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Bilanzfälschung Betrugsskandal hält den Finanzplatz Österreich in Atem

Die Commerzialbank aus dem Burgenland hat große Guthaben bei anderen österreichischen Banken vorgetäuscht. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Bilanzbetrug.
24.07.2020 - 08:35 Uhr 1 Kommentar
Womöglich sind über 400 Millionen Euro verschwunden. Quelle: Google
Commerzialbank in Mattersburg

Womöglich sind über 400 Millionen Euro verschwunden.

(Foto: Google)

Wien Obwohl Mattersburg ein 7500-Seelen-Städtchen ist, beherbergt es einen Bundesligaklub. Der SV Mattersburg brachte es in seinen besten Zeiten bis auf Platz drei in der ersten österreichischen Fußball-Liga. In der abgelaufenen Saison gelang knapp der Klassenerhalt. Aber diese sportlichen Erfolge dürften im engen Zusammenhang stehen mit Betrügereien bei der Commerzialbank Mattersburg, die jetzt untergegangen ist.

Seit vergangener Woche hält ein Betrugsskandal den Finanzplatz Österreich in Atem. Er erinnert in vielerlei Hinsicht an den Fall Wirecard in Deutschland. Im Zentrum des Geschehens steht Martin Pucher, eine Art Lokalfürst in Mattersburg. Er war seit Jahrzehnten sowohl Chef der Commerzialbank wie auch des Fußballklubs. Bei einer Vor-Ort-Prüfung durch die österreichische Finanzaufsicht spitzten sich vergangene Woche die Ereignisse zu.

Die Prüfer entdeckten Unregelmäßigkeiten, Pucher schritt zur Selbstanzeige, die Bank wurde umgehend geschlossen. Womöglich sind über 400 Millionen Euro verschwunden – rund die Hälfte der Bilanzsumme der kleinen Regionalbank im Nordburgenland, rund eine Fahrstunde südlich von Wien. Im Raum steht der Verdacht, dass die Verantwortlichen seit über zehn Jahren systematisch die Bilanzen frisiert haben.

Die Commerzialbank täuschte offenbar vor, dass sie große Guthaben von jeweils 40 bis 65 Millionen Euro bei fünf anderen österreichischen Banken liegen habe. Aber als die Prüfer dort anriefen, ließen sich die Summen nicht bestätigen. Zudem scheinen die Bankmanager Kredite fingiert zu haben, um Zinseinnahmen zu suggerieren. Mit anderen Worten: Ähnlich wie bei Wirecard wurden wohl Gelder erfunden, die es gar nicht gab.

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    Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Bilanzbetrug und Untreue; es gilt die Unschuldsvermutung. Am Finanzplatz Österreich wird jetzt gerätselt, wie die Betrügereien so lange unentdeckt bleiben konnten. Offensichtlich hat als erste Kontrollstelle die interne Revision versagt. Ebenfalls als zahnlos erwies sich der Aufsichtsrat der privaten Bank, die mehrheitlich einer Genossenschaft gehört.

    „Opfer einer umfangreichen Täuschung“

    Das Kontrollgremium war mit Lokalpolitikern und lokalen Unternehmern besetzt, die offenbar nicht so genau hinsehen wollten. In einem schlechten Licht steht auch die Wiener Wirtschaftsprüfungsgesellschaft TPA. Sie hat die Bücher der Commerzialbank seit 2006 geprüft und testiert. Aber die Prüfer sehen sich selbst als „Opfer einer umfangreichen Täuschung“.

    Offenbar legten die Bankverantwortlichen viel kriminelle Energie an den Tag, um etwa die nicht existenten Guthaben bei anderen Finanzinstituten zu vertuschen. Über Jahre hinweg sollen sie gefälschte Bestätigungen auf dem Briefpapier der jeweiligen Banken erstellt und diese den Wirtschaftsprüfern zugeschickt haben.

    Allerdings ist vorgesehen, dass die Prüfer jeweils selbst solche Saldenbestätigungen einholen. Schließlich gibt es noch die Bankenaufsicht, die in Österreich von der Finanzmarktaufsichtsbehörde (FMA) und der Nationalbank (OeNB) gemeinsam wahrgenommen wird.

