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Extrazahlungen trotz Milliardenverlust „Falsche Kultur der Gier-Mentalität“ – Boni der Deutschen Bank polarisieren die Wirtschaft

Hat der Deutsche-Bank-Vorstand eine variable Vergütung verdient? Diese Frage spaltet Unternehmer und Investoren. Einige fordern Demut, andere zeigen Verständnis.
12.02.2020 - 16:50 Uhr 4 Kommentare
Die Bonuspraxis des Frankfurter Geldhauses sorgt für Streit, nicht nur bei den Investoren sondern auch bei den Kunden der Bank. Quelle: Marc-Steffen Unger für Handelsblatt
Das Hauptquartier der Deutschen Bank

Die Bonuspraxis des Frankfurter Geldhauses sorgt für Streit, nicht nur bei den Investoren sondern auch bei den Kunden der Bank.

(Foto: Marc-Steffen Unger für Handelsblatt)

Frankfurt Seit Jahren schreibt die Deutsche Bank nun schon rote Zahlen. Wegen der Grundsanierung, die Vorstandschef Christian Sewing dem größten heimischen Geldhaus verordnet hat, stand für 2019 unter dem Strich noch einmal ein Milliardenminus. Doch nach drei Nullrunden genehmigt sich der Vorstand des Instituts trotzdem wieder Boni.

Diese Vergütungspraxis ist allerdings heftig umstritten. Die Investorengemeinde ist genau wie die Kundenbasis tief gespalten. Wieder einmal polarisiert die Deutsche Bank die deutsche Wirtschaft.

„Bonuszahlungen für den Vorstand sind in Zeiten von Milliardenverlusten und des Abbaus Tausender Stellen schwer vermittelbar“, warnt etwa Vanda Heinen, Analystin mit Schwerpunkt Corporate Governance bei der genossenschaftlichen Fondsgesellschaft Union Investment.

Henrik Muhle, Mitgründer und Vorstand des Vermögensverwalters Gané, geht noch weiter: „Die Bank steht besonders im Licht der Öffentlichkeit. Alle schauen auf sie. Der Vorstand hat Vorbildfunktion, er sollte bodenständig und demütig sein“, fordert Muhle. Deshalb reiche der teilweise Bonusverzicht nicht.

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    Der Vorstand hätte vollständig verzichten müssen. Der Gané-Chef meint, dass sich die Deutsch-Banker folgendes Motto zu Herzen nehmen sollten: „Solange die Aktionäre so leiden und wir nicht da sind, wo wir hinwollen, verzichten wir ganz auf Boni.“ Sewing habe manches richtig gemacht. „Aber die falsche Kultur der Gier-Mentalität der Investmentbanker ist nicht über Nacht rauszubekommen.“

    Aktionärsschützer kritisiert Symbolik

    Hintergrund der Kritik ist der Jahresnettoverlust von 5,7 Milliarden Euro für das vergangene Geschäftsjahr, den die Bank Ende Januar bekanntgegeben hatte. Zugleich meldete das Geldhaus, dass der Vorstand auf einen Teil seiner variablen Vergütung freiwillig verzichten wird. Insgesamt soll der Bonuspool für die Führungsspitze mit 13 Millionen Euro aber nur halb so hoch wie im Vorjahr ausfallen.

    Dennoch markiert der Schritt eine Wende von Vorstandschef Christian Sewing. Denn noch im vergangenen Jahr hatte der Deutsche-Bank-Chef gesagt, es sei „für den Vorstand keine Frage, bei einem Verlust die Boni nicht anzunehmen“.

