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Paymentgeschäft Der neue Wettlauf im Zahlungsverkehr

Banken und Zahlungsanbieter werden zu Konkurrenten. Paymentfirmen vergeben Kredite – und die Banken entdecken ein lange verschmähtes Geschäft neu.
18.08.2020 - 16:22 Uhr Kommentieren
Weltweit zahlen immer mehr Menschen mit Karte oder kaufen im Internet ein. Das beschert Zahlungsabwicklern höhere Umsätze. In der Coronakrise allerdings halten sich viele Verbraucher mit größeren Anschaffungen zurück. Quelle: obs
Kartenzahlung

Weltweit zahlen immer mehr Menschen mit Karte oder kaufen im Internet ein. Das beschert Zahlungsabwicklern höhere Umsätze. In der Coronakrise allerdings halten sich viele Verbraucher mit größeren Anschaffungen zurück.

(Foto: obs)

Frankfurt Lange waren die Claims im Zahlungsverkehr weitgehend verteilt. Zahlungsdienstleister und Finanz-Start-ups kümmerten sich um die stationäre oder virtuelle Ladenkasse bei den Händlern, die Platzhirsche der Finanzwelt wie Deutsche Bank oder JP Morgan transferierten die Zahlungsströme im Hintergrund vom Auftraggeber zum Empfänger und versorgten den Handel mit Krediten.

Doch diese Grenzen lösen sich zunehmend auf, und das bedeutet, dass sich die beiden Gruppen zusehends ins Gehege kommen. Rund um den Zahlungsverkehr ist ein neuer Konkurrenzkampf entbrannt.

„Payment-Unternehmen bieten teilweise klassische Bankdienstleistungen an, Banken interessieren sich stärker für Zahlungslösungen im Handel“, berichtet Ole Matthiessen, Leiter Cash Management der Unternehmenskundensparte der Deutschen Bank. Damit wird der Wettbewerb für beide Seiten härter – im Zahlungsverkehr wie im Kreditgeschäft.

Der Kauf auf Raten gehört schon seit Längerem zum Standardangebot der Zahlungsdienstleister, nun wagen sich die Firmen auch in das klassische Kreditgeschäft vor. Die Planspiele der Zahlungsverkehrsanbieter für den Vorstoß ins Bankgeschäft sind zum Teil schon weit gediehen. Nach Handelsblatt-Informationen prüfen Nets und Computop den Einstieg in die Finanzierung ihrer deutschen Kunden aus dem Handel.

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    Der dänische Zahlungsdienstleister Nets, der mit seiner Einheit Concardis in Deutschland aktiv ist, bietet seit Jahresbeginn Händlerfinanzierungen in Schweden sowie in Finnland an. Robert Hoffmann, Chef von Concardis und des gesamten Händlergeschäfts von Nets, sagte dem Handelsblatt, man beobachte bereits großes Interesse bei den Händlern in anderen Ländern.

    Im nächsten Schritt solle die Kreditvergabe, im Fachjargon „Merchant Lending“, europaweit ausgeweitet werden. Dabei geht es um relativ kurzfristige Investitionen. „Wir prüfen derzeit, unter welchen Umständen wir Finanzierungen für Händler auch in Deutschland anbieten können“, erläutert Hoffmann.

    Computop aus Bamberg plant ebenfalls, Händlern Finanzierungen anzubieten, so Firmen-Co-Chef Ralf Gladis. „Wir setzen uns gerade damit auseinander, wie wir solch ein neues Angebot in unser System integrieren.“ Computop werde dabei mit Partnern zusammenarbeiten. „Wir denken, dass wir auf diesem Weg in drei bis vier Monaten Kredite an Händler weiterreichen können.“ Auch Nets sucht noch einen Partner für das geplante Finanzierungsangebot.

    Der börsennotierte Zahlungsdienstleister Adyen aus den Niederlanden wiederum nutzt die eigene Banklizenz, um Händlern schneller Zahlungen von deren Kunden weiterzureichen. Dabei geht Adyen in Vorleistung. Der Händler erhält die Einnahmen eines Tages auf einen Schlag, auch wenn die Abwicklung einiger Zahlungen eigentlich länger dauert. Dabei handle es sich funktionell um ein kurzfristiges Darlehen, erklärt Adyen-Deutschlandchefin Alexa von Bismarck.

