Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Betrugsskandal Ex-Wirecard-Chef Braun bleibt in U-Haft – Ehemaliger Chef-Buchhalter kommt auf freien Fuß

Die Verteidigung stellt Braun als Opfer eines Betrugs bei Wirecard dar. Die Verdachtsmomente gegen ihn sind zuletzt aber eher mehr denn weniger geworden.
16.07.2021 Update: 16.07.2021 - 18:19 Uhr Kommentieren
Ermittler werfen Braun und anderen Wirecard-Managern gewerbsmäßigen Bandenbetrug vor. Quelle: Reuters
Markus Braun

Ermittler werfen Braun und anderen Wirecard-Managern gewerbsmäßigen Bandenbetrug vor.

(Foto: Reuters)

Düsseldorf Für den früheren Wirecard-Chef Markus Braun ist ein Ende seiner Untersuchungshaft nicht absehbar. Der gefallene Manager muss auch nach knapp einem Jahr weiter im Gefängnis bleiben. Das ordnete der 2. Strafsenat des Oberlandesgerichts (OLG) München am Freitag an.

Das Gericht sieht offenbar ebenso wie die Staatsanwaltschaft München I weiterhin dringenden Tatverdacht sowie Fluchtgefahr bei dem 51-jährigen Braun. Er lebte bis zu seiner Inhaftierung mit seiner Familie in Wien. Außerdem gehören dem Österreicher Immobilien in Kitzbühel sowie an der französischen Côte d‘Azur.

Braun ist unter anderem des gewerbsmäßigen Bandenbetrugs, der Untreue und der Marktmanipulation beschuldigt. Er und weitere Manager sollen über Jahre Scheingeschäfte in Milliardenhöhe verbucht haben, um den inzwischen insolventen Zahlungsdienstleister über Wasser zu halten und Kredite zu erschwindeln. Der damalige Dax-Konzern war im Sommer 2020 zusammengebrochen.

Braun bestreitet die Vorwürfe vehement und stellt sich selbst als Opfer dar. Sein Sprecher Dirk Metz teilte am Freitag mit, dass Brauns Verteidigung die Entscheidung des OLG „für nicht nachvollziehbar“ halte: „Es hat uns überrascht, dass das Vorbringen der Verteidigung heute nicht berücksichtigt worden ist.“

Der frühere Wirecard-Chef sitzt seit dem 22. Juli 2020 in der Justizvollzugsanstalt Augsburg-Gablingen ein. Nach sechs Monaten Untersuchungshaft ist eine Haftprüfung gesetzlich vorgeschrieben. Anschließend muss alle drei Monate überprüft werden, ob Haftgründe weiterhin vorliegen.

Lesen Sie auch zum Thema:

Der Entscheidung des OLG vorausgegangen war ein wochenlanges Tauziehen zwischen Staatsanwaltschaft und den Verteidigern Brauns. Bereits im Februar hatte das Gericht die Fortdauer der Haft angeordnet. Ab Ende Mai musste es sich erneut mit den Argumenten Brauns und der Staatsanwälte auseinandersetzen, die jeweils neue Stellungnahmen einreichten.

Wirecard: Ex-Chefbuchhalter kommt frei

Während der frühere Wirecard-Chef nun vorerst weiter hinter Gittern bleibt, kommt der ehemalige Vize-Finanzvorstand E. gegen Auflagen auf freien Fuß. Als langjähriger Chefbuchhalter gilt er als eine Schlüsselfigur in dem Bilanzskandal.

Dem Handelsblatt liegen Dokumente aus dem alten E-Mail-Konto des Managers vor. Sie zeigen, dass E. mehrfach Überweisungen an andere Firmen des Wirecard-Konzerns und Drittpartner angewiesen hat. Heute besteht der Verdacht, dass über einige dieser Firmen Hunderte Millionen aus dem Konzern abgeflossen sein könnten.

E. wollte sich vor dem Wirecard-Untersuchungsausschuss des Bundestags nicht im Detail dazu äußern. Der ehemalige Leiter der Buchhaltung verwies auf das laufende Ermittlungsverfahren und sagte, dass jeder Beteiligte für sich reflektieren müsse: „Was hat man wann wo falsch gemacht? Wo war man zu gutgläubig?“

Die Staatsanwälte stützen ihre Anschuldigungen unter anderem auf die Angaben eines Kronzeugen, der ebenfalls in Haft sitzt. Er berichtete, dass schon 2015 im Konzern der Entschluss gefallen sei, die Wirecard-Bilanz und das Umsatzvolumen aufzublähen. In seinen Aussagen ab Juli 2020 belastete er auch Braun erheblich.

