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Bilanzskandal Weiterer Wirecard-Manager in Haft – Finanzplatz München misstraute Zahlungsdienstleister früh

Aktionäre von Wirecard haben 23 Milliarden Euro verloren. Bayerische Banken wollten dem Zahlungsdienstleister schon vor Jahren kein Geld leihen.
06.07.2020 Update: 06.07.2020 - 16:57 Uhr 4 Kommentare
Partner in Asien dienten ursprünglich zur Verschleierung problematischer Zahlungsströme. Quelle: Reuters
Wirecard-Zentrale in Aschheim

Partner in Asien dienten ursprünglich zur Verschleierung problematischer Zahlungsströme.

(Foto: Reuters)

München, Frankfurt, Düsseldorf Immer neue Informationen über den abgestürzten Zahlungsdienstleister Wirecard lassen Anleger sowohl an der Qualität der deutschen Finanzaufsicht als auch an angeblich renommierten Finanzanalysten zweifeln. Nach Handelsblatt-Informationen bemühte sich das Münchener Unternehmen schon vor Jahren vergeblich um einen Kredit bei der lokalen Landesbank. Der Grund: Die Compliance-Abteilung der BayernLB hatte Wirecard bereits 2018 und 2019 bei der „Financial Intelligence Unit“ des Zolls gemeldet – wegen Verdachts auf Geldwäsche.

Ein Sprecher der Bayerischen Landesbank sagte auf Anfrage, die Bank könne sich zu Kundenbeziehungen oder deren Ablehnung nicht äußern. Nach Informationen des Handelsblatts bemerkten die Münchener Geldmanager sowohl innerhalb als auch außerhalb ihrer eigenen Bank Warnzeichen zu Wirecard. „Wir hatten Kreditanfragen von Wirecard, aber wir haben das Geschäft einfach nicht verstanden“, sagte ein Beteiligter. Ein anderer ergänzte, der BayernLB seien „Bedenken vom Markt entgegengetragen“ worden. Hinzu kam die Einschätzung der hauseigenen Compliance-Abteilung. Zwar sei die Bank an langfristigen Kundenbeziehungen interessiert, aber wenn man einen möglichen Kunden erst einmal bei der Aufsicht melden müsse, mache dies die Aufnahme einer Beziehung schwierig.

Am Montagnachmittag wurde zudem bekannt, dass die Staatsanwaltschaft München I den Geschäftsführer der Cardsystems Middle East FZ-LLC, eine Tochtergesellschaft der Wirecard AG mit Sitz in Dubai, festgenommen hat. Am Nachmittag wurde der Beschuldigte dem Haftrichter vorgeführt, der den Haftbefehl eröffnete und Haftfortdauer anordnete.

Der Beschuldigte war zuvor aus Dubai angereist und hatte sich dem Verfahren gestellt, hieß es von der Staatsanwaltschaft. Der Haftbefehl stützt sich unter anderem auf den dringenden Tatverdacht des gemeinschaftlichen Betrugs und versuchten gemeinschaftlichen Betrugs jeweils im besonders schweren Fall sowie den Verdacht der Beihilfe zu anderen Straftaten. Als Haftgründe bestehen Fluchtgefahr und Verdunkelungsgefahr.

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    Nach Informationen aus der Bayerischen Landesbank galt es am Finanzplatz München bereits seit geraumer Zeit als offenes Geheimnis, dass bei Wirecard etwas nicht stimmte.

    Keine deutsche Behörde beaufsichtigte Geldwäschefragen

    Es war nicht das erste Mal, dass bei Wirecard Geldwäschevorwürfe aufkamen. Über die Jahre gab es immer wieder Verdachtsanzeigen. Im Dezember 2015 kam es deshalb sogar zu einer Razzia durch die Staatsanwaltschaft München – im Rahmen der Rechtshilfe für das amerikanische Justizministerium.

    Die Frage, an welchen Punkten die deutsche Aufsicht versagte, wird derzeit intensiv diskutiert. Die der Bundesregierung unterstehende Bafin war regulatorisch nur für die Wirecard Bank zuständig. Verantwortlich für die Geldwäscheprävention des Gesamtkonzerns war im Zweifel die Bezirksregierung Niederbayern. Diese erklärte sich aber aufgrund der Einstufung Wirecards als Technologieunternehmen statt als Finanzholding nicht für zuständig. Die Wirecard AG wurde damit in Geldwäschefragen von keiner deutschen Behörde beaufsichtigt.

    Die Folgen tragen nun die Aktionäre. Seit dem Allzeithoch der Wirecard-Aktie vor knapp zwei Jahren haben die Anleger 23 Milliarden Euro verloren. Sie verließen sich bei ihrem Investment auch auf die Bewertungen der großen Analystenhäuser - die allerdings von dem Bilanzskandal genauso überrascht wurden wie jeder Kleinsparer.

