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EU-Ausstieg Großbritanniens Für die Banken geht die Brexit-Unsicherheit weiter

Nach dem Austritt ist vor den Verhandlungen: Für die Banken gibt es keine langfristigen Regelungen, 2020 ist nur Übergangsperiode. Aber was kommt danach?
31.01.2020 - 18:02 Uhr Kommentieren
Die Brexit-Unsicherheit hält auch 2020 an. Quelle: imago images/Westend61
Seemöwe vor der City of London

Die Brexit-Unsicherheit hält auch 2020 an.

(Foto: imago images/Westend61)

Frankfurt/London Was lange währt, wird endlich gut? Beim Thema Brexit gilt das Sprichwort nicht unbedingt. Europas Banken und Vermögensverwaltern bringt Freitag, der 31. Januar, zumindest in einem Punkt Klarheit: Großbritannien verlässt die EU. Aber: Es stehen neue Verhandlungen an, neue Unsicherheiten – und weitere Umzüge.

Das Hauptproblem: Bis Ende 2020 läuft die Übergangsperiode, in der sich die Institute auf die Zeit nach dem Brexit vorbereiten sollen. Aber was kommt dann? Hans-Walter Peters, der Präsident des Bankenverbands, warnt: „Mit dem Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU sind die Risiken für die Finanzmärkte noch nicht abgewendet. Es ist völlig offen, wie der gegenseitige Marktzugang über das Jahr 2020 hinaus gewährleistet wird.“

Klar ist: Banken müssen umstrukturieren. Bisher bedienten viele Institute ihre EU-Kunden aus ihrer Europazentrale in London. Künftig müssen sie diese Geschäfte über eine EU-Tochter abwickeln. Viele haben diesen Schritt bereits getan, um notfalls auch für einen harten Brexit gewappnet zu sein.

In den nun beginnenden Gesprächen über die künftige Handelsbeziehungen wird der Finanzsektor sicher auch eine Rolle spielen. Es ist jedoch unklar, was Premierminister Boris Johnson für die Branche erreichen will. Er hat bisher nur betont, dass Großbritannien sich nicht auf Dauer an Brüsseler Regeln binden will. Auch Mark Carney, der scheidende Gouverneur der Bank of England, hat gefordert, der Finanzplatz London müsse seine eigenen Regeln festlegen können.

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    Unter den Bankern in London gibt es in der Debatte zwei Lager: Die einen machen in der EU Geschäfte und wollen eine enge Anlehnung sowie einen maximalen Zugang zum Binnenmarkt. Die anderen orientieren sich Richtung Asien oder USA und fordern eine Liberalisierung. Die Uneinigkeit führt dazu, dass die britischen Branchenverbände nicht mit einer Stimme sprechen. Klare Forderungen an die Politik sind damit Fehlanzeige.

    Die meisten Angestellten in der Londoner City machen aber einen gelassenen Eindruck, wenn die Sprache auf den Brexit kommt. „Wir erwarten, dass wir genauso wie bisher arbeiten“, sagt Fondsmanager Paul McNamara vom Vermögensverwalter GAM. Seine Kollegen machten sich keine großen Sorgen über den Brexit. Das EU-Geschäft laufe künftig über Fonds in Luxemburg und Dublin, die Fondsmanager könnten aber in London bleiben.

    Weniger neue Jobs als gedacht

    Ob McNamara damit recht behält, ist offen. Auf Nachfrage räumt er ein: Noch unklar sei etwa seine Arbeitserlaubnis, wenn er auf Marketing-Tour auf den Kontinent gehe. „Es wird darüber geredet, dass wir vielleicht eine lokale Prüfung ablegen müssen, bevor wir mit EU-Kunden reden dürfen“, berichtet der Manager. Alternativ müssten das lokale Kollegen übernehmen. Bislang ist das alles noch Spekulation.

    Die lokalen Kollegen, das sind die Banker und Fondsmanager in den EU-Finanzmetropolen Frankfurt, Paris, Dublin, Luxemburg oder Amsterdam. Am Main hatten Lobbyisten mit einem starken Sog für Brexit-Jobs gerechnet: 70.000 bis 80.000 Banker könnten nach Frankfurt kommen, so die kühnsten Schätzungen nach dem Austrittsreferendum 2016.

    Die Realität sieht anders aus. Laut Standortverband Frankfurt Main Finance sind bis Ende 2019 rund 1500 Jobs von London nach Frankfurt verlagert worden. Weitere 2000 britische Banker hätten Klauseln in ihrem Vertrag, dass sie nach Frankfurt geschickt werden könnten.

    Von seiner ursprünglichen Schätzung – 20.000 abgebaute Jobs in London, 10.000 neue in Frankfurt – hat sich Frankfurt-Main-Finance-Chef Hubertus Väth inzwischen verabschiedet. „Das war immer eine Schätzung unter Annahmen“, erklärt er. Voraussetzung der großen Jobverlagerung sei gewesen, dass die Londoner Banken ihre Passporting-Rechte verlieren – also ihre Produkte in der EU nicht mehr anbieten können – , dass die EU-Bankenaufsicht Eba nach Frankfurt zieht sowie dass das Euro-Clearing an den Main wandert.

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    Es ist anders gekommen: Die Passporting-Rechte gelten 2020 weiter, die Eba fand Paris attraktiver, und der deutsche Anteil am Euro-Clearing liegt nur bei rund 13 Prozent. „Wir sehen weniger Jobverlagerungen als erhofft“, bilanziert Väth. „Frankfurt ist dennoch der große Gewinner der Brexit-Verlagerungen.“

    Nach seiner Zählung haben vier der sechs großen US-Banken ihre Europazentralen in Frankfurt aufgebaut, vier der fünf großen japanischen Institute, zwei der vier britischen Großbanken sowie beide Schweizer Finanzkonzerne. Die restlichen Häuser haben sich für Paris oder Amsterdam entschieden.

