Folgen des Ukraine-Kriegs: „Die Risiken bleiben hoch“ – Chefin der EU-Finanzaufsicht warnt vor Lage an den Märkten
Die Esma-Chefin fordert mehr Transparenz am CDS-Markt.
Foto: ESMAFrankfurt. Die EU-Finanzmarktaufsicht Esma rechnet nach dem russischen Angriff auf die Ukraine noch einige Zeit mit heftigen Ausschlägen an den Börsen. „Das liegt nicht nur am Krieg in der Ukraine, sondern auch an den hohen Inflationsraten und möglichen Zinserhöhungen“, sagte Esma-Chefin Verena Ross im Handelsblatt-Interview. „Anleger müssen sich angesichts dieser Gemengelange auf turbulente Zeiten einstellen.“
Besonders genau beobachtet die Esma derzeit Finanzfirmen und Fonds, die sich auf Russland, die Ukraine oder die Rohstoffmärkte konzentrieren. „Bei Produkten, die eng mit dem russischen oder ukrainischen Markt zusammenhängen, gibt es derzeit nicht nur Liquiditäts-, sondern auch Bewertungsprobleme“, sagte Ross, die seit November an der Spitze der Esma steht. „Insgesamt bleiben die Risiken an den Märkten hoch.“
Lesen Sie hier das gesamte Interview:
Frau Ross, welche Auswirkungen haben der Krieg in der Ukraine und die EU-Sanktionen gegen Russland auf die EU-Finanzmärkte?
Die russische Invasion in der Ukraine war nicht nur für uns alle persönlich ein Schock, sondern auch für die Märkte. Sie hat zu großen Korrekturen an den Börsen geführt. Die mittel- bis langfristigen Auswirkungen werden erst nach und nach klar werden. Die Sanktionen wurden mehrfach nachgebessert. Bei vielen Marktteilnehmern herrscht nach wie vor große Unsicherheit, wie sie im Detail umgesetzt werden sollen. Wir bündeln diese Fragen und bemühen uns dann um eine zeitnahe Klarstellung durch die EU-Kommission.
Wo sehen Sie die größten Gefahren am Markt?
Besonders große Preisschwankungen gab es an den Rohstoffmärkten, zum Beispiel bei Nickel. Bei einigen Derivaten-Kontrakten im Energiebereich mussten Investoren im Rahmen sogenannter Margin Calls Sicherheiten nachschießen. Wir beobachten genau, ob Marktteilnehmer deshalb Schwierigkeiten bekommen und ob diese eventuell auch Auswirkungen auf andere Investoren oder Banken haben. Insgesamt bleiben die Risiken an den Märkten hoch.
Erwarten Sie, dass einzelne Finanzfirmen wegen der Turbulenzen ihre Verpflichtungen nicht mehr erfüllen können und pleitegehen?
Firmen und Fonds, die sich auf Russland, die Ukraine oder die Rohstoffmärkte konzentrieren, haben wir genau im Blick. Bei Produkten, die eng mit dem russischen oder ukrainischen Markt zusammenhängen, gibt es derzeit nicht nur Liquiditäts-, sondern auch Bewertungsprobleme. Es ist in der aktuellen Situation nicht einfach, eine angemessene Bewertung bestimmter Fonds darzustellen.
Drohen weitere Schockwellen an den Finanzmärkten, wenn der russische Staat zahlungsunfähig wird und auch russische Firmen ihre Anleihen nicht mehr bedienen?
Die Märkte haben schon einiges eingepreist. Aber es ist unmöglich vorherzusagen, wie sich eine russische Staatspleite auswirken würde. Die Unsicherheit an den Finanzmärkten ist groß, die Volatilität dürfte noch einige Zeit hoch bleiben. Das liegt nicht nur am Krieg in der Ukraine, sondern auch an den hohen Inflationsraten und möglichen Zinserhöhungen. Anleger müssen sich angesichts dieser Gemengelange auf turbulente Zeiten einstellen.
Die Esma hat Verbraucher bereits Mitte Februar vor signifikanten Marktkorrekturen gewarnt, vergangene Woche dann vor Investitionen in Kryptowährungen. Wird es von Ihnen jetzt im Wochentakt mahnende Worte geben?
Nein. Wir sind kein Finanzunternehmen, das Vorhersagen für die Märkte abgibt. Wenn wir große Risiken sehen, sprechen wir Warnungen aus. Dieses Instrument setzen wir aber nur selektiv ein, sonst nutzt es sich ab. Ein Grund für die jüngsten Warnungen ist, sicherzustellen, dass sich gerade neue Investoren der Risiken bewusst sind, die sie aktuell an den Finanzmärkten eingehen, besonders bei Investitionen in Kryptos.
