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Bilanzskandal Wirecard-Milliardenbetrug: Sonderermittler sieht auch 2018 nachlässige Prüfung durch EY

Der Sonderermittler sieht auch Pflichtverletzungen der Prüfer in der Zeit, als das Drittpartnergeschäft massiv aufgebläht wurde. Sein Report ist weiteres Futter für Kläger.
21.05.2021 - 13:25 Uhr Kommentieren
Die Wirtschaftsprüfungsfirma EY steht im Zuge des Wirecard-Skandals nach einem weiteren Ermittlungsbericht mit dem Rücken zur Wand. Quelle: dpa
Ernst & Young

Die Wirtschaftsprüfungsfirma EY steht im Zuge des Wirecard-Skandals nach einem weiteren Ermittlungsbericht mit dem Rücken zur Wand.

(Foto: dpa)

Düsseldorf Alle Versuche waren zwecklos. Gregor Fichtelberger wollte die Fragen der Mitglieder des Wirecard-Untersuchungsausschusses des Deutschen Bundestags partout nicht beantworten. Der Wirtschaftsprüfer hat vor dem Gremium von seinem umfassenden Aussageverweigerungsrecht Gebrauch gemacht.

Dabei hätte seine Befragung als Zeuge sehr aufschlussreich sein können, gehört er doch zu den Mitarbeitern der Wirtschaftsprüfungsfirma EY, die den Skandalkonzern Wirecard und dessen Zahlenwerk am besten kannten. Doch die Furcht, sich womöglich zu belasten, war wohl zu groß.

Sie könnte noch größer geworden sein mit dem Wissen um den Eingang erneuter brisanter Post, die der Untersuchungsausschuss in diesen Tagen erhalten hat. Denn der von dem Gremium zur Bewertung der Abschlussprüfungen bei Wirecard eingesetzte Sonderermittler Martin Wambach hat einen Report vorgelegt, der die Prüffirma in noch größere Erklärungsnöte bringt. Er stellt ihrer Arbeit unter dem Strich ein verheerendes Zeugnis aus.

Es ist der zweite Report Wambachs binnen weniger Wochen. Hatten er und sein Team von Rödl & Partner zunächst die Wirecard-Abschlussprüfung für die Jahre 2014 bis 2016 untersucht, analysierte es nun die Arbeit von EY für das Jahr 2018.

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    Das Ergebnis ist praktisch das gleiche und erhärtet letztlich die Vorwürfe über ein Versagen der EY-Prüfer. Denn in Wambachs Bericht, der dem Handelsblatt vorliegt, ist von nachlässiger Arbeit und teilweiser Pflichtverletzung die Rede, als Beleg listet er zahlreiche Unstimmigkeiten auf.

    Erschreckender Bericht

    Die Reaktionen im Untersuchungsausschuss waren entsprechend. Von „katastrophalen Prüfertätigkeiten“ sprach etwa der stellvertretende Vorsitzende des Wirecard-Untersuchungsausschusses, Hans Michelbach (CSU), im Anschluss an die Sitzung.

    Lisa Paus von den Grünen ging sogar noch einen Schritt weiter: „Es ist erschreckend, was der Bericht des Ermittlungsbeauftragten im Fall EY alles zutage gefördert hat. Nach dem heutigen Tag ist kaum noch vorstellbar, dass die Gerichte bei EY am Ende keine grobe Fahrlässigkeit feststellen werden.“

    EY gibt auf Nachfrage an, dass man sich nicht zu den Inhalten der Berichte der Ermittlungsbeauftragten äußern könne. „Die Berichte sind von Gesetzes wegen als vertraulich zu behandeln und derzeit nicht öffentlich“, so ein Sprecher. Die Ergebnisse der Auswertung der Ermittlungsbeauftragten werde EY aber „ebenso wie die Erkenntnisse der weiteren Ermittlungsbehörden in die eigene Bewertung der Sachlage einfließen lassen. Unabhängig von dem Ergebnis arbeite man intensiv an Maßnahmen und Initiativen, „um das Vertrauen in die Qualität der Prüfung zu stärken.“

    Die von Wambach aufgeführten Unstimmigkeiten für den 2018er-Abschluss betreffen vor allem die Frage, wie seriös die Drittgeschäft-Partner (TPA) von Wirecard in Asien und wie werthaltig die mit ihnen verbundenen angeblichen Vermögenswerte waren. Die Summen waren 2018 längst in die Höhe geschossen: Beliefen sich die Bestände aus dem TPA-Geschäft 2014 noch auf 230 Millionen Euro, waren es 2018 bereits 1,5 Milliarden Euro und damit ein großer Teil der Wirecard-Bilanzsumme.

    Grafik

    Geld, das es in Wirklichkeit wohl gar nicht gab. Eine „durchgehende und vollständige“ Prüfung der Bezahlsysteme der TPA-Partner habe durch den Abschlussprüfer 2018 nicht stattgefunden, hält Wambach in seinem zweiten Report fest. Aus den Prüfungsdokumenten sei nicht ersichtlich, dass die angeblichen Transaktionen wirklich existierten.

    Der Sonderermittler wirft damit EY vor, an der sensiblen Stelle des TPA-Geschäfts nicht genau genug hingeschaut zu haben. Die eingeholten Prüfungsnachweise bei den Drittgeschäften seien „als weniger verlässlich zu werten“.

    Das gilt auch für die Analyse der Prüfung der Treuhandkonten in Singapur, auf die das Geld der TPA-Partner angeblich geflossen sein soll. Ob EY dabei seine Pflichten verletzt hat, steht im Zentrum der vorliegenden und kommenden Klagen von Wirecard-Aktionären gegen die Prüfungsgesellschaft.