    Doppelte Aufsicht

    Zahlreiche Banken haben bis zur letzten Minute abgewartet, wie der britische Brexit-Streit ausgeht. Nun müssen sie handeln. Der Verband der Auslandsbanken in Deutschland rechnet mit rund 1000 weiteren Jobs, die 2020 in Frankfurt entstehen könnten. Viele Londoner Banker zögen im Sommer um, um den Schulstart ihrer Kinder im Herbst zu erleichtern, sagt Verbandsgeschäftsführer Oliver Wagner.

    „Die Banken haben ihre Hard-Brexit-Pläne seit dem eindeutigen Ausgang der britischen Parlamentswahl im Dezember in die Schubladen gepackt“, erklärt Wagner. „Aktuell ist die Situation relativ ruhig.“ Spannend werde nun aber, wie die Regulierer in der anstehenden Übergangsphase agierten. Wahrscheinlich sei ein höherer Druck auf die Banken, ihr EU-Geschäft auf den Kontinent zu verlagern. „Eine endlose Übergangsphase wird es nicht geben“, glaubt Wagner.

    Entwickeln sich die Regeln in der EU und Großbritannien künftig auseinander, wird es für die Banken teuer. Zum einen steigt dann die Zahl der Vorschriften. Zum anderen müssen die Institute mehr Kapital und Personal bereitstellen, um die Anforderungen der Aufseher in der EU und in London zu erfüllen. Gerade kleinere, bisher in London ansässige Häuser könnten beschließen, dass der Aufwand nicht lohnt – und den europäischen Markt ganz aufgeben, fürchten Beobachter.

    In der Londoner City haben sich die meisten Banker damit abgefunden, dass sie künftig mit dem Äquivalenzregime der EU leben müssen, das auch für andere Drittstaaten wie die USA gilt. Die EU entscheidet hier, ob ausländische Finanzmarktregeln als gleichwertig (äquivalent) zu den heimischen angesehen werden – und entzieht im Zweifelsfall den Marktzugang.

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    Dieses Regime hat aus Branchensicht zwei Nachteile: Zum einen umfasst eine Anerkennung nicht alle Finanzaktivitäten, darunter etwa das Privatkundengeschäft. Zum anderen kann eine Äquivalenzentscheidung von der EU jederzeit binnen 30 Tagen gekündigt werden. Das macht das System anfällig für politische Einflussnahme, wie zuletzt die Schweiz erfahren musste.

    Der Präsident des deutschen Bankenverbands, Peters, mahnt: „Für die Finanzwirtschaft wird es darauf ankommen, dass auf beiden Seiten des Kanals gleiche Wettbewerbsbedingungen herrschen und der gegenseitige Marktzugang in relevanten Bereichen gesichert wird“, etwa im Derivategeschäft. „Die beste Lösung wäre es, Finanzdienstleistungen in ein Handelsabkommen aufzunehmen“, so Peters.

    Komplizierte Verhandlungen

    In London sind die Erwartungen an die kommenden Handelsgespräche mit der EU gering. Im besten Fall gebe es bis Ende 2020 eine Äquivalenzentscheidung für Clearinghäuser und Börsen, heißt es. Damit könnten die Kapitalströme weiter ungehindert fließen. Es wird erwartet, dass die EU-Aufseher das Euro-Clearing zunächst in London belassen, um die Stabilität des Finanzsystems nicht zu gefährden.

    Auf dem Kontinent zweifeln Beobachter unterdessen am Zeitplan der Gespräche. „Die britische Regierung hofft voller Ehrgeiz, dass in weniger als einem Jahr eine Einigung über die künftigen Beziehungen erzielt wird“, sagt Nicolas Mackel, Chef der Luxemburger Finanzplatzvereinigung. Angesichts des Umfangs und der Komplexität der Themen sei das jedoch unwahrscheinlich.

    „Letztlich müssen beide Seiten erkennen, dass Meinungsverschiedenheiten und eine wachsende Distanz zwischen Großbritannien und der EU ein weit größeres Risiko beinhalten“, warnt Mackel: „die weitere Schwächung der europäischen Finanzindustrie“. Das entstehende Vakuum nütze Spielern aus Asien und den USA.

    Ganz egal, wie die Verhandlungen ausgehen: Langfristig werde der Brexit Spuren hinterlassen, glauben viele Beobachter. Zwar werde London auch in Zukunft der wichtigste europäische Finanzplatz bleiben. Oder, wie Peter Dixon sagt, Chefvolkswirt der Commerzbank in London: „Es gibt keine andere Stadt in Europa, die alle Dienstleistungen am gleichen Ort anbietet. Frankfurt und Paris sind dieser Aufgabe nicht gewachsen.“

    Doch auf Dauer könnte auch die Position als Nummer eins in Gefahr geraten. „Neue Geschäftsbereiche werden künftig nicht nach London gegeben, sondern an unternehmerfreundliche Standorte in der EU verteilt“, sagt etwa Fondsmanager McNamara. „Es wird keinen großen Knall geben, sondern eine schleichende Erosion“, glaubt er. „Amsterdam war auch mal das Zentrum des Universums. Es hat seinen Status nicht über Nacht verloren. Aber es hat ihn verloren.“

    Wie der Brexit Schottlands Unabhängigkeitsbewegung stärkt – und was das für Europa bedeutet

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