Kronzeuge gab Anstoß zur Verhaftung

Der Kronzeuge gab damit auch den Anstoß für eine erneute Verhaftung Brauns, der im Juni 2020 schon einmal festgenommen worden, aber nach nur einem Tag gegen eine Kaution von fünf Millionen Euro wieder freigekommen war.

Die Ermittler gehen nun davon aus, dass Braun „innerhalb der Bande als Kontroll- und Steuerungsinstanz“ fungierte. Der Ex-Vorstandschef und seine Verteidiger hingegen sagen, dass eine Gruppe um das flüchtige frühere Vorstandsmitglied Jan Marsalek für den Milliardenbetrug verantwortlich sei.

Diese Gruppe hätte eine „Schattenstruktur“ genutzt, um von Braun unbemerkt Gelder aus dem Konzern zu leiten. Der damalige Wirecard-Chef sei als einst größter Aktionär des Zahlungsdienstleisters durch den Betrug selbst massiv geschädigt worden und habe sein Privatvermögen verloren.

Die Verdachtsmomente, die gegen die Theorie des Opfers Markus Braun sprechen, sind in den vergangenen Monaten allerdings eher mehr denn weniger geworden. So zeichneten Mitarbeiter, die sowohl bei der Staatsanwaltschaft als auch vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss als Zeugen ausgesagt haben, das Bild eines peniblen und auch über das Zahlenwerk gut informierten Firmenlenkers. Bisweilen soll Braun in Gutsherrenart über den Konzern geherrscht haben.

Zweifel an der Opfertheorie Markus Brauns

Kritik und schlechte Nachrichten soll er dabei heruntergespielt haben. So hätte ihn die Aufklärung der Vorwürfe über Unregelmäßigkeiten, die schon länger gegen Wirecard im Raum standen, nie interessiert, berichtete die Wirecard-Chefjuristin Andrea Görres. Im Konzern soll es vor allem darum gegangen sein, eine Story für die Kapitalmärkte zu produzieren.

Die schwersten Zweifel an Brauns Opfertheorie sät aber wohl der Sachstandsbericht des Wirecard-Insolvenzverwalters Michael Jaffé. Er hat in den vergangenen Monaten die Geschäfte des Konzerns untersucht, darunter auch das sogenannte Drittpartnergeschäft in Asien. Das stand laut der Wirecard-Bilanzen für einen Großteil der Konzernumsätze.

Allerdings hätten sich „keine Anhaltspunkte dafür ergeben“, dass es das Drittpartnergeschäft überhaupt gegeben hätte, stellte Jaffé in seinem Bericht fest. Die Gelder, die angeblich auf Treuhandkonten auf den Philippinen lagen, seien „nach den aktuellen Erkenntnissen zu keinem Zeitpunkt existent“ gewesen.

So bleibt der Erfolg Brauns in einem Streit mit dem Manager-Haftpflichtversicherer Wirecards sein einziger bemerkenswerter Fortschritt der jüngeren Vergangenheit. Der US-Versicherer Chubb muss die Anwalts- und Beraterkosten Brauns bis zu einem rechtskräftigen Urteil zahlen, entschied das Oberlandesgericht Frankfurt kürzlich.

Die Staatsanwaltschaft München I bereitet unterdessen laut Informationen des Handelsblatts unter Hochdruck eine Anklage gegen Braun sowie zwei weitere Manager vor, die bis zum Jahresende fertiggestellt sein könnte. Zuvor steht aber in drei Monaten eine erneute Haftprüfung an.

Mehr: „Es ist ein Wahnsinn ...“ – Die letzten 48 Stunden von Wirecard

Startseite
Mehr zu: Betrugsskandal - Ex-Wirecard-Chef Braun bleibt in U-Haft – Ehemaliger Chef-Buchhalter kommt auf freien Fuß
0 Kommentare zu "Betrugsskandal: Ex-Wirecard-Chef Braun bleibt in U-Haft – Ehemaliger Chef-Buchhalter kommt auf freien Fuß"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%