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Liquiditätshilfen Fintechs wittern ihre Chance in der Coronakrise

Bund und Länder haben Milliardenhilfen und Notfallkredite für Unternehmen zugesagt. Einige Finanz-Start-ups wollen helfen, diese schnell zu verteilen.
23.03.2020 - 16:00 Uhr Kommentieren
Die Politik gibt grünes Licht für KfW-Hilfskredite – Fintechs wollen diese schnell vermitteln. Quelle: dpa
KfW

Die Politik gibt grünes Licht für KfW-Hilfskredite – Fintechs wollen diese schnell vermitteln.

(Foto: dpa)

Frankfurt, Berlin Sie sind schnell, setzen auf digitale Prozesse – und könnten mit ihren Geschäftsmodellen zu Profiteuren der Coronakrise werden: Fintechs. Denn das Geld, das die Regierung jetzt freigibt, muss schnell an Firmen in Existenznot weitergeleitet werden. Die Digitalbank Penta, die Kreditplattformen Auxmoney und Iwoca sowie der Factoring-Anbieter Billie sprechen deshalb bereits mit dem Bundesfinanzministerium.

„Wir haben als Fintech-Branche unsere Hilfe angeboten, denn viele unserer Systeme sind genau auf die Kunden zugeschnitten, auf die es jetzt ankommt: Soloselbstständige, Freiberufler und Kleinunternehmen“, heißt es in einer gemeinsamen Stellungnahme der vier Anbieter, die dem Handelsblatt vorliegt. „Binnen weniger Tage“ könnten erste Programme live geschaltet werden. Auch andere Fintechs haben bereits ihre Fühler ausgestreckt.

Die Anbieter betonen unisono, dass es ihnen um schnelle Hilfe für Unternehmen geht. Doch auch sie selbst könnten von einer solchen Kooperation enorm profitieren – über Bearbeitungsgebühren und womöglich noch mehr über einen Reputationsgewinn und neue Kunden, die ihnen auch nach einer irgendwann überstandenen Krise treu bleiben.

Das Bundesfinanzministerium zeigt sich offen, neue Wege zu beschreiten. Die derzeitige Situation erfordere Ansätze auch über die bekannten hinaus, sagte eine Sprecherin. „Daher sind wir im Austausch mit allen Finanzmarktakteuren, die einen Beitrag leisten könnten, die Hilfen unkompliziert weiterzuleiten. Hierzu zählen auch Plattformanbieter und andere IT-Dienstleister.“ Es werde derzeit „intensiv geprüft“, ob und wie sie in die Programme eingebunden werden könnten. 

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    Die Bundesregierung hat ein Hilfspaket beschlossen, bei dem die staatliche Förderbank KfW den kreditgebenden Banken 80 Prozent des Haftungsrisikos abnimmt – sie garantiert also eine Rückzahlung von 80 Prozent eines Kredits. Ein Gesetzentwurf sieht zudem Soforthilfen für Soloselbstständige und kleine Unternehmen in Höhe von bis zu 15.000 Euro vor. Allein dieses Paket soll ein Volumen von bis zu 50 Milliarden Euro haben.

    „Tag und Nacht daran gearbeitet“

    Marko Wenthin, Chef der Digitalbank Penta, die sich auf Selbstständige und kleine Unternehmen spezialisiert hat, hält es für „unrealistisch“, dass die KfW in der Lage sein wird, innerhalb weniger Tage Soforthilfen zu verteilen und Kredite zu vergeben. „Das dauert schon in normalen Zeiten einige Wochen. Jetzt, wo die Nachfrage riesig ist und Sachbearbeiter der Hausbanken und der KfW im Homeoffice sind, wird es kaum schneller gehen“, sagt er. Seine Digitalbank könne insbesondere die Vergabe von Soforthilfen übernehmen – 1000 Anträge pro Tag seien realistisch. 

    Wie genau das ablaufen könnte, hat Wenthin in einer Präsentation zusammengefasst, die er bereits an zuständige Politiker versandt hat und die dem Handelsblatt vorliegt. Die darin gezeigten Screenshots seien nicht nur Entwürfe, sagt Wenthin: „Wir haben in der vergangenen Woche beinahe Tag und Nacht daran gearbeitet und die Antragstrecke programmiert.“

    Demnach müssten Selbstständige und Kleinunternehmer im ersten Schritt ein Konto bei Penta eröffnen. Dann würde Penta gemäß den Vorgaben von Bund und Ländern die Bedürftigkeit der Firmen prüfen – per Zugriff auf bestehende Konten der Firmen. Auf dieser Grundlage werde der Soforthilfeantrag erstellt, Penta leite diesen digital an die Behörden weiter und könne bei einer Zusage das Geld auszahlen. „Zur weiteren Beschleunigung wäre es sinnvoll, wenn wir Beträge unter 5000 Euro sofort auszahlen dürften“, erklärt Wenthin.