    Noch vor drei Monaten nannte die US-Großbank JP Morgan für die Wirecard-Aktie ein Kursziel von 150 Euro. Analysten der britischen Investmentbank HSBC trauten der Aktie 210 Euro zu und rieten zum Kauf. Hauck & Aufhäuser gab gar ein Kursziel von 270 Euro aus. Anfang Mai stufte Barclays das Wirecard-Papier zwar ab, nannte aber immer noch einen fairen Wert von 200 Euro. Der aktuelle Kurs nach einem neuerlichen Verlust von 17 Prozent am Montag: 2,66 Euro.

    Der Branchenverband DVFA, die Deutsche Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management, bemüht sich um eine Erklärung: Laut einer internen Umfrage unter ihren Investment Professionals waren drei Viertel der Befragten der Meinung, dass die Entwicklung bei Wirecard frühzeitig hätte erkannt werden müssen. Allerdings konnte durch das aufsichtsrechtliche Konstrukt, dass Wirecard als Hybrid zwischen Finanz- und Technologiebranche betrachtet wurde, vieles unter dem Radar bleiben, so Christoph Schlienkamp, Leiter der DVFA Kommission Unternehmensanalyse. „Zudem ist es für Analysten nur sehr schwer, gegen das Testat eines Prüfers zu argumentieren“.

    Ganze Branche am Pranger

    Streng genommen steht neben Wirecard die ganze Branche der Finanzanalysten am Pranger. Vor einem Jahr, als die Banker in Wirecards Nachbarschaft das Geschäftsmodell des Unternehmens nicht nachvollziehen konnten, war Wirecard an der Börse mehr wert als die Deutsche Bank und die Commerzbank zusammen. 22 von 28 Analysten empfahlen das Papier zum Kauf. Nun hat am Konzernsitz in Aschheim ein Insolvenzverwalter das Sagen, Milliardenumsätze waren offenbar ausgedacht, ein Vorstand ist flüchtig.

    War es für Wirecard zu leicht, den Markt zu betrügen? Banker aus der Nachbarschaft des Unternehmens legen dies nahe. Die BayernLB lehnte Wirecard früh als Kreditsteller ab, ein ehemaliger Manager einer anderen großen Münchener Bank berichtet dasselbe von seinem Haus. „Wir waren hier von Anfang an sehr skeptisch“, erinnert er sich heute. Nach der Absage für einen Kredit habe es keine Anfragen mehr von Wirecard gegeben.

    Wirecard wurde schließlich woanders fündig. Als die Münchner Banken ablehnten, griff unter anderem die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) zu. 200 Millionen Euro haben die Stuttgarter dem Skandalunternehmen laut Bloomberg geliehen. Ein Sprecher der Bank lehnte eine Stellungnahme ab. Die LBBW war Teil eines Konsortiums, das insgesamt 1,75 Milliarden Euro an Wirecard gab. Sie stehen nun in der langen Schlange der Gläubiger. Bis Insolvenzverwalter Michael Jaffé auch nur einen Euro auszahlt, werden Jahre vergehen.

    Neben der LBBW sollen laut Bloomberg drei weitere Banken mit jeweils 200 Millionen Euro an der Kreditlinie beteiligt gewesen sein: Die Commerzbank sowie die beiden niederländischen Banken ABN Amro und ING. Außerdem habe die genossenschaftliche DZ Bank dem Skandalunternehmen 120 Millionen Euro geliehen, für diese Summen standen auch Barclays, Credit Agricole und Lloyds parat. Jeweils 80 Millionen Euro kamen von der Deutschen Bank, der Bank of China, von Citi und der japanischen Mitsubishi UFJ. Am Ende des Konsortiums aus insgesamt 15 Banken standen die Raiffeisen Niederösterreich für 60 Millionen Euro gerade, bei der Agricultural Bank of China waren es 55 Millionen Euro, bei der Raiffeisen Oberösterreich 45 Millionen Euro.

    Wirecard hatte die gesamte Kreditlinie zu rund 90 Prozent ausgeschöpft, heißt es aus Finanzkreisen. Dazu kommt eine Anleihe im Volumen von 500 Millionen Euro sowie eine Wandelanleihe über 900 Millionen Euro. Auf diesem Weg war im vergangenen Jahr der japanische Tech-Investor Softbank bei Wirecard eingezogen.

    Entsprechend groß ist bei allen Häusern die Angst vor herben Verlusten, die nun drohen. „Wir gehen davon aus, dass das Geld weg ist“, sagte ein Insider dem Handelsblatt. Denn selbst, wenn es Insolvenzverwalter Michael Jaffe gelingen sollte, Teile des Zahlungsdienstleisters zu veräußern, sind hohe Abschreibungen für die kreditgebenden Banken wahrscheinlich.

