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EU-Aufbaufonds Konzept „Greece 2.0“: Banken haben Schlüsselrolle bei der Kreditvergabe

Rund 30 Milliarden Euro wird Griechenland in den nächsten Jahren aus dem Corona-Aufbauplan der EU erhalten. Auf die Banken des Landes kommt dabei eine große Aufgabe zu.
21.07.2021 - 16:27 Uhr Kommentieren
Eine „historische Chance“. Quelle: imago images/Pacific Press Agency
Griechenlands Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis

Eine „historische Chance“.

(Foto: imago images/Pacific Press Agency)

Athen Eine „historische Chance“ sieht Kyriakos Mitsotakis, der griechische Ministerpräsident. 30,2 Milliarden Euro erwartet sein Land in den nächsten sechs Jahren aus dem Corona-Aufbauplan der Europäischen Union, dem Fonds zur wirtschaftlichen Erholung und Resilienz (RRF).

Für Griechenland ist es das größte Hilfsprogramm aller Zeiten, bedeutender noch als der Marshallplan, mit dem die USA das Land nach dem Zweiten Weltkrieg aufpäppelten. Damals flossen knapp 700 Millionen Dollar nach Hellas, rund sechs Milliarden Euro in heutiger Kaufkraft.

„Greece 2.0“ nennt die Athener Regierung ihr nationales Konzept im Rahmen des EU-Aufbauplans. Es ist mehr als ein Konjunkturprogramm. Die Gelder sollen nicht nur die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie abfedern, sondern das Land reformieren und auf einen nachhaltigen Wachstumspfad führen. Zwei Drittel der Mittel fließen in Projekte zum Klimaschutz und zur Digitalisierung.

Von der Gesamtsumme entfallen 12,7 Milliarden Euro auf zinsgünstige Kredite. Hier kommen die griechischen Geldinstitute ins Spiel: Die RRF-Kredite werden über die Geschäftsbanken vergeben.

Sie dürfen allerdings höchstens 50 Prozent einer Investition ausmachen. Die Investoren müssen Eigenmittel von mindestens 20 Prozent aufbringen. Die restlichen 30 Prozent können mit kommerziellen Bankkrediten finanziert werden.

Bestimmte Kriterien für Vergabe von Krediten

Dabei obliegt es den Kreditinstituten, neben der üblichen Bonitätsprüfung auch die Investitionsvorhaben daraufhin abzuklopfen, ob sie die Voraussetzungen für eine Vergabe von RRF-Krediten erfüllen. Förderungswürdig sind nachhaltige, klimafreundliche Investitionen, die das Wachstum stärken, Beschäftigung sichern sowie die grüne und digitale Transformation voranbringen.

Involviert in die Prüfung und Kreditvergabe sind neben den Geschäftsbanken auch die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) und die Hellenische Entwicklungsbank (HDB).

Eines der vier systemischen griechischen Geldinstitute. Quelle: Bloomberg
Filiale der Alpha Bank

Eines der vier systemischen griechischen Geldinstitute.

(Foto: Bloomberg)

Vassilis Psaltis, CEO der Alpha Bank, eines der vier systemischen griechischen Institute, sieht in dem Programm eine Herausforderung, aber auch eine Chance. Er erwarte, „dass die Kombination von RRF-bezogenen Finanzierungen zusammen mit dem normalen konjunkturellen Kreditvolumen im Zeitraum 2021 bis 2026 die Summe von 33 Milliarden Euro erreichen wird“, sagte Psaltis dem Handelsblatt.

Das sei „eine bedeutende Gelegenheit für die Banken und das Land, sich von der Pandemie zu erholen und genügend Investitionsaktivitäten zu fördern, um die anhaltenden Auswirkungen der Finanzkrise zu bewältigen“, so Psaltis.

Schwierige Jahre liegen hinter Griechenland

Noch vor sechs Jahren stand das griechische Bankensystem vor dem Zusammenbruch. Im Frühjahr 2015 löste der radikal-linke Regierungschef Alexis Tsipras mit seinem Konfrontationskurs gegenüber den Euro-Partnern eine massive Kapitalflucht aus.

Binnen weniger Monate verloren die Geldinstitute ein Viertel ihrer Einlagen. Nur mit Notfallhilfen, die von der Europäischen Zentralbank (EZB) genehmigt wurden, konnten die Banken über Wasser gehalten werden. Erst als die EZB damit drohte, den Geldhahn zuzudrehen, zog Tsipras Mitte 2015 die Reißleine und führte Kapitalverkehrskontrollen ein.

Die Banken mussten in den Krisenjahren drei Mal mit Staatshilfen und privaten Geldern rekapitalisiert werden. Die schwerste Altlast sind die faulen Kredite. 2016 waren fast 50 Prozent aller Forderungen notleidend.

Aktuell liegt die Quote bei rund 30 Prozent. Das ist immer noch mehr als das Zehnfache des Durchschnitts der Euro-Zone. Mit Verbriefungen und Abschreibungen wollen die Banken bis Ende 2022 den Anteil der Problemkredite unter zehn Prozent drücken. Mit der Konsolidierung ihrer Bilanzen bekommen die Institute mehr Spielraum für die Vergabe neuer Darlehen.