Haben Sie die Sorge, dass sich gerade junge Privatanleger die Finger verbrennen, wenn sie über Neobroker wie Trade Republic und Scalable seit einiger Zeit verstärkt an der Börse aktiv sind?
Dass die Digitalisierung mehr Investoren den Weg an den Finanzmarkt ebnet, ist grundsätzlich etwas Positives. Neue kostengünstige Angebote verleiten Privatanleger aber bisweilen zum schnellen und auch spekulativen Trading. Viele neue Investoren lassen sich von Influencern in den sozialen Netzwerken zum Handel animieren und sind sich nicht immer bewusst, welche Risiken sie dabei eingehen. Das ist ein Komplex, der uns Sorgen bereitet.
Was wollen Sie dagegen unternehmen?
Beim Verbraucher- und Investorenschutz sehe ich Handlungsbedarf für das gesamte Finanzsystem, das kann die Esma nicht alleine lösen. Vorschriften verpflichten Finanzfirmen bereits heute, im besten Interesse ihrer Kunden zu handeln. Aber die Einhaltung dieser Regeln muss intensiver überwacht werden. Außerdem werden wir der EU-Kommission Vorschläge unterbreiten, wie sich die Digitalisierung nutzen lässt, um Investoren kohärenter, vergleichbarer und weniger kompliziert zu informieren.
Gilt das auch für das Thema Greenwashing?
Absolut. Die Informationen, die Anlegern zur Nachhaltigkeit zur Verfügung stehen, sind noch nicht gut genug. Der Kampf gegen Greenwashing ist eine gemeinsame Priorität von uns und den nationalen Aufsichtsbehörden für die nächsten zwei Jahre. Wir wollen, dass die Vorschriften dafür in den unterschiedlichen nationalen Märkten einheitlich umgesetzt werden.
Die EU-Kommission hat Ende 2021 Vorschläge für Regeln zum Thema Umwelt, Soziales und Unternehmensführung (ESG) vorgelegt. Angesichts der Bedrohung durch Russland gibt es nun Forderungen, Investitionen in Rüstung im Rahmen einer „sozialen“ Taxonomie ebenfalls als nachhaltig einzustufen.
Ich bin überzeugt, dass sich die Taxonomie weiterentwickeln wird. Bisher lag der Fokus vor allem auf dem Umweltaspekt. Künftig werden Soziales und Unternehmensführung eine größere Rolle spielen. Ob Investitionen in bestimmte Industrien in diesem Zusammenhang als nachhaltig eingestuft werden sollen, muss am Ende aber die Politik entscheiden.
Die Politik werkelt auch schon seit zwei Jahren an einem Gesetzespaket namens Mica, das Krypto-Assets regulieren soll. Stört es Sie, dass die Regulierung der Marktentwicklung in diesem Bereich so weit hinterherhinkt.
Der Finanzmarkt ist schnelllebig. Für den Gesetzgeber und die Aufsichtsbehörden ist es immer schwer, mit diesem Tempo Schritt zu halten. Im Moment haben wir einen fragmentierten Markt mit ungleichen Rahmenbedingungen: In einigen Mitgliedstaaten existiert bereits eine Krypto-Gesetzgebung, in anderen nicht. Mica ist wichtig, um eine gemeinsame Basis zu schaffen.
Wann erwarten Sie Beschlüsse darüber?
Im Europäischen Parlament und im Rat laufend die Verhandlungen auf Hochtouren. Ich bin zuversichtlich, dass wir in den nächsten Monaten Klarheit haben werden. Im Anschluss müssen wir den einheitlichen Gesetzesrahmen dann zeitnah in allen Mitgliedstaaten umsetzen.
Bei Mica geht es um Krypto-Assets, nicht um das dezentrale Finanzsystem (Defi). Braucht es nach der Entscheidung über Mica sofort eine weitere Gesetzesinitiative, um auch Regelungen für Defi zu finden?
Ich denke schon, dass wir die Regelungen weiter voranbringen sollten. Der Markt hat sich schließlich weiterentwickelt, seit Mica auf den Weg gebracht wurde. Solange es auf EU-Ebene keine Gesetze gibt, versuchen wir uns mit den nationalen Aufsichtsbehörden abzustimmen, wie mit dezentralen Finanzsystemen in der EU umgegangen werden soll.
Der Wirtschafts- und Währungsausschuss des Europäischen Parlaments hat kürzlich entschieden, dass energieintensive Kryptowährungen weiter erlaubt sind. Ist das angesichts der Energiekrise nachvollziehbar?
Mein Stellvertreter Erik Thedéen hat sich kritisch zum Energieverbrauch durch Kryptowährungen geäußert – und wir werden den Nachhaltigkeitsaspekt im Auge behalten. Der Fokus der Esma liegt bei diesem Thema jedoch auf der Frage, wie Krypto-Assets im Finanzmarkt behandelt werden und was dies für den Endinvestor bedeutet.