    Grafik

    In diesem Jahr verteidigt er die Extrazahlungen damit, dass die Bank operativ Fortschritte gemacht habe und attraktiv für Mitarbeiter bleiben müsse. Die Einschnitte für den Vorstand fallen deutlicher aus als die für die Belegschaft, für die der Bonustopf voraussichtlich um mindestens ein Fünftel schrumpfen dürfte. Dieser Schritt tröstet die Union-Investment-Spezialistin Heinen aber nur bedingt. „Der Teilverzicht ist zwar ein positiver Beitrag des Vorstands, aber ein Komplettverzicht hätte noch mehr Signalwirkung.“

    Ähnlich sieht es der Vizepräsident der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, Klaus Nieding. „Ich sehe es kritisch, dass der Vorstand eine variable Vergütung bekommt, so gut ich Sewings Ansätze für die Bank finde. Das ist auch eine Frage der Symbolik“, sagte er. Es gebe zwar positive Entwicklungen bei der Deutschen Bank, etwa die zuletzt deutlich gesunkenen Risikoprämien bei Ausfallversicherungen für Anleihen des Geldhauses. Doch das ändere nichts am Milliardenverlust und den Stellenstreichungsplänen. .

    Dass die variable Vergütung notwendig sei, um wichtige Mitarbeiter zu halten, hält Nieding für ein vorgeschobenes Argument. „Ich sehe wenig Abwanderungstendenzen im Vorstand. Deshalb hätte ich einen Verzicht besser gefunden“, sagt der Anlegeranwalt.

    Das sieht die finanzpolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, Lisa Paus, ähnlich: „Rekordverluste und hohe Bonuszahlungen gehen nicht zusammen. Die Verantwortlichen sollten sich bewusst sein, welches Signal sie damit bezüglich des eingeleiteten Kulturwandels der Bank nach außen senden.“

    Deka Investment signalisiert Verständnis

    Mehr Rückendeckung erhält die Deutsche Bank von Ingo Speich, dem Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance von Deka Investment, der Fondstochter der Sparkassen. Von einem Bonus-Totalverzicht hält er nichts. „Trotz der historischen Verluste bei der Deutschen Bank ist eine Nullrunde nicht zielführend. Die Milliardenverluste sind dem Umbau geschuldet, und auch in einer Transformationsphase muss man die Mitarbeiter maßvoll motivieren, die Extrameile zu gehen“, sagte er dem Handelsblatt. 

    Den Teilverzicht des Vorstands wertet Speich aber dennoch als „richtiges und wichtiges Signal“. Prinzipiell sei das Vergütungsprogramm durch die Hauptversammlung legitimiert, aber natürlich habe das Thema auch eine Signalwirkung und eine moralische Komponente. „Das hat der Vorstand erkannt und reagiert.“

    Der Schritt könne sich auch nach innen positiv auswirken, denkt Thomas Meier, Fondsmanager bei Mainfirst Affiliated Fund Managers. „Die jüngeren Mitarbeiter der Bank bekommen gar nicht die hohen Vergütungen, in deren Genuss die älteren Manager noch gekommen sind. Deshalb ist ein Teilverzicht auf Bonuszahlungen auch gemeinschaftsstiftend in der Bank“, sagt er. Für ihn ist der Teilverzicht des Vorstands „ein positives Zeichen für den oft beschworenen Kulturwandel“. Wandel sei nicht „die eine Blut-Schweiß-Tränen-Rede, sondern bedeutet viele solcher kleinen Signale“.

    Und für Klaudius Sobczyk, den Leiter Asset-Management von PEH Wertpapier, ist es „nur recht und billig, dass auch das Management und die Vorstände auf Teile der Boni verzichten“. Die Deutsche Bank brauche eine „Kostenkur“. „Die Deutsche Bank muss kämpfen, um als Bank bestehen zu bleiben und die Kritiker vielleicht langsam verstummen zu lassen.“

    Die Aktionäre der Deutschen Bank haben das Vergütungssystem für den Vorstand gebilligt. Dennoch gibt es seitens der Aktionärsschützer Kritik am Ergebnis. Quelle: dpa
    Hauptversammlung der Deutschen Bank in Frankfurt

    Die Aktionäre der Deutschen Bank haben das Vergütungssystem für den Vorstand gebilligt. Dennoch gibt es seitens der Aktionärsschützer Kritik am Ergebnis.