Alpha-CEO Psaltis sieht eine Schlüsselrolle der Banken beim Umbau der griechischen Wirtschaft „von einem konsumbasierten zu einem modernen produktionsbasierten Paradigma, bei dem Innovation und Nachhaltigkeit stärker im Vordergrund stehen“.

Bereinigung der Bilanzen

Nachdem die Banken in der Vergangenheit mit Problemkrediten und Kapitalknappheit zu kämpfen hatten, finde eine „massive Bereinigung der Bilanzen“ statt, sagt Psaltis. „Nun fokussieren sich die Banken auf die Reorganisation, sie modernisieren ihre Infrastruktur und konzentrieren sich wieder voll und ganz auf das Geschäft.“

Die Geldinstitute sind nicht nur bei der Prüfung der Investitionsvorhaben und der Vergabe eigener Kredite gefordert. „EU-Mittel werden in dem üblichen Due-Diligence-Prozess nach Projektfortschritt ausgezahlt“, erklärt Jakob Suwalski, Griechenland-Analyst bei der Ratingagentur Scope, dem Handelsblatt.

„Daher werden die griechischen Geschäftsbanken die EU-Kredite zu einem Großteil, wenn nicht nahezu komplett vorfinanzieren, oder zumindest während der Bauphase garantieren müssen“, sagt Suwalski.

Scope-Analyst Jakob Suwalski sieht einen „positiven Trend der Bankenperformance in Griechenland“. Schon vor, aber auch während der Pandemie habe es ein Wachstum der Bankkredite an griechische Unternehmen gegeben.

Suwalski führt das nicht zuletzt auf „unterstützende politische Maßnahmen der Hellenischen Entwicklungsbank und eine ausreichende Liquiditätsbereitstellung durch das Euro-System“ zurück.

Zur Verbesserung der Liquidität tragen auch steigende Einlagen bei. Sie wuchsen seit Beginn der Pandemie um 18,2 Prozent. Der Anstieg geht vor allem auf das Konto von Unternehmen, die in der Pandemie Investitionen zurückstellten.

Noch vor sechs Jahren stand das griechische Bankensystem vor dem Zusammenbruch. Quelle: Bjoern Goettlicher / VISUM
Blick auf Athen

Noch vor sechs Jahren stand das griechische Bankensystem vor dem Zusammenbruch.

(Foto: Bjoern Goettlicher / VISUM)

Wegen der Lockdowns legten auch viele private Haushalte mehr Geld zurück. Liquiditätsprobleme haben die griechischen Banken also nicht mehr. Alpha-Bank-CEO Psaltis ist zuversichtlich: „Wir lassen das Erbe der Staatsschuldenkrise hinter uns und haben die Chance, unser Wirtschafts- und Unternehmensmodell zu verändern.“

Viele kleine Unternehmen

Die griechischen Banken mögen für die Herausforderung gerüstet sein. Aber das eigentliche Problem könnte bei den Unternehmen liegen. In Griechenland gibt es 800.000 registrierte Firmen. Keine Volkswirtschaft in Europa ist so kleinteilig aufgestellt wie die griechische.

Nur jedes fünfte Unternehmen hat mehr als 250 Mitarbeiter. Fast 50 Prozent der Firmen beschäftigen weniger als zehn Mitarbeiter. Auf die kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) entfallen 86 Prozent der Beschäftigung. Sie erwirtschaften aber nur 14 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Viele dieser Unternehmen sind kapitalschwach, ihre Wertschöpfung ist gering. Entsprechend schlecht steht es um die Kreditwürdigkeit. Nach Schätzungen aus Finanzkreisen haben von den rund 400.000 KMUs etwa 300.000 praktisch keinen Zugang zur Bankenfinanzierung, weil sie ein schlechtes Kreditrating haben, chronisch defizitär oder überschuldet sind.

Nach Angaben der EZB lehnten die griechischen Geschäftsbanken im vergangenen Jahr 22 Prozent aller Kreditanträge von kleinen und mittleren Unternehmen ab. Im EU-Durchschnitt betrug die Ablehnungsquote nur acht Prozent.

Die Kluft wird immer größer: Während die Kreditvergabe an größere Firmen im vergangenen Jahr um 9,9 Prozent expandierte, gab es bei den KMUs nur ein Plus von 1,9 Prozent. Die Zurückhaltung der Banken ist nachvollziehbar. Das Letzte, was die Geldinstitute jetzt brauchen, ist eine neue Welle von Problemkrediten.

Die Darlehen aus dem RRF werden an dieser Problematik wenig ändern. Nur sehr wenige griechische KMUs dürften in der Lage sein, förderungswürdige Investitionsvorhaben zu entwickeln und den geforderten Eigenanteil aufzubringen.

Die Regierung ist sich dieses Strukturproblems bewusst. Mit Steuererleichterungen und Subventionen fördert sie deshalb jetzt Fusionen, Übernahmen und Kooperationen.

„Wir wollen den kleinen Unternehmen helfen, damit sie wachsen, ihre Produktivität und Innovationskraft steigern können“, erklärt Alex Patelis, Chef-Wirtschaftsberater von Ministerpräsident Mitsotakis, dem Handelsblatt.

Doch bis das Förderkonzept greift, dürfte es noch eine Weile dauern. An den meisten griechischen Klein- und Mittelbetrieben wird das EU-Aufbauprogramm wohl vorbeigehen.

Mehr: Brüssel gibt grünes Licht für Corona-Hilfen.

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