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Handelsblatt-Serie: Alternativen zum Kredit Unternehmensfinanzierung: Schuldscheine solider Mittelständler sind gefragt

Für Betriebe haben sich Schuldscheine in der Coronakrise als diskrete Form der Refinanzierung bewährt. Auch Investoren sind zunehmend interessiert.
14.03.2021 - 11:42 Uhr Kommentieren
Über Schuldscheine kommen auch mittelständische Unternehmen an Geld von verschiedenen Investoren. Quelle: dpa
Euro-Geldscheine

Über Schuldscheine kommen auch mittelständische Unternehmen an Geld von verschiedenen Investoren.

(Foto: dpa)

Frankfurt Sie sind flexibel, diskret und unbürokratisch: Schuldscheindarlehen bieten für Unternehmen viele Vorteile. Die Firmen können sich mit einem Schuldschein Geld über mehrere Laufzeiten besorgen, und die Papiere werden unter Ausschluss der Öffentlichkeit bei Investoren privat platziert. Zudem ist der Dokumentationsaufwand mit Verträgen um die 20 Seiten lang gering.

Rechtlich gesehen sind Schuldscheine Kredite, sie werden aber wie Anleihen in der Regel von mehreren Investoren gezeichnet. Zu den größten Darlehensgebern zählen Sparkassen, Genossenschaftsbanken, Versicherer und Pensionskassen. Einen Handel mit den Papieren gibt es nicht.

Die Darlehensnehmer können die Schuldscheine zwar untereinander weiterreichen. Das bekommen die Unternehmen aber mit – und wissen daher stets genau, wer ihre Investoren sind. Das alles macht Schuldscheine als Alternative zum herkömmlichen Kredit auch bei mittelständischen Unternehmen beliebt.

Nach Berechnungen der Ratingagentur Scope kamen in den Jahren 2015 bis 2019 zwischen 45 und 37 Prozent aller neuen Schuldscheine von Unternehmen mit einem Umsatz von weniger als einer Milliarde Euro. Im vergangenen Jahr sank dieser Anteil auf gut ein Viertel. Das hat damit zu tun, dass die Folgen der Coronakrise am Schuldscheinmarkt nicht spurlos vorbeigegangen sind.

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    Weniger Platzierungen im vergangenen Jahr

    Insgesamt brach das Volumen neuer Schuldscheine 2020 nach Berechnungen der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) im Vergleich zum außergewöhnlich starken Vorjahr um fast 30 Prozent auf 19,5 Milliarden Euro ein.

    Unternehmen hielten sich gerade im ersten und zweiten Quartal bei Schuldscheinen zurück. Größere Unternehmen nutzten lieber den vielfach größeren und dank der Käufe der Europäischen Zentralbank für Emittenten auch günstigeren Anleihemarkt. Viele griffen zudem stärker auf Kredite der Hausbank und Förderdarlehen der KfW zurück.

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    Auch die Risikoaufschläge für neue Schuldscheine stiegen zeitweise deutlich. Sie sind nach Schätzungen des auf Unternehmensfinanzierung spezialisierten Beratungshauses Capmarcon aber wieder deutlich gesunken.

    Im Schnitt liegen demnach die Renditen bei einer Laufzeit von fünf Jahren für Unternehmen mit einer mittleren Bonität bei 1,8 Prozentpunkten über der Rendite von fünfjährigen Bundesanleihen.

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    Nicht nur die Risikoprämien sinken, auch die Schuldscheinplatzierungen ziehen seit dem vierten Quartal wieder an. In diesem Jahr gab es neue Schuldscheine zum Beispiel von der VW-Nutzfahrzeugtochter Traton und dem Fernwartungssoftwareanbieter Teamviewer. Sie platzierten Schuldscheine im Umfang von 700 und 300 Millionen Euro bei Investoren.

    Bei geringerem Refinanzierungsbedarf geht es aber auch ein paar Nummern kleiner, wie Matthias-Wolfgang Hoffmann weiß, der bei der LBBW als Schuldscheinexperte Unternehmen bei der Finanzierung berät: „Unternehmen können Schuldscheine ab einem Volumen von 20 Millionen Euro begeben.“ Aufgeteilt werden Schuldscheine in der Regel in Tranchen mit mehreren Laufzeiten. „Das gibt den Unternehmen Flexibilität“, erläutert er.

