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Folgen der Epidemie Das Coronavirus trifft Europas Banken

Das Coronavirus konfrontiert Europas Geldhäuser mit einem neuen und kaum kalkulierbaren Risiko. Die Unsicherheit in der Finanzszene ist groß.
27.02.2020 - 17:12 Uhr Kommentieren
Auch Europas Banken haben die Auswirkungen des Coronavirus unterschätzt. Quelle: dpa
Skyline von Frankfurt

Auch Europas Banken haben die Auswirkungen des Coronavirus unterschätzt.

(Foto: dpa)

Frankfurt/Rom 500 Banker, Investoren und andere Finanzfachleute drängen sich am Donnerstagvormittag vor dem prunkvollen Gesellschaftshaus im Frankfurter Palmengarten. Eigentlich geht es bei der Konferenz der Deutschen Börse um das Thema Derivate. Doch schon am Eingang wird klar, dass ein ganz anderer Komplex viele Gespräche dominieren wird. Die Gäste werden mit einer Wärmebildkamera gefilmt. Hinter dem Empfang stehen Sanitäter zum Fiebermessen bereit. Spender mit Desinfektionsmittel sind aufgestellt.

Neue Corona-Verdachtsfälle treten bei der Konferenz glücklicherweise nicht auf, aber der Aufwand zur Seuchenprävention zeigt, dass die Epidemie endgültig auch Europas Finanzszene erreicht hat. Die Unsicherheit ist groß. Aktuell wisse niemand, wie weit sich das Coronavirus noch ausbreite, wie gefährlich es sei und welchen Schaden der Erreger an den Märkten und in der Wirtschaft anrichten werde, warnt Deutsche-Bank-Finanzchef James von Moltke.

„Offensichtlich haben viele die Auswirkungen vor einigen Wochen noch unterschätzt“, meint der Banker. Die Volkswirte der Deutschen Bank hätten zunächst vorhergesagt, dass das globale Wirtschaftswachstum durch das Virus vermutlich um 0,1 bis 0,2 Prozentpunkte gedrückt werde. Nun sei allen klar, dass die Folgen gravierender ausfallen könnten. „Aber niemand kann sagen, wie groß die Auswirkungen auf die Lieferketten, die Produktion, den Konsum und die Wirtschaft sein werden.“

Auch EZB-Direktorin Isabel Schnabel ist alarmiert: „Wir alle sind sehr besorgt über das, was gegenwärtig im Hinblick auf die Ausbreitung des Coronavirus passiert“, sagte sie am Donnerstag in London. Falls sich das Virus stärker in Europa festsetze, könne die Notenbank darüber nicht hinwegsehen. Die Unsicherheit nehme in erheblichem Maße zu. Das gelte für die globalen Wachstumsaussichten, „aber natürlich auch für die Aussichten der Euro-Zone.“

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    Konkretere Folgen von Corona für die Bankenbranche lassen sich bereits in einem anderen europäischen Finanzzentrum ablesen: „Der Ausbruch des neuartigen Coronavirus hat unvorhersehbare menschliche und wirtschaftliche Konsequenzen“, warnt Bill Winters, Vorstandschef der Londoner Großbank Standard Chartered. Winters macht die Epidemie dafür verantwortlich, dass seine Bank das selbstgesteckte Ziel verfehlen wird, 2021 eine Eigenkapitalrendite von zehn Prozent zu erreichen.

    Standard Chartered hat sein Hauptquartier zwar in der britischen Hauptstadt, erzielt aber ähnlich wie der größere Konkurrent HSBC einen großen Teil seiner Gewinne in den Emerging Markets, vor allem in Asien. Deshalb sind beide Banken auch besonders vom Coronavirus betroffen.

    Aber die tief verunsicherten Banker bei der Frankfurter Finanzkonferenz sind ein klares Indiz dafür, dass die Gesundheitskrise auch für andere europäische Banken zur Bedrohung wird. Investoren sorgen sich um die italienischen Geldhäuser, weil das Land die meisten Krankheitsfälle in Europa zu verzeichnen hat und im wirtschaftlich prosperierenden Norden mehrere Städte von der Außenwelt abgeriegelt werden mussten.

    Die deutschen Banken bleiben ebenfalls nicht verschont: Die heftigen „Kursverluste der vergangenen Tage zeigen, dass die Märkte Corona auch als Risiko für die Deutsche Bank und für die Commerzbank sehen“, meint Philipp Häßler, Analyst beim Broker Pareto Securities.

    Betriebssicherheit im Fokus

    Die Corona-Krise hat für die Geldhäuser zwei kritische Aspekte. Zum einen drohen durch die Folgewirkung der Epidemie erhebliche wirtschaftliche Schäden. Unmittelbar geht es für die Banken aber erst einmal um die Frage, wie sie bei einer Ausbreitung des Virus ihren Betrieb aufrechterhalten können, auch um für die Volkswirtschaften lebenswichtige Funktionen wie den Zahlungsverkehr unter womöglich widrigen Umständen am Laufen zu halten.