    (Foto: dpa)

    Hinter vorgehaltener Hand kritisieren viele Banker die Vergütungspolitik der Frankfurter Großbank. Zu den wenigen, die in der Vergangenheit auch öffentlich deutliche Worte fanden, zählt der frühere Chef der genossenschaftlichen DZ Bank, Wolfgang Kirsch. „Was mich immer enorm gestört hat, ist, wenn Boni ausgeschüttet werden und der wirtschaftliche Erfolg ausgeblieben ist“, sagte Kirsch Ende 2018 auf einer Konferenz. Man könne in solchen Fällen davon sprechen, dass Geld für Fehlleistung gezahlt worden sei. Schon im Frühjahr desselben Jahres hatte er von einer „Bonus-Unkultur“ gesprochen, „die jedes Verständnis von unternehmerischer Verantwortung pervertiert“.

    Kirsch hatte die Deutsche Bank bei der Gelegenheit zwar nicht namentlich genannt, doch die Aussagen waren offensichtlich auf das Geldhaus gemünzt, das auch damals wegen seiner Vergütungspolitik in der Kritik stand. An Kirschs Haltung zu dem Thema habe sich seither nichts geändert, ist aus seinem Umfeld zu hören.

    „Sewing ist auf einem guten Weg“

    Ähnlich gespalten wie die Finanzwelt scheint der deutsche Mittelstand zu sein. „Ich finde das schon mal einen ganz guten Schritt, die Boni zu halbieren. Das ist schon mal ein Kulturschwenk“, sagt etwa Arndt Kirchhoff, der Vorstandschef der Kirchhoff-Gruppe. „Christian Sewing ist auf einem guten Weg mit seinem Bankhaus“, lobt der Vorstandschef des Automobilzulieferers aus Iserlohn, der für einen Jahresumsatz von 2,4 Milliarden Euro steht. Man müsse sehen, dass die deutschen Banken international konkurrenzfähig blieben bei den Gehältern für Topmanager, zumal die Grundgehälter nicht mehr so hoch seien. „Die deutschen Banken brauchen schließlich auch Vorstände.“

    Nicht alle Unternehmer teilen diese Ansicht. Der Chef der Rhön-Kliniken, Stephan Holzinger, etwa hatte einem Bericht der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ zufolge auf seinem privaten LinkedIn-Profil die Vergütungspraxis der Bank mit den Worten gegeißelt: Wer Verluste anhäufe, sei offenkundig nicht Teil der Lösung, sondern des Problems – und müsse nicht auch noch mit Prämien an Bord gehalten werden.

    Ein namhafter Mittelständler, der nicht namentlich genannt werden will, findet ebenfalls deutliche Worte: „Wenn bei mittelständischen Unternehmen die Führungskräfte beziehungsweise Familienmitglieder den Betrieb in Schieflage bringen, haften sie entweder oder müssen gehen“, sagt er. „Also passt es auch nicht, wenn trotz hoher Verluste Manager – aus welchen Verträgen auch immer – noch hohe Boni kassieren.“ Er beobachtet bei Politikern und großen Konzernen eine Kultur, „die offensichtlich Verantwortung nicht mehr kennt“.

    „Es ist schwer zu vermitteln, warum Mitarbeiter oder der Vorstand angesichts von Milliardenverlusten vergleichsweise hohe Summen als variable Vergütung erhalten sollen“, räumt auch der Corporate-Governance-Experte Speich ein. Aus seiner Sicht gäbe es „für die Zahlung variabler Gehaltsbestandteile vermutlich mehr Verständnis, wenn die Bank transparenter aufschlüsseln würde, wohin die Zahlungen genau fließen, also in welchen Geschäftsbereich und an Vertreter welcher Hierarchieebene“. „Solche Zahlungen müssen gerade in so einer Situation sehr zielgerichtet fließen“, betont Speich. „Wir sind nicht grundsätzlich gegen eine variable Vergütung, auch in einem Verlustjahr nicht. Aber wir sind gegen eine Verteilung nach dem Gießkannenprinzip und auch gegen die Zahlung extrem hoher Summen an einige wenige Manager.“

    Keine Dividende, aber steigende Kurse

    Was Außenstehende erstaunt, ist, dass die Vergütungsregeln Boni in einem Verlustjahr überhaupt vorsehen – und dass der Aufsichtsrat das nicht schlicht unterbunden hat. Doch das ist nicht so einfach. „Ein Problem vieler Vergütungssysteme – auch bei der Deutschen Bank – ist, dass sie sehr mechanisch sind und dem Aufsichtsrat relativ wenig Eingriffsmöglichkeiten geben“, sagt Speich.