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    EY beharrt darauf, keine der vorgeschriebenen Prüfungsnormen verletzt zu haben. Die Gesellschaft hat sich Anfang 2019 Bestätigungen des Treuhänders Citadelle aus Singapur vorlegen lassen und den Treuhänder Ende März auch persönlich in der Wirecard-Zentrale in Aschheim getroffen. Dort wurden den Prüfern auch Kontoauszüge vorgelegt.

    Doch auch 2018 haben sich wie schon in den Jahren zuvor einige Ungereimtheiten ergeben, die der Wambach-Report auflistet: Der Citadelle-Treuhänder soll zugleich als „Secretary“ bei einem der TPA-Partner von Wirecard vermerkt sein. Es sei nicht erkennbar, dass EY möglichen Interessenkonflikten dabei nachgegangen sei, heißt es.

    Merkwürdige Bestätigungen

    Merkwürdig seien auch die vom Treuhänder bei EY vorgelegten Bestätigungen. Zum einen ist auf ihnen ein deutsches Datumsformat zu sehen: Das Dokument sei am 11.4.2019 bei EY eingegangen, aber auf den 12.4.2019 ausgestellt. Zum anderen würden darin nur die Salden bestätigt, aber keine Kontonummern und auch nicht die kontoführende Bank vermerkt.

    All das könne „Zweifel an der Verlässlichkeit des Dokuments begründen“, heißt es in dem Report. Es sei nicht ersichtlich, ob diesen Auffälligkeiten in der Abschlussprüfung durch EY nachgegangen worden sei.

    Im Fazit wird der Report noch deutlicher: Eine Plausibilisierung der Treuhandguthaben – immerhin 976 Millionen Euro – bei der OCBC Bank in Singapur habe etwa in Form der Durchsicht der Geschäftsberichte der Bank nicht stattgefunden.

    Pikant sind auch die Aussagen im Wambach-Report zu Testkäufen über Webseiten, deren Abrechnung über Wirecard-Drittpartner lief. EY-Mitarbeiter hätten dem Bericht zufolge beispielsweise für zehn Dollar ein Kurzzeit-Abo bei „Asian Love Affairs“ abgeschlossen. Es wurden Bitcoins gekauft und ein Alkoholtester in die Münchener Firmenzentrale bestellt. Dabei habe es mehrere auffällige Unregelmäßigkeiten gegeben. „Die Qualität der Prüfungsnachweise“, resümiert der Bericht mit Blick darauf, „erscheinen nicht ausreichend und angemessen.“

    Für EY sind das weitere schwere Vorwürfe, die weiteren Klagen Vorschub leisten. Aktionäre haben bereits Schadensersatzklagen eingereicht, die Commerzbank als ehemaliger Kreditgeber prüft eine solche und auch der Wirecard-Insolvenzverwalter Michael Jaffé kündigte nun an, neben der Rückforderung von rund 47 Millionen Euro an Dividenden von Aktionären auch gegen EY Ansprüche geltend machen zu wollen. Die von EY abgesegneten Geschäftsberichte für die Jahre 2017 und 2018 will er für nichtig erklären lassen.

    Sollten Gerichte am Ende Pflichtverletzungen von EY feststellen, könnte es für die Prüfer im schlimmsten Fall sehr teuer werden. Im Falle von vorsätzlichen Verletzungen oder billigendem Vorsatz würde gar eine uneingeschränkte Haftung drohen. Im Falle von fahrlässigem Handeln müssen Prüfer dagegen mit maximal vier Millionen Euro haften.

    Angestoßen durch den Wirecard-Skandal hat die Große Koalition in dieser Woche unterdessen ein neues Gesetz zur Stärkung der Finanzmarktintegrität (FISG) auf den Weg gebracht, wonach künftig auch bei grob fahrlässigen Pflichtverletzungen eine unbegrenzte Haftung greifen soll.

    Nähe zu Wirecard

    Wenn es zu den Prozessen gegen EY kommen wird, dürften sich neben den Fragen zu den mutmaßlichen Nachlässigkeiten und Pflichtverletzungen auch solche dazu stellen, ob EY Wirecard in den letzten Jahren womöglich nicht zu nahe stand. Auch dann dürfte der Name Fichtelberger wieder eine Rolle spielen. Im Februar 2018 schrieb er eine E-Mail an Wirecard, in der er adressierte, dass sich EY damit beschäftige, wie eine Transformation eines Prüfungsmandats in ein Beratungsmandat gelingen könne.

    „Für Mandate, bei denen eine Pflichtrotation ansteht, ist zu hinterfragen, wie man die Mandanten am besten weiter betreuen kann im Sinne einer Win-win-Situation“, schrieb Fichtelberger, wenn auch ohne konkret auf Wirecard Bezug zu nehmen.

    Zwei Jahre später, nur wenige Monate vor dem Untergang von Wirecard, diente er dem Konzern eine langjährige EY-Mitarbeiterin an.

    „Anbei sende ich dir den Lebenslauf unserer ehemaligen Kollegin“, schrieb Fichtelberger. Sie sei 2019 Teil des Wirecard-Audit-Teams gewesen und nun bei EY ausgeschieden. Sofern sich bei Wirecard „Opportunities ergeben, kann ich die Kollegin uneingeschränkt empfehlen“. EY weist Zweifel an der Unabhängigkeit der Prüfer im Fall Wirecard unterdessen entschieden zurück.

    Mehr: Stunde der Wahrheit für EY vor dem Untersuchungsausschuss – brisante Mails werfen neue Fragen auf

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