    Im Gespräch war zuletzt beispielsweise der Verkauf der Wirecard Bank. Für die Tochter des Dax-Konzerns mit ihren rund 150 Mitarbeitern waren Preise von 100 Millionen Euro genannt worden. Wirecard hatte vor 15 Jahren bereits eine kleine Wertpapierhandelsbank aus dem Rheinland übernommen und damit eine Banklizenz erhalten. Etliche Fintechs nutzten sie zur Abwicklung, anfangs auch die Onlinebank N26. Auch Wirecards Kreditkartengeschäft in Nordamerika, das sich inzwischen selbst zum Verkauf gestellt hat, könnte einen hohen Millionenbetrag erbringen, erhoffen sich die Banken.

    Trotzdem dürften selbst bei günstigem Verlauf hohe Verluste an den beteiligten Banken hängen bleiben. Im Zuge der Corona-Pandemie hatten sich zuletzt bereits viele Häuser auf eine Welle fauler Kredite eingestellt, die ab dem Herbst drohen könnte. Die zu erwartenden Ausfälle bei Wirecard sind nun eine zusätzliche Belastung. 

    Mehr: Technologiefirmen und Finanzdienstleister wachsen immer schneller zusammen – doch hier droht eine gefährliche Regulierungslücke. Das beweist der Fall Wirecard. Ein Kommentar.

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    4 Kommentare zu "Bilanzskandal: Weiterer Wirecard-Manager in Haft – Finanzplatz München misstraute Zahlungsdienstleister früh"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Es ist alles richtig, die Diskussion über Geschäftsmodell verstehen oder auch nicht.
      Wir brauchen es aber auch nicht so kompliziert zu machen - schlichtweg sind seit Jahren seitens der weltweit tätigen und offensichtlich inkompetenten Wirtschaftsprüfer Vermögenswerte bestätigt worden, deren Vorhandensein nicht ausreichend geprüft wurden.
      Es ist einfach lächerlich, dass man diese Spezialisten mit gefälschten Bankauszügen und -Bestätigungen hat hinters Licht führen können. Die Gesellschafter sprich Aktionäre konnten sich auf diese Testate verlassen.
      Das ist - wieder grundlegend gedacht - eine Sache der Haftpflichtversicherungen dieser hochbezahlten WP-Multis. Fertig.
      Der Rest ist ein anderes Thema.

    • Wann und wie können wir "Klartext reden?
      Ich habe den Eindruck, dass dies ein klassischer Fall von "des Kaisers neue Kleider" ist. Lobenswerterweise habe ich hier im Handelsblatt in den Berichten immer die subliminale Frage der Autoren gelesen: "Könnte es nicht sein, dass der Kaiser gar nicht so schöne Kleider hat und zumindest die wertvollen, die in Asien und Dubai lagern sollen, vielleicht gar nicht ihm gehören?"
      Ich habe keine Wetten für oder gegen Wirecard abgeschlossen, aber als wirtschaftlicher Laie mit etwas sprachwissenschaftlicher Vorbildung, war das Kartenhaus deutlich sichtbar. Der Herdentrieb und die Aussicht auf Gewinne machen offensichtlich blind.
      Wo fordern wir als Bürger (Wirtschafts)ethik mehr ein und praktizieren es auch selbst? ist jemand als CEO vertrauenswürdig, der mit windigen möglicherweise sittenwidrigen Portalen zusammenarbeitet? Wie entwickeln wir ein mutige Sprachkultur, die verständlich Probleme benennen kann (ohne den Ruin durch Prozesse und Anwälte befürchten zu müssen)? Das leise Raunen und Verschweigen bringt Wasser auf die Mühlen der politischen Richtungen mit den einfachen Antworten.
      Ich selbst habe keine fertigen Antworten, wie zugrunde liegende Werte, benutzte Sprache und tatsächliches Handeln offener, vielfältiger und streitbarer diskutiert werden können. Der Fall Wirecard ist nur ein Beispiel. Den Begriff "Zivilcourage" lese ich zu selten in den Medien. Davon brauchen wir nach meiner Einschätzung mehr (als Handlung) auch und gerade in Wirtschaftskreisen.

    • Jaa, love history..
      https://orange.handelsblatt.com/wp-content/uploads/2018/08/wirecard-deutsche-bank-760x849.png
      Und die korrumpierte Deutsche Bank gibt es immernoch...

    • Das Problem endet nicht bei der Aufsicht. Alle Geschäftspartner und Aktionäre müssen sich ebenfalls den Vorwurf gefallen lassen, das Geschäftsmodell nicht verstanden zu haben. Wirecard mag in Deutschland ein Einzelfall sein. International dürfte es recht zahlreiche Unternehmen geben, deren Geschäftsmodell nicht nachhaltig oder auf Vorspiegelung falscher Tatsachen aufgebaut ist.

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