Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Finanzbranche Auslandsbanken wehren sich gegen Rückzugs-Vorwurf

Lassen die ausländischen Banken deutsche Firmen neuerdings im Stich? Der Vorwurf der Deutschen Bank stößt bei Wettbewerbern auf Protest. Daten zeigen ein differenziertes Bild.
24.05.2020 - 15:56 Uhr Kommentieren
Ringen um deutsche Unternehmenskunden. Quelle: Reuters,dpa,Bloomberg (Montage)
Logos von BNP, Deutscher Bank, Standard Chartered und HSBC

Ringen um deutsche Unternehmenskunden.

(Foto: Reuters,dpa,Bloomberg (Montage))

Frankfurt Es war nur eine kleine Spitze. Aber sie hat eine breite Debatte losgetreten. „Wir sehen da eine bestimmte Entwicklung anderer Banken, ihre Commitments in Deutschland zu reduzieren“, sagte Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing Ende April in einem Analysten-Call. Das sei eine Chance für seine Bank, die nun die Lücke füllen wolle.

Mit seiner Diagnose ist Sewing nicht allein. Die Finanzaufsicht Bafin hat nach eigenen Angaben „anekdotische Evidenz“, dass ausländische Banken im Zuge der Coronakrise ihr Engagement herunterfahren: Er habe von mehreren Banken gehört, dass sich gerade im Mittelstandsgeschäft, das in der Vergangenheit als sehr attraktiv galt, Auslandsbanken zurückziehen, sagte Exekutivdirektor Raimund Röseler Mitte Mai.

Im Lager der Auslandsbanken hat die Warnung für Unmut gesorgt. Wenn, dann zögen sich manche US-Institute bei einzelnen syndizierten Krediten zurück – also bei Krediten, die mehrere Institute gemeinsam vergeben. Das treffe vor allem Dax-Konzerne, keine Mittelständler. Es gebe aber keinen Abschied in der Breite, so die unisono vertretene Meinung. Viel Lärm um nichts also? Ganz so simpel ist das Bild nicht.

Fragt man bei großen US-Banken nach, weisen diese den Rückzugsverdacht weit von sich. „JP Morgan ist weiterhin entschlossen, Kunden in Europa und Deutschland zu unterstützen. Unsere Strategie hat sich nicht geändert“, erklärt eine Sprecherin.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Tatsächlich schwächeln die fünf größten US-Banken, darunter JP Morgan, Goldman Sachs und Bank of America, bei manchen Finanzierungsrunden: Ihr Marktanteil bei syndizierten Krediten fiel in Deutschland um mehr als ein Drittel auf knapp 15 Prozent, wie Zahlen des Datenanbieters Refinitiv zeigen, die die „Financial Times“ ausgewertet hat. US-Banker verweisen darauf, dass der Blick auf die öffentlich einsehbaren Syndikate zu eingeschränkt sei. Direktkredite seien nicht einbezogen.

    Klar ist: Die Refinitiv-Zahlen bilden nur die Lage an der Spitze ab. In Deutschland kehren die US-Banken „die Treppe von oben“, so ein oft bemühtes Bild, kümmern sich also um Dax- und ausgewählte Großkonzerne. Im Mittelstand sind andere Häuser aktiv, etwa die französische BNP oder die britische HSBC. Sollten sie sich großflächig zurückziehen, stünden die Zeichen wirklich auf Sturm.

    Kreditvergabe gesteigert

    Gibt es bereits erste Böen? Eine Auswertung der Beratung Barkow Consulting auf Basis von Bundesbank-Zahlen gibt vorläufig Entwarnung. Demnach haben die Auslandsbanken ihr Unternehmens-Kreditvolumen im ersten Quartal auf einen Rekordwert gesteigert: Rund 117 Milliarden Euro an Darlehen haben sie ausgereicht. Gegenüber dem Vorjahresquartal war das ein Plus von satten elf Prozent (siehe Grafik) – der beginnenden Coronakrise zum Trotz.