    In Asien ist das bereits seit Wochen ein Thema. Wie man den Geschäftsbetrieb einer Bank in Zeiten des Virus absichern könne, habe man in der Niederlassung in Hongkong üben können, berichtet Uwe Fröhlich, Co-Chef der DZ Bank. Die rund 70 Mitarbeiter dort hätten zur Hälfte von zu Hause gearbeitet, zur anderen Hälfte im Büro. Die Commerzbank und die Deutsche Bank versuchen in Hongkong und Singapur mit ähnlichen Strategien sicherzustellen, dass der Betrieb reibungslos weiterläuft. Die Mitarbeiter werden auf mehrere Standorte verteilt, persönliche Treffen sind untersagt, sei es beruflich oder privat.

    Bei der Deutschen Bank kam es in Singapur bereits zu einer Corona-Erkrankung. Dank sofort eingeleiteter Maßnahmen gab es laut der Bank aber keine weiteren Ansteckungen. Dem betroffenen Mitarbeiter gehe es inzwischen wieder gut.

    Nach den neuen Ansteckungsfällen in Deutschland und der Warnung von Gesundheitsminister Jens Spahn vor einer Epidemie wird das Thema Betriebssicherheit auch in Deutschland schnell wichtiger für die Banken. Stand jetzt gebe es keine Planungen, ähnliche Maßnahmen wie in Asien auch in der Zentrale in Frankfurt umzusetzen, heißt es bei der Deutschen Bank. Aber die Situation werde permanent beobachtet, und alle Maßnahmen, zu denen auch Reiseverbote- und Einschränkungen gehören, würden an die sich verändernde Situation angepasst.

    Das Thema Betriebssicherheit treibt auch die europäischen Finanzaufseher um. Sie kontrollieren regelmäßig, ob die Banken ausreichend Vorbereitungen für Krisensituationen getroffen haben. Dazu zählt beispielsweise, dass Institute Ausweichquartiere haben, die sofort einsatzbereit sind. Zudem müssen sie sicherstellen, dass Mitarbeiter von zu Hause arbeiten und von dort alle wichtigen Bereiche wie den Zahlungsverkehr am Laufen halten können. Dies muss im Ernstfall nicht nur für wenige Tage, sondern auch über einen längeren Zeitraum funktionieren.

    Das Thema wird in den Finanzregularien unter dem Oberbegriff „Business Continuity Planning“ abgehandelt und ist Teil des Risikomanagements der Geldhäuser. Bisher hat die Finanzaufsicht keine Anzeichen dafür, dass es bei deutschen Banken in diesem Bereich wegen Corona zu größeren Problemen gekommen ist. Man halte die Behörden permanent über die aktuelle Entwicklung und alle geplanten Maßnahmen auf dem Laufenden, heißt es bei einem deutschen Geldhaus dazu.

    Banken weltweit betroffen

    An der Wall Street spielen die Banken bereits seit Tagen Notfallpläne durch. Besonders kritisch ist, dass der Wertpapierhandel auch bei einer möglichen Pandemie weitergeführt werden kann. Der Bereich ist für die großen US-Häuser besonders problematisch, weil er nicht ins Homeoffice verlagert werden kann.

    Typischerweise sitzen die Mitarbeiter in den Handelsräumen dicht an dicht nebeneinander, jetzt überlegen die US-Banken ob sie den Abstand zwischen den Schreibtischen vergrößern können und welche Teams räumlich getrennt werden sollten, um die Ansteckungsgefahr zu minimieren. Außerdem könnten Teile des Wertpapierhandels zur Not in andere Länder verlagert werden, heißt es bei einem großen Wall-Street-Haus.

    Die US-Regulierer haben bereits gewarnt, dass die Institute bei einer ernsten Pandemie auf bis zu 40 Prozent ihrer Mitarbeiter verzichten müssten.

    Zumindest in Asien kalkulieren die großen Banken bereits konkrete wirtschaftliche Folgen der Corona-Krise. Die Geldhäuser müssen für vergebene Kredite je nach Ausfallwahrscheinlichkeit Kapital zurücklegen. Bremst das Virus die Wirtschaft, steigt die Ausfallgefahr für die Darlehen, und die Institute müssen mehr Mittel in die Risikovorsorge packen. Das belastet Kapitalquoten und Ergebnisse. Sollte sich die Epidemie bis ins zweite Halbjahr hinziehen, rechnet HSBC mit bis zu 600 Millionen Dollar an zusätzlichen Belastungen im Kreditgeschäft.

    Für die europäischen Märkte lassen sich die potenziellen Schäden sehr viel schwieriger kalkulieren. „Im Moment gleicht das dem Blick in eine Glaskugel“, meint ein Frankfurter Spitzenbanker. Die meisten seiner Kollegen hoffen, dass die Konjunktur am Ende auch im Fall von Corona einem ähnlichen Muster folgt wie bei anderen Epidemien.

    „Typischerweise nehmen die Wirtschaftsaktivitäten nach dem Abklingen einer schweren Epidemie rasch wieder zu und es kommt sogar zu Nachholeffekten, die den Wirtschaftseinbruch während der Krankheitswelle ausgleichen können“, meinen die Volkswirte der Commerzbank. Ähnlich sieht das Mark Wall, Chefökonom der Deutschen Bank für Europa, allerdings mit „erheblicher Unsicherheit“ und unter der Bedingung, dass es zu keinem größeren Corona-Ausbruch in Europa kommt.