    Die Behörden argumentieren, die Bilanzprüfung sei nicht ihre Aufgabe, vielmehr müssten sie sich auf testierte Bilanzen verlassen können. Immerhin sind bei einer Vor-Ort-Prüfung durch die Aufsicht dann die Betrügereien aufgeflogen. Mit einem blauen Auge kommen die Kleinkunden der Bank davon. Ihre Einlagen sind bis 100.000 Euro gesetzlich geschützt. Die Einlagensicherung Austria (ESA) hat diese Woche Briefe an die Betroffenen verschickt, die ersten Kunden erhalten in diesen Tagen ihre Guthaben.

    Insgesamt werden wohl rund 490 Millionen Euro ausgezahlt werden. Nachdem die Einlagensicherung jüngst schon im Fall der Bank Anglo Austrian eingreifen musste, ist ihr Fonds annähernd aufgebraucht. Die österreichischen Banken als Haftungsverbund werden ihn wieder auffüllen müssen.

    Schlechter sieht es für einige Unternehmen aus, die viel Geld auf ihren Konten bei der Commerzialbank liegen hatten. So werden etwa der Wiener Softwareanbieter Frequentis oder der Konzertveranstalter Barracuda wohl jeweils mehr als 30 Millionen Euro verlieren. Verschiedene gemeinnützige Wohnbaugenossenschaften dürften insgesamt rund 100 Millionen Euro bei der Bank angelegt haben.

    Politische Folgen für Gemeinden im Umkreis

    Die Kunden wurden angelockt von relativ hohen Zinsen, die die Commerzialbank auf Einlagen zahlte – gut ein Prozent erschien in Zeiten von Null- oder Negativzinsen als attraktiv. Das gehörte wohl auch zum „Geschäftsmodell“ der Bank. Die Affäre hat auch politische Folgen. Zahlreiche Gemeinden im Umkreis von Mattersburg werden ihre gesamten Rücklagen verlieren. Sie sind nicht durch die Einlagensicherung geschützt.

    Die Regierung des Burgenlands berief bereits einen Krisengipfel ein. Die große offene Frage lautet, wohin das viele Geld geflossen ist. Bis jetzt ist darüber wenig bekannt geworden. Die Staatsanwaltschaft geht dem Verdacht nach, dass über indirekte Kanäle Geld an den SV Mattersburg gegangen sein könnte.

    Der Fußballverein setzte rund zehn Millionen Euro pro Jahr um. Die Commerzialbank könnte demnach nicht nur Hauptsponsor des Vereins gewesen sein, sondern ihn auch über verschlungene Wege unterstützt haben.

    Gespannt wartet man in Österreich auf den Statusbericht. Er wird das genaue Ausmaß des Schadens bei der Commerzialbank offenlegen. Danach wird die Finanzaufsicht erwartungsgemäß den Konkurs der Bank verfügen. Eine Insolvenz droht auch dem Fußballklub SV Mattersburg. Er steht jetzt ohne Hauptsponsor da. Präsident Pucher und der Vizepräsident sind zurückgetreten. Die Lage ist prekär.

    Bis Freitag musste der Klub der Bundesliga seine finanzielle Situation darlegen. Ein Konkurs hätte den Zwangsabstieg zur Folge. Dann wären die womöglich mit Betrügereien erkauften sportlichen Erfolge definitiv Geschichte.

    Mehr: Das sind die wichtigsten Köpfe im Wirecard-Skandal

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    1 Kommentar zu "Bilanzfälschung: Betrugsskandal hält den Finanzplatz Österreich in Atem"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Ich frage mich echt, was in diesen Leuten wie Braun, Pucher, Marsalek usw. im Kopf vor geht? Das sind doch zumeist auch gebildete Menschen, denen doch klar sein muss, dass das denen irgendwann um die Ohren fliegt. Reichen denen tatsächlich 5-20 Jahre in "Saus und Braus" und einhergehender Aufmerksamkeit, um dann in den "Bau" zu wandern? Im Anschluss daran lebt man dann mit dieser Scham und den Wissen, so nebenher viele Existenzen zerstört zu haben? Man opfert quasi sein Gewissen und seinen gesamten Lebensabend für diese 5-20 Jahre Jetset? Ich kann das absolut nicht nachvollziehen.

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