    Auch Penta würde davon profitieren – über neue Kunden und eine Bearbeitungsgebühr, die Wenthin grob auf etwa 200 Euro schätzt. Er betont jedoch: „Das ist für uns keine PR-Aktion. Die Firmen können das Konto nach Auszahlung der Soforthilfen gleich wieder kündigen. Uns geht es darum, den Unternehmen schnell zu helfen – wenn der eine oder andere das Konto behält, ist das für uns ein positiver Nebeneffekt.“

    Bei der Unterstützung in der Kreditvergabe sieht er jedoch andere Fintechs besser gerüstet. 2018 hatten digitale Kreditgeber laut einer Studie von Solarisbank und Barkow Consulting bei der Kreditvergabe an kleine und mittelständische Firmen nur einen Marktanteil von zwei Prozent. Doch das könnte sich nun ändern, wenn sie sich in der Coronakrise unentbehrlich machen.

    Erfahrung mit schwierigen Situationen

    Zu den möglichen Profiteuren gehört Auxmoney, das mit seinem Kreditmarktplatz bereits seit 2007 in Deutschland aktiv ist. „Wir haben unser Unternehmen in der Finanzkrise gegründet, mit schwierigen Marktsituationen haben wir also bereits Erfahrung“, sagt Auxmoney-Geschäftsführer Raffael Johnen.

    Er beobachtet auf seiner Plattform aktuell eine „gigantische Nachfrage nach Krediten“. Doch „leider können wir momentan einen großen Teil davon nicht bedienen“. Zwar könne er dank seiner Scoringsysteme weiterhin Anfragen annehmen, die viele Banken wegen vermeintlich schlechterer Bonität oder zu aufwendiger Prüfung ablehnen würden. „Aber auch wir haben unsere Annahmekriterien präventiv bereits verschärft“, sagt er. Nur durch eine Zusammenarbeit mit dem Bundesfinanzministerium und der KfW könne ein wichtiger Beitrag zur Bewältigung der aktuellen Krise geleistet werden, sagt Johnen.

    Oliver Schmid, Deutschlandchef von Iwoca, sieht in der Krise „die Stunde der Fintechs“. Die Kreditnachfrage sei auch auf seiner Plattform gestiegen. „Noch sind Kunden aber vor allem auf der Suche nach mehr Informationen zu den Staatshilfen“, sagt er. „Wenn es die Bundesregierung ernst meint, dass sie in dieser Krise unbürokratisch helfen will, dann muss sie Fintechs zum Teil der Lösung machen – sonst drohen Hilfen nicht rechtzeitig bei Unternehmen anzukommen.“ Ähnlich äußert sich Creditshelf-Chef Tim Thabe. Auch sein Unternehmen stehe bereits in Kontakt mit Förderbanken, Verbänden und Behörden.

    Zur Frage, wie genau Kredit-Fintechs in die Hilfsprogramme eingebunden werden könnten, kursieren am Markt unterschiedliche Ideen. Die wohl einfachste Variante: Die KfW und andere Förderbanken könnten – womöglich über einen Sonderfonds – auf den Kreditplattformen als Investoren auftreten. So könnten sie auch vorgeben, an welche Unternehmen und zu welchen Konditionen diese mit ihrem Geld Kredite vergeben sollen. Eine andere Variante wäre, dass die Garantien in Höhe von 80 Prozent nicht nur Hausbanken, sondern auch den Plattformen oder ihren Abwicklerbanken gewährt werden.
    Das zweite Szenario würde etwa der Plattform October nützen. Der Anbieter ist 2014 in Frankreich gestartet und seit vergangenem Herbst auch in Deutschland aktiv. Anders als seine Konkurrenten wickelt October die Kredite nicht über eine Partnerbank ab, sondern über einen Fonds, der von institutionellen Investoren, Family Offices und dem Managementteam von October finanziert wird.

    „Das Geld für die Kredite können wir selbst bereitstellen, aber ohne eine Risikoabsicherung geht das nicht“, sagt Deutschlandchef Thorsten Seeger. „Wir können keine deutlich größeren Risiken eingehen als bisher, das wäre gegenüber unseren Investoren verantwortungslos.“ Noch sieht Seeger in der Politik keine Bereitschaft für ein schnelles Einbeziehen der Kreditplattformen in die Hilfsprogramme. „Die Verantwortlichen betonen immer wieder, dass die Idee sinnvoll ist. Aber zuerst wollen sie die Plattformen auf Herz und Nieren prüfen, und das kann lange dauern.“

    Die Plattform Kapilendo startet derweil eine regionale Initiative mit dem Motto „Ökosystem Liquidität“. Wie das Handelsblatt vorab von dem Anbieter erfuhr, wird dabei ein direkter Zugang zu regionalen Förderangeboten und Kredithilfen angeboten, wie zum Beispiel zu den lokalen Bürgschaftsbanken, Handelskammern und Landesförderinstituten. „Das Ausmaß der Krise lässt sich nur durch hochautomatisierte Antrags- und Prüfprozesse und eine vollständig digitale Abwicklung eindämmen“, meint Kapilendo-Geschäftsführer Christopher Grätz.