    Flexibilität als Vorteil

    Das schätzt auch Stefan Land, Finanzvorstand bei der All for One Group SE. Die IT- und Consultinggruppe hat Schuldscheindarlehen im Umfang von 48,5 Millionen Euro ausstehen. Zuletzt lieh sich das im baden-württembergischen Filderstadt ansässige Unternehmen im Herbst 2019 über Schuldscheindarlehen 33,5 Millionen Euro bei insgesamt 19 Investoren. Aufgeteilt waren die Schuldscheine in drei Tranchen mit Laufzeiten von sechs, sechseinhalb und acht Jahren. Die Verzinsung beträgt abhängig von der Laufzeit zwischen 0,9 und 1,1 Prozent pro Jahr.

    Eine Tranche wurde als Forward-Darlehen platziert. Auch deren Konditionen wurden bei der Begebung festgezurrt, das Geld zur Ablösung eines älteren Schuldscheins bekam die All for One Group ein halbes Jahr später.

    „Wir konnten die Schuldscheine quasi maßgeschneidert an unseren Finanzbedarf anpassen“, sagt Land. Die All for One Group ist unter anderem einer der weltweit führenden Partner bei der Software für Mittelstandskunden von SAP. „Die Software ist eine Art Rohdiamant. Wir sorgen dafür, dass sie optimal auf die Bedürfnisse unserer über 2500 Kunden zugeschnitten wird. Damit verbessern wir die Wettbewerbsfähigkeit unserer Kunden in einer immer digitaleren Welt“, erklärt der Finanzvorstand das Geschäftsmodell.

    Unternehmen, die wie die All for One Group den Markt für Schuldscheine zur Refinanzierung nutzen wollen, sollten nach Ansicht von Hoffmann von der LBBW mit ihren Geschäften einen Jahresumsatz von 150 Millionen, besser noch 300 Millionen Euro machen. Dies sei nötig, um einen möglichst breiten Investorenkreis anzusprechen und von dieser Investorendiversifikation zu profitieren.

    Robustes Geschäftsmodell und gute Kreditkennziffern

    Entscheidender als die Unternehmensgröße ist laut Hoffmann, dass die Unternehmen ein robustes Geschäftsmodell haben und „Investmentgrade-konforme Kreditkennzahlen“ erfüllen. „Investmentgrade“ ist eine Art Gütesiegel, das Ratingagenturen für solide Schuldner vergeben. Eine Bonitätsnote von einer in der EU zugelassenen Ratingagentur ist für die Platzierung von Schuldscheinen aber nicht nötig.

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    Nur gut ein Drittel der Schuldscheinemittenten hatte laut Ratingagentur Scope im vergangenen Jahr ein offizielles Rating. Banken, die wie die LBBW Unternehmen bei der Platzierung von Schuldscheinen als Arrangeure begleiten, machen die Bonität an verschiedenen Kriterien fest. Diese seien jedoch immer im Kontext des einzelnen Unternehmens und der Branche zu betrachten, wie Hoffmann betont.

    Eine Kenngröße für die Kreditwürdigkeit ist laut Hoffmann der Verschuldungsgrad: „Die Nettoverbindlichkeiten sollten unter dem 2,5- bis Dreifachen des Betriebsergebnisses Ebitda liegen“, sagt er.

    Auch eine Eigenkapitalquote von mindestens 30 Prozent sei von Vorteil. Besonders wichtig sei zudem, dass ein Unternehmen profitabel ist: „Schuldscheindarlehen für Unternehmen mit Verlusten oder für Unternehmen in Umbruchphasen sind schwer zu vermarkten“, sagt Hoffmann.

    Die Bonität der Schuldscheindarlehensnehmer und ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber sich verschlechternden Umständen seien Investoren mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie wichtiger geworden, meint Hoffmann. Auch Capmarcon-Geschäftsführer Hans-Werner Grunow beobachtet: „Schuldscheininvestoren legen Wert auf eine gewisse Mindestbonität.“ Die Schuldscheinkreditgeber seien zudem ohnehin kritischer als Banken bei der Kreditvergabe, erklärt Grunow. Dafür gibt es einen guten Grund. Anders als Kredite sind Schuldscheine nicht besichert.

