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Digitalisierung Spanische Großbank BBVA will zum Amazon der Finanzbranche werden

Die spanische BBVA hat früher als viele Rivalen auf Digitales gesetzt. Die Bank will zum Amazon der Finanzbranche werden – und stößt auf Skepsis.
25.06.2018 - 20:37 Uhr Kommentieren
Die zweitgrößte spanische Bank BBVA sieht sich als Vorreiter des digitalen Umbaus. Quelle: Reuters
Spanische BBVA

Die zweitgrößte spanische Bank BBVA sieht sich als Vorreiter des digitalen Umbaus.

(Foto: Reuters)

Madrid/Frankfurt Vom Landhaus Quinta de Jarama hat man einen malerischen Blick auf die Berge vor Madrid. Die weitläufige Quinta mit ihren Gärten voller Springbrunnen und Zypressen wird in der Regel für Hochzeitsfeiern gebucht.

Die 800 Gäste, die an diesem Tag das Gelände säumen, sind jedoch der Einladung ihres Arbeitgebers gefolgt, der zweitgrößten spanischen Bank BBVA. Die ist dabei, das Bankgeschäft mit der digitalen Welt zu verheiraten. Die Gäste sollen dabei helfen. Jedes Quartal treffen sich Führungskräfte der Bank aus aller Welt in Madrid, um die wichtigsten Projekte für die nächsten drei Monate anzustoßen.

Der große Saal in der Quinta steht voller runder Dinnertische, auf denen Laptops, Wasserflaschen und zerknüllte Papiere liegen. Was aussieht wie ein großes Durcheinander, hat einen Namen: Scrum-Meeting (das englische „scrum“ bedeutet „Gedränge“). Das Konzept stammt aus der Softwarebranche und soll Abläufe schneller und flexibler machen.

133 verschiedene Projekte werden an diesem Vormittag auf den Weg gebracht. Die Ideen hat das oberste Bankmanagement bereits abgenickt, in dem Landhaus geht es an die Umsetzung. BBVA gibt als Marschroute aus: Innerhalb von drei Tagen sollen Teams gebildet werden, in sechs Wochen soll der Prototyp für ein neues Produkt stehen und in neun Monaten alles beim Kunden sein.

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    Die Bank sieht sich selbst als Vorreiter der digitalen Transformation ihrer Branche. Anders als die meisten Wettbewerber haben die Spanier keine eigene Onlinebank gegründet, sondern richten die komplette Organisation digital aus. Das ambitionierte Ziel ist, das Amazon für Finanzfragen zu werden.

    „Wir sehen BBVA in Zukunft als zuverlässigen Berater für unsere Kunden“, sagt Bankchef Francisco González dem Handelsblatt. Anleger sind bislang aber noch skeptisch – die Aktie entwickelt sich nicht besser als die der Wettbewerber.

    Doch selbst europäische Rivalen räumen ein, dass BBVA mit seiner Digitalstrategie ganz vorne liege. Die Marktforscher von Forrester wählten die App der Spanier im vergangenen Jahr zur besten weltweit und die Mobil- sowie die Onlinestrategie zur besten in Europa. Auch die Analysten von Barclays gehen davon aus, dass „BBVA in den kommenden Jahren ein Hauptnutznießer von digitalem Banking sein könnte“.

    92 Prozent aller Produkte können BBVA-Kunden bereits selbstständig online kaufen, und auch die anschließende Bearbeitung ist in der Regel voll automatisiert. 40 Prozent aller Verkäufe liefen im Mai bereits über das Internet, und 45 Prozent aller Kunden nutzen die Onlineangebote. Der direkte Wettbewerber in Spanien, die Banco Santander, hat nur 20 Prozent Digitalkunden. Allerdings hat Santander mit „Openbank“ eine eigene Onlinebank.

    Im April hat BBVA als erstes globales Finanzinstitut einen Unternehmenskredit über 75 Millionen Euro ausschließlich über die Blockchain-Technologie abgewickelt – von der Verhandlung der Bedingungen bis zur Überweisung. Die Bearbeitungszeit schrumpfte dadurch von Tagen auf Stunden. Im nächsten Schritt wollen die Spanier Konsortialkredite per Blockchain vergeben.

    Banken weltweit arbeiten derzeit an Modellen, um sich gegen die neue Konkurrenz von Finanz-Start-ups (Fintechs) und eigenen Bezahlmodellen von Tech-Konzernen wie Apple zu wappnen. Seit Anfang des Jahres müssen europäische Banken Rivalen zudem Zugang zu ihren Kundendaten gewähren. Das heizt den Wettbewerb an und erleichtert Fintechs die Arbeit. „Banken, die sich nicht wandeln, riskieren, in wenigen Jahren vom Markt zu verschwinden“, sagt Marco Troiano von der Ratingagentur Scope.