    Selbst der US-Anbieter Stripe kann sich eine Kreditvergabe in Europa vorstellen. Das US-Fintech, inzwischen mit 36 Milliarden Dollar bewertet, ist auf diesem Feld längst aktiv. Ein Stripe-Sprecher erklärte, es gebe Bestrebungen, Stripe Capital auch in Europa anzubieten, allerdings noch keinen konkreten Fahrplan dafür. Nets, Computop und Stripe folgen damit dem Beispiel von Paypal. Der US-Onlinebezahldienst begann vor knapp zwei Jahren damit, Kredite an deutsche E-Commerce-Händler zu vergeben.

    Für Sebastian Maus, Zahlungsverkehrsexperte beim Berater Roland Berger, sind solche Finanzierungsangebote ein „Trend im Markt“. „Die Zahlungsdienstleister versuchen, sich stärker als Händlerbank zu positionieren, und werden damit zum Wettbewerber der klassischen Banken“, sagt er.

    Und Markus Ampenberger, Zahlungsverkehrsexperte der Beratungsfirma BCG, registriert, dass viele Zahlungsdienstleister versuchen, „ihre Wertschöpfungskette durch Zusatzdienstleistungen auszuweiten – zum Beispiel, indem sie Verbrauchern Zahlungen auf Raten anbieten oder indem sie in die Händlerfinanzierung einsteigen“.

    Das britische Fintech Rapyd, das weltweit Zahlungen abwickelt und bündelt, erwägt sogar, eine deutsche Bank zu erwerben, wie Firmenchef Arik Shtilman kürzlich dem Handelsblatt sagte. Rapyd geht es darum, erster Ansprechpartner für die Händler zu sein.

    Die Banken wollen verlorenes Terrain zurückerobern

    Für die Banken bedeutet das mehr Konkurrenz in ihrem Brot- und Buttergeschäft – und das in ohnehin verdienstarmen Zeiten. Für die klassischen Banken rächt sich jetzt, dass sie den Zahlungsverkehr jahrelang links liegen ließen. Kein Wunder, dass die ersten Institute jetzt versuchen, verlorenes Terrain für sich zurückzuerobern.

    Die Deutsche Bank hat ihr Zahlungsverkehrsgeschäft im vergangenen Jahr zum Herzstück der Unternehmensbank gemacht. Spartenchef Stefan Hoops bezeichnete es vor Kurzem als „unerklärlich“, dass Banken sich zwar um fast alle anderen Aspekte rund um den Zahlungsverkehr kümmern würden, nicht aber um die Schnittstelle zwischen Käufer und Händler. „Dabei findet das aktuelle Wirtschaftsgeschehen gerade dort statt.“

    Seit März vertreibt die Deutsche Bank wieder Zahlungsgeräte für die Ladenkasse. Auch für den E-Commerce will das größte heimische Geldhaus verschiedene Zahlungslösungen integrieren.

    Das ist eine bemerkenswerte Wende. Denn über Jahre hatten die Geldhäuser sich aus dem Payment-Markt zurückgezogen und damit die neue Konkurrenz überhaupt erst groß werden lassen. Die deutschen Geldhäuser haben 2017 ihren Zahlungsdienstleister Concardis an die Finanzinvestoren Bain und Advent verkauft, auch die Deutsche Bank trennte sich von Zahlungstöchtern. Das ist ein Grund dafür, warum heute spezialisierte Anbieter und vergleichsweise junge Firmen die Zahlungsabwicklung an der Schnittstelle dominieren.

    Lange galt der Zahlungsverkehr für Banken als uninteressant. Zu margenschwach und strategisch unbedeutend für das Firmenkundengeschäft schien das Geschäftsfeld. „Das hat sich mittlerweile geändert, da zum Beispiel durch die wachsende Zahl der Zahlungsmethoden sowie neue Bankdienstleistungen die Verdienstmöglichkeiten wachsen“, sagt Deutsch-Banker Matthiessen.

    Das gilt längst nicht nur für den spezialisierten E-Commerce. „Zunehmend suchen auch klassische Unternehmen wie Automobil- oder Industriekonzerne den direkteren Draht zu ihren Endkunden“, beobachtet der Banker. „Viele unserer traditionellen Firmenkunden stehen deshalb vor einer großen Transformation ihres Geschäftsmodells hin zu Plattformmodellen, bei denen neben dem eigentlichen Produkt auch zusätzliche Dienstleistungen oder Produkte verkauft werden.“

    Nicht nur die Deutsche Bank will dem etwas entgegensetzen. Auch die niederländische Großbank ING ist als Zahlungsdienstleister für Händler präsent, ihr gehört der Zahlungsabwickler Payvision inzwischen komplett. Im Frühjahr 2018 hatte ING die Mehrheit erworben.