    Risikovorsorge der Banken könnte steigen

    „Sollte sich die Krankheit weiter ausbreiten und Europa dadurch in eine Rezession abrutschen, bekämen die Banken Probleme“, warnt Analyst Häßler. Den stärksten Effekt hätte voraussichtlich die höhere Risikovorsorge für ausfallgefährdete Kredite. „Vor einer besonderen Belastung könnten die italienischen Banken stehen, weil sie ohnehin einen hohen Bestand an faulen Krediten vor sich herschieben“, prognostiziert der Experte.

    Im Herbst des vergangenen Jahres waren nach Daten der Europäischen Zentralbank (EZB) 7,3 Prozent aller von italienischen Banken vergebenen Kredite ausfallgefährdet, im EU-Schnitt lag dieser Wert bei lediglich 3,4 Prozent.

    „Kein Kommentar“, heißt es bei den beiden großen Banken Intesa Sanpaolo und Unicredit auf die Frage, ob sie jetzt ihre Renditeziele ändern müssen. Es sei noch zu früh für eine Bewertung, sagt eine Unicredit-Sprecherin. „Wenn es der Wirtschaft nicht gut geht, leiden auch die Banken“, meint Finanzexperte Fabrizio Pagani vom Vermögensverwalter Muzinich & Co. Zu groß seien die Auswirkungen des Virus auf alle Bereiche des öffentlichen Lebens in Italien von der Produktion über den Export bis zum Tourismus.

    Italiens Bankensystem leidet ohnehin unter chronisch schwachen Renditen. Vor Kurzem legte der Internationale Währungsfonds (IWF) den Finger in die Wunde: Obwohl sich die Situation zuletzt verbessert habe, litten vor allem die kleinen und mittleren Banken nach wie vor unter der schwachen Rentabilität, heißt es im Länderbericht des IWF.

    Renditeaussichten trüben sich ein

    In Deutschland kämpfen auch die Großbanken mit flauen Renditeaussichten. Analyst Häßler befürchtet, dass sich die Lage durch Corona noch verschärfen könnte: Viele heimische Geldhäuser hätten wegen der robusten Konjunktur in den vergangenen Jahren historisch wenig Geld für faule Darlehen zurücklegen müssen. „Diese Vorsorge könnte sich im Falle einer Rezession deutlich erhöhen“, meint der Analyst.

    Dazu kommt ein zweiter Effekt. Die Margen der Geldhäuser könnten noch stärker unter Druck geraten, wenn die Coronakrise die EZB zwingt, ihre ohnehin extrem expansive Geldpolitik noch weiter zu lockern. Am Geldmarkt lässt sich ablesen, dass die große Mehrheit der Investoren inzwischen davon ausgeht, dass die Notenbank bis Dezember ihre Strafzinsen für Banken weiter verschärfen wird.

    Wie groß die Angst ist, dass die Coronakrise deutliche Spuren in den Bilanzen der europäischen und deutschen Banken hinterlassen wird, zeigen die Kursreaktionen am Aktienmarkt. Zu Jahresbeginn konnten sich die Aktien von Deutscher Bank und Commerzbank noch deutlich erholen. Seit sich das Coronavirus über China hinaus verbreitet, hat sich diese Entwicklung umgekehrt.

    Seit ihrem Hoch Mitte Februar haben die Aktien der Deutschen Bank und die der Commerzbank jeweils 18 Prozent verloren. Damit fielen die Bankwerte noch stärker als der Gesamtmarkt. „Commerzbank und Deutsche Bank stecken mitten in einem schmerzhaften Umbau, die Pläne sind auf Kante genäht, größere Rückschläge können sich beide kaum leisten“, meint der Vorstand eines Konkurrenten.

    Die Frage, wie heftig Corona die deutsche Konjunktur und die heimischen Banken belasten wird, dürfte auch am Freitag eine wichtige Rolle spielen, wenn Bundesbank-Präsident Jens Weidmann die Bilanz der Notenbank für 2019 vorstellt. Zur Sicherheit bittet die Bundesbank alle Journalisten, die sich in den vergangenen Wochen in den Corona-gefährdeten Gebieten Asiens oder Europas aufgehalten haben, die Pressekonferenz nicht live vor Ort zu verfolgen, sondern per Stream im Internet.

    Aber das heimtückische Virus trifft nicht nur die große Frankfurter Finanzwelt, es hat auch längst die Provinz erreicht: Die Taunussparkasse bittet all ihre Kunden um Verständnis, dass die Mitarbeiter bis auf Weiteres auf den üblichen Handschlag verzichten werden. Stattdessen würden die Berater ihre Gäste mit einem freundlichen – und nicht ansteckenden – Lächeln begrüßen.

    Mitarbeit: Elisabeth Atzler, Astrid Dörner

    Mehr: Im Falle einer Rezession wären die Deutsche Bank und die Commerzbank besonders getroffen.

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