    Tech-Konzerne gelten als Bedrohung für Banken

    BBVA-Chef González geht davon aus, dass von den aktuell rund 20.000 „analogen Banken“ weltweit nicht mehr als ein paar Dutzend digitale Banken übrig bleiben. Die Tech-Konzerne sind für ihn die größte Bedrohung. „Wir müssen uns so schnell wie möglich wandeln, denn unser Bezugspunkt sind nicht mehr Banken, sondern die Googles, Facebooks und Alibabas dieser Welt“, sagt er.

    In der Quinta de Jarama hängen am Mittag die Tafeln voller Zettelchen. Jedes Projektteam schreibt seine Anforderungen auf ein Klebezettelchen und heftet es an die Tafel der Abteilung, deren Hilfe es benötigt. Eine neue App braucht das Okay der Rechtsabteilung, der IT-Sicherheit und der Regulierungsexperten – macht drei Haftnotizen an drei Tafeln. Die Abteilungen prüfen dann, bis wann sie liefern können – und antworten ihrerseits auf der Tafel des App-Teams.

    Als das Meeting um 14 Uhr endet, sind alle Haftzettel verteilt und der Zeitplan für 133 Projekte steht. „Früher mussten wir all das in 133 einzelnen Sitzungen mit jeder Abteilung gesondert klären“, sagt Luis Cembrero, der das Meeting leitet. „Jetzt wissen nach fünf Stunden alle Bescheid, und es ist klar, wo es im Ablauf hakt.“ Er trägt wie die übrigen Dutzend Organisatoren ein T-Shirt in BBVA-Blau, auf dem „Quarterly Planning Sessions“ steht, und sieht damit ein bisschen aus wie ein Platzanweiser im Sportstadion.

    Über 80 Prozent der Projekte, die BBVA in Scrum-Meetings anstößt, werden auch realisiert. „Bei uns laufen heute weniger Projekte als früher“, sagt Derek White, der bei BBVA weltweit für Kundenlösungen verantwortlich ist, dem Handelsblatt. Aber „es landen mehr der begonnenen Projekte beim Kunden“.

    BBVA will künftig neue Produkte und Apps nur noch einmal entwickeln – und sie an allen Standorten weltweit einsetzen. Die einzelnen Länder können sich dann auf einer globalen Plattform Module für ihre nationalen Besonderheiten dazubuchen und ein Produkt selbst konfigurieren. Der Kern aber bleibt der gleiche. BBVA ist in 31 Ländern weltweit aktiv – mit einem Fokus auf Europa und Amerika.

    Für White sind zwei Dinge im Wettlauf um die neue Bankenwelt entscheidend: die Geschwindigkeit, mit der Organisationen auf verändertes Kundenverhalten reagieren können, und die Kontakthäufigkeit mit den Klienten. „Die meisten Banken wollen die Zahl der Transaktionen mit ihren Kunden senken, weil das als effizient gilt“, sagt White. „Aber wir wollen so viele Kontakte mit unseren Kunden wie möglich. Nur so können wir wirklich verstehen, was sie brauchen, und ihnen passgenaue Produkte anbieten, die ihnen das Leben erleichtern oder Zeit sparen.“

    Deshalb versucht BBVA ganz nach dem Vorbild von Big Tech, Nutzer möglichst lange auf ihrer Plattform zu halten. Die Bank bietet dafür Apps an, deren Ziel nicht zwingend der Kauf eines Produkts ist und die auch Nichtkunden offenstehen. „Baby Planner“ etwa listet für werdende Eltern alle Kosten auf, die beim Nachwuchs anfallen, und berechnet Einkommenseinbußen für Elternzeit oder Teilzeitarbeit.

    „Valora“ bietet Hauskäufern Vergleichspreise von Immobilien in derselben Gegend, zeigt, welche Supermärkte und Schulen es gibt, welche monatlichen Kosten für Strom, Versicherungen, Reparaturen und Hypothek anfallen und berechnet, für wen sich eher kaufen und für wen sich eher mieten lohnt. Bei Kunden, die Valora genutzt haben, ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie eine Hypothek bei BBVA abschließen, doppelt so hoch wie bei denen, die sich über andere Wege informiert haben.

    „Wir wollen eine Plattform für Finanzprodukte werden, genau wie Amazon das für Waren ist“, sagt White und rutscht dabei so begeistert auf seinem Stuhl hin und her, dass man glaubt, er würde am liebsten aufspringen und gleich weiter daran arbeiten. Die Idee ist, mehr zu bieten als reine Transaktionen.

    Wohin es führt, wenn Unternehmen diesen Mehrwert nicht leisten, zeigt die Telekombranche. Sie ist ein reiner Datendurchleiter, der Milliarden in immer schnellere Netze investieren muss, während Tech-Konzerne wie Google und Facebook davon profitieren und immer neue Services anbieten.