    „Das ist auch dem Einfluss der amerikanischen Investoren und Stimmrechtsberater geschuldet, die für starke Regeln und gegen große Ermessensspielräume für den Aufsichtsrat sind“, erläutert der Experte. „Das aktuelle Vergütungssystem reflektiert im Grunde nicht, dass sich die Bank in einem Transformationsprozess befindet.“

    In früheren Jahren war die Vergütungspraxis der Bank häufig Gegenstand für Kritik von Aktionären. Seit der vergangenen Hauptversammlung hat sich aber zumindest der Aktienkurs des Instituts um etwa 40 Prozent verbessert. Auch am Anleihemarkt sind die Risikoprämien des Instituts deutlich gesunken.

    Ob das genügt, um die Anteilseigner über den Ausfall der Dividende für die Jahre 2019 und 2020 hinwegzutrösten, wird sich erst auf der Hauptversammlung im Mai zeigen.

    Mehr: Managergehälter: Die Mär vom freiwilligen Verzicht

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    4 Kommentare zu "Extrazahlungen trotz Milliardenverlust: „Falsche Kultur der Gier-Mentalität“ – Boni der Deutschen Bank polarisieren die Wirtschaft"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Alfred Herrhausen wäre am 30. Januar dieses Jahres 90 Jahre alt geworden:
      https://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Herrhausen
      Eine Gedenkminute für ihn wäre durchaus angebracht gewesen.
      (Auf die ketzerische Frage, ob es die "Dritte Generation" der RAF überhaupt gegeben hat oder etwas ganz Anderes dahinter steckte, will ich hier nicht eingehen.)
      Es war die Zeit, als Banker noch höchsten Respekt und Ansehen in der Bevölkerung genossen - und man auch von "Bankbeamten" sprach.
      Die Politik (und nicht die amoralischen Banker) hat jedoch durch die Duldung des Bruchteilsreservebankwesens (Fractional Reserve Banking), von dem sie selbst erheblich profitierte, insbesondere bei den "systemrelevanten" Banken einen verheerenden "Moral Hazard" erst möglich gemacht.
      Werden solche "systemrelevanten" Banken auf Teufel komm raus von der Politik und den "Lendern of Last Resort", den Zentralbanken, gestützt, dann ist die Entwicklung einer solchen "Gier-Mentalität" nahezu zwangsläufig...

    • Vom 1.1.2015 bis 31.12.2019

    • HB 4.2.2020: „Frustrierte Mitarbeiter: Sparpolitik der Deutschen Bank sorgt intern für Ärger. Weil die Deutsche Bank Gehaltserhöhungen aufschiebt, erntet sie ungewöhnlich scharfe Kritik.“

      Eine etwas andere Bilanz zur Deutschen Bank vom 1.1.2015 bis 1.1.2019.
      Durchschnittliche Anzahl der Mitarbeiter: 95.000

      In diesen fünf Jahren erhielt jeder Mitarbeiter durchschnittlich € 95.000 Bonuszahlungen obwohl er durchschnittlich € 158.000 Verlust einbrachte.
      Der Aktionär zahlte in dieser Zeit für jeden Mitarbeiter durchschnittlich € 76.000 als Kapitalerhöhung ein, erlitt je Mitarbeiter ca. € 295.000 Kursverluste bei Aktien und erhielt je Mitarbeiter € 17.000 Dividende.

      Seit 2008 zahlten die Aktionäre je Mitarbeiter über Kapitalerhöhungen € 335.000 ein, etwa so viel wie in diesem Zeitraum an Bonuszahlungen an die Mitarbeiter flossen!
      Soviel zur Bonuskultur und Haltung der Deutschen Bank, der Haltung des Aufsichtsrats und der Mitarbeiter.

    • Haben keine Boni verdient; im Gegenteil, sie sollten einen Teil des Festgehaltes abgeben.

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