditexperte sicher.

    „Der NPL-Markt in Deutschland ist derzeit eher noch in Warteposition. Die alten Bestände aus den Landesbanken sind seit der Finanzkrise 2008 sukzessive abgebaut worden. Neues Material wird sich im kommenden Jahr ansammeln, vor allem wegen der Coronakrise“, sagt Matthias Weissinger, Partner bei der Kanzlei Ashurst in München. 

    In welchem Umfang und unter welchen Voraussetzungen an wen leistungsgestörte Kredite verkauft werden können, richtet sich zum einen nach der konkreten Vertragsdokumentation im Einzelfall, zum anderen sind aber auch regulatorische Einschränkungen zu beachten. Denkbar sind beispielsweise vertragliche Regelungen, die die Veräußerung nur an bestimmte Institutionen zulassen (White List) oder ausschließen (Black List).

    Aus regulatorischer Sicht ist zu beachten, dass bestimmte Spielarten von Finanzierungen – wie etwa revolvierende Kreditlinien – nur von Banken gehalten werden dürfen. Solche Finanzierungen können daher nicht unmittelbar an Käufer übertragen werden, die nicht über eine entsprechende Zulassung verfügen.

    „Eine Operation am offenen Herzen“

    Erschwert werden Restrukturierungen und Kreditverkäufe in der Existenzkrise durch das Fehlen von Präsenzmeetings. Denn Entscheidungsprozesse dauern länger, weil auch die Verhandlungspartner häufig aus dem Homeoffice agieren und aufwendiger als bisher Feedback aus ihren Häusern einholen müssen.

    „Die von uns zu führenden Sanierungsverhandlungen sind erschreckend schwierig geworden. Das ist eine Operation am offenen Herzen mit den Händen in Wollhandschuhen. Wir können bei Onlineverhandlungen am Bildschirm subtile Signale kaum erkennen und lesen“, sagt von Bismarck. Es fehlt den Experten die Möglichkeit, auf schwierige Parteien in einer Verhandlungspause zugehen zu können, um im persönlichen Gespräch den Spielraum für Kompromisse auszuloten. 

    Ein Indikator für die kommenden Kreditverluste sind die Ausfallraten bei Zinspapieren von Unternehmen mit geringerer Bonität. Laut der Ratingagentur Moody’s Investors Service lag die Ausfallquote Ende Mai bei 4,7 Prozent, der Höhepunkt wird mit 9,5 Prozent im Februar kommenden Jahres erwartet. Danach wird nur ein leichter Rückgang prognostiziert, geht aus der Schätzung vom Juni hervor. Der historische Mittelwert beträgt 4,1 Prozent.

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    Natürlich ist die Prognose mit großen Unsicherheiten behaftet. Keiner weiß heute, wann ein Impfstoff gegen das Covid-19-Virus verfügbar ist. Auch sind Zeitpunkt und Ausmaß einer „zweiten Welle“ bei den Infektionen noch unbekannt. Besonders betroffen sein werden laut Moody’s aber die Sektoren Hotels, Freizeit und die Spielkasinos, ebenso die Öl- und Gasbranche sowie der Einzelhandel. „Die meisten der aktuellen Sanierungsfälle hatten schon vor der Coronakrise Schwierigkeiten. Das gilt etwa für viele Automobilzulieferer oder die Restaurantketten Maredo und Vapiano“, ergänzt Weissinger von Ashurst.

    Kolja von Bismarck weist auch noch auf eine weitere mögliche Quelle für neues Material hin, die mit dem Aufstieg der Finanzinvestoren in Deutschland und Europa zu tun hat. „Unternehmen in der Hand von Private-Equity-Fonds haben üblicherweise einen relativ hohen Verschuldungsgrad. Gut möglich, dass es hier besonders schnell zu Verkäufen von Krediten und deren Ankauf durch spezialisierte Finanzinvestoren kommt.“

    Und viele Kapitalsammelstellen, etwa Hedgefonds, müssten in erheblichen Mengen eingesammeltes Kapital im Markt investieren. Man erwarte deshalb, dass einige von diesen Fonds auch als Kreditkäufer auftreten. In einigen Fällen werde dies sicher auch deshalb geschehen, um über sogenannte Debt-to-Equity-Swaps – also den Tausch einer Forderung gegen Anteile an dem kriselnden Schuldner der Forderung – zu günstigen Konditionen Kontrolle über Unternehmen und deren Restrukturierung zu gewinnen.

    Die potenziell zur Verfügung stehende Manövriermasse ist mittlerweile jedenfalls gewaltig. Das Volumen der gesamten Unternehmenskredite stieg 2019 um 8,1 Prozent auf den Rekordwert von 8,3 Billionen Dollar. Laut dem Fondshaus Janus Henderson wird dieses Jahr allein eine weitere Billion hinzukommen.

    Mehr: Insolvenzverwalter warnen vor Zombie-Unternehmen.

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