    Die Banken würden erkennen, „dass das Geschäft angesichts des starken Wachstums an elektronischen Zahlungen an der Ladenkasse und online doch eine strategische Bedeutung hat“, analysiert BCG-Berater Ampenberger. Deutsche-Bank-Manager Hoops spricht von einem „Rennen zwischen Banken und Fintechs“. Die Folge: Noch mehr Wettbewerber buhlen um die Gunst der Händler, der Kampf um Marktanteile wird noch einmal härter.

    Immer mehr Karten- und Internetzahlungen

    Tatsächlich nutzen die Verbraucher weltweit immer weniger Bargeld. sondern gehen mit Karte shoppen oder bezahlen online. Diese Tendenz hat sich angesichts der Pandemie noch verstärkt, weil viele Menschen Karten- und Smartphone-Zahlungen als hygienischer empfinden und Bargeld meiden. Der digitale Zahlungsverkehr gehört also zu den relativen Gewinnern der Coronakrise. Absolut könnte das allerdings anders aussehen. Wenn die Wirtschaftsleistung großer Volkswirtschaften um zehn Prozent und mehr einbricht, dann schrumpft auch der Zahlungsverkehr.

    Deshalb dürfte der Kuchen zumindest vorübergehend erst einmal kleiner werden. Roland Berger rechnet damit, dass die Erträge im europäischen Zahlungsverkehr in diesem Jahr um bis zu 20 Prozent sinken, auf dann 72 Milliarden Euro. „Das trifft sowohl die Zahlungsdienstleister der Händler als auch den Zahlungsverkehr der Banken, allerdings mit einer unterschiedlichen Intensität“, sagt Experte Maus.

    Er verweist darauf, dass die Umsätze im Handel insgesamt sinken, weil viele Verbraucher sich im Moment zurückhielten. Bei den Banken macht sich bemerkbar, dass der Lockdown infolge der Pandemie und die allgemeine Rezession zu einem starken Rückgang des grenzüberschreitenden Zahlungsverkehrs geführt haben.

    Wie es langfristig im Zahlungsverkehr weitergeht, hängt davon ab, wie schnell die Wirtschaft wieder Fahrt aufnimmt. Die Berater von BCG erwarten bei einer zügigen Erholung einen Anstieg der Erträge von 1,4 Billionen Euro 2019 auf 1,7 Billionen in vier Jahren. BCG fasst den Zahlungsverkehr dabei relativ weit, auch Zinserträge der Banken und Kontogebühren zählen dazu. Fällt die Erholung der Gesamtwirtschaft allerdings langsamer als erhofft aus, könnten die Erträge bis zum Jahr 2024 auf gut 1,3 Billionen Euro schrumpfen.

    Grafik

    Das wäre für Payment-Dienstleister, Fintechs und Banken eine ausgesprochen schlechte Nachricht, denn im Geschäft mit dem Zahlungsverkehr zählt vor allem Größe. Der Aufbau einer Plattform kostet mehrere Hundert Millionen Euro, steht die Plattform aber erst einmal, lassen sich zusätzliche Volumen ohne großen zusätzlichen Aufwand abwickeln. Dazu kommt: Zahlungsdienstleister erhalten nur einen kleinen Teil der transferierten Umsätze als Provision. Um dennoch Profit zu machen und Geld für Innovationen zu verdienen, brauchen sie einen hohen Marktanteil.

    Deshalb werden längst nicht alle Spieler, die jetzt in die Offensive gehen, am Ende auch zu den Gewinnern zählen. Diese bittere Lektion musste das schwedische Fintech Klarna, eigentlich einer der Stars der Branche, bereits lernen. Klarna bietet vorerst keine Händlerkredite mehr an. Man lasse das vor zwei Jahren gestartete Produkt „aus strategischen Gründen gegenwärtig“ pausieren, erklärt ein Sprecher.

    Mehr: Wie eine Volksbank aus dem Schwarzwald mit ihrem Paymentgeschäft gegen die großen Zahlungsdienstleister antritt.

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