    Grafik

    „Das ist ein erheblicher Anstieg“, sagt Beratungsgründer Peter Barkow. „Wir wussten bereits, dass wegen der Corona-Pandemie bestehende Kreditlinien verstärkt gezogen und neue Kredite vergeben werden, auch aufgrund der KfW-Hilfsprogramme“, so sein Hinweis. „Aber der Anstieg bei den Auslandsbanken ist überdurchschnittlich stark. Stärker hat keine andere Bankengruppe ihre Kreditvergabe gesteigert. Dass sich die ausländischen Institute in der Krise vom Markt zurückziehen, kann man aus den Zahlen also nicht ableiten.“

    Die Auslandsbanken tun einiges, um den bösen Verdacht zu zerstreuen. So erklärt die deutsche HSBC, sie unterstütze ihre Bestandskunden auch in der Krise: „Wir weiten unser Engagement weiter aus und stehen nicht auf der Bremse“, sagt Vorstand Nicolo Salsano, zuständig für das Unternehmenskundengeschäft. So hat HSBC das Kreditvolumen im ersten Quartal um sechs Prozent gesteigert. Das Kreditbuch belief sich Ende März auf 11,5 Milliarden Euro, nach 10,9 Milliarden Euro Ende 2019.

    Ähnliches berichtet Heinz Hilger, Deutschlandchef der britischen Standard Chartered: „Alle Bestandskunden, die eine Kreditanfrage gestellt haben, haben eine positive Antwort bekommen. Unser Kreditbuch ist im ersten Quartal um 20 Prozent gewachsen.“ In Bezug auf die Liquiditätshilfen der KfW habe Standard Chartered seinen Anteil „übererfüllt“. „Einen allgemeinen Rückzug der Auslandsbanken sehe ich nicht“, sagt Hilger. Dafür gelte: „Die US-amerikanischen Banken agieren in der Coronakrise zurückhaltender.“

    Prozyklisches Verhalten

    Sind die US-Häuser schlicht wankelmütiger, während die europäischen Auslandsbanken zu ihren deutschen Kunden stehen? Volker Brühl, Geschäftsführer des Center for Financial Studies der Frankfurter Goethe-Universität, glaubt nicht an derlei Unterschiede. „Viele Auslandsbanken werden ihre Kreditvolumina im Zuge der Coronakrise im deutschen Markt zurückfahren. Bei ihrem Engagement kann man seit Jahrzehnten ein prozyklisches Verhalten beobachten: Wenn die Konjunktur gut läuft, wollen alle wachsen und partizipieren. In Krisenzeiten ziehen sich viele zurück.“

    Zwar seien große US-Investmentbanken wie Goldman Sachs oder Morgan Stanley stabil in Frankfurt vertreten. „Diese vergeben aber praktisch keine Kredite“, sagt Brühl. Und bei den anderen Häusern gelte: „Größere Kreditentscheidungen fallen nicht in Frankfurt, sondern in den Zentralen in New York, London und Paris. In Krisensituationen refokussieren sich die Banken immer auf den Heimatmarkt.“

    Die Folge: „Dax-Konzerne haben meist keine Probleme, sich zu refinanzieren. Aber deutsche Mittelständler sollten als Hausbank ein deutsches Institut wählen.“ Diese seien zum Beispiel auch in der Finanzkrise vor Ort geblieben.

    Vergleich

    Der Vergleich der Coronakrise mit der Finanzkrise ab 2008 wird häufig gezogen. Nicht alle Banker halten ihn für sinnvoll. „Auslöser der Finanzkrise ab 2008 waren Teile der Finanz- und Bankenbranche. Heute stehen viele Banken sehr viel stärker da“, sagt Frank Schönherr, Deutschlandchef der Crédit Agricole.

    Schönherr sieht sogar neue Möglichkeiten: „Die Coronakrise bietet uns die Chance, unseren Kunden in Deutschland zu zeigen, dass wir auch in Krisenzeiten für sie da sind. Diese Strategie ermöglicht es uns, unseren Marktanteil künftig weiter auszubauen.“

    Ob Dax-Konzern oder Mittelständler, Wall-Street-Riese oder Regionalbank – eine mögliche Rezession würde alle Akteure treffen. So mahnt Standard-Chartered-Chef Hilger: „Die Monate März, April, Mai waren durch die Sonderprogramme noch von starken Geschäften gekennzeichnet. Die Folgen der Krise kommen erst noch auf die Banken zu, durch Ratingabwertungen, höhere Kapitalanforderungen oder fehlendes Neugeschäft.“

    Mehr: Die Auslandsbanken haben ihre Kreditvergabe in Deutschland 2019 stark gesteigert.

    Startseite
    Mehr zu: Finanzbranche - Auslandsbanken wehren sich gegen Rückzugs-Vorwurf
    0 Kommentare zu "Finanzbranche: Auslandsbanken wehren sich gegen Rückzugs-Vorwurf"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%