    Investoren fragen nach

    Die Erfahrung, dass Investoren genau nachfragen, hat auch Land von der All for One Group gemacht. „Welche Klumpenrisiken haben Sie bei Ihren Kunden? Wie gehen Sie mit dem Fachkräftemangel um? Was würde bei einem wirtschaftlichen Einbruch passieren? Das alles gehört zu den Fragen, die Investoren stellen“, berichtet Land. Auch nach der Platzierung werden die Schuldscheininvestoren quartalsweise über die wirtschaftliche Entwicklung informiert. Als börsennotiertes Unternehmen präsentiert die All for One Group indes ohnehin ihre Geschäftszahlen und ihren Ausblick der Öffentlichkeit.

    Diese allgemeine Transparenz ist für die Aufnahme von Geld über Schuldscheindarlehen nicht nötig. Nur die Investoren, die Schuldscheine zeichnen wollen, bekommen Informationen. Die Zeichner müssen danach in der Regel halbjährlich über die geschäftliche Entwicklung der Unternehmen auf dem Laufenden gehalten werden.

    Das Handelsblatt stellt in einer Serie die wachsende Zahl an Alternativen zum klassischen Darlehen vor – passend zu den jeweiligen Bedürfnissen der Unternehmen.
    Alternativen zum Kredit

    Das Handelsblatt stellt in einer Serie die wachsende Zahl an Alternativen zum klassischen Darlehen vor – passend zu den jeweiligen Bedürfnissen der Unternehmen.

    Der gesamte Prozess, einen Schuldschein zu begeben, dauert in der Regel acht bis zehn Wochen. In dieser Zeit erstellen die Banken, die das Schuldscheindarlehen als Arrangeur begleiten, in Absprache mit den Unternehmen die notwendigen Vermarktungsdokumente – vor allem den Schuldscheindarlehensvertrag und die Analystenberichte. Auch die Unternehmen selbst bereiten Präsentationen zur Positionierung des eigenen Geschäftsmodells vor. Anschließend geht es in die Vermarktungsphase mit Ansprache der Investoren und zum Schluss in die Abwicklungsphase.

    Seit einigen Jahren gibt es auch digitale Plattformen, auf denen Schuldscheine vermarktet und platziert werden. Dazu gehören zum Beispiel Synd-X von HSBC und Debtvision, ein Gemeinschaftsunternehmen der LBBW und der Börse Stuttgart. Unternehmen können dort auch Schuldscheine komplett in Eigenregie begeben.

    Digitale Plattformen als Ergänzung

    In der Regel dienen die Plattformen nach Einschätzung von Finanzierungsexperte Grunow jedoch nur als Ergänzung: „Wer mit einer klassischen Platzierung gute Erfahrungen gemacht hat, wird sich nicht dem Risiko einer Platzierung über Plattformen in Eigenregie mit ungewissem Ausgang aussetzen.“

    Die LBBW hat im vergangenen Jahr 42 Schuldscheintransaktionen arrangiert und davon 23 gleichzeitig über Debtvision vermarktet. Auch die All for One Group hat bei der Platzierung ihrer Schuldscheine die LBBW als Arrangeur beauftragt und für die Transaktion im Jahr 2019 erstmals die digitale Plattform Debtvision genutzt. „So konnten auch wir direkt und schnell mit den Investoren kommunizieren, und sie konnten ihre Kaufaufträge direkt in das Orderbuch einstellen“, sagt Finanzvorstand Land.

    Die Schuldscheinplatzierung über Banken bleibt indes laut Grunow wohl noch länger das „klassische Geschäft“. Die führende Bank im Schuldscheingeschäft ist laut Informationsdienst Refinitiv die LBBW, gefolgt von der Helaba und BNP Paribas. Bei Unternehmen mit einem Umsatz unter 1,5 Milliarden Euro liegt die LBBW ebenfalls auf Platz eins, die Helaba auf Platz zwei. Auf Platz drei folgt im Geschäft mit mittelständischen Unternehmen die Commerzbank.

    Lesen Sie hier die bisher erschienenen Teile der Serie:

    Alternativen zur Hausbank: Neue Kreditformen werden attraktiver.

    Mittelstand greift verstärkt zu Kreditfonds.


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