    Anbietern drohen Kreditausfälle

    Neben dem Ausblick auf das anstehende Neugeschäft stellt sich auch die Frage, wie die digitalen Anbieter mit möglichen Kreditausfällen umgehen. Peter Barkow, Inhaber des Analysehauses Barkow Consulting, sieht die Coronakrise als Lackmustest für Kreditportale. „Diejenigen, die Kredite auf die eigenen Bücher nehmen, könnten Probleme bekommen – das ist aber bislang in sehr begrenztem Umfang der Fall. Bereits vergebene Kredite sind aktuell eher eine Bürde“, sagt er. Doch die stärker werdende Nachfrage könnte eine Chance sein.

    Johnen sieht bei Auxmoney aktuell noch keine Coronavirus-bedingten Ausfälle, ebenso äußert sich Thabe von Creditshelf. „Aber auch an unserem Kreditportfolio wird die Krise natürlich nicht spurlos vorübergehen“, sagt er. „Wir halten die Kredite zwar nicht selbst, aber wir arrangieren die Vergabe und sind natürlich unseren Investoren zu einer nachhaltigen Qualität verpflichtet.“ Bei Creditshelf haben die durchschnittlichen Kredite ein Volumen von 893.000 Euro, bei Iwoca sind es rund 25.000 Euro. Zudem liege die durchschnittliche Laufzeit bei Iwoca bei einem Jahr, „dadurch ist unser Risiko stark gestreut“, sagt Schmid.

    Im Vorteil sieht Berater Barkow Vermittlerplattformen, die schon heute Kooperationen mit der KfW und anderen Förderbanken haben. „Sie können dazu beitragen, dass eine steigende Kreditnachfrage zügig bearbeitet wird“, sagt er. Zu ihnen zählen Compeon und Fincompare. Sie nehmen Kreditanfragen auf und leiten diese an Banken und andere Plattformen weiter.

    So teilte Compeon bereits mit, dass insbesondere Fördermittel, bei denen die KfW als Kreditgeber auftrete, „stark frequentiert“ angefragt würden. Die Plattform kooperiert auch mit den Förderbanken der Länder. Ähnlich macht es Fincompare, das von einer „extrem gestiegenen Nachfrage“ spricht, „da Unternehmen die Filialbesuche bei der Hausbank wegen der erhöhten Ansteckungsgefahr meiden“.

    Neben klassischen Krediten haben sich Fintechs längst auch an andere Finanzierungsprodukte herangewagt, die bei Unternehmern dieser Tage gefragt sind. So bietet etwa Billie – Teil des Fintech-Quartetts, das mit dem Bundesfinanzministerium spricht – Factoring an, finanziert also offene Rechnungen. Billie-Co-Gründer Christian Grobe bemerkt aktuell eine höhere Nachfrage nach Factoring. „Wir rechnen aber damit, dass diese Nachfrage zwischenzeitlich für einige Monate einbricht und dann wieder deutlich stärker wird“, sagt er. „So war es auch während der Finanzkrise zwischen 2008 und 2010.“

    Auch sein Fintech könnte mit der Einbindung in die Hilfsprogramme der Regierung mehr Unternehmen Liquidität bereitstellen. So könnte die KfW etwa selbst als Refinanzierer von Factoring-Anbietern auftreten oder aber die für das Geschäft notwendigen Rückversicherer mit Garantien absichern. Nelson Holzner hat seinen Handelsfinanzierer Modifi bereits als „Distributionspartner für die diversen Förderprogramme“ angeboten, doch bislang sei noch nichts Greifbares dabei herausgekommen, räumt er ein. 

    Handelsblatt Morning Briefing - Corona Spezial

    Ob Fintechs tatsächlich in die Förderprogramme eingebunden werden, dürfte sich bald zeigen. Penta-Chef Wenthin sieht für die Branche eine enorme Chance: „Jetzt können wir beweisen, dass wir nicht irgendwelche kleinen Technologieanbieter sind, sondern einen großen Beitrag für die Wirtschaft leisten können“, sagt er.

    Berater Barkow rechnet in jedem Fall damit, dass sich die Coronakrise positiv auf die Digitalisierung der Finanzbranche auswirken wird: „Viele Unternehmer dürften jetzt merken, dass es nicht zwingend nötig ist, einem Bankberater persönlich gegenüberzustehen, und sie dürften offener für digitale Angebote werden.“

    Mehr: Creditshelf-Gründer im Interview: „Jetzt ist nicht die Zeit für Bürokratie, sondern für schnelles Handeln.“

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