    Führungskräfte aus anderen Branchen

    Die Sonderstellung von BBVA liegt nicht an den einzelnen Apps – andere Banken bieten ähnliche Programme und nutzen ebenfalls Scrum-Meetings. „Aber es gibt nur wenige Banken, die all das machen, was BBVA tut – und die so schnell sind“, sagt Benjamin Ensor, Leiter des Bereichs digitale Geschäftsstrategien bei Forrester. „Die Fähigkeit von BBVA, Innovationen und neue Dienste anzustoßen, ist deutlich größer als bei den meisten anderen Banken.“

    Das liegt zu einem guten Teil an der Unternehmenskultur. González, der seine Karriere 1964 als Programmierer in einem IT-Unternehmen begann und BBVA seit 2000 leitet, hat bereits vor zehn Jahren begonnen, die Bank umzukrempeln. Dafür heuerte er Führungskräfte an, die aus anderen Branchen stammten. „Früher wurden Banken von Ökonomen, Anwälten und Buchhaltern geleitet. Heute brauchen sie mehr Ingenieure und Datenexperten“, erklärt er.

    CEO und Nummer zwei der Bank, Carlos Torres, kam 2008 zu BBVA und hat an der Tech-Uni Massachusetts Institute of Technology (MIT) seinen Ingenieurabschluss gemacht. Der Umbau von BBVA ist nicht Sache einer Digitalabteilung, sondern wird von den beiden obersten Chefs angestoßen und getragen.

    Die Mitarbeiter bildet BBVA weiter, Tausende nehmen an Onlinetrainings teil. Programmierer lernen neue Sprachen, und ab Juni können alle 130.000 Angestellten weltweit Schulungen in „Design-Thinking“ machen – einer Methode, um Ideen zu fördern.

    BBVA macht den Mitarbeitern klar, dass sie auf deren Input setzt – und gibt ihnen dann die Gelegenheit, ihre Idee selbst umzusetzen. „Das ist enorm motivierend für die Leute“, versichert White. Es setzt aber auch flachere Hierarchien voraus, als sie bei Banken üblich sind. Visuell zeigt das ein Gang über den Flur: González ist der Einzige, der ein eigenes Büro hat.

    Zudem beteiligen sich die Spanier an Start-ups oder kaufen Fintechs zu, um von ihnen zu lernen, gegen den Strich zu denken. In Deutschland hat sich BBVA an den Fintechs Solarisbank und N26 beteiligt und in Großbritannien an der Onlinebank Atom; in Spanien hat sie den Big-Data-Spezialisten Madiva gekauft und in San Francisco Spring Studio, einen Experten für Webdesign.

    Darüber hinaus hat die Bank 250 Millionen Euro zur Seite gelegt, die der Risikokapitalpartner Propel in Fintechs investiert. Einen Zukauf in Spanien, etwa den des Wettbewerbers Bankia, schließt González dagegen aus. BBVA interessiere sich nicht für Banken mit einem Filialnetz, erklärte er Ende Februar.

    Doch es gibt auch diejenigen, die dem Wandel noch nicht recht trauen. BBVA mache viel Marketing rund um das Thema, sagen Analysten und Experten häufig. „In der Digitalisierung des Unternehmenskundengeschäfts ist BBVA aber nicht führend, da sind andere Banken weiter“, wirft Enrico Camerinelli, Bankexperte beim amerikanischen Marktforscher Aite Group, ein.

    Auch die Börse honoriert die Transformationspläne nicht. Wenig unterscheidet den Verlauf des Aktienkurses in den vergangenen drei Jahren von dem des europäischen Branchenindexes.

    Die Digitalisierung bietet zwar erhebliches Potenzial – so sind bei der BBVA-Tochter Garanti in der Türkei digitale Kunden fast doppelt so profitabel wie herkömmliche; zudem ermöglicht die steigende Zahl der Digitalkunden, Filialen zu schließen.

    Doch Investoren wollen Ergebnisse sehen und keine Hoffnungswerte. „Der Erfolg der Strategie wird sich langfristig zeigen und spiegelt sich noch nicht im Tagesgeschäft an den Finanzmärkten wider“, erklärt Analyst Troiano. „Man kann heute den Einfluss auf wichtige Kennzahlen wie den Cashflow oder die Profitabilität noch nicht bewerten.“

    Auch Daragh Quinn, Analyst beim Finanzdienstleister Keefe, Bruyette & Woods, bleibt vorsichtig: „Es ist beeindruckend, wie schnell die reinen Onlineverkäufe von BBVA steigen, aber die Bank muss trotzdem weiter ein Filialnetz in ihren Märkten aufrechterhalten. Bevor sich das nicht ändert und die Digitalisierung sich auch in den Zahlen zeigt, wird die Börse die Transformation nicht honorieren.“

    González geht davon aus, dass der Wandel dieses Jahr gehörig an Fahrt aufnehmen wird. Er rechnet damit, dass 2018 über die Hälfte aller Nutzer Digitalkunden sein werden und ihre Zahl über Netzwerkeffekte dann deutlich schneller steigen wird als bisher. Spiegelt sich das neue Verhältnis in Kosteneinsparungen oder Marktanteilen wider, dürften sich auch die Investoren freuen.

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